Über den Roman (Definition)

Roman. Eine Begriffsbestimmung.

Die Shortlist des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat für mich bei der Besprechung der einzelnen Titel erneut die Frage aufgeworfen, was ich eigentlich unter einem Roman verstehe. Selbstredend lassen sich reale Dinge, und hierzu gehören auch Texte, nicht definieren. Was also ein Roman ist, um mit Wittgenstein zu sprechen, bestimmt die Sprachpraxis, und um die Sprachpraxis, also um den Sinn- und Bedeutungsanschluss bemühe ich mich bei meinen Versuchen des kommunikativen Lesens. Der Begriff „Roman“ besitzt ein Spannungsfeld, das ausufert, übergleitet. Sicherlich ist das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft kein Roman. E. M. Forster beschreibt 1927 in seinen Ansichten des Romans den Roman wie folgt:

Jede freie Prosadichtung von über 50 000 Worten ist im Sinne dieser Vorlesungen ein Roman […] Ich wüßte [sonst] keine vernünftige Formel, durch die sich dieser Komplex als Ganzes definieren ließe. Alles, was sich darüber sagen läßt, ist, daß er auf zwei Seiten von Bergketten abgeschlossen ist, von denen keine steil ansteigt: den gegeneinander stehenden Massiven Dichtung und Historie, und nach der dritten Seite begrenzt ist durch ein Meer – ein Meer, auf das wir bei Moby Dick stoßen werden.
E. M. Forster aus: „Ansichten des Romans“

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Vorstufen einer Taxonomie des Romans (ii): Plot

Plot-Kategorien.

Im ersten und vorangegangen Kategorie-Kapitel beschäftigte ich mich mit dem literarischen Stoff. Hier spielte das Wortfeld, das generelle, weitere Thema eine Rolle, also wo wird das Geschehen angesiedelt, um was für eine Welt handelt es sich, welcher Ausschnitt der Welt wird thematisch im Textgeschehen. Ein Beispiel wäre: das öffentliche Miteinander, die sozialen Interaktionen, berufliche Schwierigkeiten, Einflüsse der anderen auf das eigene Leben, aber hier andere, die in keinem verbindlichen sozialen Zusammenhang mit einem stehen, bspw. Kollegen.

Dieser Stoff lässt sich als Medium vorstellen, als Masse, als Gewebe, das träge und entspannt daliegt, mehr oder weniger durch seinen Wortschatz festgelegt und beschreibbar ist. Der Plot nun, dessen Kategorien ich im Folgenden darstellen möchte, dynamisiert den Stoff, bringt ihn dazu, Wellen zu schlagen, sich zu kräuseln, sich zu falten, aufzuwerfen, sich zu dehnen, zu verzerren, sich in der Form zu verändern und mehrdimensional zu werden. Der Plot dynamisiert den Stoff, haucht ihm Leben ein, und zwar durch Ereignisse und Handlungen.

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Vorstufen einer Taxonomie des Romans (i): Literaturstoffe

Ich möchte eine Reihe beginnen, in der ich über die Kategorisierung, die Ordnungsschemata und Bezugsgrößen reflektiere, die sich bei der Besprechung und Beurteilung und In-Bezug-Setzung von Romanen ergeben haben.

Ich unterscheide hierfür in drei materiale Bereiche: Inhalt, Form und Komposition, die sich am Textganzen, anhand von Textbeispielen, festmachen, also dokumentieren lassen (im Unterschied zum Leseerlebnis).

Diese Bezugsgrößen sollen eine erhöhte Kommunikabilität der Romane herstellen, also ein In-Bezug-Setzen erleichtern, durch Vergleiche Eigenschaften hervorheben und hervortreten lassen, also eine Umgebung des Romans schaffen, in welchem er literaturhistorisch kommuniziert. Romane entstehen nicht im luftleeren Raum, und so möchte ich einen Versuch unternehmen, die jeweilige Umgebung der Romane zu entdecken und so einen multiperspektivischen Raum der Literatur zu entfalten, der das Leseerlebnis möglicherweise bereichert (so die Hoffnung).

Ich beginne heute mit dem Begriff Stoffe, aus dem Bereich Inhalt.

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