Annett Gröschner: „Schwebende Lasten“

Schwebende Lasten von Annett Gröschner
Schwebende Lasten von Annett Gröschner.

Heldengeschichten gibt es in der Gegenwartsliteratur wahrlich selten und noch seltener in solchen, die sich mit der DDR auseinandersetzen. Hier reicht die Bandbreite vom Chronikhaften wie Christoph Heins Das Narrenschiff über psychodramatische Verwicklungen wie in Jenny Erpenbecks Kairos und Satiren wie Uwe Tellkamps Der Turm zu harten Diffamierungen wie in Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück. Annett Gröschner schlägt in Schwebende Lasten andere Töne an, indem sie ähnlich einer Dörte Hansen in Zur See eher den individualpsychologischen Raum dynamisiert und verpassten und verwirklichten Chancen literarisch nachspürt. Im Mittelpunkt bei Gröschner steht eine außergewöhnliche Person, Hanna Krause, geboren September 1913, die sich, koste es, was es wolle, nicht als Siegerin der Geschichte darstellen lassen will:

Einmal wurde ein Maler damit beauftragt, [die Kranfahrerin] Hanna zu porträtieren, als sie gerade Aktivistin geworden war. Sie weigerte sich hartnäckig, als Siegerin der Geschichte dargestellt zu werden. Es sei schlimm genug, in diesem Dreck arbeiten zu müssen, da brauche sie kein Erinnerungsbild. Und wenn es noch so beschönigt sei. Der Maler solle sich lieber mit Pflanzen beschäftigen. So ein richtig schönes buntes Blumenbild […] Aber der Maler hielt an seinem Auftrag fest. Eine Frau müsse es sein, die Männerarbeit verrichtet, fröhlich und frisch frisiert. So mürrisch Hanna in diesem Moment dreinblickte, hatte sie durchaus all das zu bieten, aber sie ließ sich nicht erweichen, auch nicht durch Drohungen. Der Maler musste sich eine andere Aktivistin suchen. Hanna weigerte sich ebenso standhaft, in die Partei einzutreten.
Annett Gröschner aus: „Schwebende Lasten“

Inhalt/Plot:

Was in Dörte Hansens Zur See das Meer und der auf der Nordseeinsel gestrandete Wal, das sind in Schwebende Lasten die Flora und Fauna und das Blumengebinde, die eine zentrale Motivstruktur in den Texten bilden und für eine gelungene, perspektivierte Rahmenwirkung sorgen. Sogar die Hauptfiguren heißen fast gleich, Hanne und Hanna, nur dass es Hanna ein bisschen heftiger trifft als ihre Seelenverwandte aus dem Norden. Hanna verliert ihren Vater jung, der zweite Ehemann ihrer Mutter, die aus erster Ehe bereits zwei Töchter hat, Margarete und Rose. Als nun auch die Mutter unerwartet stirbt, zieht Rose Hanna auf. Als nun Roses Blumenladen nicht mehr genug Geld für die Familie abwirft, verfrachtet sie Hanna zu Margarete nach Berlin.

Hanna musste sich alleine vom Potsdamer Bahnhof zur Weichselstraße durchschlagen, ihre erste Lektion in Sachen Großstadt, zumal es in Berlin mehrere Weichselstraßen gab. «Jede andere Provinzmaus», erzählte sie später ihren Töchtern, «wäre in Ohnmacht gefallen bei diesem Gewusel und nie angekommen, aber ich wusste den Postbezirk und habe mich durchgefragt, erst zum Alex, dann zur Frankfurter Allee. Später habe ich erfahren, dass ich auch anders hätte fahren können, quer durchs Gemüse mit der Straßenbahn, aber ich brauchte ein Wort, an dem ich mich festhalten konnte, und das war Alexanderplatz. Meine erste U-Bahn-Fahrt und das halbe Geld gleich weg. Und dieser dunkle Tunnel rechts und links, endlos, ich bin fast gestorben vor Angst.»

Sehr lebensnah und frei von der Leber palavert Hanna gerne. Wie durch das großstädtische Berlin schlägt sie sich durchs ganze Leben, das viele Tiefschläge für sie bereithält, ohne sich bange machen zu lassen. Ihr großer Traum bleibt von klein auf einen eigenen Blumenladen zu führen und schöne Blumengebinde für die Kunden anzufertigen. Ihr Leben wird daher als Blumenstück beschrieben mit sechsundzwanzig Blumensorten als Kapitelüberschriften, das Hannas Leben schlaglichtartig Revue passieren lässt und nahezu eine Spanne von über 80 Jahren abdeckt. Sobald sie auf eigenen Füßen stehen kann, beginnt es nicht schlecht. Sie schafft es tatsächlich, mit nur wenig mehr zwanzig Jahren einen eigenen Blumenladen auf die Beine zu stellen trotz eines saufenden, spielenden, unzuverlässigen Ehemannes. Eines Tages, am 3. September 1938, kurz Hannas fünfundzwanzigsten Geburtstag, tritt ein Mann in ihr Geschäft und wünscht sich eine außerordentliche Reproduktion eines Blumengebindes:

Der Mann holte eine in der Mitte geknickte Postkarte aus der Innentasche seines Jacketts und legte sie auf den Ladentisch. Es war die Schwarz-Weiß-Fotografie eines Blumengemäldes. Auf der Rückseite las Hanna: Ambrosius Bosschaert (1573–1621), Vaas met bloemen. […] «Könnten Sie mir das mit realen Blumen nachgestalten? Natürlich ohne Muscheln und Insekten, einfach nur eine schlichte Glasvase mit genau diesem Blumenarrangement.» Hanna schaute die Karte lange an, ehe sie antwortete. Ihr Herz klopfte. «Nein. Keine Rose blüht, wenn die Tulpe ihre Kelche öffnet.» 

Er wünscht es sich trotzdem, gibt eine beachtlich großzügige Anzahlung, aber kommt, obwohl Hanna keine Kosten und Mühen gescheut hat, das Blumengebinde so getreu wie möglich nachzugestalten, nicht mehr zurück in den Laden. Hanna befürchtet, es könnte mit einem ihr vom Blockwart unter Androhung der Schließung ihres Ladens aufgezwungenen antisemitischen Schild zu tun haben. Das Bild, der Mann und die Utopie eines solchen Blumenbestecks begleiten sie jedoch durchs ganze Leben, teils als Utopie, teils als schlechtes Gewissen, aber auch als Mahnung, sich nicht allen gesellschaftlichen Gepflogenheiten rückhaltlos auszuliefern. Inhaltlicher Höhepunkt und Auftakt zu Hannas sonderbarer DDR-Existenz als Kranfahrerin bildet der Bombenangriff auf Magdeburg:

Das bedrohliche Dröhnen der Flugzeugmotoren kam immer näher und ließ das Schlimmste befürchten. Einen Moment später barsten lautstark die Kirchenfenster eine Etage über ihnen.  […] Hanna wusste nicht mehr, wie lange der Angriff schon dauerte. Es war stockdunkel, nur die Phosphorpfeile Richtung Ausgang, wo kein Ausgang mehr war, sondern ein Ziegelhaufen, leuchteten in einem satten Grün, wenn jemand mit einer Taschenlampe die Wände beschien. Das Schreien und Trampeln, das ganze Durcheinander wich bald einer apathischen Ruhe. Draußen waren jetzt die Entwarnungssirenen zu hören.

Mit großer Ruhe, vor allem durch die widerständige, nie verzweifelnde, stets wieder sich aufrappelnde Hanna erzählt Gröschner in Schwebende Lasten von den 1930er Jahren, dem Krieg, der Gründung der DDR bis zur Wiedervereinigung und der Nachwendezeit in den 1990ern, stets auf der Kippe zwischen Rührseligkeit und entwaffnender Selbstironie bleibend, ohne je in Sentimentalität oder Sardonie herabzurutschen.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Familie mit Plot: Soziale Renitenz.

Stil/Sprache/Form:

Schwebende Lasten zeichnet sich vor allem durch seine schlüssige, durchgehaltene Komposition um die Hauptfigur Hanna Krause herum aus. Die sehr eingängig gehaltene, schnörkellose Sprache passt zu dem Stil eines Volksmärchen, die ohne Umschweife auf ihre Fabel hinarbeiten, die bei Gröschner in der selbstsicheren Seinsweise Hannas liegt, die sich nach den ersten schlechten Erfahrung in der Jugend und frühen Erwachsenenzeit trotz aller Schikanen und Problemen, auch durch ihr katastrophales familiäres Umfeld und einen kranken, trunksüchtigen Ehemann, nicht aus der Ruhe bringen lässt:

Feuerprobe nannten ihre Kollegen, ehemalige Frontsoldaten, ihren erzwungenen Aufenthalt auf dem Kran, und weil Hanna dort oben nicht geheult, sondern stoisch abgewartet hatte, wurde sie fortan mit Respekt behandelt. Je besser sie den Kran beherrschte, desto mehr Gefallen fand sie an ihrer Position. Hanna lernte bald, den Kran anzutreiben wie ein Pferd, schneller, schneller, ich geb dir die Peitsche. So ein riesiges Gerät, das auf sie hörte, herrlich, und noch dazu war es klagloser als die Kinder. Bald nannte sie ihren Kran Mimi, wegen der behänden Laufkatze. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mehr mit ihrem Arbeitsgerät redete als mit Karl [ihrem Ehemann].

Das schnelle, unumständliche, nicht bemühte Erzählen überzeugt durch ein ausgewogenes, wohltariertes Tempo, zumal stets das Motiv der Blumen wiederkehrt, die Liebe zu den Kindern und die zuinnerst gespürte Schuld gegenüber dem Fremden, dem sie noch diesen speziell gewünschten Blumenstrauß schuldet und dessen Postkarte sie zeit ihres Lebens aufbewahren wird. Auf diese Weise erhält die Schwebende Lasten einen gelungenen Rahmen, in welchem sich allerlei Katastrophales, auch Schönes, aber vor allem Erschütterndes abspielt, denn Hanna lebt in prekären Umständen und erscheint als getreue Wiedergängerin von Gervaise Macquart, die ebenfalls wie Hanna um ihren Blumenladen in Émile Zolas Der Totschläger ums Überleben ihrer Wäscherei in der Straße des Goldenen Tropfen kämpft und durch ihren alkoholsüchtigen Ehemann sabotiert wird. Gröschner jedoch bewahrt sich mehr einen Märchencharakter auf, indes Zola, von den gesellschaftlichen Umständen der Belle Époche entsetzt und desillusioniert, die meistern seiner Figuren erbarmungslos in den licht- und hoffnungslosen Abgrund versinken lässt.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Annett Gröschners Schwebende Lasten wartet mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur auf. Ihr Roman kommuniziert in einem Spannungsfeld, das von Susanne Abels Gretchen-Saga, Jan Weilers Der Markisenmann und Dörte Hansens Zur See begrenzt wird. Das erzählerische Element steht gegenüber dem formalästhetischen klar im Vordergrund und wird, zumal bei Gröschner und Hansen, durch ein überzeugendes Rahmenprinzip ergänzt, die perspektiviert dem Text einen Hauch von mündlich tradiertem Märchen verleiht. Hier nämlich, bei Schwebende Lasten wurde dem Märchen Der Sterntaler mehr oder weniger, von der Substanz her, das Wort gesprochen.

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen […] Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. [… und verschenkte das Wenige, das es besaß, an noch Bedürftigere.] Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte »es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben,« und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Taler: und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.
Der Sterntaler“ aus: Märchen der Gebrüder Grimm

Hanna gab ebenfalls alles, was sie hatte. Ihr großes Herz wurde auch in dem brüchigen Umfeld benötigt. Sie hielt allen bis zuletzt die Treue und tröstete sich nur an den Blumen, ihren besten Freundinnen, da alle anderen sie mehr oder weniger in Stich lassen. Ihren Moment der Utopie findet sie deshalb in einem Gewächshaus, in das sie sich über Nacht einschließen lässt, um einmal allein, für sich, mit dem Kosmos und ihren Wünschen und geliebten Pflanzen zu sein:

Irgendwann war es still. Die Frauen hatten sie tatsächlich eingeschlossen. […] Hanna ließ die Taschenlampe stecken und tastete sich zu den Schildkröten zurück. Sie machte es sich wieder auf dem Stuhl bequem und holte die Thermoskanne mit dem Muckefuck aus ihrer Einholetasche. […] Einsam fühlte sie sich zwischen den Pflanzen und Kleintieren nicht. Einsam war sie oft inmitten der Töchter und Enkelkinder. Die Pflanzen redeten mit Hanna und sie mit den Pflanzen. Kein Mensch war zu hören. Was für ein Luxus. Sie war ganz bei sich. Sie legte sich hinter die Farne auf die warme Erde, mit der Sofadecke als Unterlage, und deckte sich mit ihrem Mantel zu. Zum ersten Mal seit Langem taten ihre Beine nicht weh beim Liegen. In diesem Moment wurde es Hanna leicht ums Herz, sie schlief sofort ein, tief und traumlos.

Hanna besitzt ihre eigenen Sterntaler. Sie sprießen aus dem Boden und so gestaltet Gröschner auch Hannas Abschied vom Leben, das die Töchter nicht wirklich verstehen, in welchem sich Humor, Nostalgie und ein bisschen Wahnwitz vermischt. Wie Hansen nimmt Gröschners Schwebende Lasten einen mit auf eine Reise durch die Zeit, ornamentalisiert diese mit einer bemerkenswerten Metapher, dass nämlich in der Kunst Blumensträuße möglich sind, die es in der Natur nicht geben, denn Blumen blühen zu unterschiedlichen Zeiten. Die Kunst aber, als Zeitsuspension, erlaubt das Schweben, die Zeitlosigkeit, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeiten – nämlich in der Erzählung, in der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zugleich präsent sind. Diese Utopie bringt den märchenhaften Zauber in die Erzählung wie bspw. auch Christine Wunnicke in Wachs. Schwebende Lasten mag nicht zu den Romanen gehören, die mehrmals gelesen werden müssen, noch bei denen sich nach mehrmaligen Lesen neue Perspektiven ergeben könnten, das jedoch schmälert den Eindruck beim ersten Lesen kaum. Die strahlende Spur von Stärke und Glück, die Schwebende Lasten hinterlässt, ist sich manchmal, wie hier, Antwort genug.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Bookster HRO
Glasperlenspiel13
Danares.mag
Literaturblog günter keil
Feiner reiner Buchstoff – Bri

Hier finden sich andere Kurzrezensionen zu aktuellen und älteren Titel.

6 Antworten auf „Annett Gröschner: „Schwebende Lasten““

  1. Lieber Alexander! In einem deiner Beiträge schreibst du, dass du gerne Vorschläge für zu rezensierende Gegenwartsliteratur bekommen möchtest. Wie wäre es mit Irvings „Königin Esther“. Ich habe eine begeisterte und eine vernichtende Rezension gelesen und es würde mich interessieren, was du davon hältst.

    1. Danke, Myriade! Ich halte meine Augen nach „Königin Esther“ offen, ich habe es jetzt auf dem Schirm. Finde ich nett, dass du darauf eingehst. Hab schon lange nichts mehr von Irving gelesen. Garp hat mir eigentlich damals gefallen. Viele Grüße!!

      1. Aber sicher interessiert mich deine Besprechung noch. Ich habe die Königin noch nicht gelesen und bin gespannt auf deine Meinung.

  2. Aber klar interessiert es mich noch. Ich habe es selbst noch nicht gelesen und bin sehr gespannt auf deine Meinung zumal die Kritiken, die ich gelesen habe so kontraversiell waren

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