
[keine Spoiler] Pony Show reiht sich nahtlos in das kritisch-realistische Oeuvre von Juli Zeh, die auch hier wie in Zwischen Welten oder Über Menschen literarisch den Diskursen der Gegenwart nachspürt und das Konflikt- und Spannungspotential narrativ umzuwerten oder gar produktiv aufzulösen versucht. Sie bewegt sich in jeder Hinsicht in der Lukács’schen Ästhetiktradition und greift, mal mit Witz, mal mit Ironie oder Sarkasmus heißdiskutierte Stoffe auf, die es intellektuell zu entschärfen gilt wie ein Heinrich Mann in seinen Klassikern des kritischen Realismus Der Untertan oder Professor Unrat. In Pony Show wählt sie das Thema von Caroline Wahl aus Die Assistentin, nur dieses Mal von der Seite der Vorgesetzten aus. Bethany Hell, angesehene Lektorin eines angesehenen Literatur-verlages, hat ein Auge auf Fero Lebed geworfen:
Betty sagt, dass so etwas öfter passiert ist. Fero hat in ihrer Gegenwart oder sie in seiner immer wieder Dinge geäußert, die sie innerlich zusammenbrechen ließen. Auf wundervolle Weise. Als spräche nicht er zu ihr und sie nicht zu ihm, sondern er aus ihr und sie aus ihm heraus. Sie sagt, dass die Übereinstimmung zwischen ihnen transzendental gewesen ist. Gemeinsam haben sie etwas erzeugt, das über jeden Einzelnen von ihnen hinausging. Etwas Höheres. Etwas Neues. Eine unbekannte Energie. Betty zögert, denkt nach und sagt schließlich, dass es doch nicht sein kann, dass nur sie das gespürt hat. Zu so etwas gehören zwei. Wenn es nur in ihrem eigenen Kopf gewesen wäre, dann hätte es gar nicht entstehen können. Oder? Weil ich darauf keine Antwort weiß, sage ich, dass ich aufs Klo will, obwohl ich gar nicht muss.
Juli Zeh aus: „Pony Show“
Inhalt/Plot:
Die Crux jedoch: Bethany bleibt Feros Vorgesetzte. Nun aber ist Fero verschwunden, und Bethany wird an der österreichisch-ungarischen Grenze mit Falschgeld und einer Waffe aufgegriffen, an der sich das Blut von Fero befindet. Die Staatsanwaltschaft wittert ein Verbrechen, und Bethany kommt in Untersuchungshaft. Eine mit ihr befreundete Schriftstellerin, June May, engagiert einen hippen Skateboard-Anwalt, Dr. Mark Steinert, der sich im Kunst- und Kulturbetrieb bereits einen Namen gemacht hat, um die Lektorin aus den Fängen der Justiz herauszuboxen. Obwohl dieser keine Erfahrung in Mordprozessen vorzuweisen hat, fühlt er sich der Sache durch und durch gewachsen und nimmt an, schließlich gibt es keine Leiche, und ohne Leiche keinen Mord, aber die Staatsanwaltschaft hat etwas im Petto:
Ringlow macht es nicht schlecht, viel sachlicher und weniger eifernd, als ich erwartet hätte. Der Angeklagten wird zur Last gelegt, zu einem derzeit nicht genau feststellbaren Zeitpunkt zwischen dem 3. und 5. Juli 2025 an einem bislang nicht genau bekannten Ort Fero Lebed aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben. Die Angeklagte unterhielt zu diesem Zeitpunkt eine intime Beziehung zum Getöteten.
Mark hat unterschätzt, dass es im Umfeld Beweise für die Freundschaft zwischen Fero und Bethany gibt, die darauf hinweisen, dass aus der Freundschaft mehr geworden sei, weshalb ein Mord aus niedrigen Beweggründen in Frage kommen kann. Es gibt ein Motiv: Eifersucht oder Kränkung. Bethany bleibt still, und Mark hat große Mühe, sie zum Reden zu bringen. Hieraus bestehen etwa drei Viertel des Buches, nämlich wie Mark der zurückhaltenden, sich geheimnisvoll gebenden Angeklagten die Würmer aus der Nase zieht. Letztlich jedoch mit mäßigem Erfolg, denn auf dem Weg zur vermeintlichen Wahrheit beginnt er sich mehr und mehr in Bethany zu verlieben, verliert sich in einen Strudel orientierungsloser Annäherungsversuche und sieht eher Konkurrenten um sich als Zeugen und Freunde der Angeklagten:
Ich richte mich auf. Mit einem Mal ist die Mattigkeit verschwunden, stattdessen steigt Hitze aus der Körpermitte bis ins Gesicht. Aggression. Eine Erkenntnis trifft mich wie ein Blitzschlag: Betty macht das Gleiche mit mir wie Fero mit ihr. Obwohl sie so darunter gelitten hat. Oder gerade deswegen. Vielleicht entlastet es sie, von der Opfer- auf die Täterseite zu wechseln. Vielleicht bin ich ihr Sandsack. Aber darauf habe ich keinen Bock. Fero hat ihr von Dinner-Partys und Brautkleidern erzählt. Sie erzählt mir von Fero, dem Super-Boyfriend, während ich vor ihr sitze und stumm rufe: Ich bin da! Siehst du mich nicht? Ein Mensch aus Fleisch und Blut, direkt vor dir! Das ist so anstrengend. Und so demütigend.
Inhaltlich entwickelt sich vom Anwalt aus genau dasselbe wie zwischen Assistent und Lektorin, nur dass die Lektorin sich ganz und gar nicht zu dem Anwalt hingezogen fühlt, so dass die im anfänglichen Zitat gestellte Frage eindeutig beantwortet wird: Es ist durchaus möglich, dass sich jemand in einen anderen Hals über Kopf verliebt, ohne dass das Gegenüber auch nur das Geringste in diese Richtung für den Verliebten zurückempfindet. Die Intensität, die Besonderheit, das Spezielle des Gefühls verweist nicht auf ein Beidseitigkeit, vielleicht verweisen derartige monomanische Erotismen vielmehr auf das Gegenteil. Weder Bethany noch der Anwalt ziehen diesen Schluss aber in Betracht. Das Objekt der Begierde, so nah und doch so fern, muss etwas zurückfühlen und dafür lohnt es sich zu kämpfen:
Nach Hannover bleibt etwas Dunkles in Betty zurück. Misstrauen. Unverständnis. Unterdrückte Vorwürfe. Sie fängt an, genauer hinzusehen. Alles zu beobachten, zu analysieren und zu interpretieren, was zwischen ihnen geschieht. Oder nicht geschieht. Ziemlich offensichtlich ist, dass sich Fero niemals von selbst bei ihr meldet. Alles, was sie gemeinsam unternehmen, ihre Treffen, ihre Reisen, jedes Gespräch, letztlich auch die vielen Text- und Sprachnachrichten gehen auf Bettys Initiative zurück. Niemals klopft Fero im Verlag an ihre Tür oder schreibt eine Message, um zu fragen, ob Betty mit ihm einen Kaffee trinken oder zu Mittag essen oder am Abend ins Theater gehen will.
Pony Show erzählt von Obsessionen und hieraus entstehenden Missverständnissen. Dem übergelagert gibt es das Gerichtsverfahren, die Frage nach dem Verschwinden von Fero, und der langsame Aufklärungsprozess, wie sein Blut an die Waffe von Bethany gekommen ist, wieso sie überhaupt eine Waffe hat und mit Falschgeld in Richtung Ukraine unterwegs gewesen ist. Im eher illustrativen hard-boiled-Erzählstil eines Dashiell Hammett bewegt sich Zehs neuer Roman nah an der Grenze zum voyeuristischen Thriller und erinnert hierdurch, auch im Erzählmodus und Erzählstil an Marc-Uwe Klings Views und zudem, durch einigen karikaturesken Witz, an das mit Augenzwinkern geschriebene Wackelkontakt von Wolf Haas. Stofflich jedoch hat Zeh mit Pony Show eine Hommage an Ferdinand von Schirachs Tabu und Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum geschrieben.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Öffentliches Miteinander mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht
Stil/Sprache/Form:
Pony Show erweist sich von Anfang an als eher hastig, vor sich hin in Atemlosigkeit rasendes Literatur-Kabinettstück, das wie das klassische Drama in fünf Teilabschnitte die Handlung abwickelt, historisch gesehen frei nach Horaz:
1.) Exposition (Mordfall ohne Leiche);
2.) steigende Handlung (Bethanys erzählt ihre Seite);
3.) Höhepunkt/Peripetie (entlarvender Fund);
4.) fallende Handlung (ein Deal wird beschlossen); und
5.) Katastrophe (mögliche Bethanys Schuld).
Sprachlich aber orientiert sich Zeh nicht an klassische Stilvorgaben. Sie verwendet eher einen Hochgeschwindigkeitsstil, der sich deutlich an die Nüchternheit und den Faktenrepetitierungsstil eines Heinrich Bölls anlehnt:
Der Zug war nachweislich um 17.30 Uhr gefahren. Wenn man Katharina fünf bis zehn Minuten zubilligen wollte, um inmitten des beginnenden Karnevalsrummels ihren Wagen zu finden, weitere zwanzig oder gar fünfundzwanzig Minuten, um ihre außerhalb der Stadt in einem Wohnpark gelegene Wohnung zu erreichen, die sie also erst zwischen 18.00 und 18.15 Uhr betreten haben konnte, so blieb keine Minute ungedeckt, wenn man ihr gerechterweise zubilligen mochte, dass sie sich gewaschen, umgezogen, eine Kleinigkeit gegessen hatte, denn sie war schon gegen 19.25 Uhr bei Frau Woltersheim zur Party erschienen, nicht per Auto, sondern per Straßenbahn, und sie war weder als Beduinenfrau noch als Andalusierin verkleidet, sondern lediglich mit einer roten Nelke im Haar, in roten Strümpfen und Schuhen, in einer hochgeschlossenen Bluse aus honigfarbener Honanseide und einem gewöhnlichen Tweedrock von gleicher Farbe.
Heinrich Böll aus: „Die verlorene Ehe der Katharina Blum“
Beide versuchen ihren Stoff nicht poetisch auszumalen oder zu poetisieren. Beide bleiben auf dem Boden der Tatsachen und rekonstruieren einen Fall, der aus dem Zusammentreffen von unglücklichen Zufällen besteht. Die Distanz und Unterkühltheit dient bei Böll jedoch einer Form der Aufklärungsarbeit gegen Sensationsjournalismus und findet ihre narrative Unterstützung in einer süffisanten, ordnenden Erzählstimme – bei Zeh wird aber nicht klar, weshalb sie statt einer solchen kommentierenden Erzählinstanz einen tristen Ich-Erzähler wie Dr. Mark Steinert wählt, der sich vor lauter libidinöser Selbstbezogenheit kaum auf den Fall, geschweige denn auf seine Aufgabe als Rechtsanwalt zu konzentrieren vermag. Seine Berichterstattung hilft weder im Stil noch in der Erzählweise Ordnung in die Angelegenheit zu bringen, was der Nüchternheit der Sprache stilistisch entgegensteht und zu einem paradoxalen Leseerlebnis eines Romans führt, der einerseits mit einer Detektivstory lockt, andererseits einen auffällig unreifen, verwirrten, sich seiner eigenen Gefühle nicht stellen könnenden Rechtsanwalt in den Vordergrund schiebt, der dem Fall einen Lustspiel- oder Komödiantenstadl-Charakter verleiht, bspw. in einer Szene, in der er überlegt, Bethany, die einer lebenslangen Haftstrafe entgegensieht, kurzerhand an die Wäsche zu gehen.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Befindet sich stilistisch Pony Show in der Nähe zu Heinrich Bölls Sensationsjournalismus-Roman, so nimmt sie inhaltlich, neben der stofflichen Nähe zu Caroline Wahls Die Assistentin, auf Ferdinand von Schirachs Roman Tabu Bezug, in welchem es ebenfalls um eine Mordanklage ohne Leiche geht, und in welchem ebenfalls der Mordprozess Teil einer Selbstinszenierung oder Performance wird. Mit beiden Stoffen jedoch konfusioniert Zehs Roman ihr eigenes Zentrum, nämlich die begehrenswerte, geheimnisvolle, selbstbewusste, allen Männern den Kopf verdrehenden Bethany Hell:
Jetzt probiert es Betty mit Ahnungslosigkeit. Mit Städtetourismus, Entschuldigungen und Augenaufschlag. Aber es ist zu spät. Widerwillig verlässt sie den Wagen. Doppelt so alt, doppelt so intelligent und doppelt so elegant wie die Polizisten. In meiner Vorstellung trägt sie einen Rock mit dezentem Karomuster, kniehohe Stiefel in Dunkelbraun und ein hellgraues Oberteil mit Rundhalsausschnitt. Dabei weiß ich aus der Akte, dass sie bequeme Jeans, schwarz-weiße Turnschuhe und ein dunkelblaues T-Shirt anhatte. Trotzdem gelingt es mir nicht, meine Phantasie anzupassen. In Rock und Stiefeln gefällt sie mir wahrscheinlich am besten.
Bethanys Drama bindet die losen Teile zusammen. Als selbstbewusste Frau, intellektuell überlegen und sportlich und beruflich über die Maßen erfolgreich, sieht sie sich plötzlich in die Öffentlichkeit wegen einer vermeintlichen Affäre mit einem jüngeren, unbekannten, ihr in jedweder Hinsicht unterlegenen Mann gezogen und muss beschämende Hypothesen und Details über ihr Privatleben über sich ergehen lassen. Die eigentliche Handlung besteht genau in diesem Zwiespalt, die professionell sich gebende Frau, die einmal den beruflichen Abstand aufgibt und dafür bitter bezahlen muss. Sie erscheint als Projektionsfläche von Macht, wie sie in Ayn Rands Romanen zu finden ist, bspw. in Der Ursprung oder Atlas Shrugged, aber auch oft in Schirachs Büchern vorkommt, bspw. als Cynthia in Der stille Freund:
Als ich Cynthia an diesem Tag in Bonn wiedersah, trug sie ein blau-schwarzes Kleid, eine vierfache Perlenkette umschloss eng ihren Hals. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und hielt eine Zigarette zwischen den Fingern. Es war verblüffend: Sie sah genau aus wie das Bild, das der Fotograf Horst P. Horst 1946 von Babe Paley in New York für die Vogue gemacht hatte. Neben Cynthia stand einer der Männer, deren Gesichter immer zu nahe kommen, wenn sie reden. Ich ging zu ihr, sie umarmte mich und schien erleichtert.
Ferdinand von Schirach: „Der stille Freund“
Das Problem von Pony Show bleibt die Erzählfigur, die in Präsens, unentschieden zwischen Modi und Tempi, vor sich hin fabuliert und Bethany nicht gerecht wird. Es besteht auch darin, dass Fero Lebeds Charakterisierung nicht hinreicht zu verstehen, weshalb Bethany ihre Karriere für ihn aufs Spiel setzt. Diese Asymmetrien, die zwischen Erzählerfigur und Hauptfigur und die zwischen Fero und Bethany, zerschneiden die Handlung in unkittbare Szenenblöcke, die bis zum Ende nicht zusammenfinden. Es bleibt eine lose, bittere Fügung um eine interessante, willensstarke Hauptfigur, der die Welt im Roman nicht gerecht wird. Es fehlt das Drama. Es fehlen aber auch die typologischen herausgearbeiteten Nebenfiguren, an denen sich die Hauptfigur abarbeitet, und die übersichtliche, die Welt des Romans zusammenhaltende Erzählinstanz wie in Der Zauberberg oder Der Untertan, die für den kritischen Realismus, dem das Werk Juli Zehs zuzuordnen ist, unabdingbar bleibt.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

