Michaela Maria Müller: „Zonen der Zeit“

Zonen der Zeit by Michaela Maria Müller
Zonen der Zeit von Michaela Maria Müller. Aufhebung der Kampfzonen.

Zwischen Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz und Erich Kästners Pünktchen und Anton spannt sich eine weite Palette von Berlinromanen bis zu Judith Hermanns Sommerhaus, später und Cees Nootebooms Allerseelen auf. Großstädte bringen Freiräume mit sich, spezifische Nischen, die eigene Geschichten schreiben. Michaela Maria Müller schreibt mit Zonen der Zeit einen eigenwilligen, ruhigen Roman über zwei sehr besonnene Menschen:

Ich erzählte Enni, wie [der Gedanke an die Eiszeit] meine Perspektive zurechtrückte. Und dass viel mehr hinter den Dingen stecken konnte, als man auf den ersten Blick sah.
»Und jetzt sitzen wir hier am letzten Meter. Tatsache,« sagte Enni beeindruckt. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Bis auf ein paar Wolken, die sich vor den Mond geschoben hatten, war der Himmel klar. Wir hörten eine Weile dem Plätschern des Wassers zu.
»Flüsse wissen nichts voneinander, bis sie sich begegnen. Und dann gehören sie zusammen,« sagte ich.
Michaela Maria Müller aus: „Zonen der Zeit“

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Han Kang: „Griechischstunden“

Griechischstunden - Han Kang
Griechischstunden von Han Kang. Geduldiges Dunkelsein.

Außenseiter eignen sich für die Literatur, die mit allgemeinen Mitteln, also mit der Sprache, das Besondere, einzufangen sucht. Der eigenartige Mensch lässt Ungewohntes erscheinen, da er sich unnormal verhält, gegen Konventionen verstößt und so Licht auf Verhältnisse wirft, die ansonsten im Unbewussten weiter schlummern würden. Franz Kafkas Helden können als Beispiel genannt werden, oder Gustav Flauberts Madame Bovary. Auch Haruki Murakami mit Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer oder Cees Nooteboom mit Die folgende Geschichte, um einen weiteren Vertreter der Gegenwartsliteratur zu nennen, beschäftigen sich hauptsächlich mit Aussteigern und seltsamen Käuzen. Insbesondere mit letztgenanntem Kurzroman hat Han Kangs Griechischstunden viel gemein:

An dem Tag, als du mich in deine Arme nahmst, habe ich wohl, bebend vor Klarheit, das Zarte, Glühende und Unverstellte dieser Geste verstanden. Dass der menschliche Körper eine traurige Angelegenheit ist, hohl, weich und verletzlich. Die Arme. Die Achselhöhlen. Die Brust. Die Leiste. Dieser Körper, zum Umarmen geboren und dazu, Lust darauf zu machen.
Han Kang aus: „Griechischstunden“

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Cees Nooteboom: „Die folgende Geschichte“

Die folgende Geschichte (suhrkamp taschenbuch) : Nooteboom, Cees,  Beuningen, Helga van: Amazon.de: Bücher
Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom … Berührende Lebensbilanz eines Träumers.

Bücher über Literaturliebhaber thematisieren oft Weltfremdheit und Narrentum. Paradigmatisch steht hier Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote Pate, in der der Titelheld durch den exzessiven Konsum von Ritterromanen verlernt zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden und bspw. Windmühlen für feindlich gesinnte Riesen hält. Neuzeitlich untersucht bspw. Elias Canetti in seinem Erstlingsroman aus dem Jahre 1936 Die Blendung besagtes Thema, in welchem er den Sinologen Peter Kien dem Irrsinn verfallen lässt. Weltfremdheit und Sprachliebe gehen so oft einher, dass es einem Klischee gleicht. Nichtsdestotrotz überzeugen viele Bücher aus dieser Tradition, alte wie auch John Williams Stoner (1965) aber auch neuere wie Cees Nootebooms Die folgende Geschichte (1991):

Weibliche Bücherwürmer, leicht ätherisch, das war bisher meine Domäne gewesen, von verschämt bis verbittert, und alle hatten sie bestens erklären können, wo der Haken bei mir war. Stinkeigensinnig oder »Meiner Meinung nach merkst du nicht einmal, ob ich da bin« waren oft gehörte Klagen, neben »Mußt du jetzt schon wieder lesen?« und »Denkst du eigentlich je an jemand anders?«. Nun, das tat ich, aber nicht an sie. Und außerdem, ja, ich mußte schon wieder lesen, denn die Gesellschaft der meisten Menschen liefert nach den vorhersehbaren Ereignissen keinen Anlaß zum Gespräch.
Cees Nooteboom aus: „Die folgende Geschichte“

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Heinrich Böll: „Ansichten eines Clowns“

Ansichten eines Clowns
Spiegel Belletristik-Bestseller 1963/64 … Literaturnobelpreis 1972

Nicht jeder Künstler ist ein Aussteiger, und nicht jeder Aussteiger ein Künstler. In der Literatur wimmelt es von vielen exzentrischen Figuren. Angefangen mit Don Quijote, mit dessen Lebensbeschreibung im gleichnamigen Buch Miguel de Cervantes den modernen Roman aus der Taufe hob, bricht die Reihe der Exoten bis in die Gegenwartsliteratur nicht ab. Heinrich Bölls Hans Schnier aus Ansichten eines Clowns, erschienen 1963, steht in dieser Tradition. Er ist Clown von Beruf und ringt mit seinem sozialen, kulturellen, politischen Umfeld der frühen Nachkriegsjahre der Bundesrepublik Deutschlands:

Ich nahm plötzlich meine Mark aus der Tasche, warf sie auf die Straße und bereute es im gleichen Augenblick, ich blickte ihr nach, sah sie nicht, glaubte aber zu hören, wie sie auf das Dach der vorüberfahrenden Straßenbahn fiel. Ich nahm das Butterbrot vom Tisch, aß es, während ich auf die Straße blickte. Es war fast acht, ich war schon fast zwei Stunden in Bonn, hatte schon mit sechs sogenannten Freunden telefoniert, mit meiner Mutter und meinem Vater gesprochen und besaß nicht eine Mark mehr, sondern eine weniger, als ich bei der Ankunft gehabt hatte. Ich wäre gern runtergegangen, um die Mark wieder von der Straße aufzulesen, aber es ging schon auf halb neun, Leo konnte jeden Augenblick anrufen oder kommen.

Heinrich Böll aus: „Ansichten eines Clowns“
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