Saša Stanišić‘ Buch mit dem sehr langen Titel Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne reiht sich ein in die inhaltliche Kategorie Prekäre Kindheit, gesellt sich also zu bspw. Tijan Silas Radio Sarajevo und Necati Öziris Vatermal, lässt sich aber auch als eine komödiantische Gegenwartsverarbeitung verstehen, also im Sinne von Heike Geißlers Die Woche und Barbi Marković‘ Minihorror als Aktivistisches Agitprop. Um einen klassischen Roman handelt es sich bei Stanišić‘ Buch jedenfalls nicht. Narrative Elemente fehlen fast völlig. Literaturgeschichtlich nähert es sich dem Buch Deutschland, Deutschland über alles an, das Kurt Tucholsky zusammen mit Jean Heartfield 1929 herausgebracht hat. Viele kleine Szenen werden lose aneinander montiert:
„Saša Stanišić: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne““ weiterlesen»Ohne Plan ist sowieso am geilsten«, sprach Nico die große Wahrheit aus und lehnte sich zurück, weil man das so tat, nachdem man eine große Wahrheit ausgesprochen hatte in den Weinbergen. Faith lehnte sich auch zurück und Piero auch, ich lehnte mich auch zurück, und dann lehnte sich, ohne Scheiß, das komplette Neckartal zurück, kurz knirschte der Horizont.
Saša Stanišić aus: „Möchte die Witwe angesprochen werden …“
