
Dem herkömmlichen Literaturdiskurs fällt eher selten auf, dass ein großer Bereich des sozialen Lebens und Erlebens weitestgehend in den meisten Texten und Romanen ausgeklammert bleibt, die Realität der Werktätigen, und zwar nicht aus der Sicht der Kunst oder des Journalismus oder der Politik, sondern aus der Mitte ihrer eigenen Tätigkeit, des Handwerks, der Putz- und Bauarbeiten selbst heraus. Ausnahmen wie Heinz Strunk in Ein Sommer in Niendorf, Jan Weilers Der Markisenmann oder Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen gibt es, stellen aber zahlenmäßig die krasse Minderzahl dar und kratzen auch oft nur die Oberfläche dieser Sozialräume, indem sie sich nämlich auf die Trunksucht, Einsamkeit oder das Ausgeschlossensein fokussieren. Die Arbeitsrealität kommt kaum zur Sprache. Dagegen geht bspw. Werner Bräunig in Rummelplatz auf die Lebensrealität von Bergbauern ein, Brigitte Reimann in Franziska Linkerhand auf die der Bauerarbeiter und, noch weiter zurück, Émile Zola auf die der Wäscherinnen in Der Totschläger. Ralf Rothmann nimmt diese Traditionslinie auf. Schon Die Nacht unterm Schnee handelt im Arbeitermilieu und auch in seinem Erzählband Museum der Einsamkeit werden Episoden und Lebensläufe hauptsächlich von Menschen erzählt, die jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen.
»Wieso«, sagte Herbert und drückte seine Zigarette auf der Fensterbank aus, »machst du denn groß was anderes [als dein eigenes Gefängnis zu bauen]? Wer oder was, glaubst du wohl, hat dir die Hüfte demoliert? Der Geist der Freiheit?« Er öffnete seinen Tabakbeutel und bröselte die Kippe hinein. »Der Unterschied ist, du kriegst ein bisschen Geld dafür und kannst dir abends die Kante geben oder Druck im Puff ablassen, damit du den Krampf überhaupt erträgst. Aber auch du schlägst dich mit Arschlöchern rum und wartest den ganzen Tag darauf, dass man dir aufschließt.«
Ralf Rothmann aus: „Museum der Einsamkeit“ [Engel auf Krücken]
Inhalt/Plot:
Museum der Einsamkeit besteht aus neun selbständigen, voneinander unabhängigen, in keiner Weise sich aufeinander beziehenden Erzählungen, die in der Hauptsache Menschen in existentiell-isolierten Situationen beschreiben. Die Einsamkeit entsteht entweder durch Liebeskummer, durch Krankheit, durch Überforderung, Alter oder durch Gewalt und Ausgeliefertheit. In den Korpus der Erzählungen passen zwei nicht so recht hinein. Zum einen Psalm und Asche, in der ein Vorsteher des Konzentrationslagers Westerbork von seinem Wissen und Nichtwissen über die nach Osten abtransportierten Juden und Jüdinnen berichtet, während sich eine junge Frau um ein kleines Kind in einem dieser Waggons kümmert.
Die [Ascheflocken] fielen aus dem manchmal gelben oder gelbbraunen, manchmal fast schwarzen, von Stichflammen durchzuckten Rauch, der aus mehreren Schornsteinen stieg und träge über die Gleise zog. Von einem Holz- oder Kohlefeuer rührten sie aber nicht her; strich man sie vom Ärmel, blieben weißliche Schlieren zurück, und als Etty, die das Gesicht des Säuglings auf ihrem Arm mit dem Schal schützte, die Partikel zwischen den Fingern zerrieb, fühlten sie sich fettig an, fast wie Creme. [Psalm und Asche]
Diese Erzählung geht über den ansonsten in der Sammlung gewählten individuellen Horizont weit hinaus und beschreibt auch keine Einsamkeit im herkömmlichen Sinne, sondern eben ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Und zum anderen wäre da die Erzählung Schimmel in der Orgel, in der ein Kunstmaler einen Schulfreund besucht, um sich für eine Schandtat zu entschuldigen und ihn auf diese Weise ein weiteres Mal zu Schaden kommen lässt. Diese Erzählung besitzt einen schaurigen Grad an Tragik, die kompositorisch wohlaustariert zum Tragen kommt, indem die Hauptfigur nur das Beste will, aber dadurch Schlechtes bewirkt.
Die restlichen Erzählungen jedoch, sieben an der Zahl, fokussieren um die Angst, die Problematik des Allein-Seins:
Mehrmals täglich zerdrückte die Mutter Tabletten und rührte sie zusammen mit irgendwelchen Tropfen in den Kirschjoghurt, den er so gern aß. Sie fütterte ihn damit über das Holzgitter hinweg, und meistens beruhigte ihn die Medizin, und das Quengeln und Weinen ließ nach. Dann legte er die Wange auf seinen vollgesabberten Teddy und beobachtete alles, was im Raum geschah, reglos durch die Stäbe hindurch. [Budenzauber]
Krankheit und Liebe stehen in jeweils zwei weiteren Erzählungen im Zentrum der Aufmerksamkeit, die insgesamt die melancholische Stimmung des Erzählbandes intensivieren. Rothmann scheut keine Extremsituation. Er sucht sie poetisch auf und erforscht sie mit behutsamen Mitteln, bspw. in Herr Dingens, in der ein geschiedener Pfarrer seine schwerkranke Tochter im Krankenhaus besucht und die Herr Dingens benannte Handpuppe, die ihr Gesellschaft leistet, mitnimmt, um sie zu reparieren:
»Was passiert denn mit Herrn Dingens? Muss er in die Augenklinik?«
»Ach was«, sagte Thomsen und musterte einen Moment das Gesicht des abgeschminkten Clowns, eines älteren Mannes mit lippenlosem Mund und eingefallenen Trinkerwangen, der wie die Schwester auf die Puppe in seiner Hand blickte. »Wir Angestellten des Herrn erledigen kleinere Operationen selbst. Falls Sie mal eine Seelen-Transplantation brauchen, das geht rapp-zapp.« [Herr Dingens]
Schwere Krankheit, die Angst, im Alter alleine zu sein, Gebrechen und Zuflucht in der Zweisamkeit bilden das Rückgrat der meisten Erzählungen von Museum der Einsamkeit, das zur Hälfte im Arbeitermilieu spielt, in welchem Alkohol, physische Versehrtheit, Armut und Trostlosigkeit zum jeweiligen Protagonisten wird.
Ausführlichere Inhaltsangabe findet sich hier.
Stil/Sprache/Form:
Stilistisch wirken die Erzählungen in Museum der Einsamkeit wie aus einem Guss. Sie lesen sich flüssig und zusammenhängend, beleuchten nur jeweils völlig andere Realitäten und Seinsebenen, lassen hierbei aber seine Schreibweise als vielschichtig, dynamisch und flexibel erscheinen. Sowohl die Reflexionen eines Pfarrers, wie die Witze eines Kirchen-Organisten als auch die eines gealterten, nach Sex sich sehnenden, trunkenen Bauarbeiters werden plausibel eingefangen, weitergetrieben und sprachlich sinnvoll und zusammenhängend dargestellt und bearbeitet, ohne dass ein sprachlicher Bruch entstehen würde. Auffallend stark geraten die olfaktorischen Wahrnehmungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit:
Es war still auf den Fluren, nur ein paar Notlichter brannten. In meinem Zimmer, wie eingewebt in das Schnarchen über und neben mir, kriegte ich tatsächlich kein Auge zu und wälzte mich stundenlang auf dem verschwitzten Laken herum. Die Augustnacht war atemberaubend warm; trotz des offenen Fensters roch die Luft nach dem Bieratem, den herumstehenden Arbeitsschuhen und den Socken der anderen. [Normschrift]
Oder:
Sein Bruder, der sich den Mund mit dem Handrücken abgewischt hatte, schob einen Sessel so nah vor die Couch, dass ich seinen Achselschweiß riechen konnte, was ich im Moment allerdings weniger bedrohlich fand als Muharrems schwüles Porsche-Parfüm. [Eine kleine Metall-Unterhaltung]
Der Geruchssinn bildet eine sehr unmittelbare Situationsbindung ab. Er ist ein Nahsinn, wirkt im materiellen Austausch, geht unter die Haut, ganz im Gegensatz zu Fernsinnen wie das Sehen und Hören. Rothmann liefert sich seinen Erzählgegenständen mit Haut und Haaren aus. Er scheut keine Dimensionen und hierdurch rücken die erzählten Stoffe einem stets auf den Pelz. Auf nur wenigen Seiten gelingt es ihm deshalb, dass die einzelnen Erzählungen nicht unvollständig wirken. Sie erzeugen ein komplettes Bild von den jeweilig handelnden Figuren.
Sie trug einen ehemals weißen Frotteemantel mit einem Muster aus bunten Kaffeetassen sowie karierte Männer-Schlappen, und der Nagellack an ihren geschwollenen Fingern war zum größten Teil abgeblättert. In der Wohnung roch es noch brackiger, als er es in Erinnerung hatte, was nicht nur an dem gebrauchten Geschirr, dem randvollen Mülleimer und den offenen Futterdosen in der Küche liegen konnte; auch Abstoßenderes glaubte er zu riechen und blickte auf den Balkon. Der Heizstrahler, der über einem großen Drahtkäfig glühte, beleuchtete mehrere Kothaufen auf dem Estrich. Reglos starrten ihn zwei Zierpudel an. [Engel auf Krücken]
Literarisch knüpft er an einen Naturalismus von Zola und an eine obszön-wild reflexive Schreibweise eines Heinz Strunk und Günter Grass an, aber ohne alle intellektuelle Schwere. Die Sprache fließt wie von selbst.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Museum der Einsamkeit von Ralf Rothmann zeigt, wie Kürze, Verdichtung und Raffung nicht auf Kosten von Intensität gehen müssen, insolange die jeweilig gewählten Motive konsequent ausgeführt werden. Die einzelnen Erzählungen wirken nie gestreckt, nie zu lang, aber ebenso nie unvollständig und voreilig zum Abschluss gebracht. Kompositorisch gibt es stets ein Leitmotiv, das Erwartungen weckt, den Text durchzieht und in irgendeiner Form von Pointe aufgelöst wird, d.h. die Erzählungen besitzen jeweils einen gegenständlichen wie stilistischen roten Faden, die sich beide ergänzen und verstärken. Die Rahmenbildung mag in manchen Erzählungen etwas erzwungen erscheinen. Sie verhindert jedoch stets, dass sich die jeweiligen Geschichten ins Leere und Beliebige verlaufen.
Langsam fuhr er zur Schranke. Vor dem türkischen Imbiss gegenüber gab es einen kleinen Tumult; zwei große Raben hackten immer wieder auf einen kleinen ein, dem ein Stück gierig verschlungenes Brot aus dem Schnabel ragte. Möglicherweise war er das Junge der beiden, und in seinem Krächzen, das fast wie ein Quengeln oder Quietschen klang, glaubte Thomsen auf einmal zu hören, was nicht sein durfte. [Herr Dingens]
In dieser Szene verarbeitet die Erzählung sowohl die Miniatur der gierigen Rabeneltern wie das Schuldgefühl des Pfarrer Thomsen selbst, dessen Tochter im Krankenhaus liegt und abwechselnd von ihm und ihrer Mutter besucht wird, da sie sich voneinander getrennt haben und nun miteinander um ihre Tochter werben. Die Beschreibung dient insofern nicht nur der Trostlosigkeit der Situation, Schnee, Graupen in der Großstadt, Raben, die nach Nahrung suchen und über Leichen gehen und hierbei das Rabenjunges gefährden. Sie dient darüber hinaus noch als innerdialogische Allegorie auf die Erzählung und die Psyche der erlebenden Hauptfigur insgesamt. Diese Erzählform bildet genau das Gegenteil von der wegwerfenden, distanzierenden, nüchtern-satirischen Art, die Ralf Rothmann in der Erzählung Die Melodie bei Nacht auf folgende Weise fasst:
Und dann lachte [Dr. Silberer] plötzlich so laut, dass Masha zusammenzuckte. Völlig freudlos, bestenfalls höflich, vermutlich aber auch taktisch gemeint, klang es ihr wie hölzerne Hammerschläge, mit denen man Unebenheiten oder Raustellen im zwischenmenschlichen Umgang glättete. [Die Melodie bei Nacht]
Rothmann glättet in Museum der Einsamkeit nicht. Ihm geht es um die raue bundesrepublikanische Wirklichkeit in den Zwischenräumen, die selten so ungeschönt zur Sprache kommen. Rothmann tritt hier in die Fußstapfen des Günter Grass, der in Die Blechtrommel den Zwiebelkeller mit allen Gerüchen und Facetten der frühen 1950er der Bundesrepublik Deutschland beschreibt, in welchen die herzverengten Damen und Herren gehen, um sich unter dem Schutz der Zwiebeldämpfe ausheulen zu dürfen:
[…] und genau aus diesem tränenlosen Grunde gingen Leute, die es sich leisten konnten, in Schmuhs Zwiebelkeller, ließen sich vom Wirt ein Hackbrettchen – Schwein oder Fisch –, ein Küchenmesser für achtzig Pfennige und eine ordinäre Feld-Garten-Küchenzwiebel für zwölf Mark servieren, schnitten die klein und kleiner, bis der Saft es schaffte, was schaffte? Schaffte, was die Welt und das Leid dieser Welt nicht schafften: die runde menschliche Träne. Da wurde geweint. Da wurde endlich wieder einmal geweint. Anständig geweint, hemmungslos geweint, freiweg geweint. Da floß es und schwemmte fort. Da kam der Regen. Da fiel der Tau.
Günter Grass aus: „Die Blechtrommel“
Was aber Grass meist formal nicht gelingt, erreicht Rothmann sowohl in Die Nacht unterm Schnee wie in Museum der Einsamkeit. Die Vielschichtigkeit der Sprache und Motive ersetzen den Zwiebeldunst im Zwiebelkeller. In Rothmanns Texten finden sich alle wieder und auch alle zusammen, und dies ziemlich ungeschönt, aber nicht hoffnungslos. Nicht ordinär wie Strunk, nicht sentimental wie Grass oder an die Wand stellen wie Martin Walser, sondern empathisch, verlangsamend und komplexifizierend, entreißt Ralf Rothmann der Stummheit viele Lebensrealitäten, die ein überraschendes Licht auf viele gegenwärtige Diskurse werfen könnten.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 05.08.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich wahrscheinlich etwas vom neuen Georg-Büchner-Preisträger 2025 lesen und besprechen.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.


Was wäre wieder einmal was für mich
Denke ich auch, Rothmann gehört stets zum Eindrucksvollsten, was ich in der Gegenwartsliteratur so erlebe. Dabei mag ich eigentlich Erzählungen nicht so unbedingt. Interessiert mich, wie du das beim Lesen empfindest. Viele Grüße!
Interessant, ich habe kürzlich ein Buch des Autors im offenen Bücherschrank gefunden und ähnliche Gedanken gehabt zur sehr beschränkten Perspektive des Großteils der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ich habe in der Vergangenheit darüber schon mal einen Artikel geschrieben unter dem Titel „Weil es nicht ohne Hobbits geht“: https://diekolumnisten.de/2019/02/17/weil-es-nicht-ohne-hobbits-geht-der-gebildete-vermittler-in-der-deutschen-literatur/
Danke für den Link. Ich stimme dem Artikel sehr zu – ich wünschte mir auch mehr Mut zur Fiktion, falsch einfühlen ist bei Weitem interessanter, als sich sicher hinter einer Schreibpersona zu verstecken und Hauptsätze aneinanderzureihen. Ich werde definitiv noch mehr von Rothmann lesen. Viele Grüße!
Wieder einmal eine deiner Rezensionen, die umgehend zu einem Eintrag auf meinem Wunschzettel geführt hat.
Vielen Dank dafür & ganz herzliche Grüße,
Natascha
Liebe Natascha, das freut mich sehr. Rothmann hat mich bislang noch nicht enttäuscht, habe mir jetzt mal einen frühen Roman gekauft, Stier. Mal sehen. Schönen Wochenanfang!! Gruß Alexander