Institutionelle Gewalt in Romanen darzustellen ist nicht leicht. Die Sprache selbst, die Bewegung des Geschehens, ist ohne Bezugspunkt nicht zu denken. Dieser Bezugspunkt ist der Beobachter, die Beobachterin, die Ereignisse wiedergibt, Handlungen von Menschen an und gegen Menschen nacherzählt. Mit anderen Worten, die institutionelle Gewalt tritt hinter das Handeln. Die Machtstruktur, das was Michel Foucault das Dispositiv nennt, wird unsichtbar. Nur die Figuren treten auf, nicht die eingefahrenen Handlungsmuster, nicht die abgehärteten, kalten, toten Aktionen im Namen eines Prinzips, dem einzelne zum Opfer fallen. Bettina Wilpert versucht in Herumtreiberinnen die Konsequenz aus dieser Einsicht zu ziehen. Ihre Hauptfigur ist ein Gebäude, die Tripperburg in der Lerchenstraße in Leipzig, der Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Romans:
„Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen““ weiterlesenFatma Aydemir: „Dschinns“

Generationenkonflikte entstehen durch verschiedene Erfahrungsräume. Die jeweils sehr unterschiedlichen Erlebnisstrukturen spannen andere Bedeutungs- und Erwartungshorizonte auf. Dieselben Wörter und Gesten verweisen plötzlich, ohne dass die Beteiligten dies verstehen, auf Verschiedenes. Was früher „Arbeit“ gewesen ist, ist heute vielleicht keine mehr. Was früher „normal“ war, ist plötzlich fremd. Wie trotzdem Generationen zusammenleben und sich zusammenraufen, beschreiben Familienromane. Fatma Aydemirs Dschinns erzählt von einer türkischen Familie, die aus Emine, der Mutter, Hüseyin, dem Vater und den vier Kindern Ümit, Peri, Sevda und Hakan besteht.
„Fatma Aydemir: „Dschinns““ weiterlesenVielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen? Sind sie die Lücken, die das ganze Konstrukt am Ende zum Einsturz bringen werden? Oder sind sie die Luft, die wir zum Atmen brauchen, weil die Wahrheit, die ganze Wahrheit, unmöglich zu ertragen wäre?
Fatma Aydemir aus: „Dschinns“
Kalenderwoche 16: Lesebericht.

Ich habe mich entschlossen, einen wöchentlichen Lesebericht über meine gekauften, angelesenen und beendeten Bücher zu verfassen, um einerseits selbst einen Überblick zu behalten, andererseits bereits vorhandene Leseeindrücke zu geben, und zuletzt und möglicherweise insbesondere, um durch etwaige Kommentare, Vorschläge, Widersprüche, Anmerkungen und Assoziationen zum Mehrlesen und Anderslesen und Neulesen inspiriert zu werden. Manche Bücher lesen sich kommunikativ einfacher als in selbstgewählter Klausur.
„Kalenderwoche 16: Lesebericht.“ weiterlesenEmmanuel Carrère: „Yoga“

Rastlose Romane erscheinen gegenwärtig zuhauf. Der diesjährige Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse, Tomar Gardi, hat mit Eine runde Sache ein Hypergeschwindigkeitsroman hingelegt. Heinz Strunks Es war immer so schön mit dir fackelt nicht lang und schmeißt einen sofort mitten ins Geschehen. Florian Illies Liebe in Zeiten des Hasses jagt von einer VIP-Anekdote zur nächsten, und Michel Houellebecq macht mit der Welt und seinem Schreiben in Vernichten kurzen Prozess. Nun ist aber mit Yoga ein Roman von Emmanuel Carrère erschienen, der auf Langsamkeit aus ist. Macht sich Yoga also wirklich auf die Suche nach einer verlorenen Besinnlichkeit in Zeiten von Bits und Bytes oder zelebriert es doch nur unter dem Deckmantel der Zurückgezogenheit eine Esoterik im Schweinsgalopp?
„Emmanuel Carrère: „Yoga““ weiterlesenOrhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“

Der neue Roman von Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger aus dem Jahr 2006, bewegt sich in einem vieldiskutierten und mehrdimensionalen Spannungsfeld: Er thematisiert wie Emine Sevgi Özdamar in Ein von Schatten begrenzter Raum das Zusammenleben von Griechen und Türken auf den Inseln der Ägäis. Er geht den Tiefen und Untiefen einer Pandemie nach und gleicht in vielerlei Hinsicht Steffen Kopetzkys Monschau. Er untersucht außerdem die Liebe und die Probleme, die sich in der Fremde ergeben, wie Leïla Slimani in Das Land der Anderen. All dies und mehr, nämlich auch Reflexionen über Geschichtsschreibung als solche, verhandelt Die Nächte der Pest mit dem Nacherzählen der Ereignisse auf Minger im Jahre 1901, einer fiktiven Insel im Mittelmeer, die Pakize Sultan, Nichte des damals amtierenden Sultans des Osmanischen Reiches Abdülhamid II., und ihr Ehemann und Quarantänearzt Doktor Nuri besuchen:
„Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest““ weiterlesenNoch vor der Gründung von Arkaz sei vor der Bucht ein Schiff auf einen Felsen aufgelaufen, und die Menschen, die sich ans Ufer gerettet hätten, seien die Vorfahren der heutigen Mingerer gewesen. Die Insel habe ihnen sehr gefallen, mit ihren Felsen, Quellen, Wäldern und dem Meer, und sie hätten sie sich als neue Heimat auserkoren. Damals habe es in den Flüssen noch grüne Äschen und rot gepunktete Krebse gegeben, in den Wäldern seien farbene Störche und blaue Schwalben geflogen, die im Sommer nach Europa zogen.
Orhan Pamuk aus: „Die Nächte der Pest“
Tomer Gardi: „Eine runde Sache“

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (2/5): Tomer Gardis Roman Eine runde Sache erweist sich als janusköpfiges Formexperiment, das Verwirrung stiftet. Eine spoilerfreie Zusammenfassung wird gegeben und anschließend Gardis Stil analysiert. Es ergeben sich viele Zitate und Parallelen zu Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und den Märchen der Gebrüder Grimm, so dass Eine runde Sache wie eine literarische Improvisation aufs Fremde und Vertraute, auf das Verwenden einer bekannten Form für einen unbekannten Inhalt erscheint.
„Tomer Gardi: „Eine runde Sache““ weiterlesenAlois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter“

Kriege ziehen viel mehr in Mitleidenschaft als nur die oberflächlichen Zerstörungen und Verwüstungen und Verletzungen. Sie erschüttern Vertrauen, zwischenmenschliche Verhältnisse bis in die letzten Fasern und Fibern des Seins hinein. Untersucht Stefanie vor Schulte in „Junge mit schwarzem Hahn“ die unmenschlichen Gewaltverhältnisse während des Dreißigjährigen Krieges, so analysiert Susanne Abel in „Stay away from Gretchen“ die Problematik der während der Besatzung durch die Alliierten gezeugten Kinder im Nachkriegsdeutschland und Edgar Selge in „Hast du uns endlich gefunden“ die Wirkungen und Zerrüttungen des Krieges auf die familiären Verhältnisse, auf die Beziehung eines Sohnes zu seinem gewalttätigen Vater. Alois Hotschnigs Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ eröffnet hier eine weitere Perspektive auf die Schrecken des Krieges und entwickelt diese entlang der Beziehung einer Mutter zu ihrem gewollt/ungewollten Sohn.
„Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter““ weiterlesenYasmina Reza: „Serge”

Wie ein Treppenwitz der Literatur erscheint dreizehn Tage nach der Veröffentlichung von Michel Houellebecqs „Vernichten“ der Roman „Serge“ von Yasmina Reza als direkte, indirekte, aber in jedem Falle eng bezogene, wahrscheinlich aber unfreiwillige Antwort auf Houellebecqs semi-aktuelle Gegenwartsanalyse. Beide Romane behandeln ein in sich konfligiertes Familiengeflecht im heutigen Frankreich: Generationen, die sich nicht verstehen, die sich aber um Verständnis bemühen, denen aber die Sprache, die Kommunikationsmodi abhandengekommen sind. Protagonist in beiden Romanen ist ein Mann jenseits der Vierzig. In „Serge“ heißt er Jean, besucht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist von Beruf Experte für Materialleitfähigkeit und kümmert sich gern um Luc, den Sohn seiner Ex-Freundin Marion:
„Yasmina Reza: „Serge”“ weiterlesenJessica Lind: „Mama“

Eine Hütte, verlassen im Wald, ohne Kontakt zur Außenwelt, ein Pärchen auf den Spuren der Vergangenheit – aus diesem Stoff werden für gewöhnlich Horror-Romane gezimmert. Keine Hilfe weit und breit, auf sich allein gestellt, mit den eigenen Urängsten, Schwächen und Hoffnungen konfrontiert, gerät für die Figuren in diesen Machwerken schnell alles außer Kontrolle. Ein bekanntes Beispiel stellt Stephen Kings „Shining“ (Hotel statt Hütte) und „Das Spiel“ dar, die nichts für zartbesaitete Gemüter sind. Jessica Linds Roman „Mama“ ist es auch nicht. Nur aus andersgearteten Gründen. Verbreitet Stephen King in seinen erbarmungslosen Schockern, die noch nach Jahren Gänsehaut der unangenehmen Sorte erzeugen, mit etwas billigen, aber wirksamen literarischen Mitteln Horror, gelingt Lind dies ohne jedwede Abartigkeiten. Lind schreitet vielmehr den schmalen Grat der eigenen Zivilisiertheit ab, gerät aber hier und da aus dem Gleichgewicht und lässt einen teilweise übers Unheimliche und Bodenlose taumeln, mit rudernden, ausgebreiteten Armen einer sinnlos gewordenen Sinnsuche. Lesend bleibt man in ständiger Angst um Josef und Amira und ihre Tochter Luise befangen, um jene Familie, die sich in der besagten Hütte von ihrem Stadtleben zu erholen sucht.
„Jessica Lind: „Mama““ weiterlesenFernanda Melchor: „Paradais“
Bücher, die im Grunde aus Rhythmus, Sprachfreude und einem bandwurmartigen Formexperiment bestehen, lassen sich nur mit Mühe herkömmlichen Kategorien zuordnen. „Paradais“ von Fernanda Melchor gehört zu diesen Texten und lässt sich, beinahe, in einem Atemzug mit einer Lesezeit von etwa 90 Minuten durchlesen, in etwa einer Spielfilmlänge. Ist es also ein Film als Buch? Ein mexikanischer Coming-of-Age-Roman, ein Splatter-Machwerk, Thriller, eine Quentin Tarantino-Variante, bestehend aus Schimpfwörtern, Obszönitäten, ordinären Tiraden, durchsetzt von Fäkalien- und Sexmanierismen? Oder einfach der Versuch, den Dschungel spätpubertärer Jünglingsallüren mal ungeschönt und unverharmlost, nicht wie in Hermann Hesses „Demian“, in Worte zu gießen, der Gefahr der rasenden Ungeduld nackt ins furchterregende Auge zu sehen, um eine Rettung zu erahnen, wie der Ich-Erzähler in Edgar Allan Poes „Hinab in den Malstrom“?
„Fernanda Melchor: „Paradais““ weiterlesen


