Valerie Fritsch: „Winters Garten“

Zeitlos im Fluss der Zeit .. Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015

Ein wenig aus der Reihe, aber inspiriert von einer Rezension des Romans „Herzklappen von Johnson & Johnson“ aus dem Jahr 2020, ein Roman von der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015: Valerie Fritsch „Winters Garten“. Die Apokalypse bleibt en vogue. Sie ist es seit dem Gilgamesch-Epos. Die Welt geht unter. Die Titanen zerstören, was sie erschaffen. Die Götter nehmen, was sie geben, und das Ende von Dantes „Commedia“ gipfelt im weißen, kleinen, sternklaren Punkt des nichtigen Nichts eines ewigen und erlösten, erleuchteten Jetzt. Auch Valerie Fritschs Roman handelt von der Apokalypse. Sie handelt von Werden und Vergehen eines Individuums, und vom Ende der Welt insgesamt. Die Erzählung beginnt mit einem Hirtengesang alter bukolischer Schule Vergilischer Provenienz. Anton Winter, der Protagonist, ist jung, angstlos, ein Kind, das beobachtet, erlebt, heranwächst und staunt:

„Der Großvater stand im warmen Wind und beschnitt die Sträucher und Weinreben am Haus, an denen die Kinder gerne turnten wie Affen. Dann hielt er eine dünne Zigarette in der einen und eine rostige Schere in der anderen Hand, die in der Dämmerung auf- und zuklappte, bis die Dunkelheit zu dicht wurde, um sie zu teilen. Zur Blütezeit war die Luft satt an eigenartigen Gerüchen und Tausenden Insekten, die wie ein leises Murmeln aufstiegen. Liederlich und tropisch blühte es. Kadettenblau, kaiserblau, blassorange, zwetschgengelbt. Die Akeleien schwelgten. Der Eisenhut brannte.“

Valerie Fritsch aus: „Winters Garten“

Es fällt schwer, das Zitat nicht bis zum Ende des Romans weitergehen zu lassen. Die Sprache ist ein Fluss, eine einzige Assonanz figurativer, illustrativer wie formaler Konvergenz. Die Worte tummeln sich, umschmeicheln und umgarnen den Sinn und die Bedeutung, dass viele Seiten und Saiten auf einmal schwingen, man mit Haut und Haaren liest und genießt. Antons Kindheit blüht. Friedlich und doch inmitten des Lebens, voller Schrecken, Tod, Geburt, die Jahreszeiten des Lebens, die Stille des geigenbauenden Vaters, die Sanftheit der Mutter, die Fürsorglichkeit der Großeltern.

Selbst auf den ersten Seiten, in der Idylle, mischt sich Dunkelheit zwischen die Zeilen. Föten in Gläsern, Wutanfälle des Vaters, ein dunkler Wald rund herum des Hofes.  Die weitentfernte Stadt wie die herannahende Erwachsenenzeit. Handel und Betrieb. Im Gegensatz zu einer platt romantisierenden Art beschreibt Fritsch die Kindheit nicht als erlöst, als heile Welt, als die Zeit, in der noch alles gut war. Nein, auf eine nahezu unheimliche Weise wird klar, dass das Spiel, Ringelreihen, das bewegliche Gleichgewicht, stets kurz vor dem Zusammenfallen steht.

„Zwischen Holz und Mensch wirkte ein magischer Kreislauf. Es schien, als könne jederzeit das eine zum anderen werden. Nichts musste bleiben, was es war. Alles war formbar, auch in seiner Funktion. Der Kern der Welt schien ein nucleus movens zu sein, der sich einmal in der einen und dann in einer anderen Schale versteckte.“

Der berühmte Fluss des Heraklits poetisch gestaltet, lässt Fritsch die Sprache rund um die Stille nicht zur Ruhe kommen. Man fließt mit Anton Winter durch die Zeit, erweitert, verkleinert, verknöchert und belebt sich wieder. Ein Jahreszeitenwechsel, der sich im Rhythmus und Stil der Sprache widerspiegelt, denn die Sprache ist das Zauberwort, das alles beinhaltet, Differenz, Rhythmus, Alliteration, Assonanz, aber auch Divergenz, Bodenlosigkeit, Verlorenheit, sobald man sich an die Worte klammert, die nur im Zusammenspiel Sinn ergeben können.

„Es war eine heilige Kinderzeit in diesem Garten und in diesem großen, todesvernarrten Haus, in dem Anton Winter so sehr zu Hause war und nichts anderes lernte, als ein großer Mensch zu werden und am Ende so klein zu sein wie alle anderen und keine Angst davor zu haben.“

Das Eigenartige an Literatur, sobald die Sprache im erzählenden Elan schwingt, liegt in der Beliebigkeit des Sujets. Alles tummelt sich ums Detail, um die Beobachtungen, die Übergänge, das melodische Gleiten. Ja, ein lineares Element besitzt die Erzählung, aber weder musste es um den Weltuntergang noch um das Bodenständige einer Geigenbauerexistenz. Die in sich geraffte Notwendigkeit ist die Melodie im Zusammenspiel der einzelnen Ideen, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, in welchem das Lesen langsam, wie im Kielwasser, dahingleitet, dem Erzählten vertraut und beinahe Zeiten zum Stillstand bringt.

Anton wird erwachsen, lebt allein, auf einem Dach, in einem Glaskubus und züchtet Vögel inmitten der um ihn prangenden Großstadt.

„Auch jetzt stand er, statt zu schlafen, wortlos nachts am Fenster wie Abertausende andere Menschen der Stadt, die sich in der Finsternis hinter dem Glas verbargen und einander in die dunklen Scheiben starrten.“

Das Undenkbare beginnt. Der Untergang der Welt kündigt sich an, und Anton verliebt sich, lebt die letzten Tage und Wochen in Liebe, im Umgang, in der Sehnsucht zu diesem anderen Menschen, Friederike, eine ehemalige Matrosin, Marinesoldatin, die über Leichen am Kai steigt und als Geburtshelferin im Krankenhaus wirkt. Ein Auf und Ab beginnt. Sie lernen zu sprechen, sich zu vertrauen, ihre Körper zu verstehen. Das Kennenlernen findet nicht sanft statt. Krusten müssen durchbrochen werden. Gewohnheiten zerschlagen. Es bedarf Kraft, nach so langer Zeit wieder zu einem anderen, einem geliebten Jemand zu dringen.

„Nur Wochen bevor die Welt untergehen würde, verliebte sich Anton Winter das erste Mal in zweiundvierzig Jahren unsterblich in eine beinahe durchsichtige Frau, eine Frau, dürr wie er selbst, mit geradem Rücken und geröteten Augen, die ihm kampfbereit entgegenblickten.“

Hintergrund wie Vordergrund rücken zusammen. Es geht ums Ganze, wie ums Einzelne, da das Ganze nur im Einzelnen sich entfaltet. Hier im Zwischenraum von Anton und Friederike. Fritsch rückt niemandem auf die Pelle. Sie erzählt aus sicherer Distanz, aus einer allwissenden Vogelperspektive, die kein Wissen mehr kennt, nur das Gleiten und langsame Schwingen und Kreisen über das Geschehen, das empathische Bezeugen, nicht Beobachten dessen, was sich ereignet, während die Zeit dem Ende entgegenrast.

„Sie löffelten stumm und beobachteten, wie sich die Möwen am Horizont sammelten und den Himmel beschrifteten.“

Alles ist Welt. Alles ist Sprache, Zeichen. Alles eine Form, die formen gebiert, die nach Anschluss, Inspiration, Öffnung sucht. Der Roman schließt sich an, schiebt sich nie in den Vordergrund. Er ist die Partitur der lesenden Phantasie, die ihre eigenen Wege findet und Ideen formt, während Anton und Friederike die Tage zählen.

„Die Sehnsucht überlebte jede Hoffnung – alle liefen ihr hinterher. An den Wegkreuzungen warf man einander schnelle Blicke zu, ein kurzes Lächeln, wünschte sich Glück und hastete in unterschiedliche Richtungen weiter, immer mit einem Ich liebe, Ich will, Ich muss auf den Lippen, jeder in seinen Untergang, jeder zu seiner Erlösung.“

„Winters Garten“ versöhnt und erschrickt, mahnt und inspiriert, dichtet und erzählt von Leben zwischen den Wogen. Je mehr sich die Sprache in den Vordergrund drängt, desto reicher wird die Erzählung, desto mehr leben die Dinge, desto mehr lässt sich über den instrumentellen Charakter der konventionellen Zeichen hinwegsehen und erlaubst sich der Blick in die Ferne zu schweifen. Das Buch ist kurz. Nicht einmal zweihundert Seiten lang, und dennoch überspannt es Zeiten und Welten, Epochen und Episoden, bis tief hinein in die Antike, bis zu Lukrez, der in „Welt aus Atomen“ dichtet:

„Vor Augen begrenzt, so sieht man’s, Ding sich mit Dinge:
Luft trennt Hügel ab voneinander, Berge den Luftraum,
Erde begrenzt das Meer, das Meer alle Länder dagegen.
Nichts aber gibt es jedoch, was das All von außen begrenzte.
Füglich gibt es des Raumes Natur und des Tiefen Erstreckung,
die der strahlende Blitz mit seinem Lauf durcheilen
gleitend nicht vermag in der Ewigkeit stetigem Ziehen
noch im Gang zu bewirken, daß weniger bliebe zu gehen;
so sehr breitet sich rings den Dingen gewaltige Fülle
überall hin nach allen Seiten ohne ein Ende.“

Lukrez aus: „Welt aus Atomen“ (Übersetzt von Karl Büchner)

Dass ein Roman, der vom Weltende handelt, die Zeit vergessen macht, ja stillstellt, über Dante bis zu Lukrez die Sprache der Poesie überspannt und festhält, Vertrauen und Hoffnung im Ausdruck bestärkt, dass ein Roman, der der Katastrophe zusteuert, stark und bis ins letzte Wort hinein zuversichtlich bleibt, der mit den Figuren, der Welt, den Vögeln und den Wäldern, dem Fallobst und den Winden solidarisch bleibt, zeigt und beweist, dass Offenheit und Fröhlichkeit nicht auf die Kindheit beschränkt ist, sondern stets in Wort und Bild wiedergefunden werden kann. Valerie Fritsch hat mit ihrem Roman „Winters Garten“ dieser Hoffnung ein sprachliches Zuhause gegeben.

4 Antworten auf „Valerie Fritsch: „Winters Garten““

    1. Ich hab‘ zu danken für die Rezension von „Johnson&Johnson“. Das werde ich auch noch lesen! Wirklich tolle Autorin.

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