Mein Lesejahr 2024

Wie in den letzten drei Jahren (2021, 2022, 2023), so habe ich mich auch 2024 darum bemüht, jede Woche einen aktuellen Titel zu lesen und auch zu besprechen. Insgesamt habe ich 54 Neuerscheinungen gelesen, um auf diese Weise einen Überblick vom Stand der Gegenwartsliteratur zu geben, wie er sich beim Blick auf das Feuilleton und die Bestseller- und Kritikerlisten ergeben könnte.

Das strengere Kriterium, nur die Nummer Eins der wöchentlichen Spiegel-Belletristik-Bestseller-Liste zu lesen, hat sich als wenig ergiebig herausgestellt, da oftmals Genrebücher (Fantasy, Krimis, Liebes- und Vampirromane und ganze Reihen derselben) die Spitzenplätze bekleiden. Dennoch bin ich meinem Vorhaben insoweit treu geblieben, als dass ich sowohl von der Kritik viel beachtete (bspw. vom SWR) und von den Buchhändlern als viel verkaufte Titel gemeldete bespreche und nur sehr selten nach Perlen in Nebengefilden fische.

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Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“

Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Ein beklemmender Befreiungsversuch.

Der Tod in Venedig von Thomas Mann handelt vor allem von einer künstlerischen Sackgasse und von dem Versuch, ihr zu entkommen. Zentral steht in dieser Novelle der Tabubruch, die Liebe eines fünfzigjährigen Schriftstellers, Gustav Aschenbach, zu einem vierzehnjährigen Jungen namens Tadziou, der als Projektionsfläche dient und jenen so wieder in die Intensität und Wirklichkeit des Lebens zurückführt. Anders als Vladimir Nabokov in Lolita geht es in Der Tod in Venedig weniger um den Vollzug der Lust am wehrlosen Kind und die uneingestandene Schuld am Missbrauch als um das imaginierte Spiel mit dem Abgrund, aus dem eine gewisse künstlerische Praxis ihre Inspiration zieht:

Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist kreißte, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warf uralte, seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer belebte Gedanken auf.

Thomas Mann aus: „Der Tod in Venedig“
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Vorstufen einer Taxonomie des Romans (ii): Plot

Plot-Kategorien.

Im ersten und vorangegangen Kategorie-Kapitel beschäftigte ich mich mit dem literarischen Stoff. Hier spielte das Wortfeld, das generelle, weitere Thema eine Rolle, also wo wird das Geschehen angesiedelt, um was für eine Welt handelt es sich, welcher Ausschnitt der Welt wird thematisch im Textgeschehen. Ein Beispiel wäre: das öffentliche Miteinander, die sozialen Interaktionen, berufliche Schwierigkeiten, Einflüsse der anderen auf das eigene Leben, aber hier andere, die in keinem verbindlichen sozialen Zusammenhang mit einem stehen, bspw. Kollegen.

Dieser Stoff lässt sich als Medium vorstellen, als Masse, als Gewebe, das träge und entspannt daliegt, mehr oder weniger durch seinen Wortschatz festgelegt und beschreibbar ist. Der Plot nun, dessen Kategorien ich im Folgenden darstellen möchte, dynamisiert den Stoff, bringt ihn dazu, Wellen zu schlagen, sich zu kräuseln, sich zu falten, aufzuwerfen, sich zu dehnen, zu verzerren, sich in der Form zu verändern und mehrdimensional zu werden. Der Plot dynamisiert den Stoff, haucht ihm Leben ein, und zwar durch Ereignisse und Handlungen.

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Vorstufen einer Taxonomie des Romans (i): Literaturstoffe

Ich möchte eine Reihe beginnen, in der ich über die Kategorisierung, die Ordnungsschemata und Bezugsgrößen reflektiere, die sich bei der Besprechung und Beurteilung und In-Bezug-Setzung von Romanen ergeben haben.

Ich unterscheide hierfür in drei materiale Bereiche: Inhalt, Form und Komposition, die sich am Textganzen, anhand von Textbeispielen, festmachen, also dokumentieren lassen (im Unterschied zum Leseerlebnis).

Diese Bezugsgrößen sollen eine erhöhte Kommunikabilität der Romane herstellen, also ein In-Bezug-Setzen erleichtern, durch Vergleiche Eigenschaften hervorheben und hervortreten lassen, also eine Umgebung des Romans schaffen, in welchem er literaturhistorisch kommuniziert. Romane entstehen nicht im luftleeren Raum, und so möchte ich einen Versuch unternehmen, die jeweilige Umgebung der Romane zu entdecken und so einen multiperspektivischen Raum der Literatur zu entfalten, der das Leseerlebnis möglicherweise bereichert (so die Hoffnung).

Ich beginne heute mit dem Begriff Stoffe, aus dem Bereich Inhalt.

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Mein Lesejahr 2023

Wie 2021 und 2022 habe ich die Zeit zwischen den Jahren genutzt, um mein Lesejahr 2023 Revue passieren zu lassen. Ich verlasse 2023 mit gemischten Gefühlen, da sich die Gegenwartsliteratur in diesem Jahr sehr spröde gegen meine Leseentfaltungsversuche gezeigt hat. Viele Bücher, die ich 2023 gelesen habe, verweigerten schlicht und einfach eine kommunikativ sich bereichernde Lektüre und trumpften eher mit Stichworten, Schlagworten und Szenenskizzen auf, so dass ich mich gegen Mitte des Jahres gezwungen sah, neue Lese-, Verständnis- und Auslegungswege einzuschlagen.

Überschaue ich die etwas mehr als 108 gelesenen Bücher, so dominierten die Themen DDR, Drogen, Italien und Kulturdimensionen der Annäherung. Trotz mancher Tiefschläge gab es dennoch einige Highlights. Ich küre für jede Kategorie das eine:

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Anne Weber: „Annette, ein Heldinnenepos“

Annette, ein Heldinnenepos … Deutscher Buchpreis 2020

Im Zuge des explorierenden Lesens gehe ich, bislang, unregelmäßig die Buchpreistitel der letzten Jahren durch. Eine Übersicht der bereits gelesenen Titel findet sich hier. Nach Echtzeitalter von Tonio Schachinger, Blutbuch von Kim de l’Horizon und Antje Ravik Strubels Blaue Frau befinde ich mich nun im Jahr 2020: Anne Weber erhielt den Deutschen Buchpreis für Annette, ein Heldinnenepos:

Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen.
Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf
diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch
Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs.
Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie.
Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.

Anne Weber aus: „Annette, ein Heldinnenepos“
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Deutscher Buchpreis 2023: Mein Fazit.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse, dieses Jahr am 16. Oktober, den Buchpreis ‚Roman des Jahres‘ aus, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, für die ich jeweils ein Zitat herausgesucht habe:

«Aber was ich noch sagen wollte: Wenn jetzt so viele Tiere sterben, kleine Tiere vor allem, also Insekten und Amphibien und Fische und kleines Meeresgetier, dann…», die Kamera suchte ihn, er blickte leer vor sich hin, «… dann verschwindet so das Gewirr, das Gewirk, das, das Dickicht, ja? Die Substanz, das Gewebe, also, dann fällt alles auseinander.» [Donato] schluckte und blickte in die Runde. «Alles auseinander.»

Ulrike Sterblich aus: „Drifter“
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Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Statt einer wöchentlichen Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste überließ ich die Wahl der Akademie des Deutschen Buchpreises und ihrer jährlich wechselnden Jury. Sie legten mir nebst Fatma Aydemirs Dschinns und Kristine Bilkaus Nebenan, noch vier weitere Bücher ans Herz, die ich bereitwillig kaufte und widerspruchslos las. Mein Blog besteht ja überhaupt hauptsächlich aus Büchern, die ich ohne äußeren Anstoß sonst nicht lesen würde, und gerade dies führt aber zu ungeahnten Einblicken und Leseerfahrungen, die ich seitdem nicht mehr missen möchte. In meinen Lektüren versuche ich stets das Beste aus den Büchern, die sich mir aufdrängen, herauszuholen. Nicht immer jedoch gelingt’s und das gibt mir weitere ästhetische wie verwickelte dialektische Rätsel auf:

Weil ästhetische Vulgarität undialektisch die Invariante sozialer Erniedrigung nachmacht, hat sie keine Geschichte; die Graffiti feiern ihre ewige Wiederkehr. Kein Stoff dürfte je als vulgär von der Kunst tabuiert werden; Vulgarität ist ein Verhältnis zu den Stoffen und denen, an welche appelliert wird.

Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“
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Kalenderwoche 34/35. Lesebericht.

Viel Platon gelesen, mich mit Kummer aller Art von Mariana Leky amüsiert und Ferdinand von Schirach zur Kenntnis genommen. Die Mühe mit Platon hat sich jedenfalls gelohnt. Im Gegensatz zu den kürzeren Dialogen spannte Der Staat eine ganze Bandbreite an Problemen auf und bearbeitete sie über Hunderte von Seiten immer wieder aus mehreren Perspektiven aus. Hierdurch entstand ein sehr lebendiger Eindruck von Platons Metaphysik, der ich schriftlich noch diese Woche etwas nachgehen und nachspüren möchte. Die Zahlenmystik der Pythagoreer hat mich etwas abgehängt – die Verhältnisse von Rechtecken, von platonischen Zahlen, das Oblong sind mir ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich werde ich nach Der Staat nun auch noch einmal Lukrez Die Welt aus Atomen zur Hand nehmen. Warum ich aber plötzlich in die antike Philosophie gerutscht bin, weiß ich nicht. Lukrez schlägt jedenfalls einen viel fröhlicheren Ton an als der etwas resignative Platon:

Aber an keinem Teil dagegen kann und zu keiner
Zeit das stofflose Leere ertragen irgend etwas nur,
ohne, was seine Natur verlangt, ihm [dem Wasser] weiter zu weichen.
Darum muss auch alles hindurch durch das ruhige Leere
gleichschnell, obschon mit Gewichten die ungleich, erregt sich bewegen.

Lukrez aus: „De rerum natura – Welt aus Atomen“
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Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Ich habe viel Zeit auf die Recherche nach Rezensionen, Leseberichten und Sekundärtexten über Elfriede Jelineks Romane verwendet. Erstaunlicherweise nicht viel gefunden. Es gibt eine sehr hilfreiche Besprechung von Andrea Geier auf literaturkritik.de gefunden. Der üblicherweise herangezogene Band Realien zur Literatur von Marlies Janz in der Sammlung Metzler über Elfriede Jelinek beinhaltet nicht die Besprechung von Die Kinder der Toten, und Janz hat nur noch, scheinbar, einen sehr schwer zugänglichen Aufsatz über Jelineks letzten Roman geschrieben. So viel dazu.  Ich befürchte einfach, es gibt nicht viele, die dieses Buch gelesen habe, und das finde ich schade. Andrea Geier schreibt in ihrer Besprechung Lob mit Fußtritten anlässlich der Nobelpreisvergabe für Jelinek:

Zu reden wäre über zu vieles: Über das Projekt der „Entmythologisierung“ und eine Programmatik der „Seichtheit“, über Wiederholung und Intertextualität als Strukturprinzip, über Lust an der Übertreibung jenseits der Schmerzgrenze, über Trivialität und Alltagsmythen, Ironie, Parodie und die Lust am Kalauer, über Autorschaft, die mit der Gestik des Verschwindens spielt, über Sprachbeherrschung und Sprachüberflutung, vor allem aber über die Entwicklung einer Schriftstellerin, die sich eben nicht nur mit der Welt, sondern zuallererst mit anderen Texten aus vielfältigen Bereichen und mit dem Schreiben auseinander setzt und dabei stets die formalen Möglichkeiten von Genres und Gattungen ausreizt und sprengt.

Andrea Geier: „Lob mit Fußtritten“
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