Cees Nooteboom: „Rituale“

Rituale von Cees Nooteboom. Eine Trauerüberwindung?

Anlässlich seines Todes am 11. Februar diesen Jahres, bespreche ich den ersten seiner drei größeren Romane, neben Die folgende Geschichte und Allerseelen, den Roman Rituale, der gemeinhin als sein Durchbruchswerk gilt. Sigmund Freud analysiert in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie die letztere als eine Herabsetzung des Selbstgefühls, die auf Suizidgefährdung hinausläuft. Sie gilt auch als eine Art Mönchskrankheit, verwandt mit der Acedia, die laut Rufus von Ephesos aus einer übersteigerten Beschäftigung mit abstrakten Dingen herrührt und zu einem Sinnverlust, einem fehlenden Interesse an der Außenwelt führt. Cees Nooteboom exploriert dieses Gefühl in seinem dritten, 1980 erschienen Roman Rituale:

Ihm war, als kotze er seinen ganzen Körper aus […] Der ganze große Kramladen voller Erinnerungen und Demütigungen, seine schwachsinnige Einsamkeit, alles mußte hinein in die dunkle Höhle des Gartens, alles mußte verschwinden, unsichtbar werden, alles mußte wie eine saure, bösartige Masse nach draußen geschleudert werden, wo es sich ein für allemal auflösen würde – zusammen mit ihm. Er wollte nicht mehr existieren.
Cees Nooteboom aus: „Rituale“

Inhalt/Plot:

Rituale besitzt eine Hauptfigur: Innigo Wintrop. Der Vorname lässt, wie der Text nahelegt, an Inigo Jones, einen bekannten Architekten aus dem 16. Jahrhundert, aber auch an einen Geistlichen denken, zumal Íñigo der Geburtsname von Ignatius von Loyola ist, einem der Mitbegründer des Jesuitenordens, der vor der Inquisition fliehen musste und zu einem maßgeblichen Repräsentanten der Gegenreformation wurde. In der Tat handelt Rituale durchweg von religiösen und nicht von architektonischen Themen, so dass die Spur, die der Erzähler legt, eher ein Ablenkungsmanöver darstellt. Der Verlust des Glaubens stellt sich als zentral dar:

[Pater Romualdus] fingerte an seinem Meßgewand, als wolle er es auseinanderreißen, und dann brach er – langsam, noch immer schreiend – zusammen. Sein Kopf schlug auf den Kelch, und Blut quoll aus ihm hervor. Als er schon tot war, blutete er noch immer. Rot vermischte sich mit Rot auf den Inseln glänzender Seide zwischen dem Goldbrokat. Es war nicht mehr zu erkennen, was welches war: Der Wein war zu Blut, das Blut war zu Wein geworden.

Rituale spannt sich auf in drei, chronologisch nicht aufeinander folgende Teile. Er beginnt im Jahr 1963, als Zita sich von Inni trennt, nachdem dieser auf eine Abtreibung hin drängte und sie weiterhin kontinuierlich mit anderen Frauen betrogen hat. Als Abschiedsgeschenk lässt sich Zita von ihm für den letzten Sex bezahlen, bringt ihn zum Höhepunkt und verschwindet dann. Die Trennung lastet schwer auf ihm. Nach diesem kurzen Intermezzo, in welchem Inni eine dauerhafte Beziehung zu führen versucht, springt der Roman in das Jahr 1953, in welchem ihn seine Tante Thérèse besucht, ihm ihren ehemaligen Geliebten, Arnold Taads vorstellt, der wiederum Inni unter seine Fittiche nimmt und Thérèse dazu bringt, Inni finanziell unter die Arme zu greifen, so dass er sich nicht länger in einem Büro verdingen müsse:

Sie ordnete etwas Unsichtbares in ihrem Schoß, warf eine imaginäre Vase um. Handlungen, die erstarrten, als Arnold Taads sagte: »Ich werde mir eine anständige Regelung überlegen. Man sorgt dafür, daß Menschen der eigenen Sippe nicht ihre Zeit in Büros vertun.«
»Kommst du dann nächste Woche mit [Inni] nach Goirle?«

Inni fährt mit Arnold nach Goirle und erlebt dort sein existenzielles Erweckungserlebnis mit dem Hausmädchen Petra, das ihren Verlobten mit ihm betrügt. Bald finanziell abgesichert beginnt ein Vater-Sohn-ähnliches Verhältnis zwischen Inni und Arnold, der alsbald aber im Schnee erfriert, als dieser wieder in völliger Isolation in den Schweizer Alpen überwintert und auf dem Weg ins nächste Tal stürzt. Im nächsten Teil trifft Inni überraschenderweise Philip Taads, den unehelichen Sohn von Arnold, der wie sein Vater ein Leben als Klausner führt. Im Gegensatz zu Arnold, der sich mit Jean-Paul Sartre und dem Existenzialismus auseinandersetzt, sucht Philip sein Glück in der japanischen Kultur, insbesondere in den Teezeremonien. Er sucht seit langem eine geeignete Schale und findet diese bei einem Antiquitätenhändler:

Die Schale stand ganz allein in der Vitrine, deren Boden mit Seide in einer unbestimmten Grünfärbung ausgeschlagen war. Auch die kleine Erhöhung, auf der die Schale stand, war grün, ebenso wie der Hintergrund und die seitlichen Wandungen. Eine schwarze Schale. Aber damit war noch gar nichts gesagt. Manche Dinge drücken Ruhe aus, andere wiederum sind mächtig. Doch es steht nicht immer fest, worauf diese Macht beruht.

Am Ende gelangt Philip in den Besitz einer solchen Schale, veranstaltet eine Teezeremonie mit Inni und dem Antiquitätenhändler und verabschiedet sich danach. Ein paar Wochen später sollen sie nach ihm sehen, nachdem die Wohnungseigentümerin sich Sorgen zu machen beginnt. Sie finden die Schale zerscheppert vor, und wenige Tage später wird Philip ertrunken aus dem Kanal gezogen, und der Roman endet mit einem Zitat aus Kakuzo Okakura Das Buch vom Tee, in welchem es unter anderem auch um eine Form der Selbsthinrichtung geht.

Stil/Sprache/Form:

Cees Nooteboom schreibt in einem ruhigen, besonnenen Stil. Er vermeidet Extreme und besitzt in seinen Sätzen einen langen Atem. Sein Erzähler blickt nach vorn und zurück, distanziert sich, aber bleibt immersiv mit der Szenerie verbunden. Die Verbindlichkeit des Erzählens hält sich durch den Text hindurch und erzeugt eine stimmige, sich verknüpfende Atmosphäre:

Ohne es damals genau erklären zu können, wußte Inni bereits, daß er es hier mit dem Gestank des Todes zu tun hatte, einem Gefilde, aus dem man nicht wieder zurückfand, wenn man sich – vielleicht unglücklicherweise oder einfach aus Unachtsamkeit – erst einmal dorthin verirrt hatte.

Von der semantischen Seite pendelt der Text zwischen Dualismen hin und her: Glaube/Nichtglaube, Gott/Leere, Mann/Frau. Die Unversöhnbarkeit der Welt schlägt sich im Text durch Figuren nieder, die mehr einen Monolog als einen Dialog führen. Sie reden mit der Welt als anonymes Ganzes, so wie auch der Erzähler in die Anonymität hinein spricht und zu deuten beginnt. Nootebooms Figuren leben aneinander vorbei. Sie hinterlassen Spuren, aber diese Spuren haben weniger mit ihnen, als mit dem, auf dem sie Spuren hinterlassen, zu tun.

Er erhob sich, sah seine silberne Gestalt am Spiegel vorbeilaufen und zog sich an. »Ich will mich nicht an dich gewöhnen«, sagte Lyda, und es hörte sich an wie ein Tagesordnungspunkt auf einer Versammlung. Er winkte dem silbernen, plötzlich tränenüberströmten Fleck ihres Gesichts zu und ging hinaus auf die Straße mit den stillen, sich totstellenden Häusern voller schlafender Menschen.

Die Kontaktabbrüche vollziehen sich nahtlos. Der Schmerz bleibt stecken, verrennt sich und ein Labyrinth der Verzweiflung entsteht, aus dem sie nicht mehr herauskommen, anders als durch Selbstmord, Selbstgeißelung, Alkoholismus oder, wie Inni, durch Sexsucht, der sich in seine Partnerin flieht, sich versteckt, verkriechen will:

Am liebsten wäre er mit dem Kopf und dann mit allem übrigen in sie hineingekrochen und für immer dort geblieben. Nachdem aber alles vorbei war und sie wie eine neugeborene Schwester des Tutenchamun schlief, so fürchterlich still, als atme sie schon jahrhundertelang nicht mehr und als sei sie nicht kurz zuvor eine besessene, schreiende Närrin gewesen, da wußte er, daß er nichts über sein Schicksal erfahren hatte. Sie war so abwesend, wie er es all die Jahre gewesen war. Er stand auf und nahm eine Schlaftablette aus seinem Vorrat. Als er am frühen Mittag aufwachte, war sie noch die gleiche wie am Morgen, wie im vorigen und im vorvorigen Jahr – ein Morast der Perfektion, in dem jeder untergehen würde, der sich zu weit hineinwagte.

Mittelalterliche christliche, altägyptische, nubische und japanische Symbolik werden miteinander kombiniert, um eine Form der Sinnsuche zu bemühen, die notwendig scheitert, da das, woran geglaubt werden soll, nicht mehr existiert. Als Zuschauer in seinem eigenen Leben bleibt Inni allen Figuren fremd, als sei er nicht von dieser Welt – diese Fremdheit bewirkt Nooteboom durch viele Zitate, eingesprengte Verweise, als aus den Fugen geratener kultureller Kosmos, der bunt, aber leer erscheint.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Die religiösen Motive überwiegen derart, dass fast alle Namen, alle Anekdoten in die Tradition der Heilssuche, Eremitage und des Klausnerdaseins gehören. Arnold und Philip Taads leben zurückgezogen wie Mönche. Arnolds Hund heißt Athos wie die orthodoxe Mönchsrepublik. Rituale selbst sucht einen Ausgang aus diesem Labyrinth der Vergeblichkeit. Der Höhepunkt des Romans findet sich in der Beschreibung der Raku-Schale als mysteriöse Macht, die von dem japanischen Handwerk ausgeht:

Sie stand da auf ihrer Erhöhung, schwarz, leicht glänzend, rauh, auf einem Fuß, der für ihr Poids, was natürliches Gewicht bedeutet, allem Anschein nach zu schmal war. […] Sie stand da und existierte. Das war nur Semantik, aber wie sollte man es anders sagen? Daß sie lebte? Auch schon wieder ein Armutszeugnis. Bestenfalls hätte man vielleicht noch sagen können, daß dieser Topf, diese Schale – oder wie man diesen einsamen Gegenstand dort hätte nennen wollen – so aussah, als sei er oder sie spontan entstanden, nicht von Menschenhand geschaffen. Diese Schale war buchstäblich sui generis. Sie hatte sich selbst erschaffen. Sie herrschte über sich selbst und über diejenigen, die sie betrachteten. Man hätte vor dieser Schale ohne weiteres Angst bekommen können.

Die Welt der Materie, die Dynamik des Seins als Sich-Selbsterzeugung steht im Gegensatz zur intellektuellen und spirituellen Selbstvernichtung, die alle Figuren ob durch Alkoholismus, Extremsport oder mechanischen, selbstauferlegten Ritualen an sich vollziehen. Das Handwerk erscheint als Fremdes, das Tun, die Arbeit, die in dem Roman auch konsequent keine Rolle spielen. Sie finden keine Erwähnung, zumal Inni durch seine Goldreserven und Aktien seinen Lebensunterhalt bestreitet. In der vita contemplativa verlieren die Figuren allesamt ihren Sinn, sobald sie den Sex für Religion umtauschen wie Philip und Arnold:

In dieser Nacht träumte Inni von den beiden Taads. Der eine erfroren, der andere ertrunken, so erschienen sie am Fenster seines Schlafzimmers in einem Anfall unsinniger, barbarischer Fröhlichkeit, die Arme umeinander geschlagen, unhörbar johlend. Inni stand auf und lief zum Fenster, hinter dem nichts anderes zu sehen war als die schwankenden, skelettartigen, mit glänzendem Eis überzogenen Zweige der Bäume. Es gab somit unverkennbar zwei Welten: eine, in der die beiden Taads sich aufhielten, und eine, in der sie abwesend waren, und zum Glück befand er sich noch in der letzteren.

Rituale setzt Sex mit Glauben gleich. Sex ist das Heilsversprechen. Faktisch drei wichtige Szenen gestalten die Gleichsetzung: das Abendmahl wird zum Oralverkehr, als Petra, das Hausmädchen, Inni sein Sperma auf ihrer Zunge präsentiert, sowohl später bei der Messe ihm die Oblate ebenfalls auf ihrer Zunge zeigt; Petra, lateinisch für Berg, auf den sich Innis Glauben und Liebe baut, bezieht sich auf Petrus, zu dem Jesus sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“; und zuletzt die Beerdigung einer Taube, die seit dem Konzil von Nicäa den Heiligen Geist symbolisiert, die zum Sex mit einer fremden Studentin in Amsterdam führt. Die Gleichsetzung führt aber nicht zur Einlösung eines Heilsversprechen. Der Sex lenkt nur ab, amüsiert, tröstet über die Leere hinweg:

Diese Welt gab es erst einige tausend Jahre. Etwas war da gründlich schiefgegangen, und nun sollte es wieder von vorn anfangen. Die Treue gegenüber Gegenständen, Menschen oder sich selbst, die er im täglichen Leben zeigte, änderte nichts an dieser Erkenntnis. Das Universum kam recht gut ohne die Welt aus, und die Welt konnte vorerst recht gut ohne Menschen, Dinge und Inni Wintrop auskommen. Doch im Gegensatz zu Arnold Taads konnte er die Ereignisse ruhig abwarten. Schließlich konnte es noch weitere tausend Jahre dauern. Er hatte einen ausgezeichneten Platz im Saal. Das Stück war mitunter horrorgeladen, dann wieder lyrisch, ein Spiel der Verirrungen, zärtlich, grausam und obszön.

Die Ausweglosigkeit ähnelt sehr stark der Melancholie, die Gabriel García Márquez in Hundert Jahre Einsamkeit beschreibt. Auch dort findet ein allumfassender Niedergang statt, der sich individuell an allen Figuren vollzieht und nicht aufgehalten werden kann.

Nun blätterte er von neuem, um die Voraussagen zu überspringen und Tag und Umstände seines Todes festzustellen. Doch bevor er zum letzten Vers kam, hatte er schon begriffen, daß er nie aus diesem Zimmer gelangen würde, da es bereits feststand, daß die Stadt der Spiegel (oder der Spiegelungen) vom Wind vernichtet und aus dem Gedächtnis der Menschen in dem Augenblick getilgt sein würde, in dem Aureliano Babilonia die Pergamente endgültig entziffert hätte, und daß alles in ihnen Geschriebene seit immer und für immer unwiederholbar war, weil die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen.
Gabriel García Márquez aus: „Hundert Jahre Einsamkeit“

Der Unterschied, von der großen zur kleinen Form abgesehen, besteht darin, dass García Márquez das Außen im magischen Realismus im Text realisiert, eine Himmelsfahrt, eine Galeone inmitten des Dschungels, Geister, die unter Lebenden verkehren, wohingegen Nooteboom hier zur Dinglyrik eines Rainer Maria Rilke wie im Archaïscher Torso Apollos:

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke aus: „Neue Gedichte“

Dass Inni das mit dem Ändern seines Lebens nicht gelingt, wundert den Erzähler nicht. Die Welt fließt wie ein großer ruhiger Fluss an ihm vorbei, und manchmal gelingt es ihm, eine kurze Begegnung mit einer Frau zu genießen, die ihn alsbald wieder verlässt. Der Lebenswille bleibt, aber er reduziert sich auf die Erotik eines Liebes- und Reisedaseins aus den 1970er Jahren, deren hier und da durchbrechender Selbst- und Lebensüberdruss Cees Nooteboom mit Rituale ein befremdliches Denkmal geschaffen hat.

Vor wenigen Tagen ist Cees Nooteboom gestorben. Ich danke ihm für viele freundliche, erhellende, besänftigende Lektürestunden.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.

Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.

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