Slavoj Zizek: „Sex und das verfehlte Absolute“

Ein Buch für alle und doch nicht viele.

Ein 592 Seiten in sich verwinkeltes, sich wiederholendes, re-paraphrasierendes hypo- und parataxisches Ungetüm – Zumutung oder Befreiungsschlag, Großdenker oder Provokateur? Es geht um Beckett, um Lenin, um den Holocaust, um MeToo. Es geht um Freud, Lacan, immer wieder Hegel. Es geht um Badiou, den Kollaps der Wellenfunkton in der Quantenmechanik, um Kafka, Zupancic, um Butler und Kristeva, rund um den stets herauswabernden Kant und Schelling, das Unheimliche Platons, Trump, Zynismus und die ewige Wiederkehr von Geschlechter-Binärem, dem Symbolischen, Imaginären, dem Realen des Hollywood Kinos, über Cary Grant zu Tom Cruise, Hitchcock vor und zurück und independent Science-Fiction Filme, Neurologie, künstliche Intelligenz und dem Virtuellen am Sex, das objet a und das durchkreuzte Subjekt.

Zizek schreibt von sich, von Wikipedia, von der Stanford Encylopedia of Philosophy und anderen ab. Er rezitiert ellenlange Film-Episoden, beschreibt Wagner-Opern, Theaterstücke und verliert sich in Dramen über sowjetische Kompositionskunst (Prokofjew, Schostakowitsch). Aber welche Lektion erteilt sich? Kritik, Provokation, eine übelmeinende Vereinseitigung, dumme, oder kluge Witze, Viel-Leser-Schmarrn zwischen Exoten-Fundstücken und Trivialem aus Google-News-Episoden. Verkürzung, Verlängerung, ein untotes Weiterleben zwischen Partialobjekten? Wer Zizek ans Leder, ihm übel will, dem bietet Zizek so viel Angriffsfläche, wie Kritisierende es sich nur wünschen können. Er will Streit, Kontakt, Austausch – aber mit wem? Mit einer erfundenen Leserschaft? Einer realen, oder symbolischen oder imaginären Linken? Das Publikum als fehlender Analysand einer unfreiwillig eingegangenen, jahrelangen (wieder und wieder publizierten) Psychoanalyse?

Vom Wirkungsanspruch abgesehen entschlüsselt sich der Text selbst als Hybrid zwischen Pamphlet, Roman, Theaterstück, Kommentar, Rezension, Stammgespräch und Drehbuch (an einer Stelle beschreibt er eine Privatphantasie, wie er sich eine moderne Fassung von Wagners Parzival ausmalt, nämlich im Rotlichtbezirk einer modernen Megalopolis). Hier manifestiert sich der entkoppelte Sprachtrieb, den Gegenstand bewusst zu verfehlen, um immer weiterschreiben zu können. Oder im Sinne von Douglas Adams: Fliegen heißt sich auf den Boden werfen, aber daneben.

So philosophiert Zizek. Nicht was er schreibt, wie er schreibt, schlägt die Brücke von der Konfusion über die Desillusion zur Faszination. Zizeks Hilflosigkeit projektiert ein veraltetes Moment in einen modernen Rahmen und erhebt ein privates Phantasma zur Zeitdiagnose. Das private Phantasma ist der gescheiterte Kommunismus im Jugoslawien der 1980er Jahre. Die Zeitdiagnose: ein sprachloses Beobachten eines unfreiwillig unpolitisch Gewordenen. Er will, aber kann nicht – also der Ausgang aus der freiwillig auferlegten politische Impotenz durch ein Schreiben um das Schreiben willen.

Und hier realisiert sich eine poetische Gerechtigkeit, oder die List eines jeden kreativen Prozesses. Wenige schaffen es aus politischen Problemen, Fragestellungen, aus philosophischen, psychoanalytischen Ideengebäuden eine Poesie privatsprachlicher Freiheit zu antizipieren. Seine Texte gleichen Emily Dickinsons bezauberten Rhapsodien am Ufer eines Frühlingsmorgens mit Blick aufs Meer – Zizek dagegen suhlt sich selbstzufrieden in der Vorstellung einer Welt, in der universell Menschen ihren Egoismus als Phantasma durchschreiten und hinter sich lassen können. Er setzt, dies die geheime Prämisse, sein Lacansches objet petit a, die allgemeine Fähigkeit an, sich als Akteur durchschauen, in der Sprachgebung durchdringen und libidinöse Verschiebungen durchführen zu können, die dem Subjekt erlaubt, sich als selbst transparentes Bewusstsein zu setzen. Hinter diesem Phantasma versteckt sich der Autor und hofft, teilt, phrasiert die Melodie weiter.

Der Preis seines Versuches, konstruktiv Verwirrung zu stiften, ist groß. Er unterminiert literarisch, journalistisch Versuche, politische konkrete Projekte durchzusetzen, zynisiert Trump als Wegbereiter eines größeren linken Emanzipationsprojekts, und dekonstruiert reformerisch eingestellten Diskursen die Sprache und Begrifflichkeiten, indem alles auf einen phallogozentristisches M+ zurückgeführt worden ist. Wer ihn aber in die Hand nimmt, um den Geist aufzulockern, als Geisteslockerungsübung und -entkrampfung, also nicht argumentativ, diskursiv, sondern poetisch liest, bekommt viel geboten – nur eben keine Antworten.

Yes, the production process is the ultimate cause of the scene of representation, but production (in the specific human sense) can only emerge when the gap of representation is already here since the ultimate goal of production is to fill in the gap opened up by representation.

Yes, drive is the substantial productivity of our psychic life but the circular movement of drive can only function against the background of the loss that structures desire – drive emerges when the failure of desire to reach its satisfaction is reflected upon itself and becomes itself the source of satisfaction.

And exactly the same goes for the couple of lalangue and language: yes, lalangue is the substantial „material base“ of language – but as such it tries to cover up the gap opened up by language.

Scholium 4.1:Language, Lalangue, Zizek

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