Heinz Strunk: „Es war immer so schön mit dir“

Geschrieben mit Wut im Bauch … Spiegel Belletristik-Bestseller (31/2021)

Heinz Strunk wäre es beinahe gelungen, mit „Es ist immer so schön mit dir“ eine interessante Variante schonungsloser Selbstentblößung eines männlichen Protagonisten vorzulegen. Von Anfang an lässt der Roman keinen Zweifel daran aufkommen, dass man einer Selbstdestruktion und -dekonstruktion beiwohnt. Ein mittelalter Mann, in den Vierzigern, Tontechniker und gescheiterter Popkünstler, trennt sich wegen einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, Julia und werdende Schauspielerin, von seiner langen Lebenspartnerin, Vanessa, die Mathematiklehrerin ist. Bezeichnenderweise besitzt die Hauptfigur nicht einmal einen Namen. Sie bleibt ein „er“, wird nie namentlich angesprochen, ein einziges „du“, das jedoch nicht im Ansatz als Projektionsfläche dient. Geheimes Thema des Romans scheint es gewesen zu sein, eine Hauptfigur zu kreieren, die nichts und niemand gut finden kann und will.

Als er im Badezimmer das Licht anmacht und sein Blick in den Spiegel fällt, bekommt er wirklich und wahrhaftig und ganz in echt einen Schock. WIE SEHE ICH DENN SCHON WIEDER AUS?! MEINE GÜTE, DAS GIBT’S DOCH NICHT. […] Er blickt in das faltige, runzlige Gesicht eines Affen. Affe? Selbst zum Affen langt es nicht, dazu ist die Haut zu verquollen und picklig und schuppig und unrein. Und gerötet. Ein rot geschwitztes Knetfigurengesicht, von einem Kleinkind geknetet, breit und vergurkt, Augen in Aspik, Stirn auf halb acht, tiefhängende Unterlippe, vorgelagerte Zunge.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Dieser Eindruck, sehr am Anfang des Buches, wird abgerundet von einem selten so akribischen beschriebenen Eindruck des eigenen, männlichen Genitals, das losgelöst vom Körper, als Detail, Anhängsel, jedweden ästhetischen Ansprüchen des Protagonisten zu widersprechen scheint.

Seine Unterhose hängt wie eine Windel. Eine formlose, weiche, welke Windel. Runter mit der Windel! Er kann nicht anders. Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? Aber das Beste kommt wie immer zum Schluss: der SACK. Ob sich so ein trauriger Sack noch liften ließe? Doppelte Hodenstraffung mit Schwanzbegradigung und Schwellkörpererweiterung. Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Auf den ersten Seiten wird klar, dass man es nicht mit einem gediegenen Herrn fortgeschrittenen Alters zu tun hat, der unversehens in eine Lebenskrise gerät. Dieser Protagonist befindet sich in keiner Krise. Er ist seine eigene Krise und schlägt verbal auf sich und um sich. Stilistisch entlarvt sich das Selbstbeleidigen schnell als vorausgeschickte Entschuldigung, mit anderen nur umso schonungsloser ins Gericht zu ziehen. Zumal die anderen dem Protagonisten nicht den Gefallen tun, ihn für den Größten und Schönsten und Begabtesten zu halten. Er stolpert von einem Fettnäpfchen ins nächste, scheitert bei den kleinsten Dingen, sagt nie die Wahrheit, lügt, betrügt, lässt sich von Impulskontrollschwächen leiten und findet sich andauernd als verlassener, gescholtener, in der eigenen Sicht der Dinge als besoffener Versager wieder. Mit anderen Worten, ein herrlicher Stoff für eine Komödie, sofern die Erzählhaltung im angemessenen Abstand die Szenerie kreiert, in welchem der Protagonisten à la dem Misanthropen von Molière das Fürchten gelehrt wird.

Alceste. Weil zum Teufel die Menschen eben auch nie recht haben,
weil Groll gegen sie zu jeder Zeit angebracht ist und weil sie in allem, was anfällt, entweder schamlose Lubhudler oder bedenkenlose Anschwärzer sind.
Célimène. Aber …
Alceste. Nein, Verehrteste, nein: und sollte ich darüber zugrunde gehen, Sie finden Vergnügen an etwas, das für mich unerträglich ist;
und es ist durchaus unrecht, wenn man Sie hier noch bestärkt,
an den Fehlern festzuhalten, die man vorher an Ihnen herausgestellt hat. (2. Aufzug, 4. Auftritt)

J.-B. P. de Molière aus: „Der Menschenfeind“ (2. Aufzug, 4. Auftritt)

Alceste, der Misanthrop, will am Hofe ein Leben ohne Heuchelei führen und fällt seiner eigenen Mission zum Opfer, verfehlt die Liebe und verspielt Freundschaft und zieht den richtigen Schluss, aufs Land zu ziehen. Er ist einfach fehl am Platze. Der aufstrebende Hofdichter Oronte soll zum Amüsement aller hochgelobt werden. Das Spiel, das Fegefeuer der Eitelkeit, die Narreteien, all dies nimmt Alceste viel zu ernst. Im ganzen Hin und Her fällt ihm das auch selbst auf.

Als der Himmel mich das Licht der Welt erblicken ließ,
gab er mir eine Seele, die sich mit Hofluft nicht verträgt;
ich finde bei mir nicht die Eigenschaften, die nötig sind,
um dort zu reüssieren und voranzukommen.
Offen und ehrlich zu sein, ist mein größtes Talent;
ich kann den Menschen beim Reden nichts vorspielen;
wer aber nicht die Gabe hat, zu verbergen, was er denkt,
für den ist an diesem Ort kein längeres Verbleiben.

J.-B. P. de Molière aus: „Der Menschenfeind“ (3. Aufzug, 5. Auftritt)

Dem Erzähler in „Es war immer so schön mit dir“ fehlt diese Einsicht. So schonungslos er auch mit sich selbst zu Gericht geht, er sieht sich von außen, von sich abgekoppelt, als Fremder, als Gegenstand unter Gegenständen, als ein Haufen Atome in einem See aus Molekülen. Der Blick ist pathologisch. Das Selbsthinterfragen fehlt. Der Blick ist starr und fischäugig auf die Hässlichkeit gerichtet. Es will dem Erzähler einfach nicht gelingen, Distanz zu halten, also sich selbst im Beschreiben selbst zu artikulieren, Teil der Beschreibung zu werden. Die unwahrscheinliche Identifizierung und Rechtfertigung eines egomanischen, gefühlskalten, sexbesessenen, unfähigen Tollpatsches schleicht sich in die Sätze und die Lektüre gerät zu einem Wechselbad der Gefühle zwischen Ekel und Grusel, Abscheu und Ablehnung, Panik und aufgebender Unaufmerksamkeit.

Eine Taube hockt im Matsch, reglos, durchnässt. Die Taube sieht ihn an. Mach doch was, scheint sie sagen zu wollen. Er stellt sich vor, mit süßem Leim überzogen zu sein, und Vanessa würde an ihm kleben bleiben. Er lauscht dem Gespräch zweier Frauen auf der Bank nebenan. Kaum was zu verstehen, ein Flüstern und Wispern, wie Papierfetzen in den Himmel hinaufgetragen.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Was dem Roman nämlich fehlt, ist schlicht und ergreifend Sprachgefühl, eine Art ruhige Sprachbeherrschung, ein langsames Entwickeln, also die formale Distanzierung zum handelnden Protagonisten, der nicht weiß, was er tut, es vielleicht, wie es scheint, nicht einmal wissen kann. Stattdessen verwirrt und verwickelt sich der Plot, die Metaphern, die gewollten Beschreibungen und überstürzenden Handlungssprünge auf eine Weise, dass der Protagonist sich formal in der Sprache des Romans widergespiegelt und bestärkt sieht. Anders lassen sich die im schlechten Sinne ver-rückten Beschreibungen nicht verstehen. Es passt einfach nichts wirklich zusammen. Vor allem nicht die Metaphern. Leim ist nicht „süß“. Typischerweise hätte man „Honig“ erwartet, und wieso wird ein Wispern und Flüstern wie Papierfetzen zum Himmel getragen. Der Wind wispert, und der Wind trägt die Papierfetzen zum Himmel, aber hier steigt das Wispern selbst gen Himmel wie Papier. Die Ursache als Metapher der Wirkung, ohne ein Paradoxon zu schaffen, gereicht schlechterdings einzig zur Verwirrung und leerem Wortstolpern. Die inkohärente Sprache durchzieht das eigenartige Machwerk, das zwischen Selbstbeschimpfung und Fremdbeschimpfung dahinpendelt, ohne je zur Ruhe kommen zu können.

Sie raucht mit langen, regelmäßigen Zügen, saugt den Rauch ein, lässt ihn über die Lippen und durch die Nasenlöcher ausströmen. Gut sieht das aus. Gut sieht sie aus.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Das Explizite verrät den Moment. Er schaut seine vermeintliche Geliebte an, als wäre sie eine Maschine, ein lebloser Prozess, der mechanisch abläuft, wie eine Lokomotive. Das Urteil, ohnehin eine problematische Kategorie, schließt fremd und willkürlich daran an. Die Beschreibung steht mit dem Empfinden in keinem Zusammenhang mehr. Noch befremdlicher dadurch, dass er sie schön findet, gar begehrt, vermeint zu lieben, ja, sich angezogen fühlt. Noch deutlicher:

Sie legt ihre Hände um seinen Hals und küsst ihn. Der Kuss geht durch die Lippen und Nerven, durchdringt seinen Körper, bis ins Blut, bis in die Eingeweide. Ihre Zunge ist groß und fest und schmeckt wunderbar.

Er zieht ihren Körper an sich, als würde er ohne sie zerfallen. Ganz neu und weich ist sie, wie aus einer alten, harten Schale hervorgebrochen. Jetzt zeigt sie ihr wahres Gesicht, denkt er, wenn das ihr wahres Gesicht ist, möchte ich mit dieser Frau sein.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Der Roman, der thematisch, erzählpositionstechnisch leicht eine Satire hätte werden können, kippt in eine schizoide Weltbeschimpfung um, in welche alles in einen Mahlstrom des Widerwärtigen mitgerissen wird. Dem Erzähler entgleitet im wahrsten Sinne des Wortes das Material. Es treibt sein Spiel mit ihm, und wilde Schübe phantasmagorischer Intensität mischen sich alptraumartig in die langatmige Reflexionssequenzen.

Er benimmt sich noch hemmungsloser als beim ersten Mal, brutal, rasend, vom Geschlechtstrieb zerfleischt. Als wäre das Glied kein Teil seines Körpers, sondern nachträglich an ihm befestigt worden, eine Waffe, ein Mordwerkzeug. Sie schämt sich für seine animalische Erregung, das hundeartige Grunzen, Winseln, Kläffen, als es ihm kommt. Steck doch deinen Kopf ins Wasser, dein Hirn steht in Flammen!

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Der Erzähler wie die Sprache, wie der Plot und die Figuren, die Dialoge und Gespräche, irgendwie kollidiert alles mit allem, eine Karambolage des Sinnhaften, das Chaos und Leere, Einsamkeit und Traurigkeit hinterlässt. Hier passt als einziges die Episode in Kroatien, Betonstrände, Betonhotels und Selbstmordgedanken im volltrunkenen Zustand unter dem Sternenhimmel. Würde sich der Protagonist nicht so elendig miserabel gegen seine Mitmenschen vergehen, könnte man Mitleid mit ihm haben. Es geht aber nicht. Im nächsten Moment nämlich zieht er erbarmungslos über seine Mitmenschen her.

Eines der herumspukenden Gespenster lässt sich auf den Stuhl plumpsen, auf dem er gerade noch gesessen hat. Es sieht aus, als hätte es keine Arme, keine Beine, keinen Hals, ein kompakter Block aus Fleisch; Brust und Bauch zu einem Fettkübel verschmolzen. Es könnte sich um eine alte, kranke Schildkröte handeln oder um eine Krabbe, die man aus ihrem Gehäuse gezogen hat, oder um einen Sack voll Knochen, oder um eine schlaffe eingeknickte Puppe, aber wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen, erkennt man, dass es eine Frau ist.

Heinz Strunk aus: „Es war immer so schön mit dir“

Was bleibt, ist Ekel. Im Gegensatz jedoch zu Jean-Paul Sartres Erstlingswerk reflektiert in Heinz Strunks Roman niemand über nichts. Die Ebene der Selbstdistanz, notwendig für jeden Humor, fehlt. Sie ist ersatzlos gestrichen worden. Schade. Es hätte im Ton, in der Radikalität der Selbstbegegnung ein interessantes Experiment von Fremd- und Selbsterfahrung männlichen Älterwerdens werden können. Das Älterwerden hätte die funktionale Rolle der Kastanienbaum-Wurzel übernehmen können, die Roquentin in „Der Ekel“ über sich hinaus in eine andere Ebene der Wahrnehmung geschoben hat. Das haltlose, selbstbezügliche Suchen, die Bauchnabelschau, die sich erschüttert sieht von der Welt, von der Tatsächlichkeit der Dinge.

„Alle diese Gegenstände … wie soll ich sagen? Sie belästigen mich; ich hätte gewünscht, sie würden weniger stark existieren, auf trockenere, abstraktere Weise, mit mehr Zurückhaltung. Der Kastanienbaum drängte sich gegen meine Augen. Grüner Brand bedeckte ihn bis in halbe Höhe; die Rinde, schwarz und aufgedunsen, schien aus gekochtem Leder zu sein. Das leise Plätschern des Masqueret-Brunnens sickerte in meine Ohren und nistete sich dort ein, erfüllte sie mit Seufzern; meine Nasenlöcher quollen über von einem grünen und fauligen Geruch.“

Jean-Paul Sartre aus: „Der Ekel“

Sartre schreibt bereits trocken, existenzialistisch, distanziert, gefühlsentfernt, weit über allem schwebend. Seine Romane haben selten einen lyrischen Schwung, eine fröhliche Sprachverliebtheit, ja, Verspieltheit. Sie geraten schnell ins protokollarische, verkopfte, unliterarische Beschreiben. Aber sobald sie in Schwung kommen, vermischen sich Ideen, Begriffe, und Eindrücke zu einem impressionistischen, situative gesättigten Erfahrungsgehalt. Sie reichen über den Begriff und verschmelzen den Erzähler mit dem Erzähltem.

Ein Kreis ist nicht absurd, er erklärt sich sehr gut aus der Umdrehung einer Geraden um einen ihrer Endpunkte. Aber ein Kreis existiert auch nicht. Diese Wurzel dagegen existierte insofern, als ich sie nicht erklären konnte. Knorrig, inert, namenlos, faszinierte sie mich, erfüllte meine Augen, führte mich ständig auf ihre eigene Existenz zurück. Ich konnte mir noch so oft wiederholen: «Es ist eine Wurzel» – das verfing nicht mehr. Ich sah ein, dass man von ihrer Funktion als Wurzel, als Saugpumpe, nicht auf das kommen konnte, auf diese harte und kompakte Seehundshaut, auf dieses ölige, schwielige, eigensinnige Äußere. Die Funktion erklärte nichts.

Jean-Paul Sartre aus: „Der Ekel“

Der Kreis existiert nicht, weil er abstrakt, in sich, eine perfekte, künstliche Idee ist. Die Wurzel, das Imperfekte, Wachsende, lässt sich nicht als Protokoll einer Herstellung beschreiben. Sie schwülstet und wulstet außer sich. Die Fröhlichkeit des Imperfekten, die Verzweiflung an ihr, die Lust am Text, am Sehen, am Fühlen, das alles fehlt in Heinz Strunks Roman. Es fehlt einfach der Satz, die Sätze, aus sich heraus, und deshalb fehlt alles.

Stillschweigende Vorgänger sind Max Frischs „Stiller“ und „Mein Name sei Gantenbein“, der ganze ähnliche Thematiken verarbeitet, nur weniger von Wut und Enttäuschung getrieben.

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