Der Einfluss der Fasane spielt im Berliner Journalismus- und Kulturbetrieb und thematisiert das problematische Wechselspiel von Macht, Einflussnahme, Ruhm und Aufmerksamkeitsgier in diesen Bereichen. Antje Rávik Strubels Roman behandelt den Stoff Öffentliches Miteinander und als Plot Umgarnte Machtmenschen. Er steht hiermit im engen Zusammenhang zu Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Alfred Anderschs Efraim und Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Strubels Trubel findet in Berlin statt. Die Hauptfigur heißt Hella Renata Karl:
Im Mittelpunkt zu stehen; diesen Ehrgeiz hatte Hella nie besessen. […] Aber sie hatte, da war sie ehrlich, eine satte Niederlage [durch Kai Hochwerth] eingesteckt. Die Demütigung empfand sie hinterher noch stärker. Und als das Gefühl der Demütigung nachließ, begehrte sie auf. Sie beschloss, sich dieses Verhalten abzuschauen und es gelegentlich zu nutzen. Denn so war sie, Hella Renata Karl. Sie ließ sich von niemandem unterbuttern. Ein solches Ausagieren von Macht, so viel hatte sie verstanden, vergrößerte die Macht.
Antje Rávik Strubel aus: „Der Einfluss der Fasane“
Inhalt/Plot:
Kai Hochwerth und Hella Renata Karl haben ein Ding am Laufen. Beide streben nach Höherem, beide wollen im Kunst- und Kulturbetrieb der Hauptstadt Karriere machen und sich gegen ihre Konkurrenz durchsetzen, um ihren Einflussbereich zu erweitern: Kai im Bereich des Theaters, Hella im Feuilleton einer großen und alteingesessenen Tageszeitung. Doch Kai zieht Hella zuerst davon. Seine Machtmenschlichkeit erlaubt es ihm. Er schaltet und waltet in seinem Theater nach Belieben. Diese Selbstherrlichkeit zieht Hella, die Kai Hochwerths Schattenseite sehr wohl sieht und auch selbst zu spüren bekommen hat, dennoch an, sowohl intellektuell wie sexuell:
An den höchsten Punkten der Kurve [des gegenseitigen Respekts] hatte Hella, das musste sie sich eingestehen, Hochwerth sogar vor anderen verteidigt. Sie hatte seine Courage bewundert, seinen freien Geist. […] Er nahm sie wahr, wo immer sie sich auch nur ansatzweise zeigte. Weshalb er Hella gegen ihren Willen doch gefiel, auch wenn sie das nie gesagt hätte. Nach Begegnungen mit Hochwerth, das verheimlichte sie T, war sie jedes Mal nass.
Doch dann überzieht Hochwerth sein Blatt, und Hella sieht ihre Chance. Als eine Schauspielerin, die für die Hauptrolle in Frank Wedekinds Theaterstück Lulu vorgesehen ist, schwanger wird, empfiehlt er ihr, das Kind abzutreiben. Hella veröffentlicht diese Übergriffigkeit, und das Kartenhaus von Kai Hochwerths Harem an seinem Theater bricht zusammen. Er wird gefeuert, und nun steht Hella auf ihrem Zenit. Sie hat ihren Gegner, ihr Vorbild, aus dem Weg geräumt. Hochwerth muss Berlin verlassen, seiner Partnerin, einer Opernsängerin, nach Sydney nachreisen, wo, und so beginnt Der Einfluss der Fasane, Hochwerth überraschenderweise Selbstmord begeht. Hella erreicht die Nachricht und ist mit einem Schlag erschüttert, amüsiert, erregt und entsetzt:
[…] Aber so war sie, Hella Renata Karl. In Wirklichkeit wünschte sie niemandem den Tod. Sie ließ sich aber auch von niemandem unterbuttern.
[…] So war sie, Hella Renata Karl. Sie kam dem Schicksal zuvor.
[…] Denn so war sie. Hella Renata Karl. Sich selbst jederzeit dicht auf der Spur.
[…] Sie hatte Bedeutendes im Sinn. Hella Renata Karl. An ihr würde sich das Leben abarbeiten müssen. Abrackern. Sie würde sich ihm einprägen, diesem Leben; ein großspuriger Gedanke, der in der Hektik der Redaktionsroutine schnell verflog.
Als Satire mit Nervenkitzel angelehnt, verbringt Hella Tage des Höhenfluges und der Selbstreflexion, ein Auf und Ab zwischen Bescheidenheit, Scham, Selbstkritik und Größenwahn, indes hier und da das Krächzen der Fasane in der Dämmerung erklingt, ein unheimliches Zittern und Rascheln im Unterholz, das nichts Gutes verspricht und Hella das Fürchten lehrt, zumal ihre Beziehung zum langjährigen Partner T. das verflixte siebte Jahr erreicht hat und die Zeichen auf Veränderung stehen:
Und während sie mit einer Hand die Blüten streifte, dachte Hella, dass es immer die Worte waren, die Namen, die einem Dinge so tief ins Herz einwurzelten, dass man sie schließlich liebte. Wie diese Früchte. Wie T. Wie die Abende im Frühling. Die Dämmerung, die wie eine große unerfüllbare Erwartung war, bevor sich alles zur dichten Masse der Nacht verschloss. In nächster Nähe krächzte ein Fasan. Doch als sie sich in Richtung des Geräusches bückte, war am schon dunklen Boden nichts zu sehen.
Ausführliche Inhaltsangabe [Spoiler!] findet sich hier.
Stil/Sprache/Form:
Der Einfluss der Fasane gehört eindeutig dem Genre des satirischen Romans an. Dieser zeichnet sich durch erhöhte Zeitgebundenheit aus, indem er besondere Diskurse, typische Personalien, Muster eines Zeitausschnitts isoliert und holzschnittartig bis zur Persiflage übertreibt und so sichtbar werden lässt. Satire in diesem Sinne dient als Lupe, als eine Art Erkenntnisinstrument, das durch Übertreibung und Überdehnung, unfaire Beschreibungen, etwas, was sonst droht zu verschwimmen, herausarbeitet und zu Bewusstsein bringt. Theodor W. Adorno fasst das in Minima Moralia wie folgt:
[Der Gedanke] spricht eben dadurch genau das aus was ist, daß es nie ganz so ist, wie er es ausspricht. Ihm ist wesentlich ein Element der Übertreibung, des über die Sachen Hinausschießens, von der Schwere des Faktischen sich Loslösens, kraft dessen er anstelle der bloßen Reproduktion des Seins dessen Bestimmung, streng und frei zugleich, vollzieht.
Theodor W. Adorno aus: „Minima Moralia“
Pointierter fasst er es in Bezug auf die Psychoanalyse:
An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.
Theodor W. Adorno aus: „Minima Moralia“
Strubel hat mit Hella Renata Karl eine überzogene Figur ins Rampenlicht gezogen und quält sie dort. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, fühlt sie sich berufen, unter den Reichen und Schönen mitzumischen. Wie Hochwerth muss sie ihren dialektalen Einschlag übertünchen, ihre Manieren anpassen, ihre Impulsivität zügeln. Sie gibt sich alle Mühe, und der Spannungsbogen des Romans Der Einfluss der Fasane liegt in der Frage, ob Hella dem nahenden Untergang von der Schippe zu springen vermag. Der Duktus, den Strubel hierbei anschlägt, vermischt erlebte und innere Rede, verunklart Dialoge, Gedanken, Reminiszenzen und legt so eine gewisse Unschärfe um Hella, die leider im starken Kontrast zur Satire als solche steht, die übertreibt und nicht verwischt.
Die Sonne kam direkt von vorn. Sie klappte die Blende herunter. In Gedanken versuchte sie, ein gerechtes Bild von Kai Hochwerth zu skizzieren. Scheidungskind. Aufgewachsen im Neubauviertel einer Kleinstadt. Einfache Verhältnisse. Brandlöcher im Sofa, Alkis vor dem Kiosk, geborstene Stromkabel, morgendliche Randale. Vater Schlosser. Mutter mit Ambitionen, aber ohne die Mittel. Geldnot. Ehrgeiz. Abendschule. Das alles unterschied sich nicht so sehr von ihrem eigenen Hintergrund, dachte Hella, wobei der Vergleich einen unerfreulichen Schatten auf ihre Hirnhaut warf.
Die Satire würde Hochwerth als Machtmenschen ohne Fehl und Tadel inszenieren, der an seinem eigenen Größenwahn zerbricht, nicht aber ihn psychologisierend verunklaren und mit der Metapher eines Schattens auf der Hirnhaut als Allegorie ins Leere heben. Strubel bleibt syntagmatisch zu unentschieden, schwankt zwischen sympathisierend und ablehnend in einem Rundumgemisch, das seinen Fokus sucht und nicht findet, als dass die Satire durchschlüge. Vielmehr zieht sie einfach ihre Heldin ins Lächerliche:
Sie trat die Flucht nach vorne an. »Frau Bundeskanzlerin«, sagte sie und platzte mitten ins Gespräch. »Frau Bundeskanzlerin, in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren waren Sie ein großes Vorbild für viele von uns. Eine Weichenstellerin. Sie haben das Erscheinungsbild eines Machtmenschen, sein Auftreten, sein Gebaren, entscheidend geprägt. Nein, revolutioniert! Nicht nur in Deutschland, sondern bis hoch auf europäische Ebene. Dabei hatten Sie es nicht leicht. Sie kamen von woanders, von drüben, von unten, wenn wir ehrlich sind. Aber Sie haben sich gegen alle Widrigkeiten zur Wehr gesetzt. Sie haben sich durchgebissen. Auf weise Weise. Wie eine Wölfin! Eine Walküre. Eine wackere Weltenwandlerin. Eine wehrhafte Wespe. Eine whitch. Eine Www–« Erschöpft brach Hella ab. […] Es war leer um sie geworden.
Strubel lässt von Szene zu Szene Hella knallhart ins offene Messer laufen, wie hier bei einem Empfang im Bundeskanzleramt, als bereits ihre Beurlaubung die Runde gemacht hat und sie dennoch in die Offensive meint gehen zu können. Unklar, bspw., bleiben auch solche Details wie Hellas schlechtes Englisch, das auf Schritt und Tritt betont wird wie im Zitat auch in der Rechtschreibung („whitch“). Unklar auch die Sexbesessenheit von Hella und ihre herabwürdigende Art gegenüber ihren Untergegebenen.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Was unterscheidet Der Einfluss der Fasane von anderen medienkritischen Büchern wie Noch wach? von Benjamin v. Stuckrad-Barre, Fegefeuer der Eitelkeiten von Tom Wolfe oder eben das, zumindest in der deutschsprachigen Literatur paradigmatische Die verlorene Ehre der Katharina Blum? Es ist vor allem der schwankende, unklare, die Hauptfigur ins lächerlich ziehende Ton wie ihn Heinrich Mann in Der Untertan praktiziert hat oder Erich Kästner in Fabian – Die Geschichte eines Moralisten. Das Problem liegt also daran, dass die Hauptfigur selbst Schuld an der Praxis trägt, die das Buch anprangert, wodurch das, was schief läuft, unvermeidlicher Weise durch den Akteur, Diederich Heßling, Fabian, oder hier Hella, als vermeidbar erscheinen muss. Konsequenter geht Böll vor, denn Katharina Blum gerät in die Medienmühle eines Sensationsjournalismus, der ihr den Boden unter den Füßen wegzieht:
Als erstes nachweisbares Opfer der undurchsichtigen, immer noch auf freiem Fuß befindlichen Katharina Blum kann man jetzt ihre eigene Mutter bezeichnen, die den Schock über die Aktivitäten ihrer Tochter nicht überlebte. Ist es schon merkwürdig genug, dass die Tochter, während ihre Mutter im Sterben lag, mit inniger Zärtlichkeit mit einem Räuber und Mörder auf einem Ball tanzte, so grenzt es doch schon ans extrem Perverse, dass sie bei dem Tod keine Träne vergoss. Ist diese Frau wirklich nur “eiskalt und berechnend”? Die Frau eines ihrer früheren Arbeitgeber, eines angesehenen Landarztes, beschreibt sie so: “Sie hatte so eine richtig nuttige Art.”
Heinrich Böll aus: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“
Weder werden Chefredakteure noch Gespräche zwischen Reportern erwähnt. Die Berichterstattung der sogenannten ZEITUNG wirkt wie ein Verhängnis, das Blums Leben zerstört, ohne dass die gemeldeten Sachverhalte mit den Ereignissen in ihrem Leben in irgendeinem Zusammenhang stünden. Sie entstehen aus reiner Sensationslust und zerstören ihr Leben so weit, dass sie sich zu drastischen Vergeltungsmaßnahmen gezwungen sieht. Anders aber bei Hella Renata Karl in Strubels Der Einfluss der Fasane. Dort wird keine klare Linie gezogen. Es gibt keine ordnende auktoriale Erzählinstanz. Es bleibt alles unklar bis auf die Machtansprüche Kais und Hellas.
Coup, das wusste sie, kam aus dem Lateinischen. Das Wort ging auf den Faustschlag, die Ohrfeige zurück. Der gesamten öffentlichen Meinung würde sie eine Ohrfeige erteilen. Eine Klatsche. Einige Leute würden abgewatscht. An [ihren Assistenten] wollte sie nicht denken, nur fiel er ihr als Erster ein. An der Ohrfeige jedenfalls würde ihre geschundene Seele gesunden, doch, so vermessen wollte sie das sagen. Sie konnte den Schlamassel endlich hinter sich lassen. Abhaken. Ad acta legen. Sie würde wieder arbeiten können, vielleicht sogar auf ihrem alten Posten. An Themen mangelte es nicht.
Der gesamten öffentlichen Meinung eine Ohrfeige erteilen, darin besteht das Imponiergehabe der Fasane in Strubels Roman, die sich gegenseitig in Hahnenkämpfen das Leben erschweren und aus dem Weg räumen. So erhält zumindest der Titel einen allegorischen Sinn: Einfluss haben vor allem die weiblichen, stillen Fasane, die sich zurückziehen und den lauten, den sich männlich-gebenden Fasanen den Raum überlassen, wo diese sich dann bekämpfen und gegenseitig unschädlich machen. So lässt sich dann auch der prominent stehende Satz: „Aber die Sonne scheint immer wieder“ verstehen. Strubel wandelt hier den vermeintlich letzten Satz Sophie Scholls vor ihrer Hinrichtung ab: „Die Sonne scheint noch.“ Er steht für das ungebrochene Vertrauen auf eine Öffentlichkeit, die sich nicht von Tyrannen ins Bockshorn jagen lässt. In diesem Sinne kann Der Einfluss der Fasane als optimistischer Roman vorgestellt werden, auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so scheint.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 27.05.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich Anne de Marcken: Es währt für immer und dann ist es vorbei besprechen. Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Sehr spannende und ausführliche Rezension. Mittlerweile weiß ich ja, dass ich deine Rezensionen meist lieber lese als die Bücher selbst. In deiner ausführlichen Inhaltsangabe würd ja sehr deutlich was du von dem Buch hältsT. Ich bin gerade in der Nähe eines Buchladens und lese da nachher mal rein. Aus Neugier. Was sind Wortfeldmischungen?