Kalenderwoche 36/37. Lesebericht.

Kalenderwoche 36/37. Lesebericht.

Zwei Wochen Urlaub, nochmal Sonne, nochmal Meer, frische Luft und eine fröhliche Atempause stehen im eigentlichen Zentrum meines Kalenderwoche 36/37 Leseberichtes. Ich habe auf die Kurzreise nur zwei Bücher mitgenommen. Da wäre zum einen Albert Vigoleis Thelens Die Insel des zweiten Gesichts – Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis, und zum anderen, quasi als Reserve, falls ich die Erstlektüre schneller als geplant beendet hätte, Lukrez Die Welt aus Atomen. Die Sonne und die Wanderungen und das Meer waren aber viel zu schön, um sehr viel Zeit mit Lesen zu verbringen, also reichte Thelens dicker Schmöker völlig aus, den ich auch nur zu einem Viertel ausgelesen habe:

Die Straße, in der uns die Limousine abgesetzt hatte, war die Calle de la Soledad. Soledad heißt Einsamkeit, Vereinsamung, Öde; aber auch Heimweh, Verlangen, Trauer und Klage kann es bedeuten – ein in der iberischen Mystik erheblicher Begriff. Auf dem spanischen Lebenswege des Vigoleis wurde sie die erste Anlände. Sie sollte es nicht lange bleiben. Der Grund war nicht ankerfest, und sein Lebensschifflein bekam wieder die Trift, und unkundig der Untiefen in den fremden Gewässern strandete es abermals.

Albert Vigoleis Thelens: „Die Insel des zweiten Gesichts“

Thelens Roman strotzt vor seltsamen, mittelalterlichen Idiomen und Worterfindungen. Nicht selten musste ich die Sätze zweimal lesen. Wie in den Reimen von Walter von der Vogelweide erschließen sich die Wörter nicht alle gleich sofort. Sie sind Verballhornungen, verspielte Verwandlungen, enthusiastische Pastourellen und Rondelle von Wörtern, die oft kunterbunt durcheinander zu purzeln scheinen und nur bei näherem und sehr konzentriertem Hinsehen doch noch zusammenfinden. Momentan verstehe ich Die Insel des zweiten Gesichts als eine deutschsprachige Antwort auf Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote, nur dass Vigoleis selbiger Ritter und Sancho Pansa in einer Person darstellt, wenn nicht sogar noch zusammen mit den zu Riesen zusammenfabulierten Windmühlen der Mancha.

Gekauft:

Anne Michaels: Wintergewölbe – durch Leona Stahlmanns Diese ganzen belanglosen Wunder habe ich mich an Michaels Fluchtstücke erinnert und festgestellt, dass sie seit geraumer Zeit ein zweites Buch veröffentlicht hat. Es heißt Wintergewölbe, und genau wie bei ihrem ersten Roman lassen sich auf jeder Seite sprachfreudige Sätze und Absätze finden wie diese finden:

Die Luft war von Wasser gesättigt. Es wehte ein starker Augustwind, und jeden Moment konnte es regnen. Im ganzen Land war die Seidenpflanze aufgeplatzt, tagelang hatten ihre Fäden die Luft erfüllt und hingen wie gespenstische Haarsträhnen in den Zweigen und Stängeln. Sie schwammen auf dem Wasser über den versinkenden Wiesen und wirkten zwischen den Grashalmen wie Eis. Jean zog ihre Sandalen aus. Sie spüre das vom Wasser entwurzelte Gras unter den bloßen Füßen und die Fäden der Seidenpflanze weich an den Waden. Da stieß ein kalter Schatten gegen ihr Bein.

Anne Michaels aus: „Wintergewölbe“

Bei Michaels leben die Dinge, die Verhältnisse, die Dimensionen mit den Menschen zusammen und erzeugen eine Mit-, keine Umwelt. Es finden keine Unterschiede, keine Urteile, keine Vereinfachungen statt, ohne jedoch dabei Unübersichtlichkeit und Beliebigkeit zu erzeugen. Im Gegenteil, alles findet stets zueinander und bildet ein fröhliches, in sich dynamisches rhythmisches Ganzes.

Gelesen:

Mariette Navarro: Über die See – das Buch unterstrich seinen Ton auf den ersten Seiten bereits so nachdrücklich, dass es erstaunlich gewesen wäre, hätte es die Lyrizität nicht bis zum Ende durchgehalten. Navarros Buch hat mich weit weniger bewegt als angenommen, und interessanterweise liegt darin seine Eigentümlichkeit und Besonderheit. Navarro schreibt sehr präzise, sehr distanziert über Trauer, erforscht den Zwischenraum, der sich durch die Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart ergibt. Das Meer liefert hier den Spiegel, um in der Verdoppelung alles noch deutlicher zu sehen, eine Tiefe, die nur aus Oberfläche besteht:

»Der Frachter driftet ab, er weiß nicht, warum er fährt.«
»Sie meinen, wohin er fährt?«
»Nein, ich meine, warum er fährt.«
»Ich habe alles im Griff. Ich weiß, was ich tue …«
Sie [die Kapitänin] kommt nicht dazu, den Satz zu beenden.
»Nein, niemand weiß, was er tut, wenn er abdriftet.«

Mariette Navarro aus: „Über die See“

Navarros schmales Buch ähnelt in vielem sehr André Bretons surrealistischen Romanen wie Nadja und L’amour fou. Eine Kurzbesprechung gibt es hier. Eine längere folgt, wahrscheinlich noch diese Woche, und zwar zusammen mit:

Djaimilia Pereira de Almeida: Im Auge der Pflanzen – auch in diesem Kurzroman von etwas mehr als 120 Seiten geht es um einen Kapitän. Hier nicht auf der See, sondern pensioniert, ähnlich dem Vater der Kapitänin aus Navarros Roman. Almeidas Text thematisiert aber nicht die Trauer, zumindest nicht vordergründig. Sie bearbeitet das Thema Schuld auf brutale und außergewöhnliche Weise:

Seine Hände erinnerten sich noch an die Berührung des Stoffes, mit dem er ihr [dem Opfer] die Augen verbunden hatte. Die Gesänge kamen ihm in den Sinn, die er von ihr im Urwald vernommen hatte. Die er jetzt vernahm? Es verlangte ihn nach den Gesängen und nicht nach dem Mädchen, dessen Weinen zwischen den Mangobäumen ihn angewidert hatte.

Djaimilia Pereira de Almeida aus: „Im Auge der Pflanzen“

Ähnlich zu Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten handelt Im Auge der Pflanzen von der Rückkehr der Opfer in das Bewusstseins des Täters, der seines Lebens als Mörder und Schlächter und Verbrecher nicht mehr glücklich wird. Zwischen den Blumen und Beeten, die er fürsorglich behandelt, gießt und großzieht, lässt sich keine Vergebung finden. Seine Taten kommen ihm immer mehr zu Bewusstsein, bis er nicht mehr leben möchte. Kompositorisch sehr ähnlich zu Navarros Über die See werde ich beide in meiner Lesebesprechung mehr oder weniger parallel lesen. Ich bedanke mich bei Sandra Falke, die mich auf ihrem Literaturblog Literarische Abenteuer auf das Buch aufmerksam gemacht hat.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste (KW 37):

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Nachmittage – Ferdinand von Schirach
  2. Das tiefschwarze Herz – Robert Galbraith
  3. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  4. Kummer aller Art – Mariana Leky
  5. Violeta – Isabel Allende
  6. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  7. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  8. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  9. Jeder für sich und Gott gegen alle – Werner Herzog
  10. Im Traum bin ich bei dir – Nicholas Sparks
  11. Fairy Tale – Stephen King
  12. Achtsam morden im Hier und Jetzt – Karsten Dusse
  13. Dark Sigilis – Anna Benning
  14. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  15. Lügen über meine Mutter – Daniela Dröscher
  16. Freiheitsgeld – Andreas Eschbach
  17. Jahre mit Martha – Martin Kordic
  18. Der Markisenmann – Jan Weiler
  19. Die Vergessene – Karin Slaugther
  20. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr

Nachdem nun die sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis 2022 bekannt gegeben worden sind, zu denen auch Daniela Dröschers Roman Lügen über meine Mutter gehört, werde ich dieses Buch als nächstes Lesen. Die komplette Liste der nominierten Romane lautet:

  • Kristine Bilkau: Nebenan (Lesebesprechung: kurz/lang)
  • Fatma Aydemir: Dschinns (Lesebesprechung: kurz/lang)
  • Jan Faktor: Trottel
  • Eckhart Nickel: Spitzweg
  • Kim de L’Horizon: Blutbuch
  • Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

In den nächsten Wochen werde ich die restlichen Bücher auf meinen Blog, so’s zeitlich klappt, besprechen. Mit anderen Worten, den deutschsprachigen Don Quijote, Albert Vigoleis Thelens Roman Die Insel des zweiten Gesichts, stelle ich etwas hinten an.

Ich würde mich sehr über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise freuen, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank fürs Lesen. Ich wünsche allen eine fröhliche nicht allzu kaltnass-herbstliche sonnige Woche!

7 Antworten auf „Kalenderwoche 36/37. Lesebericht.“

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ja, ich glaube, dass das ein sehr kompliziertes Buch sein wird. Ich habe schon reingelassen. Sehr eigenwillig. Sprachlich, rhythmisch, und ziemlich unverblümt. Ich bin auch gespannt. Ich denke, ich lese es nächste Woche. Momentan arbeite ich mich durch „Lügen über meine Mutter“ durch. Planst du „Blutbuch“ auch zu lesen?

      1. Ich warte auf deine Rezension. 🙂 Ich habe auch hineingelesen und mir kommt vor, dass es sehr anstrengend ist und ich schwanke, ob es mir die Mühe wert ist. mich da durchzubeißen …

  1. marinabuettner – Berlin – Über ein viertel Jahrhundert lang habe ich als Buchhändlerin gearbeitet Inzwischen bin ich immer noch Leserin aus Leidenschaft, aber auch auf die schreibende Seite gewechselt. Ich bin Lyrikerin und illustriere, male und tusche in Berlin.
    marinabuettner sagt:

    Ich höre gerade „Spitzweg“ und bin begeistert …

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Tatsächlich liegt dies auch schon bereit. Das freut mich zu hören. Wenn du Bücher magst, mag ich sie meistens auch! Und solche Shortlists können schon sehr einsame Lektüren werden 😀 Viele Grüße.

      1. marinabuettner – Berlin – Über ein viertel Jahrhundert lang habe ich als Buchhändlerin gearbeitet Inzwischen bin ich immer noch Leserin aus Leidenschaft, aber auch auf die schreibende Seite gewechselt. Ich bin Lyrikerin und illustriere, male und tusche in Berlin.
        marinabuettner sagt:

        Es gibt ja so selten kluge Bücher, die auch noch witzig sind. Spitzweg ist so eins.

Kommentar verfassen Antwort abbrechen

Die mobile Version verlassen
%%footer%%