Zauberberg 2, Heinz Strunks neuester Roman, steht in einer langen und sehr gepflegten und wohlbehüteten Erzähltradition: die des an seiner eigenen Monomanie zugrunde gehenden männlichen Individuums. Von der Klassik, bspw. Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werther, über Franz Kafkas Der Proceß in der Moderne bis hin zu Christoph Heins Der Tangospieler oder Michel Houellebecqs Vernichten in der Gegenwart finden sich stets wieder die Romane über Einzelgänger, die mit sich und der Welt abzuschließen versuchen und denen es auch meist gelingt und zwar oft final. Strunk kennt fast kein anderes Thema. Seine Protagonisten konfrontieren sich krass und gnadenlos mit sich selbst und ziehen eine erbarmungslose Bilanz:
Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht.
Heinz Strunk aus: „Zauberberg 2“
Inhalt/Plot:
Die Hauptfigur von Zauberberg 2 heißt Jonas Heidebrink, Mitte Dreißig, ledig, mehr oder weniger physisch gesund und wohlsituiert, oder eher steinreich. Er hat eine Entdeckung im Bereich des sogenannten Low Codes entwickelt, die sich als so lukrativ herausgestellt hat, dass Jonas mit dem Verkauf seiner Firma mit Ende Zwanzig für sein Leben ausgesorgt hat. Plötzlich Privatier, arbeitslos, abgeschoben, gerät er mehr und mehr in einen Sinnlosigkeitsstrudel. Abgekapselt, abgeschnitten von impulsgebenden sozialen, emotionalen, werktätigen Prozessen bricht er eines Tages in seiner Badewanne heulend zusammen. Er beschließt, sich selbst in ein Sanatorium in der Nähe der Ostsee einzuweisen:
Kein Hof, keine Scheunen und Stallungen. Polenrandgebiet. Vor ihm taucht ein Hügel auf, kaum mehr als eine leichte Schwellung, dahinter erheben sich die Umrisse des Gebäudes aus der grauen Emulsion des Wintertags. Seit Jahrhunderten hockt das Schloss nun schon hier und schaut über die Felder. Ein großes Hexenhaus aus Zuckerguss und Lebkuchen. Heidbrink überkommt ein Unwirklichkeitsgefühl. Noch neunhundert Meter, achthundert, siebenhundert …
Immer wieder überkommt Jonas der Wunsch zu fliehen, doch keine dreißig Tage in dieser Alltagsentzugsklinik zu verbringen, in der verschiedene Formen der Genesungsprozesse angeboten werden. Er lernt Depressive kennen, Liebeskranke, Geschäftsleute mit Burn-Out, Frührentner wie ihn, Menschen mit Angststörungen, Psychosen oder somatoforme Zwangsstörungen sowie auch Alkoholiker, mit denen er sich am besten versteht. Kurz bevor er aber reißausnimmt, ereilt ihn eine bedrückende Diagnose: ein Muttermal auf dem Bauch muss schleunigst entfernt werden und eine Raumforderung in der Niere weist auf einen Tumor hin. In beiden Fällen besteht also akuter Krebsverdacht.
«Die Stelle hier am Bauch. Das sieht gar nicht gut aus. Pechschwarz und an den Rändern ausgefranst. Hat die sich in letzter Zeit verändert? […] Herr Heidbrink, bitte erschrecken Sie nicht, aber das sieht nach einem Melanom aus.»
Was labert das Arschloch da? Das Muttermal sitzt schon ewig am gleichen Fleck. Er hat noch nie etwas mit der Niere gehabt. Oder der Leber. Oder einem anderen Organ. Er ist KERNGESUND!
In der Form eines zunehmend sich entwickelnden Stockholmsyndroms ergibt sich Jonas all den Diagnosen, Workshops und Therapieverfahren, aber ohne dass diese sichtlichen Erfolg zeitigen. Er bleibt ängstlich, depressiv, welt- und lebensfremd. Nichts reißt ihn vom Hocker. Er bleibt außen vor, wie schon seit ganzes Leben:
Die prägnantesten Erinnerungen seines Lebens sind die mit starkem Schamgefühl verknüpften Demütigungen in solchen Situationen, die man dann ein Leben lang mit sich trägt. Die allerletzte Jugendgemeinschaftsferienabenteuerreise hatte ihn nach Schweden geführt, und er war, ohne dass es dafür einen ihm ersichtlichen Grund gab, von Tag eins an Außenseiter und Super-Loser. KEIN ANSCHLUSS UNTER DIESEM CAMP. Und kein noch so heftiges Bemühen hatte daran etwas ändern können. Er musste bei den Aussätzigen sitzen oder alleine, die Tische der Coolen waren für ihn gesperrt.
Auf seine Weise leidet er daran, nicht beliebt genug zu sein, dann aber wieder genießt er seine Freiheit und wandert umher, bleibt für sich und nimmt nicht einmal die explizitesten und wohlgemeintesten Einladungen an. Hin und her gerissen führt er ein Leben der Zerrissenheit und Fadheit, eingesperrt in einem unsichtbaren Kerker, aus dem ihn niemand, nur er sich selbst, befreien kann. Nach dem anvisierten Monat zieht er sich eine Mittelohrentzündung zu und bleibt dann nicht nur ein paar Wochen, sondern ein ganzes Jahr, bis das Sanatorium schließen muss. Ausgestoßen, zurück in der einsamen Welt seiner Wohnung erfasst ihn Heimweh. Er fährt zurück, aber findet nur noch Trümmer vor:
Das Schloss ein ferner Außenposten, der entlegenste Ort der entlegensten Insel des entlegensten Kontinents. Überquellende Mülltonnen, ein mit Schutt gefüllter Container. Das Portal ist mit Latten vernagelt, das Mauerwerk an einigen Stellen geborsten. Modriger, fauliger Geruch entströmt dem Schlossteich. Er ist etwa zur Hälfte ausgetrocknet, die blauschwarze Lake glänzt wie flüssiger Teer. An den Rändern schimmert klebriger Schlick, willkommen im Reich der Eintagsfliegen, Frösche und Libellen. In nur einem halben Jahr ein solcher Verfall, erstaunlich, erschreckend. Und keine Menschenseele weit und breit.
Mit sich und seiner öden Welt konfrontiert, zieht ihn die Weite der Ostsee an, an deren Küste er steht und in den untergehenden Tag er hinein und von sich weg sieht. Aus dem Stoffbereich Körper-Geist-Bewusstsein entwickelt Strunk in Zauberberg 2 so ein Melodram mit einem Plot geprägt durch Aussteiger/Duldsamkeit.
Stil/Sprache/Form:
Die Sprache von Strunk lässt sich als komödiantisch begreifen. Schnell, zackig, witzig, bis ordinär und provokant zieht er alle Register des Ekels, der Scham, der Schadenfreude und entblößenden Selbsterkenntnis. Brachial sehen sich die Hauptfiguren von Strunk ins Gesicht, ziehen Bilanz und begreifen, dass sie tief in ihrer eigenen Schuld stehen. Strunks Stil, von den Kurzwortsätzen abgesehen, dem Feuerwerk von Ein-Wort-Dialogen und den Stand-Up-Comedy-Einlagen, zeichnet sich aber insbesondere durch das Bemühen aus, sinnlichen, phänomenologischen Prozessen leiblich-organische Realität zu verleihen:
[…] das Waschmittelfach des Frontladers hängt heraus wie eine mit Brausepulver belegte Zunge
[…] Graues Licht schmiert über den Himmel wie Salbe durch einen Verband
[…] Herrlich war das, als würde das Leben angeknipst, wie ein elektrischer Schalter.
[…] Seine Lippen kriechen wie fette Raupen über die Löcher des Linguaphons.
[…] Schröders Stimme ist sehr klar und irgendwie perkussiv, die einzelnen Silben wie Bohnen, die in einem Gefäß klötern.
[…] Zwei Raben sitzen auf einem kahlen Baum wie zusammengefaltete Regenschirme
Materielle Diktion bemüht sich um synästhetische Vergleiche, die das Gesehene sofort mit einem Vorgang verknüpfen, die zu einem unmittelbar Erlebbaren führen („Brausepulver“), oder umgekehrt, indem etwas Nahes, wie die Salbe unter einem Verband, als Vergleich für die Sonne hinter Wolken steht. Strunk zieht das Organische und Anorganische zusammen wie das Ferne und Nahe und erzeugt somit, in der Ballung und Verdichtung von Mehrdimensionalem, Intensität und überraschende Wortwendungen, ein Durchziehen und Durchschreiten des Psychischen mit Somatischem, des Emotionalen mit Dinglichem:
Sein Gesicht glänzt wie eine kalte Bratkartoffel. Da haben sich zwei gefunden. Die schöne Lea erscheint auf der Bildfläche bzw. schwebt mit einem Entsorgungsbeutel die Schlosstreppe hinunter. Der Clinic-Dress klebt an ihrem Körper, als wäre er elektrisch aufgeladen, die rotlackierten Zehen in ihren weißen Birkenstocks wie Konfekt in einer Schachtel, das man einzeln ablecken möchte. Selbst mit einem Müllbeutel in den Händen bringt sie ihre Umgebung hormonell zum Leuchten.
Mag die Satzstruktur zu einfach sein, zu Lichtgeschwindigkeitslesen einladen, den Hörbuch-Charakter hervorstreichend, so ergeben sich im genauen Hinsehen die erstaunlichsten Zusammenhänge und Synästhesien, die die Angst vor dem Körper, den Ekel vor ihm, die Abscheu vor allem, was der Mensch von sich gibt, Worte, Gerüche, Flüssigkeiten nahezu mit eigenartig zwiespältiger Wonne zelebriert. Stilistisch reibt sich also Strunks Erzählweise mit dem drögen Inhalt, was in einer unheimlichen, aber auch unterhaltsamen Dynamik resultiert.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Strunks Zauberberg 2 rekurriert genauso oberflächlich auf Thomas Manns Der Zauberberg wie Olga Tokarczuks Empusion. Letzteres erweist sich als viel verwandter mit Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten und ersteres mit Eugène Ionescos Der Einzelgänger. Mit Manns Roman verbindet sie nur der Klinikalltag, aber nicht die Zeit- und Humanismus-Diskussionen, weder das klassische noch das moderne Zeiterleben. Strunks neuester Roman mag aus Marketing-Gründen Zauberberg 2 heißen, aber mit der Langsamkeit, der Trägheit, mit der zähen und zugleich abstrakten Bergwelt besitzt es keinerlei Ähnlichkeit, auch nicht mit der fast pathologischen Differenziertheit, mit der Thomas Mann seine Hauptfigur die Schwächen seiner Mitmenschen evaluieren lässt.
Bei Strunk geht alles Holterdiepolter, Schlag auf Schlag. Dagegen gleicht Strunks Protagonist gleicht fast aufs Haar Ionescos namenlosem Einzelgänger, der auch in seinem Theaterstück Welch ein gigantischer Schwindel eine schweigende Hauptrolle spielt. Auch dieser wird mit Mitte Dreißig Privatier durch eine unverhoffte Erbschaft, auch dieser legt seine Arbeit hin, bleibt allein und gerät in einen Strudel der Sinnlosigkeit und Selbstbefragung, und auch dieser vermag es nicht, Kontakte zu knüpfen, eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten, am Leben seiner Mitmenschen teilzunehmen oder in seinem Leben noch Sinn zu erblicken. Beide nämlich quält von Anfang an eine unsägliche existenziell-fundamentale Todesangst:
Und dann plötzlich, unerwartet wie jedesmal, wenn es mich überkommt, ganz plötzlich der Gedanke, daß ich sterben werde. […] Ich springe aus dem Bett, ich habe eine Höllenangst, ich mache Licht, ich laufe von einem Ende des Schlafzimmers zum andern, ich gehe ins Wohnzimmer, ich mache Licht. Ich kann weder legen bleiben noch sitzen, noch stehen, ohne mich zu rühren.
Eugène Ionesco aus: „Der Einzelgänger“
Bei Heinz Strunk in Zauberberg 2 heißt es:
«[…] was ist das für ein Leben! Endlos sich aneinanderreihende Tage, die leer vor mir stehen, ein dauerhafter Zustand aus Angst, Panik, quälender Langeweile, Aussichtslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und alle anderen Losigkeiten. Wissen Sie, was Erwachsensein bedeutet? Erwachsensein bedeutet, dass es nichts gibt, worauf man sich freuen kann.»
Strunks und Ionescos Protagonist geben sich gegenseitig das Wort in die Hand. Sie sehnen sich nach einem Außen, das sich ihnen entzieht. Sie sehnen sich nach einer Rückkehr ins Warme, das sie nicht mehr finden. Sie bleiben allein, für sich, in sich zerrissen, beschäftigen sich mehr und mehr mit ihren eigenen, sich drehenden Gedanken, mit ihren somatischen Problemen, ihren winzigen alltäglichen Verrichtungen, um den Gedanken an den Tod zu verdrängen, und retten sich darin, essen und trinken und schlafen zu müssen, das einzige, was ihnen nach ihrer Frührente noch als notwendig erscheint.
Wenn sie nicht aufhören zu arbeiten, Autobus zu fahren, Bücher zu schreiben, zu rechnen, Sterne zu er-obern, wenn ihre Mikroskope entdecken, daß es ein unendlich Kleines gibt, bedeutet es, daß sie auf unbewußte und natürliche Weise spüren, daß es ihnen gelingen wird. Ich aber habe den Eindruck, sie stützen sich auf das Nichts, und auch das ist nur ein Wort. Wir geben Dingen, von denen man nichts weiß, und Nichtigem, wovon man nichts weiß, Namen, die nichts besagen.
Eugène Ionesco aus: „Der Einzelgänger“
Und wieder bei Strunk:
Shakespeare, Mozart, Einstein, Kopernikus, in einer Million Jahren ist nichts mehr von denen übrig, und was ist, in kosmologischen Dimensionen, schon eine Million Jahre? Wir sind allein in einer bedeutungslosen Welt. Ich bin auch nicht Teil von etwas Größerem, nur von mir selbst, einer komplett lächerlichen Person. Ich bin weniger als ein kleiner Fisch, weniger als eine Schnecke, eine Kaulquappe, ich bin nichts.
Der zelebrierte Weltschmerz besitzt keine Ähnlichkeit mit Thomas Manns Glaube an einer nachhallenden, sich selbst legitimierenden Schönheit des Gesagten. Wo Thomas Mann Zeit verdichtet, in der Zeit das Gedächtnis als Schreiben re-imaginiert, verlieren sich die vor sich hin treibenden Figuren von Strunk und Ionesco in Bauchnabelschau. Das literarische Unterfangen misslingt intellektuell gesehen jedes Mal aufs Neue, aber er unterhält, regt an, amüsiert. Nur mit Thomas Mann oder einem Fernando Pessoa aus Buch der Unruhe, also mit sprachlich-nachgezeichneten Verzeitigungsprozessen hat das alles reichlich wenig zu tun. Strunk bleibt aber, auf seine Weise wortgewandt-witzig, der adoleszent-süffigen Tradition des Einzelgänger-Romans treu, ärgerlich sind da vielleicht nur der gewollte Titel und die hieraus sich ableitenden und fehlleitenden Assoziationen, denn ernst nimmt sich der Erzähler hier definitiv nicht.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 21.01.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich den neuen Roman von Paul Lynch, Booker-Preisträger von 2023, besprechen: Das Lied des Propheten.
Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

Hach schön. Hab mich über die Zitate bereits köstlich beömmelt.
Strunk ist tatsächlich ein Unikat. Mir ist nach deiner Besprechung völlig klar, dass das auf sprachlich und stilistischer Ebene ein qualitativ durchschnittliches literarisches Ereignis sein wird und dennoch freue ich mich wie Bolle darauf, weil ich weiß, es wird trotzdem großartig. Strunk hüllt mich stets in seine kuschelige Ekeldecke ein. Ich hab den Eindruck, dass auch dir bei ihm die Tinte des Rotstiftes etwas verblasst. Er hat dich am Schlappen 😬
Ja, es ist sehr amüsant. Was mich nur betrübt, ist das Unausgearbeitete. Er wirft zu viel zu oft auf den Markt. Zauberberg 2 bspw. wirkt einfach abgebrochen, das stört nicht in den fetzigen Szenen, aber im Nachhinein hallt es etwas leer zurück. Dennoch hat es Spaß gemacht 😀
Ich, monoman: Kenne den Horner Kreisel bei Schneeregen! Und Raben, die wie zusammengefaltete Regenschirme sitzen!
Danke für die Besprechung! Warum noch Strunk lesen?
Nein, um Strunk zu lesen, benötigst du keinen Grund. Das fetzt, wenn es gerade passt, und wenn es nicht passt, fetzt es nicht. Wie mit Thomas Bernhard, der aber noch rhythmischer und daher musikalischer zu Werke geht. Ich kenne den Horner Kreisel bei Schneeregen nicht – wie würdest du ihn beschreiben? Und die Raben, die wie zusammengefaltete Regenschirme sitzen, verdienen doch viel Erwähnung, findest du nicht 😀 Viele Grüße!
Werde Strunk lesen, obwohl grada an milderen Sachen (Mild Vertigo, von Mieko Kanai -hab ne japanische Phase). Raben sind tolle Vögel. Dohlen und Kraehen auch. Wusstest Du, dass alle Kraehen einer Gegend auf einen Baum einfallen um dort zu konferieren?
Puh, der Horner Kreisel bei Schneeregen – schlimmer als ein Waschbecken mit modrigem grauen nassem Lappen!