Jennette McCurdy: „Half his age“

Half his age von Jennette McCurdy. New York Times #1 Bestseller.

Half his age heißt der Debütroman von Jennette McCurdy, die bereits mit ihren Kindheitsmemoiren I’m glad my mom died auch im deutschsprachigen Raum in Erscheinung getreten ist. Reflektiert sie in ihren Memoiren über ihr offenkundig eher problematisches Verhältnis zur eigenen Mutter, die sie wohl in die Rolle eines Kinderstars gedrängt hat, arbeitet sie in Half his age eher das Erwachen des Selbstbewusstseins einer Jugendlichen auf, der siebzehnjährigen Waldo, die in Anchorage lebt und dort ein normales Dasein als weißes Unterschichtskind führt. Half his age wird durch die Beziehung Waldos zu einem über vierzig Jahre alten Kreatives-Schreiben-Lehrer skandalträchtig rezipiert und in die Nähe von Vladimir Nabokovs Lolita gerückt. Die genauere Lektüre zeigt diese Parallele einer invertierten Lolita-Situation aber als fehlgeleitet. Weder fühlt sich Waldo als Opfer noch objektiviert sie ihren Lehrer noch wird irgendjemand fürs Leben gezeichnet, entführt oder getötet. Waldo verknallt sich einfach:

Nein, hier steht jemand, der der enttäuschenden Wahrheit, wie sein Leben verlaufen ist, direkt ins Auge gesehen hat und der bereit ist, das offen und verletzlich zuzugeben. Ich mustere Mr. Korgys dünner werdendes Haar und die Poren auf seiner Nase. Die geplatzten Blutgefäße, die um seine Nasenlöcher herum aufblühen, die weiche Kontur seines Kiefers und die Falten um seine Augen. Seine sogenannten unattraktiven Eigenheiten, die mich aber so anziehen. Und es ist die reine Folter. Es ist berauschend. Unvermeidlich. Diese Art von Anziehung ist es. Die Art, bei der man sich völlig sicher ist, dass es dazu kommen wird, nur weiß man noch nicht, wie.
Jennette McCurdy aus: „Half his age“

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Thomas Pynchon: „Schattennummer“

Schattennummer von Thomas Pynchon. SWR-Bestenliste 11/2025.

Schattennummer (2025) heißt der neueste Roman von Thomas Pynchon, dessen erster Roman V. 1963 erschien und dessen Hauptwerk 1973, Die Enden der Parabel, von Elfriede Jelinek übersetzt worden ist, und der für seine postmoderne Schreib- und Erzählweise bislang viel Lob und Kritik im Laufe seiner zehn erschienenen Romane geerntet hat. Pynchons Romane zeichnen sich durch äußerste ausgedehnte erzählerische Freiheit aus, die mittels jeden Rahmen sprengende Assoziationsform die Digression als ästhetisches Moment zu etablieren sucht. Bevorzugt siedelt er sie im Bereich der hardboiled Szene an, nüchterne, zwischen Legalität und Kriminalität in Großstädten hin und her changierende, Spionage- und Agenten- und Doppelagenten-Existenzen. In diesem Fall heißt die Hauptfigur Hicks McTaggart, Prügler des Kapitals, der nach friedlicheren Beschäftigungsfeldern sucht und in eine dubiose korrupte Zwischenwelt gerät:

Später wird Hicks bewusst, dass er tatsächlich wütend genug war, um diesen vieräugigen Störenfried auszulöschen und da liegenzulassen, wo er eben gerade fiel, ein weiteres unglückliches Opfer einer gescheiterten Beziehung zwischen Tarifpartnern. Der blasse Fleck seines Gesichts, dessen Blick nach oben gerichtet ist, wo der bleigefüllte Biberschwanz – aus MPD [Milwaukee Police Department]-Beständen, wenn auch genau genommen nicht legal – jetzt sein müsste … nur dass Hicks ihn in diesem Augenblick seltsamerweise irgendwie nicht hat, trotzdem aber fortfährt, blindlings mit der Rückhand dorthin zu schlagen, wo er den Kopf des anderen zuletzt zu sehen geglaubt hat, jedoch nichts trifft, offenbar weil der Totschläger, den er eben noch in der Hand zu halten meinte, nicht mehr da ist. Der Schwung reißt ihn mit, er verliert das Gleichgewicht, taumelt, fällt beinah hin … und bis er wieder normal ist, hat sich etwas auf geheimnisvolle Weise verändert.
Thomas Pynchon aus: „Schattennummer“

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