Wolf Haas: „Eigentum“

In letzter Zeit steht in den Buchregalen die Mutter in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung im Vordergrund, sei’s in Sylvie Schenks Maman, um deren Seitensprunggeheimnis zu lüften; in Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter die eigene Herkunft zu erforschen oder in Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter, die unberechtigten Vorurteile ihr gegenüber abzubauen. Uneingeschränkte Liebeserklärungen fallen jedoch eher seltener aus, obzwar bei Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen und Tatjana Gromačas Die göttlichen Kindchen das positive Gefühl, die Dankbarkeit überwiegen, schwingen auch kritische Bezüge und Stellungnahmen mit. Wolf Haas, bekannt zumeist durch seine Brenner-Krimis, legt nun mit Eigentum ein Text des Abschieds vor, bei dem der positive Unterton durchweg dominiert:

Weil sie so gescheit war, durfte meine Mutter in die Hauptschule gehen. Und weil sie die Hauptschule gemacht hat, durfte sie einen Servierkurs machen. Und weil der Servierkurs in einem anderen Bundesland war, hat sie die erste Zugfahrt ihres Lebens gemacht. Da war nichts dabei. Ich hab ja gewusst, wo ich einsteigen muss. Meine Tante hat mir das Geld für den Zug gegeben. Die Anna, weißt, die Schwester von meiner Mami. Hat das Geld zusammengekratzt für mich, dass ich mitn Zug fahren kann. Meine Taufgodn. Der ihr Vater den Bauernhof verkauft hat. Die hat mir das Geld gegeben für den Zug nach Innsbruck.

Wolf Haas aus: „Eigentum“
„Wolf Haas: „Eigentum““ weiterlesen

Herta Müller: „Der Fuchs war damals schon der Jäger“

Der Fuchs war damals schon der Jäger … Literatur-Nobelpreis von 2009

1992 erschien mit Der Fuchs war damals schon der Jäger der erste Roman von Herta Müller, der ebenso die erste Publikation nach ihrer Übersiedlung aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland 1987 gewesen ist. In ihrem Romandebüt behandelt Müller das Endstadium einer Diktatur, die ein Land in die Stagnation und das allumfassende gegenseitige Misstrauen gezogen hat. Verhandelt Christoph Hein in Der Tangospieler die letzten Tage der DDR auf erotomanische Weise auf der Insel Rügen und Jenny Erpenbecks Kairos die Wende durch die Augen der Protagonistin Katharina, die zeitgleich das Ende ihrer sadomasochistischen Beziehung zu einem Inoffiziellen Mitarbeiter in Berlin erlebt, so rekonstruiert Herta Müller in Der Fuchs war damals schon der Jäger die letzten Tage der Ceaușescu-Diktatur in Rumänien in Timișoara:

Aus dem Laden, in dem der Mann verschwunden ist, fällt warme Luft auf die Straße. Die Busse blasen hinter sich große Staubräder auf. Die Sonne hängt an jedem Bus, sie fährt mit. An den Ecken flattert sie wie ein offenes Hemd. Der Morgen riecht nach Benzin, und Staub, und durchgetretenen Schuhen. Und wenn jemand mit einem Brot in der Hand vorbeigeht, riecht der Gehsteig nach Hunger.

Herta Müller aus: „Der Fuchs war schon damals der Jäger“
„Herta Müller: „Der Fuchs war damals schon der Jäger““ weiterlesen

Rhea Krčmářová: “Monstrosa”

Monstrosa … ungeminderte Lebensbejahung.

Die enge Lokalisierung in Zeit und Raum, wie bei einem Kur- oder Krankenhausaufenthalt, führt zu Ausbruchsphantasien und surrealistischen Aufbegehrungsdynamiken bei der eng aufeinander bezogenen, sich gegenseitig nicht entkommen könnenden Beleg- oder Patientenschaft. Literarische Beispiele finden sich in Thomas Manns Beschreibung des Schneesturmes in Der Zauberberg, in Olga Tokarczuks Empusion, in welchen jedem Spätherbst eine Art Opferfest unter den Kurgästen ausbricht, oder auch Rainald Goetz‘ Roman Irre, wo der Arzt selber ausbricht und es nicht mehr aushält. Mit Bettina Wilperts Herumtreiberinnen hat Rhea Krčmářovás Monstrosa gemein, dass hauptsächlich die Gruppendynamik junger Frauen narrativ bearbeitet wird. Bei Wilpert in den sogenannten Tripperburgen, bei Krčmářová im Klinikum Gertraudshöhe, nahe Wien, wo Wege aus Essstörungen heraus gesucht werden:

An das, was danach passiert war, hatte ich mich nur in Bruchstücken erinnern können: zusammengekauert am Fliesenboden im Bad sitzen, sich das Leid aus dem Leib würgen, hoffen, dass der grobe Brei aus Essen, Trauer und Magensäure die Stimme nicht allzu sehr angreift. Danach den Kühlschrank plündern wollen, leer vorfinden, spüren, wie das Loch sich bis ins Unendliche ausdehnt. Aufstehen, in mein Zimmer gehen, den Klavierdeckel öffnen, wo alles in der WG Verbotene versteckt war. Chips in meinen Mund schieben, zwei Tüten, nicht schmecken, ob das Paprikaaroma war oder Zwiebel oder Sauerrahm, dann noch eine Packung Kekse, halb gekaut im zitternden, schmerzenden Magen, gegen das Loch ankämpfen, für einige Minuten zumindest. Dann wieder würgen, alles entleeren. Die Monster blubbern und lachen hören.

Rhea Krčmářová aus: „Monstrosa“
„Rhea Krčmářová: “Monstrosa”“ weiterlesen

Magdalena Saiger: „Was ihr nicht seht“ (Das Debüt 2023)

Was ihr nicht seht …  Shortlist von Das Debüt-Bloggerpreis 2023.

Dass der Kunst- und Kulturbetrieb seine Schattenseiten hat, thematisieren viele Bücher. Magdalena Saigers Debütroman Was ihr nicht seht oder: Die absolute Nutzlosigkeit des Mondes wählt einen Aussteiger aus diesem Milieu, aber anders als Max Frischs Stiller, in welchem es auch um einen Bildhauer, zeitweise um die Schweiz, um einen Aussteiger und Flüchtling aus dem eigenen Leben geht, konzentriert sich Saiger um die produktive, künstlerische Seite dieser Entscheidung und weniger um das persönliche, innere Drama ihres Protagonisten:

An Schlaf war jetzt nicht zu denken, und das lag nicht am vielen Kaffee, hier würde auch der Aquavit nicht helfen, also zog ich mir den Mantel noch einmal über und trat in die Nacht hinaus. Sie war, wenn die Augen sich einmal gewöhnt hatten, hell genug, um die Umrisse von Wald und Grube zu erkennen und nicht ins Bodenlose zu stürzen, und so ging ich im raschen Tempo der Gewissheit, einen Schritt getan zu haben. Ich bewegte mich am Waldrand die Kante entlang, sie zog einen fahlen Halbkreis wie ein Flusstal, ein paar Sterne funkelten in der kalten Nachtluft, ich grüßte sie als meine elektrisierten Freunde.

Magdalena Saiger aus: „Was ihr nicht seht“
„Magdalena Saiger: „Was ihr nicht seht“ (Das Debüt 2023)“ weiterlesen

Grit Krüger: „Tunnel“ (Das Debüt 2023)

Romane besitzen ein eigenes Zeitmaß und vermögen es, in raumzeitliche Bedeutungszonen zu entführen. Sie eignen sich daher auch und insbesondere dafür, psychische Abgründe, seelische Labyrinthe, emotionale Sackgassen auszuloten. Das narrative, in sich vielschichtige Netz simuliert die Zustände zwischen Alptraum und Hoffnung in allen Schattierungen. Tunnel von Grit Krüger, das ich im Rahmen des Das Debüt-Bloggerpreises 2023 gelesen habe, handelt von einer jungen Mutter namens Mascha, die aussichtslos, perspektivenlos durch ihr Leben treibt und eine Entscheidung zu treffen hat und trifft: Ein Abenteuer, koste es, was es wolle, muss her.

1.200 Euro: Hydraulischer Rettungssatz, Schere und Spreizer vom Feuerwehrfachbedarf, gebraucht, Expresslieferung, Ratenzahlung möglich. Mascha zögert. Das Gerät zerschneidet Autowracks, öffnet Stahltüren und wird auch einen Weg finden, mit einem Bohrkopf fertigzuwerden, der im Boden steckt. Mascha schluckt. 1.200 Euro in schleichenden Raten weniger für Spaghetti und Toast – aber auch 1.200 Euro, die sie spüren wird, hier und jetzt. Mein Keller, denkt sie, mein Reich, mein Raum.

Grit Krüger aus: „Tunnel“
„Grit Krüger: „Tunnel“ (Das Debüt 2023)“ weiterlesen

Peter Handke: „Die Ballade des letzten Gastes“

Die Ballade des letzten Gastes … ein etwas anderer Erlenkönig

In Peter Handkes Die Ballade des letzten Gastes kehrt ein verlorener Sohn heim. Das Thema der Rückkehr, die Odyssee, die ihren Abschluss findet und einen Neuanfang erlaubt, verknüpft Handkes Text, der nicht als Roman ausgewiesen ist, mit Birgit Birnbachers Wovon wir leben und mit Thomas Hettches Sinkende Sterne, der ebenfalls explizit auf Homer eingeht. Handkes Ballade beginnt mit dem Motto:

… Wohin nur könnte ich hinab-hinaus-voranflüchten?
[bei Johann Heinrich Voß übersetzt als: „Wo entflieh ich alsdann?“]

Homer aus: „Odyssee“ [20/43]
„Peter Handke: „Die Ballade des letzten Gastes““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%