Jean de Palacio: „Veturia“ – Rezension

Veturia von Jean de Palacio
Veturia von Jean de Palacio.

[Keine Spoiler] Schon in dem Kurzroman Das Porträt hat Jean de Palacio den Konflikt zwischen Kunst und Leben herausgearbeitet. In Veturia greift er diesen Stoff abermals auf, nun anhand einer Skulptur in den Tuilerien, die ebenfalls, angeschaut, zurückzublicken scheint. De Palacio nimmt hier noch konkreter den Pygmalion-Mythos aus dem 10. Buch in Ovids Metamorphosen auf, nach welchem sich der gleichnamige Künstler eine Kunstfigur als Liebesobjekt schafft und nur noch durch göttliche Hilfe aus seiner Besessenheit herauskommt, durch Venus, die seine Skulptur, die er sogar ankleidet und küsst, für ihn und zu seiner Besänftigung letztlich sogar zum Leben erweckt. In Veturia ersehnt sich der Protagonist, der sich alsbald beginnt, Coriolis zu nennen, nichts dringlicher als dieser Skulptur näher zu kommen, und träumt auch hiervon:

Er hatte den folgenden Traum: Ohne dass irgendeine Bitte geäußert worden wäre, hatte sich Veturia für das Leben entschieden. Er hatte ihr geholfen, von ihrem Piedestal herabzusteigen. Der voll erblühte, fast massige Körper hatte den Stein verlassen. Der Marmor schien erwärmt, die Hüften geschmeidig, die Coriolan getragen hatten, die Brust verhüllt, endlich den gleichgültigen Blicken entzogen, in dem schmalen, jugendlichen, nachdenklichen Gesicht hatte ein Ausdruck von Zuversicht das schmerzliche Erstaunen abgelöst. Gemeinsam verließen sie den Jardin des Tuileries auf der Seite des Jeu de Paume. Sie hatte ihren Arm unter den seinen gehakt und stützte sich leicht ab, wenn, in seltenen Momenten, ihr Schritt unsicher wurde, wie bei einer Rekonvaleszentin.

Jean de Palacio aus: „Veturia“

Inhalt/Plot:

Tatsächlich lassen sich Träume fiktional in Romane verwirklichen, und in Veturia exploriert Jean de Palacio diese Möglichkeit, indem er Coriolis einen Text über Veturia verfassen lässt, um dieser ein drittes Leben zu schenken. Das erste fand in den Zeiten der römischen Republik statt, als ihr Sohn, ein viel gerühmter Feldherr, sich zum Volkstribun wählen lassen wollte, in Konflikt aber mit den Plejebern gerät und schlussendlich sogar aus Rom verbannt wird. Veturia muss daraufhin verhindern, dass ihr Sohn, Gnaeus Marcius Coriolanus, im Verbund mit den Volskern gegen Rom in den Krieg zieht. Es gelingt, verliert aber ihren Sohn hierdurch, der nämlich ob seiner Verweigerung von den Volskern wegen Hochverrats umgebracht wird. Als Vestalin, Staatsschützerin und Hüterin des Herdfeuers, wurde sie als Vorbild römischer Weiblichkeit gefeiert, und erhielt Ende des 17. Jahrhunderts von Pierre Le Gros der Jüngere ein Denkmal aus Marmor, das seitdem im Jardin des Tuileries steht:

Beim Verlassen des Jardin des Tuileries auf der Seite des Jeu de Paume verharrte mein Blick lange bei Veturia. Dort aufgestellt, wo die Spazierenden ihrer Wege ziehen, ohne etwas zu sehen, der mindesten Aufmerksamkeit beraubt, ihrer Identität unsicher geworden, wartete Veturia, das Schweigen, die Vestalin,‘ seit fast drei Jahrhunderten auf diesen Blick. Zu ihrem voll erblühten, fast massigen Körper bildete ein schmales, jugendliches und bis hin zu schmerzlichem Erstaunen nachdenkliches Gesicht einen Gegensatz. Als ich endlich beschlossen hatte, mich zu entfernen, bekam ich plötzlich den Eindruck, sie habe ihren Kopf gewandt, um mir beim Weggehen nachzuschauen. Diese kurze Begegnung hinterließ ein verwirrendes Gefühl der Merkwürdigkeit und zugleich Vertrautheit, der Fremdheit und des stillen Einvernehmens […]

Wie in Das Porträt das Bild eines Sprachwissenschaftlers namens Maurice Guilhon eine Bewunderin anzublicken scheint, so blickt hier Veturia als Marmorfigur das Erzähl-Ich an und erinnert an die wechselwirkende Ästhetik zwischen Kunstwerk und Betrachtung, die Rainer Maria Rilke in seinem berühmten Gedicht Archaïscher Torso Apollos nachbildet, wenn er dichtet:

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht.

Rainer Maria Rilke aus: „Neue Gedichte“

Die Wechselwirkung entwickelt sich aus der immersiven Vermittlung von Ausdruck und Inhalt, von Erinnerung und Nachempfindung und lässt so ein Bild im Stillstand im Rezipienten in Bewegung geraten. Für einen Außenstehenden bewegt sich die Skulptur nicht und blickt auch nicht zurück, aber für alle, die sich in die Form und Gestaltung hineinversenken, beginnt die Skulptur an eine Lebendigkeit zu erinnern und wird hierdurch selbst zu einer Form von Lebens, und wie das gelingt, hiervon handelt Palacios Veturia. Das Erzähl-Ich, das später aus der dritten Person heraus beschrieben wird, versucht nämlich durch einen Text, durch eine dichterische Durchdringung seines Erlebnisses, die Skulptur Veturias zu einem dritten Leben zu erwecken:

Im 18. Jahrhundert hatte der Bildhauer ihr ein zweites Leben gegeben. Und es war ein drittes Leben, das er ihr zu verleihen gedachte, indem er ihren Roman schrieb. Der Existenz Dauer geben, nicht im Fleisch, sondern in der Schrift. Das Papier war dem Marmor ebenbürtig. Jede fertige Seite würde sein wie ein zusätzlicher Tag. Nulla dies sine linea. Ja, sie war in seine Obhut gegeben, er konnte sich seiner Aufgabe nicht entziehen. Sie würde leben, solange er schrieb. Blut war in die Tinte gemischt. Die Sätze reihten sich aneinander, kurz wie die Schläge des Herzens.

Das Unterfangen wird durch Mona erschwert, der Geliebten, von der er sich für Veturia nach zwei Jahren trennt und die ihre Nebenbuhlerin zu bekämpfen sucht. Auch hier erinnert Veturia an Das Porträt, wo ebenfalls eine Nebenbuhlerin, dort Sabrina Westwood, gegen das beschriebene Unterfangen der künstlicheren Andacht vorgeht. In beiden Texten besteht der Konflikt also zwischen Leben und Kunst, Wirklichkeit und Imagination, und in beiden exploriert Palacio die Schwierigkeiten und die Möglichkeiten, die sich ergeben, sobald diese Grenzen verwischen, dies aber mit ästhetischen und nicht argumentativen Mitteln.  

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Körper-Geist-Bewusstsein mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht

Stil/Sprache/Form:

Palacios Schreibweise zeichnet sich durch einen leisen Stil aus. Die sanfte, eher sich vorsichtig einer Bedeutung annähernde Diktion erinnert an Philippe Jaccottet, bspw., aus Elemente eines Traumes oder Edmond Jabès in Das kleine unverdächtige Buch der Subversion. Diese Autoren bedienen sich einer vermittelten, formalisierten, jedweden Bodensatz des Alltags vermeidenden Sprache. Auch Palacios Stil lässt sich in diesem Sinne als ästhetizistisch beschreiben, als eine geläuterte Form der von ihm breit erforschten, teilweise ins Pathetische umschlagenden Dekadenzliteratur des Fin de siècle wie Gabriele d’Annunzio oder Joris-Karl Huysmans. In Veturia bleibt hiervon nur das Dringliche, Sentimentale und hochgradig Versierte in der Kunstwahrnehmung zurück, das, was die Kunst als Möglichkeit begreift, eine in der Rezeption kurzfristige Suspension der Zeit zu ermöglichen:

Allem zum Trotz blieb sie Statue, wahrte ihr Schweigen, würde, sie, die Vestalin der wiedergefundenen Zeit, nicht von ihrem Piedestal herabsteigen, das ihren Stolz bewahrte, ohne ihr einen Blick, einen Seufzer, eine Träne zu versagen.

Der Unterschied zur Dekadenzliteratur eines d’Annunzio besteht auch darin, dass Jaccottet oder Palacio Dinge mit ihrer Kunst zum Leben erwecken wollen und nicht im Begriff stehen, Menschen in Fetische und Objekte zu verwandeln, wie ersterer bspw. in Lust. Leben zu mehren, sich Leben vorsichtig zu nähern, ihm nicht unmittelbar auf den Pelz zu rücken, darin besteht die Ästhetik eines Palacio oder Jaccottet. Diese im Vergleich zu anderen unaufdringlichste Form der französischen Nachkriegsliteratur kämpft gegen einen Schleier an, gegen eine Entfremdung von den Dingen, von den Kunstwerken, von einem ästhetischen Schein, der Schönheit erst ermöglicht, aber von Abstraktion, Sinnfragmenten und Bedeutungsrudimenten stets wieder verdeckt zu werden droht:

Hören Sie auch dies noch: warum habe ich diese Texte geschrieben, die mich nur halb befriedigen und die, statt zu singen, der Möglichkeit des Gesanges nachforschen? Weil ich des Gesanges beraubt bin, aus dem Gesang vertrieben, das heißt, auf schreckliche, auf traurige Weise abgeschnitten bin von der Wirklichkeit der Welt. Mit jedem Tage schüttet unsere Zeit zwischen diese Wirklichkeit und mich einen Haufen von Abstraktionen und einen Haufen Unrat, die mir den Weg verlegen, wie einem, der unter Trümmern begraben läge (Trümmern des Wissens und allerlei Fäulnis unter diesen Trümmern) und der, wenn er atmen will, dies alles erst wegräumen muß.

Philippe Jaccottet aus: „Elemente eines Traumes“

Texte wie die von Palacio, Jabès oder eben Jaccottet unternehmen den Versuch, vorsichtig die Sedimente der verbrauchten, entleerten Sprache von den Bedeutungsnetzen zu befreien, um so die Dinge wieder zum Atmen kommen zu lassen. Dieser, das Leben bestärkende, Impuls prägt die Sprache, den Stil und verwebt den Stoff mit der Form zu einer Einheit, der sich in Veturia sich insbesondere durch wiederholte Sätze, sich entspinnende Motive, wiederkehrende Beobachtungen und sich verstärkende Nuancen auszeichnet. Insbesondere greift Palacio auf musikalisch-rhythmische, fugenhafte Satzsequenzen zurück, zwischen denen er seine Motive entwickelt wie „zu schmerzlichem Erstaunen nachdenkliches Gesicht“ oder „in den Tuilerien, auf der Seite des Jeu de Paume“.  

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Die Hauptfigur, die sich zeitweilig Coriolis nennt, durchläuft einen Erweckungs- und Erkenntnisprozess, weshalb Veturia, das synthetisch komponiert, allwissend erzählt und empathisch seinen Figuren gesonnen ist, der Hegelschen Literaturtradition angehört, die hier aber brüchige Untertöne erhält.

Zum ersten Mal sah Coriolis den Schatten des Todes über den Statuen schweben. Besaßen unbelebte Dinge also eine Seele? Das Unveränderliche war eine Finte. Der zerbrechliche Gips, der für Krankheit anfällige Marmor sprachen diesem Gemeinplatz Hohn. Unter dem Stein lag ein Skelett, so wie es auch unter dem Fleisch liegt. Drei Jahrhunderte Leben hatten Veturia eine illusorische Beständigkeit verliehen, die eine Gefühlsverwirrung zunichte gemacht hatte.

Wie in Das Porträt, so handelt auch Veturia von einem missverstandenen Mann, der sich Missverständnissen innerhalb einer Liebesbeziehung ausgesetzt sieht und in seiner Suche nach Tiefsinn und Zeitlosigkeit gestört wird. In dieser Hinsicht gibt es von der charakterlichen Plotanlage Parallelen zu John Williams‘ Stoner. In anderer Hinsicht, nämlich dass die Kommunikation über den Tod hinauszugehen vermag, erinnert Veturia auch an J.M. Coetzees Der Pole, indem das Schreiben gegen die Starre, dort die Briefe ins Jenseits einer Beatrice, hier von Coriolis, dessen Sprache den Marmor lösen soll, der Veturia umgibt. Diese melancholische Note und die sich gegen die Melancholie widersetzenden Kräfte erinnern in Stil und Klang zudem an Jabès, der ebenfalls vom Marmor und seiner Dauerhaftigkeit zu schreiben beliebt:

Die erste Frage wird von der letzten gestellt. Geduld des Marmors. Der Baum ist seine beständige Sorge. »Ich habe für dich zweiunddreißig ähnliche Kiesel aufgehoben. Sechzehn davon sind Fragen des Lebens; sechzehn sind Fragen des Tods. Mische sie; denn auf jede dieser vergeblichen Fragen kann man immer nur ein und dieselbe vergebliche Frage antworten«, hatte er geschrieben. Und er hatte beigefügt: »Für jede Frage ein Stein; für die abertausend Gräber, wo ich ruhe.«

Edmond Jabès aus: „Das kleine unverdächtige Buch der Subversion“

Der als Novelle verkleidete Kurzroman Veturia verdichtet auf engstem Raum die Rätsel um eine ägyptische Kunst, die Zeit zu suspendieren sucht im Stein. Die Suche nach einer Beziehung, die nicht dem Rad der Zeit unterworfen ist, drängt Coriolis zu dieser Kunst, zu einer Sprache, die sich nicht mehr entwickelt, da sie nicht mehr gesprochen wird – dem Latein, also zu den Klassikern, die kaum noch Diskurs beinhalten, da sie mittlerweile zeitlos in einem sich selbst setzenden Raum stattfindet, Vergil, Horaz oder Plutarch. Was Coriolis fürchtet, ist das Altern selbst:

Veturia war seine Absage an die Welt. Das Fleisch erschöpfte sich in einem ungleichen Duell mit dem Stein. In den Gesichtern verschliffen sich die Konturen wie Köpfe von Königen auf abgegriffenen Münzen. Die Augäpfel mit ihrer Iris und ihrer Pupille erschienen ihm wie monströse und untaugliche Ausstülpungen, derer die Tränen nicht bedurften, denn diese konnten genauso gut über marmorne Wangen rinnen. Überall obsiegte der Stein. Die Frauen hatten die Beine von Statuen. Und diese Statuen lebten, lebten ein Leben, das nicht enden würde, erpicht auf ihr Piedestal und ihre Bewegungslosigkeit, begabt mit einer anderen Sprache. Et Verbum lapis factum est, et habitavit in nobis.

Dieses monumentale Unterfangen fordert die Missgunst und die Aggression seiner lebendigen Partnerin heraus. Es sprengt auch beinahe den narrativen, mit performativen Zitaten gefüllten Rahmen. Dennoch bringt Jean de Palacio am Ende alles unter einem Hut und beendet Veturia mit einer Geste gemäß „Sic transit gloria mundi“ (So vergeht der Ruhm der Welt). Dass das alles andere als fröhlich stimmt, schränkt nicht die Lesefreude ein an einem Buch, das sich der Schnelllebigkeit widersetzt und zwar in Stoff wie in Form.

Ich bedanke mich beim Flur Verlag und Birgit Böllinger für die Bereiterstellung eines Rezensionsexemplars.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

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