Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.

Deutscher Buchpreis 2024.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘ aus, auch Deutscher Buchpreis genannt, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, die ich einzeln und für sich stehend in den letzten Wochen besprochen habe:

Bevor am 14.10.2024 um 18:00 Uhr die offizielle Bekanntgabe des Siegertitels des Deutschen Buchpreises erfolgt, nun meine Auswertung.

Zum Abschluss, im Sinne des Wettbewerbes, vergleiche ich und stufe sie nun nur untereinander ein, d.h. nicht im literarischen Großen und Ganzen, sondern relational auf die Shortlist bezogen, und habe hierfür wieder Kategorien gewählt. Da die verkürzte Form der Kategorien letztes Jahr Anklang gefunden hat, bleibe ich dabei und unterscheide in

  • (i) Inhalt, das Erzählte,
  • (ii) Form, das Erzählen,
  • (iii) Komposition, die Erzählung.

Das Erzählte umfasst den Gegenstand der Erzählung, also den Inhalt (nullte Reflexionsstufe), das Erzählen die Sprache, die formalästhetische Gestaltung des Mediums (erste Reflexionsstufe) und die Erzählung das Zusammenspiel von Form und Inhalt und die hieraus sich ergebende Glaubwürdigkeit und kompositorische Stimmigkeit (zweite Reflexionsstufe). Für jede einzelne Kategorie verteile ich unabhängig voneinander die Punkte und zähle am Ende zusammen, wer für mich das ‚Buch des Jahres‘ auf der Shortlist des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist.

Bevor ich aber die Punkte verteile, muss ich noch vorausschicken, dass ich einen Titel von der Punktvergabe herausnehme: Ronya Othmanns Vierundsiebzig. Dieses Buch steht für mich in jedem Sinne außer Konkurrenz, da es sich zwar als Roman auf der Shortlist befindet und von mir auch besprochen wurde, aber inhaltlich, vom Gegenstand her, ein politisches Manifest oder eine Solidaritätsbekundung darstellt, die ich nicht unter ästhetischen Kategorien bewerten, einteilen, diskutieren möchte und kann.

Gemäß des Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft wird ein „Roman“ wie folgt beschrieben:

Sammelbegriff für umfangreiche, selbständig veröffentlichte fiktionale Erzähltexte“
Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft

Vierundsiebzig liest sich weder fiktional noch erzählend, sondern dokumentarisch, autobiographisch, sachbuchähnlich, journalistisch. Texte dieser Sorte lassen sich unter rhetorischen Gesichtspunkten stilistisch untersuchen und unter historischen dahingehend überprüfen, ob sie wahrheitsgetreu ihren Gegenstand behandeln, also über Quellennachweise motivieren und explizieren. Das eine, die Rhetorik, also die Kunst mittels Sprechakten zu überzeugen, fällt eher in das Gebiet der Linguistik und interessiert mich nicht, und für das andere, die Quellenprüfung und Rekonstruktion von geschichtlichen Ereignissen, fehlt mir bezüglich des von Ronya Othmann gewählten Gegenstandes, der Genozid an den Jesiden, die Kompetenz. Beide Strategien nehmen jedoch nicht teil an dem Versuch, über Imagination und Phantasie einen Stoff erzählend in Bewegung zu bringen, wie es bspw. Franz Werfel in Die vierzig Tage des Musa Dagh bezüglich des Genozids an den Armeniern unternommen hat.

Ich verteile also für jede der drei Kategorie 1-5 Punkte und starte mit dem Erzählten, dem Gegenstand.

(i) Inhalt, das Erzählte

In der Kategorie des Erzählten ziehe ich die Unterhaltsamkeit in Betracht, die Spannung, die Leseintensität, das Überraschende, den Witz, den Humor, d.h. wie sehr hat mich das Buch überzeugt, unterhalten, mich mitgenommen, wie gerührt, verärgert, wütend oder müde, träge, gelangweilt, entsetzt gemacht. Ästhetisch betrachtet entspricht diese Betrachtungsweise einer naiven, unbedarften Lesart, die nach Immersion strebt und der nullten Reflexionsstufe (des Genießens) angehört:

Lichtungen … es geht um die Freundschaft zwischen Lev und Kato, wie sie ihre Kindheit in Rumänien in den 1980er Jahren verbringen, sich helfen, sich aus den Augen verlieren, und später wieder in der Schweiz zueinander finden und zurück in ihr Heimatdorf kehren.

Die Projektoren … Jovan, der Cowboy, erlebt den Anfang und das Ende der Föderativen (Volks-)Republik Jugoslawiens aus den Monstrositäten des Zweiten Weltkrieges, hilft bei den Dreharbeiten für die Karl May-Filme mit Lex Barker und Pierre Brice, kämpft in den Bürgerkriegen in den 1990er Jahren und reist am Ende in den Nordirak, um seine Nichte in den Bürgerkriegswirren zu retten.   

Hasenprosa … eine Ich-Erzählerin reißt sich aus dem Diskursstrom der Gegenwart mittels Musik und Phantasie in die Erinnerungsräume ihrer Kindheit und führt sich das Leben ihrer Großeltern, insbesondere ihrer Großmütter vor Augen, um sich eine eigene Perspektive und Entscheidungsbasis für ihr Leben zu schaffen.  

Hey guten Morgen, wie geht es dir? … Juno, eine freiberufliche Performancekünstlerin in Leipzig, leidet Geldnot, hat einen an (wahrscheinlich) MS-erkrankten Partner namens Jupiter, um den sie sich kümmert, während sie versucht für ihre Kunstprojekte Stipendien zu ergattern und ihre Nächte mit Chatten auf Instagram verbringt.

Von Norden rollt ein Donner … Jannes, ein Schäfer auf der Lüneburger Heide, muss den elterlichen Betrieb aufrechterhalten, während sein Vater den Verstand zu verlieren droht, Wölfe die Schafe und Ziege bedrohen und sein Großvater bewaffnet auf Jagd gehen will und ihm selbst ein drittes Auge aufgeht, ob der Vergangenheit und Gräueltaten rundum das KZ Bergen-Belsen.

Punkteverteilung: die Privatstimmung und Freundschaftsbeziehungen reißen nur mit, wenn eine ausführliche, immersive Figurengestaltung gelingt, daher überzeugen die Privatprobleme von Hey guten Morgen, wie geht es dir? und Lichtungen nicht (1 und 2 Punkte). Die Figuren bleiben matt. Hasenprosa trumpft mit einer guten Figurenzeichnung auf, aber mit wenig expliziten Inhalt, daher 3 Punkte. Von Norden rollt ein Donner begeistert durch Spannung und Immersion, erzählt aber Vieles nicht zu Ende und aus (4 Punkte). Trotz seiner Länge und seiner vielen Exkurse besitzt Die Projektoren die erzählerisch überzeugendsten Stellen, bspw. der Tunnelkrieg in Vukovar, die Flucht aus Beograd oder die Naziwerdung Georgs in Leipzig. Sieger in der Kategorie Inhalt, das Erzählte lautet: Die Projektoren und erhält 5 Punkte:

Franko Nemo fragte sich, welchen Ismus der Mann da besang, es war nicht alles falsch, ABER ES IST ALLES FALSCH, der Weg war kein Weg im gewöhnlichen Sinn. Menschenmassen waren der Weg. Das Proletariat war die Richtung des Wegs. Menschenleiber bildeten den Schotter … Kolonnen streikender Arbeiter waren der Weg; Kolonnen aufrührerischer Bauern; Gewehre, von Arbeiterfäusten geschwungen, waren der Weg … Blutübersät war der Weg. Einbeinige, Kriegsblinde, der »Rumpf« – die Schluchten der Massengräber – waren der Weg. Der Weg rollte unter Schüssen und Schreien, unter Räderschwirren, Maschinenhämmern rollte der Weg seine Bahn. Gefangene waren der Weg. Sind der Weg … Und der Weg, der große Marsch, die lebendige Straße der Zukunft geht weiter.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

(ii) Form, das Erzählen

In der Kategorie Form, das Erzählen beurteile ich die Erzählweise, die Sprache, die verwendet wird, bspw. überraschend gebaute Sätze, Wortverbindungen, Allegorien, intensive Bilder, poetische Metaphern, Sprachmaterialbearbeitungen und Neologismen, die formale, sich darstellende Textstruktur. Hier geht alles ein, was der Text mit sich selbst fabriziert und wie er mit der Geschichtlichkeit seines eigenen Mediums kommuniziert, also in erster Stufe reflektiert. Die Frage lautet: Nutzt der Text die Sprache als Vehikel, als Gegenüber oder als Medium eines dynamischen (poetischen) Miteinanders:

Lichtungen … arbeitet mit Auslassungen, Aussparungen, interessanten Lücken, um das Erzählte in Schwebe zu halten. Impressionen, Assoziationen gleiten ineinander. Die Sprache wirkt verletzbar und dadurch sichtbar, wie die Freundschaft zwischen Lev und Kato, die mal mehr, mal weniger ist und unentschieden, formlos, undefiniert bleibt.

Die Projektoren … stilsichere Prosa, die je nach Kapitel stark variiert, um den jeweiligen Gegenstand zu illustrieren (bspw. Groschenroman-Sprache im Kriegskapitel). Wortfelder bleiben erhalten, nur selten ärgerliche Vermischungen von Abstraktionsstufen. Häufig pathetische Wiederholungen, redundante Beschreibungen, Ausschweifungen, dennoch wenig Hilfsverben. Variantenreiche Formulierungen beleben den Roman.    

Hasenprosa … stark surrealistisch angehaucht, mit unreinen Reimen, im Rhythmus und Melodie machen den Roman zum Erlebnis. Durchgängig innovativ in den Wortverwendungen; eigenständige mutige Neologismen, witzige Einfälle und glaubwürdige Übersprungsideen, überbordernder, barocker, Poetry-Slam-Stil schließen literarisch an (bspw. Jean Paul) und gewinnen doch ein Alleinstellungsmerkmal an Ausdruckslust.     

Hey guten Morgen, wie geht es dir? … trockene, nüchterne Sprache des Alltags. Auf das Medium wird nicht reflektiert, keine Schriftsprache verwendet, ohne Bearbeitung aufgezeichnet, mehr ein Hörbuch, denn ein Roman, fast ein Hörspiel, dadurch aber authentisch und gegenwartskonform.     

Von Norden rollt ein Donner … Thriller- und Literaturenschulensprache, die dennoch spannungsgeladen ihren Gegenstand aufrollt und hinter dem Erzählen verschwindet. Selten bricht die Sprache in gewollte Metaphern auf, die den Unterhaltungsromancharakter empfindlich stören und Leseirritation erzeugen.

Punktevergabe: nur Hey guten Morgen, wie geht es dir? verwendet Sprache lediglich als Vehikel und bemüht sich nicht um Wechselwirkung mit dem Medium (1 Punkt). Von Norden rollt ein Donner fällt mit professioneller Sprache auf (2 Punkte), während Lichtungen bereits poetische, literarisch überzeugende Ansätze bietet (3 Punkte). Herausstechend bleiben Die Projektoren, das wenig Innovation, aber wohlkomponierte Sätze und Wortreichtum aufweist (4 Punkte), und Hasenprosa, das durchweg vor Sprachlust und Sprachintensität glüht und sich hinter Texten wie André Bretons Nadja und L’amour fou nicht zu verstecken braucht. Siegerin für den diesjährigen Deutschen Buchpreis in der Kategorie Form, das Erzählen lautet Hasenprosa (5 Punkte):

Der Traumprompter stoppte. Es machte zack, zack, zack aus exakt drei verschiedenen Ecken, und wieder schrappte ich schnellgliedrig wie ein Schreckgeschoss an die Schlafoberfläche zurück und war unmittelbar ultimativ wach. Wie egal auch alles Geraffel war, von weiter weg betrachtet, in meinem kleinen Kreis auf der Welt mit den Klötzen da. Dann begann es zu hageln. Ich schmierte ab. Ich wischte mir alle Schminke aus dem Gesicht, wies sämtliche Klötzchen möglichst weit von mir, drapierte meine bisherigen Utensilien fein säuberlich zu einem Haufen aus Unrat (Mist) und ging auf Start zurück.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

(iii) Komposition, die Erzählung

In der Kategorie Komposition, die Erzählung steht vor allem die Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit im Vordergrund, inwiefern durchdringen sich Inhalt und Form, inwiefern stärken sich die formalen und inhaltlichen Eigenschaften und Besonderheiten. Hier gehen die Erzählperspektiven ein, wie sehr der Text sich selbst verwebt, seine eigenen Motive weitertreibt, aufnimmt, oder im Gegenteil auseinanderfliegt und als Sammelsurium erscheint, also wie verdichtet, entspannt, gelungen treibt der Text das Erzählen zu einem dem Gegenstand gerecht werdenden Höhepunkt hin.

Lichtungen … erzählt die Geschichte von Lev und Kato von hinten nach vorn, also vom Wiedersehen zurück zum Trennen, zum Kennenlernen, zu einer Zeit, als die beiden sich noch nicht kannten. Der Text verwendet hart voneinander getrennte Szenen, verliert den Zeitaspekt und die Dauer auch durch seine Kürze und fast stichwortartig gegebenen Lebensabschnitten, die unterschiedlich stark von der Erzählstimme beleuchtet werden.

Die Projektoren … auktoriales Erzählen, das aber bewusst unwissend bleibt, dennoch über den Dingen schwebt, von sehr weit entfernt auf das Geschehen blickt und kaum Nähe zu den Figuren erzeugen kann. Hier fällt das Montageprinzip auf, das mutig die Geschichte immer wieder aufnimmt, von vielen Seiten beleuchtet, in verschiedener Zoomstärke vorgeht und so nach und nach Licht auf die Ereignisse und Zusammenhänge zwischen den Figuren wirft. Achronisches Erzählen.     

Hasenprosa … spielt mit dem Reflexionsprozess des Erinnerns selbst, kommuniziert, schweift ab, erinnert, lockert die Erinnerungsschübe auf, um neue Erinnerungsdimensionen zu erschließen. Hier wirken die Störungen, die phantastischen Elemente (ein Hase fliegt in die nächstgelegene Galaxie) assoziativ poetisch und selbstreflexiv, als schreibender Versuch, eine Archäologie des Ichs zu betreiben.

Hey guten Morgen, wie geht es dir? … konventionell erzählt, mit Regisseurin im Hintergrund, die Juno als Figur inszeniert und direkt anruft, wie auch mit der Erzählwelt interagiert. Die Erzählinstanz reflektiert sich nicht. Sie betreibt willkürliches Erzähl- und Hörspiel und gleitet sogar in vorgreifendes Futurum ab und vermischt so Erzählzeiten und Erzählperspektiven zu einem (vielleicht gewollten) narrativen Chaos.    

Von Norden rollt ein Donner … im ungewöhnlichen Präsens erzählt, also filmisch, mit Szenen und direkt erlebten Dialogen, sehr lebensnah. Problematische Zeitsprünge entstehen durch die Vermischung von chronologischer Aufarbeitung und an einen Thriller erinnernde Verdichtung. Raffung und Immersion wechseln abrupt im Sinne eines unsicheren, unheimlichen Erzählgestus, der am Ende aber konterkariert wird.

Punktevergabe: Lichtungen erzeugt einen klaren Widerspruch zwischen der harten Komposition (das rückwärtslaufende Erzählen) und die szenischen Impressionen, von Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit kann keine Rede sein (1 Punkt). Hey guten Morgen, wie geht es dir? zeigt sowohl unreflektierte Sprünge wie Erzählbrüche auf und wirkt eher wie ein (situativ-überzeugender) Hörspielbeitrag (2 Punkte). Von Norden rollt ein Donner besticht anfangs durch Atmosphäre und glaubhaften Reflektor, der sich einer unheimlichen Vergangenheit und Realität konfrontiert sieht. Leider wird am Ende die Angst unbefriedigend (und vorhersehbar) aufgelöst (3 Punkte). Die Projektoren besitzt eine aufwendige Erzählweise, die sehr stimmig die Unüberschaubarkeit des Krieges und der Ideologien vor Augen führt, teilweise aber zu länglich, zu unübersichtlich, zu gewollt gestreckt und verunklart, ohne dass der Gegenstand die Komplexität hergäbe (4 Punkte). Hasenprosa nimmt kompositorisch, im sequenziellen Wechseln von Störung, Imagination und Erinnerung die Form eines Popsongs an, besitzt ein Refrain (die dunkle Oma), eine Strophe (den phantastischen Hasen) und jeweils Interludes/Bridges (Gegenwartsdiskurse), um glaubhaft und stimmig die Problematik der Ich-Findung zu bearbeiten. Siegerin der Kategorie Komposition, die Erzählung lautet also wieder Hasenprosa (5 Punkte):

Das Driften rückwärts, Driften seitwärts, wie jenseits der eigenen Bewegung durch die Zeit die Zeit selbst permanent Konvulsionen erfuhr oder vollführte (wer konnte das auseinanderhalten, differenzieren, eine Schrittfolge, Pirouette, eine Verrenkung, ein Krampf). Wie sie sich ausstülpte, wölbte, zusammenzog und raffte, Blasen warf, sich auffaltete, mehrspurig wurde, übereinanderlegte, sich über manche Stunden, Tage, Jahre hinzog wie ein langes, stark gespanntes Band, durch andere ziellos herumhing wie einzelne sich langsam aufdröselnde, auflösende Fäden, über manche Phasen raste, randalierte, zu anderen Zeiten stoisch pendelte, dann schlagartig stehenblieb. Wie sie diffundierte und verging.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

Fazit:

Die Punkte zusammengezählt ergibt folgende Reihenfolge:

Es gibt also eine Pattsituation. Hasenprosa besticht durch Form und Komposition, fällt aber im Inhalt zurück, wohingegen Die Projektoren inhaltlich voll überzeugt und in Form und Komposition jeweils den zweiten Platz (hinter Hasenprosa) belegt. Auch vom Leseerlebnis stellen sie zwei Extreme dar: Hasenprosa ist das kürzeste, Die Projektoren das längste Buch auf der Shortlist. Ist das eine zu kurz, ist das andere offensichtlich (mit über 1000 Seiten) zu lang. Meine eigene Präferenz tendiert klar in Richtung Hasenprosa, hoffe aber, dass Clemens Meyer mit Die Projektoren für die deutsche Gegenwartsliteratur werben darf. Mein Tipp jedoch, welches Buch den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekommt, lautet: Hey guten Morgen, wie geht es dir? Was ist euer Tipp?

Eure Meinungen und Kommentare interessieren mich wie immer sehr!
Vielen Dank fürs Lesen!

Ab dem 22.10.2024 beginnt wieder das wöchentliche Besprechen auf Kommunikatives Lesen: Ich werde wahrscheinlich Die Vegetarierin von der aktuellen Nobelpreisträgerin für Literatur Han Kang besprechen, von der ich in diesem Jahr bereits Griechischstunden vorgestellt habe.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

22 Antworten auf „Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.“

  1. Lieber Alexander, Danke, dass Du uns mitnimmst auf Deine Lesereise, die wie immer durch die Transparenz und Differenziertheit in Deinen Urteilen eine wahre Freude ist. Es zeigt mir aber doch immer wieder, wie schwierig und – ja – wie heikel so eine Buchpreis-Kür ist! Welche Kriterien lege ich an, welche Kriterien gewichte ich wie? Und wie gelingt es, persönliche Vorlieben außen vor zu lassen? (Kann das überhaupt gelingen?) Und sind die offiziellen Juroren überhaupt so um Objektivität, bemüht wie Du? Wie kommt es überhaupt zur Vorauswahl? – kein Mensch kann im Vorfeld alles gelesen haben …
    Nach Deinen Rezensionen reizt mich am meisten die „Hasenprosa“. Einen Tipp, wer es werden könnte? Sehr schwer zu sagen – ich würde auf „Die Projektoren“ oder „Vierundsiebzig“ tippen. Weil ich vermute, dass „political correctness“ wichtiger ist als literarische Qualität oder gar Innovation. Aber ich kann mich da auch total täuschen – und das ist jetzt auch sehr aus dem Fenster gelehnt, denn ich habe keins der Bücher gelesen. Ich kenne sie nur aus Auszügen in SWR Kultur und aus Deinen sehr umfassenden Rezensionen. Danke dafür!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Lieber Lyrifant,

      Danke für deine lieben Worte. Ich versuche, vielleicht ist das mir Objektivität genug, meine Beobachtungen im Zusammenhang und im Vergleich zu motivieren. Es wäre schön, wenn die Motivierung und Begründung nicht nur über Schlagworte stattfinden würde, sondern auch spezifischer auf das einginge, um was ja bei Büchern geht, um Sprache und das Medium der Verständigung. Ich denke, eine Vorauswahl ist schon okay – leider strebt das ganze Feuilleton eher Richtung Werbung als Information. Mein Blog versucht, ein wenig Struktur dahinzubringen, das ist mir im Grunde schon Freude genug.

      „Hasenprosa“ hat mir sehr viel Lesefreude bereitet. Ich lege Kames‘ Buch der sehr ans Herz. Dein Tipp mit „Vierundsiebzig“ wird’s wahrscheinlich werden, andere empfinden das Buch auch als Beiträg, ich enthalte mich aus genannten Gründen – aber ich bleibe dabei, dass das zwar Prosa, aber keine Literatur mehr ist. Manche Themen eignen sich auch nicht als Basis für eine Form der Verständigung. Es ist dann einfach Mobilmachung. In Sachen Komplexität würde ich mich freuen, wenn’s „Die Projektoren“ wird. Mal sehen, morgen Abend wissen wir mehr 🙂

      Danke für deinen Blog, den ich immer wieder besuche, und Danke auf für deinen Kommentar! Einen schönen Sonntag und Wochenanfang wünsche ich dir! Viele Grüße!

      1. Ich kann Dir da nur zustimmen: Nach allem, was ich von diesem Buch weiß, ist das kein Roman – insofern sind die Äpfel und Birnen diesmal noch apfeliger und birniger als sonst …
        Ich finde ja, Dir gelingt das ganz gut mit der Objektivierung – schade, dass Du nicht in der Jury bist.

      2. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Lieber Lyrifant, ich mag die Literatur zu sehr – und auch die Gespräche und das Raten um die Preisvergabe. Oft ist der Weg das Ziel. Auf diese Weise freue ich mich auch wieder aufs nächste Jahr 🙂 Viele Grüße ins Wochenende!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Du magst recht haben, und ich befürchte ähnliches – der Buchpreis ist stets für eine literarische Enttäuschung gut. Danke auch nochmal für deinen letztjährigen Kommentar mit dem Raubkatzenwettbewerb, musste dieses Mal oft wieder daran denken! Viele Grüße!

      1. Ich hab diesjahr keins der Bücher gelesen. Das Buch klingt ja sogar interessant, nur eben nicht nach Material für einen Preis, der doch zumindest implizit für fiktionale Texte stehen sollte. Dann wiederum ist Churchill Literaturnobelpreisträger…

      2. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Gerechtfertigter Kommentar – aber der Literaturnobelpreis geht auch an Lyrik und Popsänger, und so auch an Chronisten und Briefeschreiber und etc … vielleicht sogar an Kritiker, irgendwann, wer weiß (oder ist das nicht schon geschehen). Mommsen hat ihn ja auch bekommen. Aber selbst bei Churchill gibt es offenkundig einen Willen zum Stil, einen Wunsch, zu erzählen. Sein Werk „Zweiter Weltkrieg“ erhält einen selbstreflexiven Erzähler – aber, und ich glaube das ist wichtig, es steht nicht „Roman“ auf seinem Geschichtswerk. D.h. er steht für sachliche Unrichtigkeiten komplett gerade. Guter Hinweis!

      3. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Habe es nachgelesen auf der Webseite unter Teilnahme:

        „Verlage können sich mit bis zu zwei deutschsprachigen Romanen aus dem jeweils aktuellen oder geplanten Programm um die Auszeichnung bewerben“

        und dann genauer unter Voraussetzungen:

        „Die eingereichten Titel müssen ihrer Art und Länge nach ein Roman sein
        deutschsprachige Originalausgaben sein, zwischen Oktober 2023 und September 2024 erschienen sein oder erscheinen, spätestens bei Bekanntgabe der Shortlist am 17. September 2024 im Buchhandel erhältlich sein“

        Also ich finde da gar nichts implizit dran. Othmann gehört da nicht drauf.

  2. Ich hatte mir von der Longlist dieses Jahr 6 Titel ausgewählt, von welchen es allerdings nur einer auf die Shortlist geschafft hat : „Lichtungen“, jedoch habe ich diesen Titel bisher noch nicht gelesen. Somit kann ich keinen Tipp abgeben und lasse mich einfach überraschen, wie die Jury entscheidet. Danke für Deine Einblicke in die Shortlist! Herzliche Sonntagsgrüße!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich denke, vom poetischen Klang, von der Sensibilität wird der „Lichtungen“ gut gefallen, ich mochte die Idee, rückwärts zu erzählen gar nicht, aber wenn man dies ad acta legt und einfach hinnimmt, ist es ein schönes Buch über eine Freundschaft und einen Roadtrip in einem verfallenden Land. 🙂 Danke fürs Lesen und Kommentieren!!

  3. Danke für diesen Beitrag! Ich wünsche den Buchpreis Clemens Meyer, da es beim Buchpreis aber auch um Verkauf geht, wird das wohl nichts. Von daher wäre Othmann irgendwie wohl naheliegend. Wenn es Hej, Guten Morgen wird, verstehe ich wohl offensichtlich nichts von Literatur. Das war ein Buch mit dem ich gar nichts anfangen konnte. Von Norden ist nicht schlecht, aber ein bisschen doll Schablone. Ich ringe mit mir, ob ich die Verleihung im Stream verfolge oder nicht.

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ja, wäre auch mein Wunsch gewesen, da Hasenprosa zu wenig Roman ist.

    2. hibouh – Grand Turc – read me! Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!
      hibouh sagt:

      Du verstehst viel von Literatur: „Hey, Guten Morgen…“ (Merke: immer das übelste Buch wird siegen 🙂

      1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Bislang gewinnt immer das Buch, das ich von den Punkten her am niedrigsten einstufe, ich weiß auch nicht weshalb (mich erstaunt das schon). Viele Grüße!

      2. hibouh – Grand Turc – read me! Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!
        hibouh sagt:

        aber Du hast richtig getippt (wenn auch Clemens Meyer anderer Meinung ist 🙂 )

      3. hibouh – Grand Turc – read me! Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!
        hibouh sagt:

        Grüsse zurück!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich glaube, ich wäre dort der Spaßverderber, und diese Rolle liegt mir eigentlich gar nicht 😀

  4. Lieber Alexander, Du hast richtig getippt – auweia, diese Entscheidung verstehe ich ja gar nicht (ich hatte den Eindruck, dieser Titel sei am seichtesten …). Naja, versteh einer den Literaturbetrieb (oder sollte ich -vertrieb sagen?). Es lebe der Kommerz!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich bin (erstaunlicherweise) ein Negativ-Kompass. Meist (in den letzten drei Jahren) mein schlechtbewertestes Buch gewinnt :O … ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist. Aber ja, es lebe vor allem ein Buch, das sich in 1 1/2 lesen lässt, weil die Chat-Berichte wie Gedichte (nur ohne Wortkunst) 1/8 der Seite belegen. Sei’s drum, Danke für den Ratespaß und den Austausch, darum geht’s mir ja. Viele Grüße!!

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