Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“

Die letzten Tage von Ingeborg von Fleur Jaeggy.

Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 1926 geboren wurde und am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen eines Verbrennungsunfalles bereits früh verstarb, hätte in diesem Jahr also ihren 100. Geburtstag feiern können. Anlässlich dieses Jubiläums gibt es viele Neuerscheinungen und Wiederauflagen von Biographien und Monographien, die das Leben der Dichterin unter die Lupe nehmen. Neben Fleur Jaeggys Die letzten Tage von Ingeborg gehört auch das Erinnerungsbuch ihres Bruders, Heinz Bachmann, Ingeborg Bachmann, meine Schwester zu den persönlichsten Büchern, denn beide haben Ingeborg Bachmann aus nächster Nähe und auch bis zu ihrem Tod gesprochen und erlebt und sprechen auf diese Weise aus erster Hand. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern fokussieren sich diese beiden Texte zudem weniger auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Dichterin, allen voran auf die mit Paul Celan und Max Frisch. Jaeggy sogar sucht noch mehr als Bachmanns Bruder Heinz das Schweigen zwischen den Zeilen, verarbeitet so eine Trauer, die bis heute anhält:

Mit Ingeborg redeten wir über das Alter, sie lächelte bei dem Wort, aber war weder mit dem Herzen dabei noch mit einem echten Lächeln. Ich stellte mir ein langes Leben ohne Tod vor, ein Haus auf dem Land, eine Mauer, ich schilderte ihr die äußere Architektur und band sie mit einer Schnur fest. Und zwischen den Mauern ein Garten, und ich sagte: wir beide. Ich war schrecklich überzeugt. Die störrische Überzeugtheit von etwas, das nicht eintritt. Ich hatte die kommenden Jahre eingerichtet, vielleicht auch im Traum, und hatte sie, Ingeborg, bei mir.

Fleur Jaeggy aus: „Die letzten Tage von Ingeborg“
„Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg““ weiterlesen

Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“

Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman.

Bereits 1995 geschrieben, hat Jacqueline Harpmans Roman Ich, die ich Männer nicht kannte durch eine Wiederauflage erneute Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Höchstwahrscheinlich auch durch den andauernden Erfolg von Margaret Atwoods Der Report einer Magd, mit der Harpmans Roman wesentliche dystopische Momente teilt. Über Atwoods Thema der Frauenunterdrückung hinaus beschäftigt sich Harpman in Ich, die ich Männer nicht kannte noch mit der psychisch-anthropologischen Situation, in einer kargen Welt isoliert auf sich allein zurückgeworfen zu werden, und kommuniziert so intensiv mit Dino Buzzatis Die Tatarenwüste, mit Guido Morsellis Dissipatio humani generis, Marlene Haushofers Die Wand oder Abe Kōbōs Die Frau in den Dünen. Wenige jedoch ziehen aus ihrem Stoff derart verstörend anthropologisch-psychologische Konsequenzen wie Harpman:

Ob irgendjemand oder irgendetwas irgendwo den Sinn von alldem kannte? Und ob die Dinge anderswo einfach so weitergingen? Gab es auf diesem Planeten, von dem ich, so lange ich auch weiterliefe, nur einen Teil sehen würde, oder auf einem anderen einen Ort, wo die Keller noch in Betrieb waren? Wo Männer und Frauen der Peitsche gehorchten, zu willkürlichen Zeiten aßen und schliefen und wo ein rebellisches Mädchen anfing, ihren Herzschlag zu zählen? War ich die Einzige? Gab es an diesem Sternenhimmel noch tausend andere Planeten wie den, auf dem ich umherirrte, und wenn ich nachts auf den Schlaf wartete, streifte mein Blick dann manchmal eine ferne Erde, wo sich die gleiche Szene abspielte?

Jacqueline Harpman aus: „Ich, die ich Männer nicht kannte“
„Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte““ weiterlesen

Elias Hirschl: „Schleifen“

Schleifen von Elias Hirschl.

Manche wissenschaftliche Probleme erhalten, aus berechtigten, meist aber aus unberechtigten Gründen einen Nimbus, der zu einer literarischen Bearbeitung lockt. Es gibt viele Beispiele, wie bspw. Alan Lightmans Und immer wieder die Zeit, das eine etwas irrige poetische Versinnbildlichung der Einsteinschen Relativitätstheorie betreibt, oder Benjamin Labatuts Maniac, der sich mit den quantenmechanischen Problemen des Physikers Pau Ehrenfest beschäftigt, oder Dietmar Daths Dirac oder Gentzen, wobei es im letzteren um die Grundlagenkrise der Mathematik Anfang des 20. Jahrhunderts geht. All diese Romane eignen sich einen eher unbedarften, verspielten Zugriff auf die wissenschaftliche Diskurswelt an, der oft nicht annähernd das Zentrum der Problematik begrifflich erfasst, geschweige denn informativ über das Wissensfeld aufklärend wirken könnte. Elias Hirschl dagegen findet in Schleifen einen Weg, die Sprach- und Grundlagenkrise der Mathematik poetisch produktiv werden zu lassen, ohne zu versimplifizieren oder zu diffusionieren.

Es ist nicht schwer ersichtlich, dass der Ursprung allen Übels die Benennung der Dinge ist. Der Glaube daran, es wäre möglich, Gegenständen eine Bedeutung zuzuschreiben, eine Bezeichnung, die stabil auf ihnen liegt, wie eine Grabinschrift, die für immer die Person markiert, die unter ihr liegt. Aber auch diese Leiche verwest. Auch dieser Stein zerbröselt. Auch diese Inschrift verwischt im Wind, und mit jeder neuen Inschrift, die die Zunge aus der Luft formt, als feuchte Hand in flüchtigem Lehm, wird eine Spaltung hervorgerufen, eine Dissemination, die den Lauf der Sprache ändert, die dem Redefluss Seitenarme verpasst, in denen die Semantik ausufert.

Elias Hirschl aus: „Schleifen“
„Elias Hirschl: „Schleifen““ weiterlesen

Thomas Hettche: „Liebe“

Liebe von Thomas Hettche. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

In Liebe meditiert Thomas Hettche in impressionistisch-reduktionistischer Manier über das Thema Einsamkeit im Alter und über die Sehnsucht nach Liebe in Zeiten des Krieges und der Gewalt und nimmt hiermit das Thema von Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen auf. Liebe steht insofern einerseits im engen Zusammenhang zu Natascha Wodins Die späten Tage, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Benjamin Myers Strandgut, als seine beiden Hauptfiguren bereits über sechzig Jahre alt sind und einen Neuanfang suchen, und andererseits durch die Sorgen über den Krieg in der Ukraine, bspw., Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten oder Lukas Rietzschels Sanditz, die sich ebenfalls explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen. Diese sehr schroffe Gegenüberstellung, ein eher zeitloses Thema, das der Liebe, mit dem sehr zeitgebundenen, das des abgeschossenen Passagierflugzeugs der Malysia Airline 2014, gibt dem Roman von Hettche von Anfang an etwas Disparates und Dissoziiertes:

Dort, wo das Flugzeug am Dnepr abgeschossen worden war, verläuft von jeher die Grenze zur großen Steppe, die bis in die Wüsten Zentralasiens reicht. Max schien es plötzlich, als spürte er so etwas wie eine unendliche Trift, und er fühlte sich dieser riesigen Weite schutzlos ausgeliefert und furchtbar allein.
»Fick mich noch einmal«, sagte Anna in diesem Moment leise, als empfände sie dasselbe.
Noch einmal, noch einmal, dachte er und zog sie auf die Wiese neben dem Weg, schob ihr den Rock hoch und den Slip herunter. Danach lagen sie lange schweigend nebeneinander im Gras und sahen zu den Sternen hinauf. Zum ersten Mal, seit sie zusammen waren, spürte er Scham.

Thomas Hettche aus: „Liebe“
„Thomas Hettche: „Liebe““ weiterlesen

Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

Solange ein Streichholz brennt heißt der vierte Roman von dem Podcaster Christian „Pokerbeats“ Huber und lässt sich in eine Reihe mit Johanna Adorjáns Ciao, Nele Pollatscheks Kleine Probleme und auch Dana von Suffrins letztem Roman Toxibaby stellen. Im Zentrum des Geschehens steht Alina Alev, eine türkisch-stämmige Fernsehjournalistin, die sich, aus etwas fadenscheinig motivierten Gründen, in eine komplizierte Beziehung mit einem Obdachlosen stürzt. Huber verhandelt hier also sowohl den Prokrastinierer Lars aus Kleine Probleme, den aus den Fugen geratenen Journalismus aus Ciao, wie auch das Männer-Retten-Element in Toxibaby, nur hier mit dem Twist, dass das Setting an die Schöne und das Biest erinnert mit dem melodramatischen Impetus eines Hans Christian Andersens Märchen aus Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern:

»Ich hab Feuer«, sagte Bohm. Zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt er ein schmales Streichholz. Erstaunt beobachtete Alina, wie er mit dem Fingernagel blitzschnell darüberstrich, sodass es sich entzündete. Für den Bruchteil einer Sekunde hing Bohms Blick in der Flamme fest. Er reckte seine krumme Zigarette hinein und deutete Alina an, es ihm gleichzutun, während er das brennende Hölzchen mit der hohlen Hand abschirmte. Ohne einen Schritt zu machen, lediglich den Oberkörper nach vorn gebeugt, ließ Alina sich Feuer geben. Rauchend standen sie an einem Abfalleimer.

Christian Huber aus: „Solange ein Streichholz brennt“
„Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt““ weiterlesen

Fleur Jaeggy: „Proleterka“

Proleterka von Fleur Jaeggy.

Proleterka (2002) gehört zu den wenigen, etwas längeren Prosaarbeiten von der schweizerischen Autorin Fleur Jaeggy (*1940), die momentan eine erhöhte Aufmerksamkeit durch eine Werkwiederauflage erfährt, u.a. durch ihre Coming-of-Age-Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung (1989) und ihren Erzählband Die Angst vor dem Himmel (1997). Jaeggy arbeitet eher mit stillen, verdichteten, aufs höchste kondensierten literarischen Mitteln, die sich treffsicher zwischen Poesie und Prosa ansiedeln. Proleterka zeigt sich als eine Form von Vater-Tochter-Märchen, das als eigenständig vermittelte artistische Versöhnung und Synthetisierung von Ingeborg Bachmanns Malina und Max Frischs Homo Faber gelesen werden kann und zwar ästhetisch im Stile eines Robert Walsers aus Jakob von Gunten. Interessanterweise verarbeitet sie die etwas dunklen Stoffe zu einer reflexiv offenen Immunisierungsgeste, so dass Proleterka zur Stimme einer Tochter gerät, die sich durch eine selbstarbeitete Souveränität von ihren sich streitenden Eltern freispricht:

In gewisser Weise lassen manche [Kinder] ihre Empfindungen, ihre Gefühle fallen, als wären es Gegenstände. Mit Entschlossenheit, ohne Trauer. Sie werden Fremde. Manchmal Feinde. Sie sind nicht mehr die im Stich gelassenen Wesen, sondern sie selbst treten innerlich den Rückzug an. Und gehen fort. In eine finstere, fantastische und jämmerliche Welt. Und doch tragen sie manchmal Glückseligkeit zur Schau. Wie ein Seiltänzerkunststück. Die Eltern sind nicht notwendig: Wenig ist wirklich notwendig. Manche Kinder regieren sich selbst. Das Herz, ein unverderblicher Kristall.
Fleur Jaeggy aus: „Proleterka“

„Fleur Jaeggy: „Proleterka““ weiterlesen

Hannah Häffner: „Die Riesinnen“

Die Riesinnen von Hannah Häffner. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Die Riesinnen von Hannah Häffner nimmt explizit das Hexenmotiv auf, das in der Gegenwartsliteratur bereits von Olga Tokarczuk in Empusion und Jessica Lind in Mama bearbeitet wurde und stofflich seinen Niederschlag auch in Kim de l’Horizon schnell vergessenem experimentellen Text Blutbuch gefunden hat. Die Riesinnen verorteten das Geschehen wie Tokarczuk und Lind in einen alles umfassenden, alles versöhnenden Wald, in dessen Mitte ein Dorf namens Wittenmoos liegt, in welchem sich großgewachsene rothaarige Frauen gegen eine zuerst missgestimmte und abergläubische Dorfgemeinschaft durchsetzen müssen.

Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Die anderen Frauen sind zart und irgendwie kompakt, als hielte die Welt ihre Schätze beisammen. Nur Lieselotte hat sie auseinanderlaufen lassen, von der Erde weg, dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier. Hier kann sie nie etwas anderes sein als das, was sie ihr nachrufen [Satanskind], die Rotzgören, mit den verschwitzten Hemden und den grasfleckigen Knien.

Hannah Häffner aus: „Die Riesinnen“
„Hannah Häffner: „Die Riesinnen““ weiterlesen

Dana von Suffrin: „Toxibaby“

Toxibaby von Dana von Suffrin. Literarisches Quartett 4/2026.

Zerfahrene Beziehungskisten eignen sich für mäandernde Erzählweisen besonders gut. Ob der Verschobenheit und Unsicherheit der Gefühlslage darf sich ja alles und jedes beliebig mischen und sorgt für einen plausiblen, den Verlust, aber auch die Nähe eines Gegenübers fürchtenden Monologes, wie ihn bspw. Benjamin von Stuckrad-Barre in Soloalbum vorstellt und für die deutsche Gegenwartsliteratur quasi salonfähig gemacht hat. Mit Toxibaby legt nun Dana von Suffrin die ähnlich gelagerte Antwort aus weiblicher Sicht vor. Bei Stuckrad-Barre handelt es sich um das Auf und Ab eines Musikjournalisten mit seiner Flamme Katharina, bei Suffrin um dasselbige von einer 36jährigen Schriftstellerin zu einem 42jährigen Sozialpädagogen an einer Brennpunktschule, statt in Hamburg aber nun in München:

Hier, verehrte Zuschauerinnen, ist die Colaflasche, aus der Toxi etwa drei Wochen, bevor er mich das hundertachte Mal auf WhatsApp blockierte, getrunken hat. Der Redakteur würde die Flasche ratlos in seiner Hand drehen und sie dann abstellen. Er würde seine Empörung nicht verstecken, und auch die ganze Nation wäre auf meiner Seite: Die Fernsehzuschauer würden mit mir weinen, sie würden zornige Leserbriefe schreiben und tagelang meinen Fall diskutieren, in der Sauna, im Biergarten, im Gartencenter, an der Kasse, im Pausenraum, in Kompaktfahrzeugen und in Werkstätten, und endlich hätte ich es schwarz auf weiß: Ich war nicht schuld.
Dana von Suffrin aus: „Toxibaby“

„Dana von Suffrin: „Toxibaby““ weiterlesen

Tomer Gardi: „Liefern“

Liefern von Tomer Gardi.

Liefern heißt Tomer Gardis dritter Roman, der im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, Broken German und Eine runde Sache, sprachexperimentell gesehen, nunmehr konventionell geraten ist und die Lebensgeschichten von Fahrradkurieren, genauer: Essenslieferanten in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires mit eher gemäßigten sprachlichen Mitteln nachzeichnet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen verzichtet Gardi auf wilde Wort-Staccatos und onomatopoetische Sinngebungs- und Sinnverklausulierungsverfahren. Sein literarischer Fokus verbleibt eng auf der Ausgeliefertheit der Lieferanten und verzichtet, mit wenigen Ausnahmen, auf seine üblichen, dem Schelmenroman gemäßen Abschweifungen. Wie Salman Rushdie in Die elfte Stunde verlagert Gardi seinen Episodenroman auf viele Kontinente und erzeugt hierdurch eine flirrende, verbindende Stimmung, die dem Offenen und Dynamischen der nicht aufgebenden Figuren überzeugend entspricht:

Dort stiegen wir aus, gingen an der Moschee vorbei und fanden die Stelle, die wir mit Resul ausgemacht hatten, den Platz mit der Atatürk-Statue. Da saßen wir mit unseren rasierten, rotgesprenkelten Schädeln zu Füßen des Vaters der Türken. Ich dachte an Auerbach, wie er in einem der Häuser hier saß und zum Klang der Nebelhörner seine Mimesis schrieb, und auch zum Ruf des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief und wie im Schma Israel verkündete, dass Gott Einer ist. Ich dachte an Hazal, die schon keine Führungen mehr macht. An Aischa, die nicht Wissenschaften unterrichten wird, was sie sich so gewünscht hatte. An Resul, der nach jedem Lieferanten, den er in seinen Tod begleitet, mit schwerem Herzen ans Wasser geht und all seine Gewichte und Haken weit auswirft, sich einen Zeugen angelt, der seine Geschichte anhört. Ich dachte an mich, an meine Versuche, meine Gewichte und Haken abzuwerfen, mir meine Zeugen zu angeln.
Tomer Gardi aus: „Liefern“

„Tomer Gardi: „Liefern““ weiterlesen

Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“

Die Lebensentscheidung von Robert Menasse. SWR Bestenliste 2026.

[Keine Spoiler] Nach Die Hauptstadt und Die Erweiterung legt Robert Menasse nun ein drittes EU-Buch mit Die Lebensentscheidung vor, in welchem das Leben, Wirken und die Desillusionierung von Menschen im europäischen bürokratischen Dschungel narrativ beleuchtet wird und das möglicherweise als kontrapunktiver Abschluss von Menasses Brüsseler-Trilogie dient. Aufgrund seiner sehr explizit politischen Thematik lässt sich Menasses Novelle mit Büchern wie Antje Rávic Strubels Der Einfluss der Fasane, Gaea Schoeters‘ Das Geschenk oder Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten vergleichen. Im Gegensatz aber zu diesen durchaus diskursiv getränkten, didaktisch-stilistisch orientierten Erzählweisen zeigt sich Menasse in Die Lebensentscheidung eher ambigue, erzählfreudig und in der Tradition eines Max Frischs aus Homer Faber versetzt, mit welchem Die Lebensentscheidung überraschenderweise viele strukturelle Motive teilt. Menasses Held heißt hier Franz Fiala, stammt aus Wien und befindet sich im neunundfünfzigsten Lebensjahr und ist seines Brüsselers EU-Wirken eindeutig müde geworden:

Aber die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der »Menschen da draußen«, die man »ernst nehmen« müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären »da draußen« nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten.

Robert Menasse aus: „Die Lebensentscheidung“
„Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%