Antje Rávik Strubel: „Der Einfluss der Fasane“

Der Einfluss der Fasane von Antje Rávik Strubel. SWR Bestenliste 05/2025.

Der Einfluss der Fasane spielt im Berliner Journalismus- und Kulturbetrieb und thematisiert das problematische Wechselspiel von Macht, Einflussnahme, Ruhm und Aufmerksamkeitsgier in diesen Bereichen. Antje Rávik Strubels Roman behandelt den Stoff Öffentliches Miteinander und als Plot Umgarnte Machtmenschen. Er steht hiermit im engen Zusammenhang zu Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Alfred Anderschs Efraim und Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Strubels Trubel findet in Berlin statt. Die Hauptfigur heißt Hella Renata Karl:

Im Mittelpunkt zu stehen; diesen Ehrgeiz hatte Hella nie besessen. […] Aber sie hatte, da war sie ehrlich, eine satte Niederlage [durch Kai Hochwerth] eingesteckt. Die Demütigung empfand sie hinterher noch stärker. Und als das Gefühl der Demütigung nachließ, begehrte sie auf. Sie beschloss, sich dieses Verhalten abzuschauen und es gelegentlich zu nutzen. Denn so war sie, Hella Renata Karl. Sie ließ sich von niemandem unterbuttern. Ein solches Ausagieren von Macht, so viel hatte sie verstanden, vergrößerte die Macht.
Antje Rávik Strubel aus: „Der Einfluss der Fasane“

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Heinrich Mann: „Der Untertan“

Der Untertan von Heinrich Mann. Wilhelminisches Gruselkabinett ersten Ranges.

Der Untertan von Heinrich Mann gehört zu den bekanntesten Satiren der deutschsprachigen Literatur. Neben Jean Paul in Siebenkäs, Karl Kraus in Die Dritte Walpurgisnacht und Erich Kästner in Fabian – Die Geschichte eines Moralisten verwendet auch Mann diese literarische Form als ästhetisches und soziales Korrektiv, bestimmte herrschende Zustände anzuprangern. In Der Untertan wird der wilhelminische Geist der Jahrhundertwende karikiert und konnte, obzwar bereits 1914 beendet, wegen der Schärfe der Kritik und Polemik erst 1918 nach Aufhebung der kaiserlichen Zensur erscheinen, traf sodann jedoch den Zeitgeist und avancierte zu einem der erfolgreichsten Nachkriegsromane mit einer Auflage bis 1931 von über 260000 Exemplaren1. Heinrich Manns Satire überzog das bereits untergegangene Kaisertum nochmals mit beißender Häme:

Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor — und sie sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie, indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Heinrich Mann aus: „Der Untertan
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Viktor Gallandi: „Kaspar“ (Das Debüt 2023)

Kaspar von Viktor Gallandi …   Shortlist von Das Debüt-Bloggerpreis 2023.

Nicht nur die Musik beheimatet das Quodlibet. Auch die Literatur kennt es. Das Quodlibet stellt musikalisch ein scherzhaftes Musikstück da, in dem verschiedene Melodien zeitgleich erklingen und im Spiel und Übereinandergehen etwas Unerwartetes erzeugen können. In seiner schlichtesten Form nennt es sich Medley. In der Literatur lässt sich das Gleichzeitige weniger gut realisieren, durch die lineare Rezeptionsform, und so besteht das Quodlibet hier darin, dass scherzhafte Dichtungselemente durch inkohärente Kombinationen überraschende Wirkungskraft entfalten. Der barocke Schelmenroman und die frühneuhochdeutschen Pastorellen illustrieren dieses Verfahren. Neuerdings tauchen vermehrt Quodlibets auf dem Literaturmarkt auf: Jan Faktors Trottel, Necati Öziris Vatermal, Tomer Gardis Eine runde Sache oder nun Viktor Gallandis Debütroman Kaspar:

Wie man sieht, fällt es in der Lage, in der ich mich zu befinden behaupte, schwer, den Dingen Eigenschaften zuzuschreiben, die man nicht auch einem Nichtding zuschreiben könnte, und umgekehrt. Das macht natürlich nichts. Meine Empfindsamkeit soll eine sein, die sich nicht an Maß und Maßgeblichkeit zu halten braucht, eine schrankenlose, in alle Richtungen und in sich selbst offene, die den Sternen den Schweiß auf das Gestirn treibt, geoffenbart vor einer überkommenen Leere, unendliche Einfaltung in die zum Nonsens verdichtete Subjektivität.

Viktor Gallandi aus: „Kaspar“
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Benjamin Labatut: „Maniac“

Maniac von Benjamin Labatut … Krachend,
fesselnd, explosiv
substanzlos.

Die Wissenschaft als hintergründiges Schema, das unsere Welt beherrscht, der sprichwörtliche Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr loswird, die er gerufen hat, beschäftigt die Literatur in vielen Formen. Zumeist wird die der Biographie gewählt, eine Persona inszeniert, die die Welt auf seinen Schultern trägt, verantwortlich zeichnet und sowohl Fortschritt wie Angst vor der eigenen Courage vereinigt. Dietmar Daths Gentzen oder: Betrunken aufräumen oder Dirac stehen für eine solche Literatur Pate; auch Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt, oder Steffen Schroeders Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor. Benjamin Labatut legt nun mit Maniac einen weiteren Versuch vor, in welchem es unter anderem um Johann (John) von Neumann geht:

Zum Dank, dass ich [Theodore von Kármán] mich für ihn eingesetzt hatte, schickte mir von Neumann seine Dissertation. Sie hätte nicht ehrgeiziger sein können. Er trachtete nach dem Heiligen Gral. Von Neumann hatte sich vorgenommen, die reinsten und grundlegendsten Wahrheiten der Mathematik zu finden und als unanfechtbare Axiome auszudrücken, Aussagen, die nicht widerlegt werden könnten und die widerspruchsfrei wären, Gewissheiten, die niemals verblassten oder entstellt würden und somit – einer Gottheit gleich – zeitlos wären, unwandelbar und ewiglich.

Benjamin Labatut aus: „Maniac“
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Tomer Gardi: „Eine runde Sache“

Heimatlos zwischen Goethe und Thomas Mann … Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (2/5): Tomer Gardis Roman Eine runde Sache erweist sich als janusköpfiges Formexperiment, das Verwirrung stiftet. Eine spoilerfreie Zusammenfassung wird gegeben und anschließend Gardis Stil analysiert. Es ergeben sich viele Zitate und Parallelen zu Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und den Märchen der Gebrüder Grimm, so dass Eine runde Sache wie eine literarische Improvisation aufs Fremde und Vertraute, auf das Verwenden einer bekannten Form für einen unbekannten Inhalt erscheint.

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