Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“

Eine Reise durchs kulturelle Unbewusste … Spiegel Belletristik-Bestseller (27/2022)

Gibt es eine in sich runde Form, die aus konsequenter Formlosigkeit besteht? Ein Erzählen, das so naturalistisch daher kommt, dass der leiseste Anspruch an Wortwahl, Satzkomplexität, an überraschenden grammatikalischen Strukturen ins Leere geht? Tatsächlich gibt es diese Form des nüchternen, fast aus dem Leben gegriffenen Erzählens, eine Art Protokoll des Seelenlebens, ein Traum, ein Trauma frei von der Leber weg geschrieben. Ein Beispiel dafür ist Susanne Abels Gretchen-Reihe, in der Greta „Gretchen“ Schönaich und Konrad „Conny“ Monderath einen Neuanfang inmitten der Katastrophe suchen und versuchen:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“

Der Philosophenweg und das Philosophengärtchen, von denen die Rede ist, liegen im von der US-Armee besetzten Heidelberg. Konrad stammt aus einer Kölner Ärzte- und Greta aus einer ostpreußischen Soldatenfamilie. Beide Familien unterstützten bis auf die Großeltern mit Feuer und Flamme das Hitler-Regime und geraten im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten. Sie bezahlen ihre Unterstützung bitter. Konrads ganze Familie stirbt, und von Gretas Familie bleibt nicht mehr viel übrig, nachdem der trunk- und schlagsüchtige Vater aus dem Krieg zurückkehrt.

Als Conny wieder nüchtern war, machte er Greta einen formvollendeten Heiratsantrag. Dann wurde in der elterlichen Wohnung Verlobung gefeiert. Vor den Augen der Eltern, des Großvaters und von Elise und Hermann Holloch gaben sich Greta und Conny die Hand und versprachen einander die Ehe. Erst stießen sie mit Sekt an, und nach dem Kartoffelsalat mit Würstchen wurde das Verdauungsschnäpschen auf den Tisch gestellt. Otto Schönaich kippte zwei Gläser hintereinander, und Conny sah, wie Greta die Flasche wegräumte. Wankend stand er auf und holte die Flasche zurück. »Noch bin ich hier der Herr im Haus«, sagte er und schenkte sich nach.

Der Horror geht weiter. Das Familienfest gerät außer Kontrolle und der alles und jeden hassende Vater, der die Niederlage des Dritten Reiches nicht verwinden kann, schlägt irgendwann sogar seiner Tochter ins Gesicht und in den Bauch auf deren eigenen Verlobungsfeier:

Eine Ohrfeige. Mit einem Sprung war er bei der Tür und riss sie auf, sah, wie Otto Schönaich Greta in den Bauch boxte. »Was machst du da?«, fragte er und stellte sich schützend vor sie. »Diesem Weibsstück Zucht und Anstand beibringen«, lallte Otto. »Pass nur auf, dass sie dir nicht auf der Nase herumtanzt, wenn du erst einmal mit dem Luder verheiratet bist.«

Trunksucht und Nüchternheit des Erzählens gehen Hand in Hand, während ein Drama das nächste jagt. Konrad gerät in Kriegsgefangenschaft. Greta versucht sich umzubringen, weil sie das uneheliche Kind mit einem US-Amerikaner nicht behalten darf. Missverständnisse mit ihrem Sohn Tom treten auf, der zwar später ein erfolgreicher Nachrichtensprecher wird, aber nur nach und nach die Kurve bekommt und mit seinen Mitmenschen und Partnerinnen zu kommunizieren lernt. Stand in Stay away from Gretchen die Beziehung zu seiner Mutter, Greta, im Vordergrund und deren Familiengeschichte, kommt nun in Was ich nie gesagt habe sein Vater Konrad und dessen Vergangenheit zur Sprache. Im Grunde dreht sich alles in dem Roman darum, wer der wirkliche Vater ist.

»Guter Plan«, sagt Tom, trinkt ein zweites Glas Wasser und hofft, dass das, wonach Henk sucht, nicht aufbewahrt wurde. Was er seinem Halbbruder verschwiegen hat: Er hat gestern recherchiert, dass Samenspenden unter Ärzten lange als sitten- oder standeswidrig galt. Erst 1970, und juristisch abgesichert im Jahre 1986, entschieden sich die Mediziner mehrheitlich, dass die behandelnden Ärzte selbst nicht als Samenspender fungieren durften, da es jeglicher Ethik widersprach. Deshalb müsste sein Vater ja das größte Interesse gehabt haben, die Unterlagen jener Fälle verschwinden zu lassen.

Zentral bleibt die Abstammungs- und Herkunftsfrage, das Thema Heimat und Familie, das entlang von sehr klaren Handlungsbögen durchdekliniert wird. Die Mischung aus Detektivgeschichte und Heimatroman dirigiert eine Art auktorialer Erzähler, der überall, zu allen Zeiten zugleich sein kann, der insofern auch die Geschichte Konrads erzählen und wiederzugeben vermag, obwohl kein Zeitzeuge mehr zugegen ist, der die ganze Geschichte seiner Familie Tom erzählen könnte. Nicht nur Tom, keiner der Figuren weiß den vollen Umfang seines Missgeschicks und das seiner Mitmenschen. Das ist der Witz von Abels Schreibstil. Die Figuren bleiben den geschichtlichen Mächten ausgeliefert. Sie verstehen die Handlungs- und Konflikthorizonte nicht, hängen stets in der Luft und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Sie gehen dem geschichtlichen Driften auf den Leim.

Er [Tom] geht Richtung Wasserkante, über Kieselfelder, die die Trockenheit freigelegt hat. Als er klein war, hat er sich vorgestellt, wie vor Tausenden von Jahren Mammuts über diese Steinchen getrottet sind. Und als er noch Naturforscher werden wollte, hat er alles abgesucht, weil er auch so einen großen Stoßzahn finden wollte wie der, den ihm sein Vater in der Kirche Sankt Maria im Kapitol gezeigt hatte. Die Rheinkiesel waren für ihn damals der faszinierende Beweis dafür, dass die Vergangenheit noch gegenwärtig ist.

Die Art Romane spielt mit Andeutungen, Fehldeutungen und Halbwahrheiten, um das Lesen interessant und spannend zu gestalten, und tatsächlich wird man in Was ich nie gesagt habe oft in die Irre geführt und somit dem Titel des Romans alle Ehre getan. Bis zur Perfektion treibt dies Sebastian Fitzek in seinen Thrillern wie Heimweg, die zumeist darauf aufbauen, das am Ende ein deus ex machina dem Erzählten einen ganz ganz neuen Sinn verleiht. Dies gelingt meist mit suggestiven sprachlichen Undeutlichkeiten oder gar Doppelbedeutungen. Bspw. gibt es nicht nur eine Stadt namens Berlin. Es gibt sogar mindestens 27, und 26 davon befinden sich in den USA. Schreibt oder sagt jemand, dass er aus Berlin komme und Deutsch spricht, in Deutschland lebt, so geht das unschuldige Lesen von dem naheliegenden aus. Es ist das Berlin gemeint, das zwischen Magdeburg und Frankfurt/Oder liegt und dessen geografische Lage also 52°3‘6‘‘ nördlicher Breite und 13°24‘30‘‘ beträgt. Nur wurde das ja nicht explizit gesagt, und so kann am Ende etwas aus dem Missverständnis gezimmert und aus dem Zylinder mit Brimborium das Kaninchen namens Berlin/Texas gezogen werden.

Wie jetzt betrachtete er damals die vorbeiziehenden Wolken und stellte sich vor, dass nicht sie es waren, die sich bewegten, sondern er. Schwerelos flog er in seiner Raumkapsel. Es gab Tage, da wollte er für immer in dieser Kapsel bleiben, entfliehen, weil das Leben auf der Erde so schwer war.

Leben ist tatsächlich schwer, wenn alle alle belügen. Niemand mehr irgendetwas weiß und eine Wahrheit die andere ablöst. Susanne Abels Gretchen-Reihe liest sich wie ein kulturelles Unbewusstes, in dem alles zutage tritt, alle Schrecken, Ungereimtheiten und Sentimentalitäten thematisiert werden, die über das Nachkriegsdeutschland wie ein Fluch gehangen haben: Kriegsverbrechen, Menschenversuche, Euthanasie, Sklaverei, Segregation, Gewalt in der Ehe, Prüderie, Willkürherrschaft, Fanatismus und Alkoholismus. Tom, der Protagonist, flieht vor allem. Wohin er sich dreht und wendet, er wird mit Halbwahrheiten abgespeist oder angelogen. Am Ende hilft nur, zurück zu seiner Mutter zu ziehen und eine Familie zu gründen, die nicht auf Lügen und Verrat aufgebaut ist, also denselben Traum zu hegen, den Konrad sein Vater früher auch besaß:

Als die beiden zum Abendessen ins Pfannkuchenhaus an der Herenstraat gingen, schaute der Kleine [Tom] in eines der Fenster. »Das will ich auch«, sagte er. Conny sah erst den von innen beleuchteten Globus auf der Fensterbank, der dem Jungen so gefiel, und dann im Wohnzimmer dahinter eine lachende Familie. Sie saßen am Tisch. Spielten. Unbeschwert. Ihre Leichtigkeit versetzte ihm einen Stich. Ich will das auch, dachte er.

Die Illusion scheitert. Die Milchbubenrechnung geht nicht auf. Die einzige Zuflucht der Menschen in Abels Romanen ist die Familie, das gelungene Privatleben, das aber an den Katastrophen im politischen und sozio-ökonomischen Bereich zugrunde geht, von jenen heimgesucht und stets wieder zerstört wird. Das Öffentliche und das Private lassen sich in Abels Kosmos nicht in Einklang bringen. Die einzelnen Individuen halten dem öffentlichen Druck nicht stand. Das, was gut im Öffentlichen ist, ist schlecht im Privaten. Das, was gut im Privaten ist, ist schlecht im Öffentlichen. Daran zerbricht jede Figur und vollstreckt irgendwann stets die öffentliche Meinung ungeschminkt ins Private hinein, sei’s in der Ehe, zwischen Freunden, zwischen Eltern und Kind oder Kollegen. Diesen Schnitt und Wunde thematisiert Abel rundheraus. Alle Figuren, außer Tom und Gretchen, verstricken sich in Schuld. Sie graben ihr eigenes Grab und merken es viel zu spät, wie Konrad, Toms Vater. Er fühlt sich schuldig, bemitleidet sich, schämt sich auf so vielen verschiedenen Ebenen und kann sich seinem Sohn nicht einmal im letzten Moment seines Lebens öffnen.

Konrad starrte auf die Tür, die Tom hinter sich geschlossen hatte. Ich wollte dir sagen, dass ich dich liebe. Es waren keine Worte. Nur Gefühle. Er fasste sich ans Herz, spürte wieder diese Stiche. Und sackte in sich zusammen. Eine Träne rollte über seine Wange. Er sah sein ganzes Leben vor sich. Im Zeitraffer. Dann sah er seinen Pap. Und Lizzy. Sie warten.

Das, was Was ich nie gesagt habe auszeichnet, liegt in der Kürze, in der brutalen, sachlichen, schnörkellosen Erzählung. Keine Form, keine Metapher, keine Allegorien gereichen den Schrecken so auszudrücken, wie das blinde Mitlaufen das plötzlich vor dem Scherben der eigenen Existenz steht. Die Verfehlungen geschehen augenblicklich und danach hilft nur noch die Lüge, um das Vertrauen der Mitmenschen nicht vollends zu zerstören. Abel schreibt sentimental, aber fast ohne Kitsch. Ihrer Sprache fehlt es an jeder Romantik, die noch ein Ludwig Ganghofer besitzt, bspw. in Der Herrgottschnitzer von Ammergau, das auch vom ruhigen, beschaulichen einfachen Familien- und Landleben träumt:

 Mit der Einrichtung [des Austraghäusl des Huberbauern] sah es freilich ein wenig mager aus; ein Bett, ein Tisch und dahinter eine schon baufällige, mit abgesessenen Lederpolstern belegte Bank, zum Überfluß ein Stuhl, über dem Tisch in der Ecke der Herrgott und das Weihbrunnkesselchen neben der Tür. Und doch machte das Stübchen einen angenehmen und einladenden Eindruck; es war zu eng und zu klein, um die Dürftigkeit der Einrichtung auffallen zu lassen. Unter den Armen des Herrgotts guckten zwei große Waldblumensträuße hervor, die Traudl auf dem Weg von Ettal her zusammengelesen hatte; in den kleinen Fensternischen standen ein paar blühende Nelkenstöcke, die der Huberbäuerin abgebettelt worden waren, und nun sollten gar noch weiße, säuberlich gefältelte Vorhänge den Schmuck des Stübchens vollenden.

Ludwig Ganghofer aus: „Der Herrgottschnitzer von Ammergau

Ganghofers Stil nutzt jede Möglichkeit, um Sentimentalität und Romantik ins Spiel zu bringen. Abel dagegen bleibt nüchtern, hart. Sie rührt, aber ohne jeden sprachlichen Kitsch. Ihre Sprache grenzt ans Unliterarische, so einfach, geradeheraus, so unumständlich und unrhetorisch und unprätentiös kommt sie daher. Fast wie die Transkription eines Tonbandmitschnitts, wie eine Inhaltsangabe vom Nachkriegsdeutschland lesen sich die Seiten und Kapitel von Was ich nie gesagt habe. Tatsächlich wird es auch nie gesagt, dass die Hölle scheinbar die anderen sind, dass die Familien durch den männlichen Makel bedroht werden, dass die Wahrheit, das Private vom Öffentlichen nicht trennen zu können, der Grund für das schlimme Leben ist, das Abels Figuren miteinander und gegeneinander führen.

Ernst Bloch, der zur selben Zeit wie die Familie Schönaich, in Heidelberg wirkte, hat in einem Rundfunkgespräch Geladener Hohlraum mit Iring Fetscher und Georg Lukács über seinen Literaturgeschmack gesagt:

Lukács schoss Literaturwissenschaft zu, Kunstwissenschaft, Kierkegaard und Dostojewski, die mir fremd waren. Ich pflegte damals zu sagen: »Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles, was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich es lesen?«

Ernst Bloch aus: „Tendenz-Latenz-Utopie“

In diesem Sinne schließt Abel an Karl May an, an die Imagination, aber auch die Repetition der kulturellen Träume, Phantasma und mundartlichen Abenteuer. Sie legt alles auf den Tisch, ungeschminkt, schmerzhaft, unverblümt. Das Buch erhält einen gruseligen Hauch Authentizität, eine Art Alptraum im Wachzustand, der einem an die Kehle greift, sie zuschnürt, die Vergangenheit, die Leiden, die Schmerzen, die noch irgendwo ungesühnt umherstreifen und auf Erlösung hoffen, ins Gedächtnis ruft und an die Ballade Der Totentanz von Johann Wolfgang von Goethe gemahnt:

Das reckt nun, es will sich ergezen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich,
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdlein über den Hügeln.

Johann Wolfgang von Goethe aus: „Der Totentanz

Vor der Vergangenheit stehen alle gleich betroffen und nackt da, und so auch in Abels Romanen der Gretchen-Reihe. Ihr neuestes Buch lässt einen nicht los. Es ergreift unbarmherzig. Alles wiederholt sich. Die Lügen, die Schmerzen, und die Hoffnung, dass die Vergebung, zu der Tom vielleicht fähig ist, reichen wird, die nächste Generation, Toms Stiefsohn, vor den Grabenkämpfen der Ideologien zu schützen, die Greta, Konrad und alle anderen dahingerafft haben. In seinem Misstrauen gegen jede Rhetorik, gegen Lügen und Betrügen vermeidet Was ich nie gesagt habe jedwede Eloquenz. Es ist daher nicht sehr literarisch, fast nur ein Raunen, gehalten kurz oberhalb der rauschenden Sprachlosigkeit, denn:

Die Zahl der verschluckten Sätze wurde immer größer, und schließlich wurde das Schweigen zu einem Bollwerk, das unüberwindbar wurde.

Susanne Abel versucht mit ihren Romanen gegen das Bollwerk anzukommen. Ob es ihr gelungen ist, hängt davon ab, wie sehr die Sprache unser Vertrauen verdient oder nicht.

tl;dr … eine Kurzrezension findet sich hier.

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