Im ersten Teil meiner Besprechung von Lew Tolstois Krieg und Frieden habe ich die latente dynastische Struktur herausgearbeitet, dass unter Krieg insbesondere die Schwächsten und Ärmsten zu leiden haben und wie dies Tolstoi durch die Verschiebungen im aristokratischen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel von Krieg und Frieden gnadenlos dargestellt hat. Diese moralisch-gestützte Anti-Kriegshaltung sticht aus jeder Facette seines Romanganzen heraus, in welchem der auktoriale Erzähler am Krieg gar nichts finden, schon gar nichts Heroisches oder Fortschrittliches erkennen kann:
Unmöglich zu verstehen, was diese [politischen] Umstände mit dem eigentlichen Faktum des Tötens und der Gewalt zu tun haben; weshalb Tausende Menschen vom anderen Ende Europas, nur weil der Herzog [von Oldenburg] beleidigt war, die Menschen in den Gouvernements Smolensk und Moskau totschlugen und zugrunde richteten und von ihnen totgeschlagen wurden. […] Es mussten Millionen Menschen ihre menschlichen Gefühle und ihre Vernunft verleugnen und von West nach Ost ziehen, um ihresgleichen totzuschlagen, genauso wie einige Jahrhunderte zuvor Massen von Menschen von Ost nach West gezogen waren, um ihresgleichen zu töten.
Lew N. Tolstoi aus: „Krieg und Frieden“
Tolstois Narrationswagnis
Die Editionsgeschichte von Krieg und Frieden erweist sich als sehr komplex, selbst im Original, von der Übersetzungsgeschichte ins Deutsche ganz zu schweigen. Russische Editoren gehen mittlerweile davon aus, dass es keine Fassung letzter Hand vom Autoren gibt. Er hat einfach irgendwann aufgehört an ihr zu arbeiten und seiner Ehefrau Sofja Andrejewna die Rechte übergeben, nachdem er sich von einer Kunst um der Kunst willen, zu der er auch Krieg und Frieden und Anna Karenina, aber auch Goethe, Shakespeare, Beethoven und Wagner zählte, abgewandt hat, um religiös-erbauliche Literatur wie Die Auferstehung und Die Kreutzersonate zu verfassen. Unzufriedenheit jedoch mit der Form seines Buches blieb wohl bis ins hohe Alter hinein bestehen, unter anderem wohl auch durch die sehr gemischten Reaktionen von geschätzten Schriftstellerkollegen, die Krieg und Frieden einerseits feierten, andererseits aber von den reflektierenden, geschichtsphilosophischen Passagen irritiert waren. So warf ihm Iwan Sergejewitsch Turgenew Scharlatanerie vor und autodidaktische Taschenspielerei, und selbiges empfand auch Gustave Flaubert, wenn er am 21. Januar 1880 an Turgenew schrieb:
Dank dafür, daß Sie mir den Roman [Krieg und Frieden] von Tolstoi zu lesen gaben. Er ist von höchstem Rang. Welch ein Schilderer und Psychologe! Die beiden ersten Bände sind sublim; doch der dritte fällt entsetzlich ab. Er wiederholt sich und philosophiert.
Gustave Flaubert aus: „Briefe“
Deutlicher noch kommt diese intellektuelle Despektierlichkeit in den Übersetzungen zum Tragen. Oft, ohne dies auch nur anzumerken, wurden ganze Passagen gestrichen, Absätze weggelassen, ja sogar Kapitel und Buchteile so behandelt, als gäbe es sie gar nicht. Herausragend hier der zweite Teil des Epilogs, der sich noch einmal, nach dem Geschehen und nachdem die Figuren ins friedlichere Fahrwasser ihrer Zeit gelassen wurden, mit dem Sinn und Unsinn von der Geschichtsschreibung im allgemeinen beschäftigt. Dieser zweite Teil des Epilogs wurde, bspw. in deutschsprachigen Übersetzungen, bislang nur in zwei von den Dutzenden auf dem Markt erhältlichen Varianten berücksichtigt: in der von Werner Bergengruen, und dies auch erst nachträglich im Rahmen einer Werkausgabe; und in der von Barbara Conrad, die für ihre Neuübersetzung 2011 den Leipziger Buchpreis in der Kategorie „Übersetzung“ zugesprochen bekommen hat.
Dieser zweite Teil beginnt, nach kurzen einleitenden Worten, was unter „Geschichte“ im allgemeinen zu verstehen ist, mit der Antwort der alten Geschichtsschreibung auf die in Krieg und Frieden immer wieder hervorgekehrte Leitfrage:
Auf die Fragen, wie einzelne Menschen ganze Völker dazu bringen konnten, nach ihrem Willen zu handeln, und was den Willen ebendieser Menschen selbst leitete, antworteten die Alten: auf die erste Frage mit dem Bekenntnis, es sei der Wille der Gottheit, der die Völker dem Willen eines auserwählten Menschen unterwerfe; und auf die zweite Frage mit dem Bekenntnis zu derselben Gottheit, die den Willen des Auserwählten auf ein vorbestimmtes Ziel hin lenke.
Der Epilog in Krieg und Frieden unternimmt es nun zu zeigen, dass die moderne Geschichtsschreibung Kausalität und Macht an die Stelle der Gottheit setzt, sich hiermit aber in Widersprüche verstrickt.
Tolstois nivellierende Geschichtsbetrachtung
Über den ganzen Text von Krieg und Frieden verstreut lassen sich Angriffe auf die herrschende und populäre Form der heroischen Geschichtsschreibung finden, die in den einzelnen historischen Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte oder Alexander I. die Akteure und Verursacher von europaumgreifenden Ereignissen wie dem Russlandfeldzug Napoleons 1812 erkennen wollen:
Napoleon, den wir uns als Führer dieser ganzen Bewegung vorstellen (wie sich der Wilde vorstellt, dass die Figur, die an der Bugspitze eines Schiffes ausgesägt ist, die Kraft ist, die das Schiff führt), Napoleon war in dieser ganzen Zeit seiner Aktivität wie ein Kind, das sich einbildet, es lenke seinen Wagen, weil es sich an den Bändern hält, die im Inneren des Wagens angebracht sind.
Genauer: Tolstois Erzähler hadert mit dem Begriff der Ursache und Kausalität, die im Konflikt mit dem Begriff des freien Willens stehen. Denn entweder das einzelne Individuum besitzt die Fähigkeit zu eigenständigen Handlungen, also dem Setzen von neuen Ereignisketten, oder es ist durch eine solche Kette (im Sinne der Kausalität) bereits festgelegt. Unter Tolstois Annahme, dass alle Menschen mit kategorial gleichen Fähigkeiten wie dem freien Willen ausgestattet seien, lässt sich durch diesen Konflikt Macht überhaupt nicht mehr plausibilisieren:
Was ist die Ursache historischer Ereignisse? Die Macht. Was ist Macht? Macht ist die Gesamtheit der Willen, übertragen auf eine Person. Unter welchen Bedingungen werden die Willen der Massen auf eine einzige Person übertragen? Unter den Bedingungen, dass diese Person Ausdruck des Willens aller Menschen ist. Das heißt, Macht ist Macht. Das heißt, Macht ist ein Wort, dessen Bedeutung wir nicht verstehen.
In Krieg und Frieden wird insofern hauptsächlich anhand empirisch-empathischen Nachvollzugs von Schlachtszenen gezeigt, wie wenig Einfluss die sogenannten großen Persönlichkeiten auf den Lauf der Dinge haben und zwar indem ein Tableau aus rauschend-orgiastischem Blutnebel aus Rausch, Verwirrung und ungebremstem Größenwahn gezeichnet wird. Der Krieg erscheint als Chaos, und die herkömmlich herangezogenen Mittel der Geschichtsschreibung, nämlich von Ursache und Wirkung zu sprechen, verliert seine Bedeutung:
In moralischer Hinsicht scheint Macht die Ursache eines Ereignisses zu sein; in physischer Hinsicht diejenigen, die sich der Macht unterwerfen. Doch da moralisches Handeln ohne physisches Handeln undenkbar ist, liegt die Ursache des Ereignisses weder in dem einen noch dem anderen, sondern in der Verbindung von beiden. Oder mit anderen Worten: Der Begriff einer Ursache lässt sich auf das Phänomen [das historische Ereignis], das wir betrachten, nicht anwenden.
Aus diesem Zirkel lässt sich entkommen, sobald eine der Voraussetzungen für die Beschreibung historischer Ereignisse fallen gelassen wird: nämlich die von nur einer einzigen Ursache; die von nur einer oder wenigen Verursachungsinstanzen; wenn also alle beteiligten Kräfte, Menschen, Elemente, Tiere gleichsam beigeordnet werden und gemeinsam synergetisch einen kosmischen Prozess vorantreiben, von dem jedoch niemand der Beteiligten weiß, wohin er führt. Auf diese mikroskopische Ebene will Krieg und Frieden hinaus:
Um die Gesetze der Geschichte zu studieren, müssen wir den Gegenstand der Betrachtung vollkommen verändern, die Zaren, Minister und Generäle beiseite lassen, vielmehr die gleichartigen, unendlich kleinen Elemente studieren, die die Massen leiten. Keiner kann sagen, inwieweit dem Menschen gegeben ist, auf diesem Wege zu einem Verständnis der Gesetze der Geschichte zu gelangen; doch offensichtlich ist das Erfassen der historischen Gesetze nur auf diesem Wege möglich […]
Ganz im Sinne seines Jahrhunderts formuliert Tolstoi in Krieg und Frieden eine Geschichtsphilosophie des Reduktionismus und des physikalischen Atomismus und politischen Demokratismus und betreibt eine Entgötzung der Geschichtsschreibung, indem der Begriff der Kausalität, der wirkenden Ursache, zugunsten eines alles umgreifenden und bestimmenden Gesetzzusammenhanges aufgegeben wird.
Kosmischer Determinismus
Krieg und Frieden entheroisiert und deglorifiziert die Ereignisse rundum den russischen Sieg gegen Napoleon 1812 in jeder einzelnen Passage. Es gab keinen Plan. Alle Pläne führten ins Nichts. Alle irrten sich. Es gab keine konzertierte Aktion. Der Sieg wurde nur dadurch errungen, dass der Oberkommandierende Michail Illarionowitsch Kutusow genau zur rechten Zeit nichts tat:
›Sie müssten doch begreifen, dass wir nur verlieren können, wenn wir offensiv agieren. Geduld und Zeit, das sind meine Kriegshelden!‹ dachte Kutusow. Er wusste, dass man den Apfel nicht abreißen sollte, solange er grün ist. Er fällt von selbst, sowie er reif ist, wenn du ihn aber grün abreißt, verdirbst du den Apfel und den Baum, und selbst bekommst du ein stumpfes Gefühl im Mund.
Aber auch hier wird Tolstoi nicht müde zu betonen, dass Kutusow nur ein Rädchen im großen Getriebe des geschichtlichen Prozesses bleibt. Sein Körper, seine Physis lassen ihn träge und müde, watschelnd übers Schlachtfeld wandeln, ihn bei Sitzungen einschlafen und gähnend Entscheidungen abwinken, denen er nicht einmal Gehör geschenkt hat. Seine Geduld erscheint als durchdringende, ihn lenkende Kraft, eine von vielen infinitesimalen Momenten, die sich zu Napoleons Niederlage zusammenschließen.
Auf einer teppichbedeckten Bank, den grauen Kopf gesenkt und ganz in sich zusammengesunken mit seinem schweren Körper, saß Kutusow, an genau dem Platz, an dem ihn Pierre am Morgen gesehen hatte. Er traf keinerlei Anordnungen, sondern war nur mit dem, was man ihm vorschlug, einverstanden oder nicht einverstanden. […] doch wenn er Meldungen anhörte, schien er sich nicht für den Wortsinn dessen, was man ihm sagte, zu interessieren, vielmehr interessierte ihn etwas anderes im Ausdruck der Gesichter, [nämlich der] Tonfall derer, die Meldung erstatteten.
Ähnliche Kontrastierungen lassen sich für viele Figuren in Krieg und Frieden finden, das in seiner ganzen Intensität auf den Moment abzielt, dass auch sein Publikum endlich die Hoffnung aufgibt, in dem Ganzen Irrsinn einen Sinn zu vermuten und hinein zu geheimnissen. Keine Entscheidung allein bewirkt ein Umdenken. Keine einzelne Aktion führt zu einem Ergebnis. Alles verbindet sich mit allem, und hierdurch kreiert Tolstois Krieg und Frieden eine ganz umfängliche Schuld aller, die sich am Krieg beteiligen und im Namen eines Räsonnements andere totschlagen meinen zu müssen. Seine Sympathie, wie in den dynastischen Umbrüchen hinsichtlich der familienlosen Sonja Alexandrowna, gilt hier dem Bauernsohn Platon Karatejew:
Es gab [in Karatejews Lieblingslied Worte wie] »meine liebe, kleine Birke« und »mir ist so weh zumut«, doch kam bei den Worten keinerlei Sinn heraus. Er konnte die Bedeutung von einzeln herausgenommenen Wörtern einfach nicht verstehen. In jedem seiner Worte, all seinem Tun bekundete sich eine ihm unbekannte wirkende Kraft, die sein Leben war. Doch sein Leben, so wie er selbst es sah, hatte als einzelnes Leben keinen Sinn. Es hatte nur einen Sinn als Bestandteil des Ganzen, welches er ständig fühlte. Seine Worte und Taten ergossen sich aus ihm genauso gleichmäßig, notwendig und unmittelbar wie der Duft aus einer Blüte strömt.
Karatejew begehrt nicht auf. Er wehrt sich nicht. Er mag die Bäume, die Birken, seinen Hund wie die Menschen, auch wenn diese ihn aufs Schlachtfeld schicken. Er hadert nicht mit seinem Schicksal. Er nimmt’s hin. Sein Stoizismus gründet sich auf ein Hier und Jetzt, das sich in Worten nicht völlig ausdrückt. Sein Gebet und seine Lieder beruhigen ihn. Ihm bleibt sein Glück gewiss, im Ruhigen, Runden, Bescheidenen und gleicht auf seine Weise exakt Sonja im Hause der Rostows, wenn er offenherzig und großmütig sein Geheimnis preisgibt, was es mit seinem Glück auf sich hat:
»So ist es eben, mein gütiger Freund. Das Schicksal sucht sich einen Kopf. Und wir wollen immer rechten: das ist nicht gut, das ist nicht recht. Unser Glück, mein Freund, ist wie Wasser im Schleppnetz: ziehst es nach, dann schwillt es, ziehst es raus, dann ist nichts drin. So ist das.«
Ihm wird dennoch, als er, zu krank und zu schwach zum Weitergehen, sich mit seinem grauen Hündchen an der Seite, an eine Birke gelehnt, hinsetzen muss, kurzen Prozess gemacht. Er wird von denen, die mit ihm gelacht, gesungen haben, erschossen, und der Schuss und das Jaulen des treuen Hundes hallen seitdem im inneren Wesen Pierre Besuchows unaufhörlich nach, als Mahnung und Erinnerung, wie es um die Welt und die Menschen in ihr eigentlich steht.
Im nächsten Teil versuche ich nun, die verschiedenen Teilaspekte, das narrative wie reflektorische von Tolstois Krieg und Frieden zusammenzubringen.

Danke für diese beiden Besprechungen zu „Krieg und Frieden“. Ich bin beeindruckt und finde viel, um darüber nachzudenken. Viele Grüße, Bettina
Danke, liebe Bettina! Morgen kommt mein Abschluss. Ich habe die Lektüre als sehr bemerkenswert empfunden. Selten hat ein Buch so sehr eingelöst, als die hohen Erwartungen es annehmen ließen. Falls du zu Ergebnissen kommst, würde ich mich sehr freuen, von ihnen zu hören. Hast du es auch gelesen? Viele Grüße Alex
Nein, ich habe mich bisher noch nicht heran gewagt und an den Film kann ich mich kaum noch erinnern. Aber die Betrachtung des Krieges finde ich sehr interessant und gerade in der heutigen Zeit äußerst bedenkenswert. Danke, Alex, bin gespannt auf morgen. Bis dann, Bettina
Ich konnte es ehrlich gesagt nicht fassen, wie aktuell Tolstoi doch geblieben ist :O … ich bin da auch baff.
Ganz besonders für diesen Teil der Besprechung möchte ich dir danken, lieber Alexander, denn er zeigt auf,wie geschichtliche Ereignisse zu betrachten wären, um ihnen gerecht zu werden. Besonders auch die Betrachtung gegenwärtiger Ereignisse würde davon profitieren, wenn sie sich nicht so stark auf die „Führerfiguren“ fokussieren würde („Putin“, „Trump“, „Modi“ etc). Es bleibt freilich auch bei Tolstoi die Frage nach den Kräften offen, die das gesamte Geschehen – und somit auch die Führungsfiguren – inspirieren, eine Frage, die die Menschen seit eh umgetrieben hat. Es ist die Frage nach dem, „was sich durchsetzt“ und schließlich die Weltentwicklung bestimmt, ungeachtet des Willens und der Absichten der einzelnen Akteure. Mir scheint, es gibt über dem sichtbaren Menschenkampf einen Geisteskampf, den es zu entziffern gälte.
Ich bin gespannt aufdie Fortsetzung.
Liebe Gerda, Danke für den Kommentar. Tolstoi hat uns definitiv noch viel zu sagen, heutzutage, und deine These vom Geisteskampf lässt sich tagtäglich erahnen, wiewohl vielleicht auch sehr differenziert materielle Kräfte darin wirken (ich habe einen sehr dynamischen, sehr inklusiven Materiebegriff – à la Bloch). Inwiefern die Fremd- und Selbstinstrumentalisierung überhand nimmt, und Geisteskräfte sich als Marionettenspiel entpuppen, versetzt mich jedes Mal ins Erstaunen und Grausen. Schön, dass dir der Teil der Besprechung zugesagt hat. Ich dachte, auch mit dem morgigen Sonder-Befreiungstag-Feieratg in Berlin, passt das als Ausnahme mal gut in die Reihe 😀 Viele liebe Grüße!