Gyrðir Elíasson: „Die Sprache der Möwen“

Die Sprache der Möwen von Gyrðir Elíasson.
Die Sprache der Möwen von Gyrðir Elíasson.

Es gibt die verschiedensten Theorien über die Dichtung. In beinahe allen erhält die Lyrik gegenüber der Prosa aber den Zug der Einsamkeit, der Einzelheit. Die Sprache emanzipiert sich dort aus dem Funktionskreis der wechselseitig verständlichen Kommunikation und sucht ihre Möglichkeit in der Hermetik des jeweils singulär Erlebten. Die Lyrik Gyrðir Elíassons in Die Sprache der Möwen sucht die Nähe zur Welt, aber nicht durch den Mitmenschen oder das Soziale. In seinen Gedichten tauchen die anderen als gegenüber selten auf. Vielmehr sieht sich ein lyrisches Ich mit einer großen Welt konfrontiert:

Im Café ist niemand außer/ ihm selbst, dem angeblichen/ Besitzer. Der macht sich einen
Kaffee und schaut hinaus, aber/ da ist niemand zu sehen, und/ der Kaffee schmeckt irgend-/ wie seltsam. Er beginnt, etwas auf/ ein Blatt Papier zu kritzeln, das/ neben der Kaffeetasse liegt,/ und bald sind Häuser auf dem/ Blatt zu sehen, menschenleere,/ schwarze Häuser, bei deren/ Anblick es ihm schaudert.
Gyrðir Elíasson aus: „Die Sprache der Möwen“

Motive, Themen, Varianten

Zwar deutet der Kaffee und auch das Vorhandensein von Häusern auf andere hin, auch, dass er niemanden sieht, also jemanden zu sehen erwartet, das lyrische Ich weiß sich dennoch und spürt sich jedoch in einer gewissen Isoliertheit und Verlassenheit gegenüber der äußeren, von Menschenhand gewirkten Welt. Es schaudert ihn – vielleicht ob der möglichen anderen, vielleicht ob der Verlassenheit. Die Motive in dem Gedichtband Die Sprache der Möwen drehen sich größtenteils um Berge, Bäume, Meer und Himmel. Von dort aus differenziert Elíasson strukturell in Felsen/Stein, Blätter/Gras, Bach/Fluss und Wind, um diese Formen dann zu dynamisieren mit Staub, Moos, Wellen und Licht, also Tag und Nacht.  

Der Meeresspiegel scheint/ bereits zu steigen/ (wie vorhergesagt),/ die Brandung überschwemmt die Wiese/ in dieser langen Nacht. Ich sehe/ dies, da ich mit einer Taschenlampe/ aus dem Fenster leuchte. Ich kann nicht/ schlafen, warum auch immer, ob/ wegen dieser Brandung oder/ nur der Wellen der Gedanken,/ die unaufhörlich brechen auf/ dem dunklen Sand

Wieder befindet sich das lyrische Ich allein gegenüber einer verschlossenen, vom Menschen, seinen Bauwerken, seinen Erzeugnissen und Errungenschaften entleerten Welt. Die Natur wirkt sowohl als Bedrohung wie als Beruhigung. Es ist hin und her gerissen zwischen diesen Naturmächten, zwischen Flut und Felsen, die die Brandung markieren. Seine Gedanken erhalten keine Information. Sie wirken ebenfalls wie Naturdinge, die sich fremd in ihm abspielen. Auf seine Weise öffnet sich das lyrische Ich ganz seiner Umwelt und erlaubt ein Aufgehen, Mitwehen, Mitschweben mit diesem. Die angesprochene und offensichtliche Einsamkeit und Isoliertheit nimmt einen Gedanken von Ingeborg Bachmann aus ihren Poetologie-Vorlesungen für bare Münze, sobald sie den Ort versucht zu umschreiben, aus welchem heraus Gedichte entstehen:

Und doch liegt trotz des Verzichts auf so viele [– – –] keine Abdankung vor, kein Retirieren, obwohl der Ort, von dem aus gesprochen wird, in eine fatale Einsamkeit verlegt ist, nicht selbstgewählt, nicht hochmütig, sondern zudiktiert von einer Gesellschaft inmitten der Gesellschaft, ein Ort, an dem es nicht geheuer ist, und das Wachbleiben erschwert wird, dem, der wachen muß, kann, will. Ein Wachender spricht, ein schlaflos Ausgesetzter, inmitten von uns wohnend …
Ingeborg Bachmann aus: „Frankfurter Vorlesungen“

Dieses Zitat weist direkt auf Elíassons lyrisches Ich hin, das schlaflos, von den eigenen Gedanken als Brandung umgetrieben, in die Nacht hinausschaut, und sieht, wie das Meer, das ozeanische Element steigt, ihm näher kommt, indes seine Gedanken wie im Treibsand versinken oder brechen und verpuffen. Die Stimmung weist auf das Ausgesetzt-Sein hin. Das lyrische Ich genießt die Situation nicht. Es fühlt sich ausgeliefert, nur mit einer winzig kleinen Taschenlampe ausgestattet. Jedwede Naturromantik kehrt sich gegen den Genuss und das Erhabene. Hier schwingt kein Rätsel mit. Nackt droht das Meer das lyrische Ich zu verschlingen, wie der Ausgesetzte bei Bachmann kein Gehör findet, von einer Gesellschaft verstoßen, die sich selbst nicht ins Auge sehen möchte.

Sprachzweifel

Zentral neben der Verlassenheit des lyrischen Ich erscheint bei Elíasson auch ein gewisser Sprachzweifel, schon dadurch angedeutet, dass der Stil karg, nüchtern, sehr bodenständig bleibt, nahe am Erleben, ohne weitausholende Metaphern oder tragende figurale Ornamentik. Der menschlichen Sprache traut das lyrische Ich nicht über den Weg. Sie scheint zu abgenutzt, zu nebulös geworden. Es zieht sich zurück in eine nicht-menschliche, nichtsdestotrotz verständliche wie im titelgebenden Gedicht über die Möwen:

Am Ende der Nacht sind die Berge von Raureif grau,/ die Farbe des Meers ist so, als hätte man Schmierseife/ hineingeschüttet. Ein feuerroter/ Traktor kommt die Straße unterhalb/ des Bergs entlang, das ist der einzige Ver/-kehr, das einzige Lebenszeichen,/ zusammen mit zwei Möwen, die/ am Strand stehen und sich unterhalten,/ in einer Sprache, die keiner versteht/ außer sie selbst und dem Meer,/ das alles versteht/ sogar mich.

„Sogar mich“ heißt hier, dass das Verstehen alles andere als erwartbar ist, aber eine universelle Sprache existiert, die des Meeres, des Ozeanes. Mit dem anderen Gedicht zusammen, entsteht ein dynamisches Sehnen und Fürchten vor dem Meeresspiegel, der sich nähert, der aber auch versteht, einverleibt. Das lyrische Ich hat in diesem Sinne sowohl Angst vor dem Verstanden- wie Furcht vor dem Missverstanden-Werden. In dieser Spannung verbleibt Elíassons Sprache der Nüchternheit – einerseits Klarheit anstrebend, andererseits in der Klarheit die Dunkelheit suchend. Hier erinnert Elíasson an manche hermetischen Stellen bei Paul Celan:

WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Armer. Offen. Heimatlich.

Paul Celan aus: „Die Niemandsrose“

In der Tat verbleibt Elíasson aber näher als Celan am Materiellen. Er nähert sich auch den Bergen, den Bäumen, dem Meer, aber in ihnen sucht er nicht das Mystische-Universelle. Bei Elíasson verbleibt eine nüchterne Abstraktheit im Wortklang. Bei ihm dient die Natur, der Stein, nicht als Verknüpfung, nicht als Medium der Begegnung. Er dient bei ihm sich selbst. Elíassons lyrisches Ich sieht sich und die Sprache, die Wörter vielmehr als ununterschiedener Teil der Welt, die nicht länger in belebt unbelebt unterschieden werden kann.

In den Wörtern bilden sich Risse/ wie in staubtrockenen Tongefäßen,/ die gerade aus dem glühenden/ Ofen gezogen werden

Stilistisch auffällig unterbricht das lyrische Ich die Sätze, die Wortverbindungen, durch Zeilenbruch an ungewohnten Stellen. Das unterstreicht das Aufgelöste, das Brüchige der Verhältnisse, ja, den Hiatus im Bedeutungsaustausch. Indem Elíasson sogar Wörter auseinanderreißt („irgend-/ wie“, „Ver-/kehr“) streicht er die Materialität nicht nur der Sprache durch Wörter, sondern der Wörter durch die Buchstaben hervor. Sie sind ihm das Material dessen, aus dem eine Welt bestehen könnte, aber noch keine entstanden ist.

Ich weiß nicht, wie/ es geschah, aber es/ geschah. Ich weiß kaum,/ was geschah, aber es/ geschah. Die Zukunft/ ist wie ein unbeschriebenes/ Blatt, das aus/ dem Buch des Lebens/ gerissen wurde

Das unbeschriebene Blatt entstammt dem Buch des Lebens, das seine eigene Zukunft durch das Herausreißen verliert. Das Paradoxon verweist auf die Furcht und die Angst vor dem Sehen und Nicht-Sehen, dem Verstanden- und Missverstanden-Werden zugleich, denn entweder steht die Zukunft geschrieben, im Buch des Lebens, oder die Zukunft bleibt die Lücke, die in die Textur des Lebens gerissen wurde.

Hoffnungsvoller Pessimismus

Die Nähe von Die Sprache der Möwen zum Literaturnobelpreisträger von 2023, Jon Fosse, entsteht durch den gemeinsamen, dunklen, friedlichen und doch verzweifelten Grund zur Hoffnung auf eine Erlösung, die zwischen den weltlichen Dingen schwingt. Elíasson und Fosse spielen mit denselben Motiven. Fosse, der ebenfalls dichtet, setzt sowohl in seinen Romanen wie in seinen Gedichten das Boot, das Meer, die Dunkelheit der See ins Zentrum, bspw. hier:

Ich höre die wellen/ ans ufer schlagen/ und ich denke dass die häuser weiß sind/ ich sitze in einem boot/ und es gibt keinen einzigen menschen/ ich sitze in einem boot und ich bin
ein wasser ohne wellen/ ich bin kein mensch/ und es ist still

Jon Fosse aus: „Diese unerklärliche Stille“

Auch hier finden sich die Topoi Elíassons eng vereint: Wellen, Wasser, Ufer, und die Einsamkeit, die leeren Häuser, wie sie im obigen Zitat fast als Antwort antizipiert wurden. Das lyrische Ich befindet sich in einem Boot zwischen Himmel und Erde, auf dem Wasser, das durchsichtig, transparent und doch auch gefährlich und unheilvoll ist. Das Wasser steht für die Sprache, die ihre eigenen Untiefen besitzt, auch im Umgang mit den Menschen, die sich entziehen, nähern, aber die stets auf eine gewisse Weise getrennt voneinander bleiben.

Er war allein/ mitten auf dem See,/ als das Boot/ zu lecken begann, und/ nach wenigen/ Augenblicken/ gesunken war./ Er war ein schlechter/ Schwimmer, aber/ das machte/ nichts. Er steckte/ seinen Kopf unter/ Wasser/ und tauchte/ Richtung/ Grund

Viele Motive, verlassene Häuser, Alkoholismus, Flut und Winter, Dunkelheit und Tod vereinigen sich sowohl in Fosses wie Elíassons Texten. Fosse erscheint mehr von einem Göttlichen hinter der Welt getrieben, Elíasson dagegen von einer Vorhandenheit und Präsenz im Diesseits, nach der er taucht and sucht. Er sieht Gefahren, aber auch Möglichkeiten im Verstehen-Wollen, wo bei Fosse ein sehr transzendentales Kunstverständnis sich gewöhnlicherweise bahnbricht. Fosse akzeptiert hierdurch die Versteinerung der Welt, auch als Schutz des Göttlichen, wohingegen, wie mir in diesem Lyrikband scheint, Elíasson eher die Versteinerung von innen her auflösen will, um den Bann zu brechen, der die Welt zu ersticken sucht. Hier erinnert das Bemühen um die Wellen, Blätter und Steine Ingeborg Bachmanns Plädoyer für die menschliche Stimme:

So müßte man den Stein aufheben können und in wilder Hoffnung halten, bis er zu blühen beginnt, wie die Musik ein Wort aufhebt und es durchhellt mit Klangkraft. So müßte man sich ausdrücken, ein Einsamer durch einen Einsamen, sich verbünden, einander Deutlichkeit verleihen vor der Welt. Sich stellen. Und in der Folge sich überantworten.
Ingeborg Bachmann aus: „Musik und Dichtung“

Elíasson schreibt in dieser dunklen Tradition einer Emily Dickinson, Ingeborg Bachmann, eines Paul Celans und Jon Fosses. Bei ihm gibt es weniger einen verbürgten jenseitigen Sinngehalt als eine Verzweiflung so entfernt, getrennt von der Welt zu sein, die aber zugleich das Ich zu verschlingen droht. Diese Ambivalenz trägt er in Kargheit und Nüchternheit, in äußerster Prägnanz aus. Sein Jenseits nämlich liegt wie in Wolfgang Schiffers Dass die Erde einen Buckel werfe im Diesseits, nur eben nicht des Menschen, sondern im Außen des Menschen, dessen, was von ihm gänzlich unabhängig ist.

Wenn niemand mehr da ist,/ dem Rauschen des Baches zu-/ zuhören, fließt der Bach/ dennoch weiter

Im Gegensatz also zu Fosse erscheint in Die Sprache der Möwen die Naturschönheit, nicht die Kunstschönheit als Trost, und auch nicht das Jenseits im Göttlich-Ewigen, sondern vielmehr das unabhängige Fließen und Plätschern der sich treubleibenden Bäche, Wellen und Möwen. Hier, in dieser Stille, Wind und Wetter um ihn herum, findet er zu einem eigenen lyrischen Ton, der sich bescheiden, ruhig, aus dem diskursiven Spiel nimmt, einem Spiel, das nur Fragen und keine Antworten kennt.

Ich danke dem ELIF-Verlag, Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter für das Rezensionsexemplar, das mir große Freude bereitet hat.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

+zeitstillende Momente
+brüchige, aber streifende Spurenlesen in der Natur
+Rückzug in die Nähe

Nächste Woche am 18. November 2025 auf Kommunikatives Lesen:
Katerina Poladjans neuester Roman Goldstrand.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

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