
Die Backstage eines Buches versammelt Reflexionen und Assoziationen von 21 Autoren und Autorinnen zum Thema: Schreib- und Publikationsprozess von Romanen, Erzählungen und Gedichten. Herausgegeben wurde die Anthologie, mit „Gegenwart“ als anthologisches Ordnungskriterium, von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter, die beide auch als Autoren wirken: Schiffer bspw. mit Ich höre dem Regen zu und Güçyeter bspw. mit dem Leipziger Buchpreis 2023 prämierten Unser Deutschlandmärchen. In Die Backstage eines Buches jedoch halten sie sich zurück und lassen andere zu Wort kommen:
Im Universum gibt es keinen Vorhang, kein Dahinter, kein Davor, kein Drinnen und kein Darunter. Nur Vorderseiten, Oberflächen. Das ist die Welt, das Leben, und jede Vorstellung, ein Geheimnis könnte darin verborgen sein, setzt einen Gott voraus, der täuschen will. Die Wasseramsel, eben, in der halben Stunde, in der ich dich, Dinçer, alleine ließ für meine morgendliche Anbetung der Sonne, dieser Vogel auf seinem Stein im Bachbett, noch ohne Ehrgeiz für seine famosen Tauchgänge, er täuscht nicht, er gibt sich dar, streckt seine Daunen in den Morgen, lässt sich das Brustkleid, dieses weiße Pallium, vom Licht beglänzen.
Lukas Bärfuss in: „Die Backstage eines Buches“
Multiperspektivisches Potpourri
Eine Anthologie zu besprechen, heißt einerseits kurz die Inhalte der versammelten Texte anzureißen, andererseits auch die Konstellation und Kompilation zu reflektieren, unter der diese nun zusammen in einem Band erscheinen dürfen. Schiffer und Güçyeter haben sich offenkundig für eine repräsentative Mischung aus Stimmen und Inhalten entschieden, die auch meinem Empfinden nach die gegenwärtigen Literaturdiskurse bestimmen. Sie fokussieren sich hierbei auf sieben Themen:
Journalismus – also die Frage, wie Informationen verarbeitet oder ergänzt oder stilisiert werden können, um einen neuen, anderen, möglicherweise freieren Blick auf die Geschichte zu werfen: Anne Rabe zur DDR, Alena Schröder zur Judenvertreibung und -enteignung im Dritten Reich und Ulrich Peltzer über das Gestrüpp transkontinentaler Finanzgeschäfte.
Neue Medien – also inwiefern die neuen Formen der Informationsbeschaffung auf das Schreiben, auf die Schreibgewohnheiten zurückwirken: Berit Glanz Twitter und Ulrike Anna Bleier YouTube.
Aufschreibsysteme – ein sehr klassisches Reflexionsthema, wie es zu Texten überhaupt kommt, was geschieht, wie die Zettelage in den Griff zu bekommen ist, und ob es Anfänge und Enden bei literarischen Reflexionsprozessen überhaupt gibt, und wie sie sich gegenseitig bedingen: Lukas Bärfuss über das Tanzen auf der Schreibmaschine, Marcel Beyer über Anfang und Ende und die Rahmenwirkung eines Romans, Monika Rinck über das Entstehen eines semantischen Selbstbewusstseins, Karin Peschka über das Mäandern als Lösung, und Elke Engelhardt über die Kunstfigur und die Freiheit in derselben.
Kulturelles Befremden – ein hervorstechendes Thema im gegenwärtigen Kulturbetrieb und Zeichen von globalisierten, immer weiter sich vermischenden, überlagernden, miteinander in Spannung liegenden Öffentlichkeiten: Saša Stanišić über Salatblätter und Schwanenhälse,
Behzad Karim Khani und die Wankelmütigkeit der Diskurse und Vorurteile und Shida Bazyar über die Suche nach einer Heimat.
Politischer Widerstand – ganz im klassisch sozial- und ideologiekritischen Unterfangen gegen eine durchkapitalisierte, normierte, profitorientierte Diskursform und der Mangel an gegenwärtige Erwartungshorizonte durchbrechende Sprachgesten: Ilija Trojanow über Utopie und Bourgeoisie, Mesut Bayraktar über Corona und den Klassenstandpunkt und Ralph Tharayil über ein Jenseits von allem.
Queerness – hier als kulturelle Transfiguration von Geschlechternormen und Intimitätspraxen betrachtet, die neue Ausdrucksformen und -varianten schaffen und auf diese Weise literarische Formen in Bewegung bringen, also Sprachmodalitäten erweitern: Yael Inokai über ein lesbisches Liebespaar und Jayne-Ann Igel über Körperfremdheit und die deutsch-deutsche Wiedervereinigung; und schließlich
Autofiktion – als das Thema der Gegenwartsliteratur schlechthin, nämlich wie das eigene Leben und Schreiben sich gegenseitig befruchten, erweitern, Phantasieräume schaffen und hierdurch existenzielle Schlüsselerlebnisse ermöglichen: Daniela Dröscher über die Geschichte ihrer Mutter, Theres Essmann über Widergaben von real-existierenden Stimmen und Anne Weber über das Puppentrauerspiel als Biographismus.
Kommunikativ-literaturhistorisches Resümee:
Diese sieben Themen umreißen auch meines Erachtens den Großteil der gegenwärtigen kulturpolitischen Debatten. Vielleicht fehlt ein wenig das Thema Klimaerwärmung, wie es in Samantha Harveys Umlaufbahnen, Kristine Bilkaus Halbinsel oder T.C. Boyles Blue Skies angerissen wird, aber auch in der Auswahl der Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, kommt das Thema eher seltener vor. Wird aber vom Stoff abstrahiert, ergibt sich Literatur-differentiell ein eher uniformes Bild, denn keiner der Autoren oder der Autorinnen reflektiert eingehend über das Sprachmaterial selbst, und kaum sprechen Autoren oder Autorinnen von Vorbildern, von Präfigurationen oder irgendeiner Tradition, einem Kanon, einer syntagmatischen Geste, die das Jetzt mit einem Vorher verknüpfen würde. Die Literaturwelt erscheint tatsächlich, im Sinne ihres eigenen Feldes, vergangenheits- und gedächtnislos, oder, wie es das Vorwort von Die Backstage eines Buches schreibt:
Das Ergebnis sind 21 Backstage-Geschichten, literarisch vielfältig, persönlich und überaus informativ, erlauben sie den Leserinnen und Lesern doch einen Blick in den „Maschinenraum“ des Literaturschaffens, den das Werk selbst ihnen nur höchst selten bietet.
Vorwort aus: „Die Backstage eines Buches“
Der Maschinenraum als Taktgeber, als das, was unsichtbar unter Deck stampft, verdeutlicht in der Tat als Metapher das Summa Summarum der ausgewählten Texte, denn der Maschinenraum, rein örtlich gesehen, erscheint als der maximal entfernteste Ort vom Krähennest, also zu einem etwaigen Ausguck vom Masttopp an der Spitze des Hauptmastes eines Schiffes hin. Segelschiffe haben in diesem Bild keinen Motor, Motorschiffe keine wirkliche Aussichtsplattform, von der aus der zurückgelegte Weg in Erscheinung treten könnte. Wie auch immer geartet: vom Maschinenraum lässt sich nur das jetztzeitige Stampfen und Rattern vorwärts betrachten und die sprachlich-narrative Vergangenheit, die Vorformen, Mythen, die Sage- und Ausdrucksstrukturen, an denen das Schreiben, jedes Schreiben, notgedrungen kulturpraxologisch anschließt, verbirgt sich im Schatten eines unsichtbar gewordenen Außen.
Der Erfahrungsaustausch gibt sich deshalb gering in Die Backstage eines Buches, aber nicht zum Nachteil dieser Anthologie. Sie fängt wie kaum ein Essay oder Blogbeitrag in der Summe die schwebende, sich selbst irritierende, etwas haltlos rotierende Literaturöffentlichkeit ein, denn in der multiperspektivischen Anlage reden die meisten an der Vergangenheit und auch aneinander vorbei, was, eine Ironie der Sache, auch alle zudem bedauern:
Autoren, die keinerlei Gleichzeitigkeit, keine Ambivalenz, keine Mehrdeutigkeit auszuhalten scheinen. Denen es nicht gelingt, aus einer Geschichte zwei zu machen. Die nicht revidieren. Nicht ausloten. Dasitzen, betäubt, weil man sie an der Billigdroge Macht schnüffeln lassen hat, und die das Denken zugunsten des Meinens aufgegeben haben. Die sich erziehen lassen. ch hielt mich nicht an die Regeln und wenn man mich fragte, warum, sagte ich: „Ich bin der new kid on the block. Ich muss mir Raum verschaffen.“ Heute schaue ich mich um und will raus. Es ist eng hier.
Behzad Karim Khani in: „Die Backstage eines Buches“
Aber woraus besteht ein Raum? Aus Grenzen, aus Wänden, die den Raum eingrenzen, und woraus besteht eine Meinung? Aus Beobachtungen und Beschreibungen, die sich als anschlussfähig erwiesen haben, und woraus besteht Ambivalenz und Mehrdeutigkeit, wenn nicht in Differenz zu einer wahrscheinlich zu beobachtenden Aussage? Das heißt der Komplexität des jeweiligen Sprachgestus entkommt kein Sprechakt, wie pompös er auch aus allem heraus will. Das, was über sich selbst hinausreicht, entsteht durch eine unwahrscheinliche Konstellation inmitten desselben:
Es gibt ein Thema, eine Logik und eine Argumentation, selbst wenn sie idiosynkratisch verstellt sind. Irgendwann im Laufe der Arbeit an den Texten stellte ich mir die Honigprotokolle wie ein egozentrisches Wörterbuch vor, das zu den selbstgewählten Lemmata die in diesem besonderen Fall einzig mögliche Definition bereitstellt, um den Wiederholungszwang des klebrigen Honigprotokolls auf eine ganz eigene Weise ein für alle Mal, wenn auch vorläufig, zu symbolisieren. Die Listen in den Heften zeigen dies, siehe Abbildung. Was habe ich dazu benötigt? Einen guten Freund, der von Anfang an dabei war, eine große Liebe, eine gute Ansprache, ein unaufhörliches Gespräch, dieses tiefe Tal und den Matka Canyon.
Monika Rinck in: „Die Backstage eines Buches“
Monika Rinck beschreibt es vortrefflich, indem sie die Honigprotokolle als egozentrisches Wörterbuch bezeichnet, das ihr erlaubt den Wiederholungszwang zu symbolisieren, was letztlich eben auf ein unaufhörliches Gespräch hinausläuft, und das wäre gerade das literarische Feld. Es besteht aus den Texten, den Versuchen, aus den Möglichkeiten, die bereits erreicht wurden, aus dem Wortschatz, den syntaktischen Möglichkeiten, den narrativen Überblendungen und Mischformen, in den etablierten Kohärenzen und Konsistenzen des glaubhaft fiktional Erzählten, die sich ergeben haben.
Formenbildung wird durch das Medium der Kunst ermöglicht – und zugleich unwahrscheinlich gemacht. Das Medium hält immer auch andere Möglichkeiten bereit und macht alles, was festgelegt wird, als kontingent sichtbar. Diese Unwahrscheinlichkeit wird betont, wenn man Alltagszwecke und Nützlichkeiten als Leitfaden der Beobachtung ausschaltet. Die Formbildung in der Kunst unternimmt besondere Anstrengungen (und die ästhetische Reflexion unterstreicht das), als nicht-nützlich zu erscheinen.
Niklas Luhmann aus: „Die Kunst der Gesellschaft“
Kunst negiert die der Empirie kategorial aufgeprägten Bestimmungen und birgt doch empirisch Seiendes in der eigenen Substanz. Opponiert sie der Empirie durchs Moment der Form – und die Vermittlung von Form und Inhalt ist nicht zu fassen ohne deren Unterscheidung –, so ist die Vermittlung einigermaßen allgemein darin zu suchen, daß ästhetische Form sedimentierter Inhalt sei.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“
Beide, Adorno wie Luhmann, gehen von einer Kunst aus, die sich durch die Form setzt und als eigenständig erweist, eben als Abgrenzung zu einem je Inhaltlichen wie Zweckmäßigen. Form gelingt so nur durch Weiterentwicklungen, Wiederaufnahmen, detaillierten Projektionen des Neuen im Wahrscheinlichen, d.h. aber wiederum, dass es ein Wahrscheinliches geben muss, nämlich den Stand des Materials, den Stand der literarischen, schriftlichen, explizierten, vorhandenen Sprache, die Organisation, hier, des literarischen Feldes, das in den Ausdruck hineinspielt. Vor diesem Hintergrund plausibilisieren sich auch die Verzweiflungsgesten in Die Backstage eines Buches:
Und alle Namen aus dem Buch streichen.
Und alle Orte aus dem Buch entfernen.
Und alle Namen und Orte und alles Material
und alle Objekte als Sediment nur vom Rand,
von der Marginalie aus denken.
Hin zum Kern schreiben.
The center is described by its margins.
The center must hold.
Ralph Tharayil in: “Die Backstage des Buches”
Aber was bleibt übrig: ohne Namen, Orte? Ein sehr abstraktes, schwebendes, beziehungsloses Etwas an Struktur. Und von wo definiert sich dann, rein räumlich gesehen, ein Rand, ein Kern? Die Hilflosigkeit existiert durch die Angst vor Festlegung – aber Kunst, Literatur, legt nie fest. Sie bietet an. Dieses Vakuum loten die Texte aus Die Backstage des Buches, herausgegeben von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter, aus. Diese Anthologie legt einen Grundstein für poetologische Gedanken, die weit über die Gegenwart hinausreichen, indem sie nämlich, intrareferentiell, auf die Vergangenheit als Leerstelle verweisen.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Elif Verlag fürs Zusenden eines Rezensionsexemplars.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Weitere Rezensionen finden sich:
Bücheratlas
peschka.at
Nächste Woche am 01.07.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich, wahrscheinlich, Ralf Rothmanns neuesen Erzählband besprechen.
Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.


Herzlichen Dank, lieber Alexander Carmele. Das geht tief … Danke!
Liebe Wolfgang, ich habe mich zu bedanken – mir ist einmal wieder vor Augen geführt worden, wie eine Anthologie für sich selbst spricht und ganz wie ein Spiegel seiner Zeit wirken kann. Das fand ich literarisch-emergent und spannend zu lesen. Viele herzliche Grüße!