Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Wortkarg und desillusioniert über Leipziger Gewaltwelten

Institutionelle Gewalt in Romanen darzustellen ist nicht leicht. Die Sprache selbst, die Bewegung des Geschehens, ist ohne Bezugspunkt nicht zu denken. Dieser Bezugspunkt ist der Beobachter, die Beobachterin, die Ereignisse wiedergibt, Handlungen von Menschen an und gegen Menschen nacherzählt. Mit anderen Worten, die institutionelle Gewalt tritt hinter das Handeln. Die Machtstruktur, das was Michel Foucault das Dispositiv nennt, wird unsichtbar. Nur die Figuren treten auf, nicht die eingefahrenen Handlungsmuster, nicht die abgehärteten, kalten, toten Aktionen im Namen eines Prinzips, dem einzelne zum Opfer fallen. Bettina Wilpert versucht in Herumtreiberinnen die Konsequenz aus dieser Einsicht zu ziehen. Ihre Hauptfigur ist ein Gebäude, die Tripperburg in der Lerchenstraße in Leipzig, der Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Romans:

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Jenny Erpenbeck: „Kairos“

Eine „Ästhetik des Widerstandes“ der Gegenwart … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Die Nacherzählungen allgemeiner Geschichte enden allzu oft in sehr nüchternen, fragmentierten, blitzlichtartigen Zusammenstellungen und Kollagen von Ereignissen, die entweder weitestgehend bekannt sind oder unbekannt im Zusammenhang mit solchen stehen. Ein Beispiel ist Gerd Loschütz und sein Rechercheroman „Besichtigung eines Unglücks“ oder Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, oder klassisch unwiederholbar in Trockenheit und Masse und Detailreichtum Thukydides „Der Peloponnesische Krieg“.  Geschichte, ob als Kollage oder Roman, lebt von Details, von vielen winzigen Einsprengseln verdichteter Temporalisierungsbemühungen. So auch Jenny Erpenbecks neuester Roman „Kairos“, benannt nach dem rechten Maß, die gute Gelegenheit, dem günstigen Augenblick. In ihrem Roman findet sie tatsächlich die Balance, das richtige Maß zwischen Persönlichem und Allgemeinem, zwischen Intimen und Politischen, zwischen Zeitgeschichte und Alltag eines mittlerweile verschwundenen Staates: die DDR.

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Maxim Biller: „Der falsche Gruß“

Über Lügen im außerliterarischen Sinne … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

In der Wahl der Erzählposition steckt der Schlüssel zu einem jeden geschriebenen Werk. Es gibt derer nicht sehr viele. Da wäre der allwissende Erzähler, der von weit entfernt auf die Handlung herabsieht, die Figuren durchschaut und sie entlarvt. Da wäre das personale Erzählen, das sich von außen in die Perspektive einer Figur hineinfühlt, ohne diese Figur jedoch entblößen zu können. Das Erzählen bleibt auf Distanz. Da wäre auch das Ich-Erzählen, in welcher ein Text für ein Ich gesprochen, geschrieben wird. Diese Ich-Erzählung kennt zumeist keine Distanz. Sie steht in der Fülle der Eindrücke, aber in einer unbekannten Welt, während das personale oder allwissende Erzählen das Ich nicht kennt, aber die Welt. Maxim Billers neuester Roman „Der falsche Gruß“ ist aus einer schizophrenen Ich-Perspektive geschrieben. Er will die Welt und das Ich zugleich erkennen und in Szene setzen und scheitert deshalb, bereits erzähltechnisch, an beidem.

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