Sylvia Plath: „Die Glasglocke“

Die Glasglocke von Sylvia Plath.

Wie Ingeborg Bachmanns Malina, erschienen 1971, oft mit Hinblick auf ihren Tod 1973 gelesen wird („Es war Mord.“), und Cesare Paves Turin-Trilogie und insbesondere Die einsamen Frauen (1949) auf Hinweise untersucht wird, die seinen Selbstmord im Jahr 1950 ankündigen (bspw. in der Figur Rosettas), steht auch Sylvia Plaths Die Glasglocke meistens mehr als Zeugnis und Dokument im Vordergrund denn als literarisches Werk. Ihr Roman erschien im Januar 1963 im Vereinigten Königreich, nur wenige Wochen vor ihrem Selbstmord am 11. Februar. Wie auch immer gelesen, ob autobiographisch-realistisch, politisch-feministisch, pathologisch-medizinisch, Die Glasglocke bietet eine Vielzahl an literatur-ästhetischen Anknüpfungspunkte, um zu bedauern, dass dies ihr einziger und letzter Roman geblieben ist:

Ich wußte, daß ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok –, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst. Der blaue Himmel öffnete seine Kuppel über dem Fluß, und der Fluß war mit Segeln gesprenkelt. Ich machte mich bereit, aber im gleichen Augenblick legten meine Mutter und mein Bruder jeder eine Hand auf einen Türgriff. Die Reifen summten kurz auf dem Brückenrost. Wasser, Segel, blauer Himmel und schwebende Möwen flogen vorüber, wie eine unwahrscheinliche Postkarte, und schon waren wir auf der anderen Seite.
Sylvia Plath aus: „Die Glasglocke“

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Slata Roschal: „153 Formen des Nichtseins“ [Das Debüt 2022]

Im Kampf gegen Fremdbestimmung … Shortlist des Bloggerpreises „Das Debüt 2022

Es gibt Romane, die laut anklagen, krakeelen wie Hengameh Yaghoobifarahs Ministerium der Träume; oder jene, die larmoyant ihre soziale Existenz bedauern, indes sie von einem Leben in Saus und Braus träumen wie Kim de l’Horizon in Blutbuch. Es gibt auch solche, die mit Humor zur Sache gehen wie Tomer Gardi in Eine runde Sache oder verwundet und etwas gebrochen, aber perennierend und auf Kultur und Kunst hoffend wie Emine Sevgi Özdamar in Ein von Schatten begrenzter Raum. Bei aller Unterschiedenheit eint diese Schreibweisen, die mit den höchstdotiertesten deutschen Literaturpreisen versehen wurden, bspw. u.a. mit dem Büchner- oder den Deutscher oder Schweizer Literaturpreis, ein Ankämpfen gegen normierte, von außen aufgedrückte fremde Sprach- und Sprechweisen. Stiller, bescheidener, aber mit selbiger Stoßrichtung kommt Slata Roschals 153 Formen des Nichtseins daher:

Ich wollte mich als einen Teil der ansässigen Bevölkerung präsentieren, als einen Einheimischen, als einen Vertreter der ärmlichen, aber gebildeten, intellektuellen und aufsteigenden Mittelschicht. Mein Deutschsein war aber zu reflektiert, zu absichtlich, sobald ich das Pragmatische, die konkreten Ziele des Sprechens außer Acht ließ, wurde meine Sprache zu einer seltsamen Mischung, zu einer breit angelegten Performance, eigenartig und irritierend.

Slata Roschal aus: „153 Formen des Nichtseins“
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