Sjón, mit vollem Namen Sigurjón Birgir Sigurðsson, legt mit nachtarbeit, übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, eine Textmischform vor, die zwischen Prosa, Gedicht, Reflexion und Kurzgeschichte, zwischen assoziativem und nachdenklichem Schreiben hin und her wechselt. Er selbst schreibt auch fürs Theater, für den Film, verfasst Romane wie Schattenfuchs und tritt zudem als Musiker in Erscheinung. Vor diesem Hintergrund verwundert die bunte Mischform nicht:
der kopf, vom körper getrennt
die toten kommen niemandem zu hilfe
[…] ein unerwarteter gast erscheint, bleibt da für lange zeit
westwind, abgetragene erdschichten, anstrengende tage
ein körper sucht einen neuen kopf
Sjón aus: „nachtarbeit“
Inhalt/Form:
Sjón sucht in seinen Texten neue Formen der Gedankenversinnbildlichung. Hier steht das Produzieren im Vordergrund, das Suchen und Explorieren von Ausdrücken, die neue Traumüberschüsse bewerkstelligen könnten. Seine Gesprächspartner heißen Italo Calvino, André Breton, Sigurður Pálsson, Alexander von Humboldt und viele mehr. Insbesondere das surrealistische objet trouvé, sprachlicher Art, das Sondieren im kulturellen Untergrund findet statt und sucht neue Überlagerungsfähigkeiten und Erinnerungsräume aufrechtzuerhalten, die ansonsten verschütt zu gehen drohen. Die Diktion, kleingeschrieben, wie bei Stefan George, nur ohne allen Elitismus, folgt der freien Form eines André Breton in Nadja. Auf die Begegnung, das Erkennen, das Erinnern legt es der Dichter aus nachtarbeit an:
wenn du denkst dass ich dir ähnele
dann kennst du mich nicht
wenn du mich nicht kennst
bin ich dir ähnlicher denn je
Denn nachtarbeit bedeutet Graben im Unbewussten, Beschreiten der Schattenbereiche, die Reise in eine Nacht der unwillkürlichen Erinnerungen und Begegnungen. Was bei Breton die Figur Nadja bewerkstelligt, den Riss im Kontinuum, die Verwirklichung der Realität im Alltag, das Neue im Normalen, findet bei Sjón in der Wechselwirkung, Beobachtung, im Nachvollzug der Natur, in der Espe, den Wiesenvögeln, der Möwe oder im gespannten Fell eines Renkalbs statt. Die zeitlose und doch zeitliche Verbindung mit den Prozessen um ihn herum durchzieht die Texte, die zwischen Prosa, kleinen Nacherzählungen, Beschreibungen von Museumsstücken, Briefen, Report und Gedichten, zwischen Wissenschaft, Liedern, Gesang und Dialog mit direkter Ansprache eines Du wechseln. Bei Breton heißt es, um die Fremde und Unbekanntheit mit dem Nahen zu beschreiben:
All das, was es möglich macht, vom Leben eines Wesens zu leben, ohne je mehr von ihm zu verlangen, als es gibt; daß es viel und genug ist, zuzusehen, wie es sich bewegt oder unbeweglich verharrt, spricht oder schweigt, wacht oder schläft, das war auch auf meiner Seite nicht vorhanden, war nie vorhanden gewesen: das war nur zu sicher.
André Breton aus: „Nadja“
Eine ähnliche Trauer durchzieht Sjóns nachtarbeit, ein melancholisches Rückbesinnen und Trümmer-Auflesen. Die Begegnungen verpuffen. Ein Text hält zwar nie, was er verspricht, aber dieser verspricht immerhin etwas, lässt das Hoffen auflodern und möchte die Sinnlichkeit des Lebendigen transportieren, lyrisch einholen. Auch hierin wird der explizit benannte André Breton zitiert, auch Nadja hielt nicht, was sie versprach. Sie ging unter, zerschmetterte am Alltag, wurde für verrückt erklärt, und die Erzählstimme bedauerte, ihr nicht helfen zu können. Ihre Reise ging zu weit hinaus. Ihr Körper suchte einen neuen Kopf, wie Sjón es fasst, aber legte den alten schon fort, verlor ihn, bevor sie den neuen fand:
Das Wesentliche ist, daß für Nadja, glaube ich, kein allzugroßer Unterschied besteht zwischen dem Innern einer Irrenanstalt und der Welt draußen.
André Breton aus: „Nadja“
Wie das Erzähl-Ich bei Breton, so behält auch Sjón das Heft in der Hand, ganz gleich wie gruselig seine Assoziationen auch werden, wie viel Grausamkeit sie gewärtigen, antizipieren. Die Entfremdung jedenfalls, von den anderen, den Dingen, der Natur, stellt thematisch in nachtarbeit den rote Faden dar:
Diese wege übers wasser haben schon immer tod gebracht
dieser berg ist schon immer neugierig gewesen
die sterne waren nie miteinander versöhntund die die du verlässt
ist nie die heimat zu der du zurückkehrst
Heimatlos scheint die Erzählstimme jedenfalls nicht zu sein. Sie fühlt sich wohl. Sie besitzt einen Ort. Die Sprache wirkt nicht rastlos, verloren. Sie streckt eher die Fühler aus, schreckt zusammen, tastet sich weiter vor und verweist implizit auf eine sehr universelle, offene, ruhige Weltwahrnehmung. Sie lässt die Brüche, die Disparatheiten bestehen, kittet sie nicht, ja, sucht eher das Freie, die Bewegung in dem Nichtgesagten, in dem Noch-nicht-Ausgedrückten, als dass die Erzählweise diese klaffenden Unbenennbarkeiten mit Erklärungen und Daten und historischen Bezugnahmen zuschüttet. Weder scheut sie Technik noch Wissenschaft, noch verabsolutiert sie diese. Weder sucht sie Sicherheit in kultureller Rückbesinnlichkeit, noch verschließt sie sich vor neuen und intensiveren Ausdrucksformen wie die eines Albumcovers von Iron Maiden, dem Sjón durch seine Beschreibung Hieronymus Bosch-artige Züge verleiht:
Was auf den ersten Blick wie versengte und brennende Felder aussieht, erweist sich als eine Menschenmenge, der Brennstoff, der die blaugelben Zungen im Vordergrund des Gemäldes füttert, ist die Menschheit, die sich wie eine Ähre biegt, wenn die Flamme an ihr leckt. Teufel mit Flügeln aus Leder sind die Arbeit auf diesen Äckern des Unterganges, sie stürzen sich auf die Massen und bringen diejenigen, die zu fliehen versuchen, zurück auf den Scheiterhaufen.
Freund-Feind-Denken bleibt diesen Gedichten fremd. Sie kennen keine inhaltlichen, thematischen, formalen Grenzen und bewerkstelligen das, was der Surrealismus mit ‚die Sinne entriegeln‘ bezeichnete, auf Ebene der Motive und Sprachformen, entriegelt das Buch als Form, die Gedichte als Medium hin zu einer freien assoziativen Kommunikationslandschaft. Interessanterweise bedient sich, ebenfalls wie Breton, Sjón nicht einer Sprachwucht. Seine Sprache bleibt zurückhaltend. Die Adjektive suchen keinen Pathos. Es finden keine Überhöhungen statt. Plakativität, Obszönität, Kraftausdrücke werden durchweg vermieden. Die Gedichte eint ein ruhiger, langsamer Fluss, der unbeirrt zu Fundstücken des lyrischen Wahrnehmungsvermögens zieht.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
In seiner äußerst freien Form erinnert Sjóns nachtarbeit an Texte von Henri Michaux, bspw. sein Ein Barbar auf Reisen, an besagten André Breton in Nadja oder L’amour fou, oder an Octavio Paz in In mir der Baum und Philippe Jaccottets Elemente eines Traumes. Die einzelnen Episoden besitzen keine formale Strenge, bemühen sich nicht um einen lyrischen Klassizismus oder suchen gar den Reim. Sjón nutzt das Medium der Lyrik eher als Raumentfaltung, gleichsam wie Michaux, wenn er schreibt:
Was ist ein Gedanke? Eine Erscheinung, die einen Geist verrät – dessen Rahmen – und was dieser Rahmen begehrte.
Henri Michaux aus: „Ein Barbar auf Reisen“
nachtarbeit wirkt wie ein Rahmen, in welchem die Worte dazu verführen, eigene Gedanken zu entwickeln und sich von den geäußerten zugleich forttreiben zu lassen. Sie spenden einen Erfahrungsgehalt als Momentaufnahme:
als wir den persischen golf überflogen
flog der mond mit dem flugzeug mitvom fensterplatz aus dort wo ich saß
sah ich wie er sich im weißen flügel spiegelte[…] diese geschichte ist eine von eintausendundeiner
die aufzuschreiben ich es eilig habe bevorich selbst in einer nacht verschwinde wo ein erloschenes
mondlicht und ein weißer flügel auf mich warten
Dieses Schweben zwischen Irdischem und Phantastischem zeichnet die Texte aus. Sie lassen sich nicht so leicht einfangen und gehorchen auch keinen Parolen oder einfachen Leitsätzen, und stellen sich eher quer zu gemeingefälligen Äußerungen. Der Mond begleitet und verschwindet – gemahnt an Engel und auch an eine verloschene Kerze, an eine Endlichkeit, die in der Erinnerung wiederum vom Gehalt lyrisch in die Zeitlosigkeit gehoben wird. Das Erzähl-Ich beobachtet, beschreibt, um sogleich Teil des Beschriebenen zu werden. Es bleibt nicht äußerlich, fühlt sich dem Mond, den Elementen verwandt und kennt keinen Unterschied, mit Ausnahme von seinem Wunsch, das Erlebte zu notieren. Hier erinnert die deutliche Melancholie an Sylvia Plath, wenn sie mit selbiger Motivik schreibt:
We walk on air, Watson.
There is only the moon, embalmed in phosphorus.
There is only a crow in a tree. Make notes.
Sylvia Plath aus: “The Detective“ [30 September 1962]
Plath spielt ebenfalls auf die Vergänglichkeit an (die Krähe), und auf die Schatten, das Einbalsamiertsein des Mondes, das Weiß des Phosphor, und möchte, bevor alles vorbei ist, im Flug durch die Luft und Zeit, noch das Wichtigste aufschreiben. Sie verweist auch, durch Watson, auf eine Recherchearbeit und findet einen selben Klang wie Sjón, der die Kulturbereiche nach Fundstücken durchstromert, vor allen in den Kapiteln Eine Statistik der Poesie und Aus dem Trancemuseum. Als Dichter belebt Sjón die surrealistische, freie Textgestaltung, die Bewegung, um die Sinne freizusetzen. Sein Buch, als Gesamtheit, löst das Versprechen ein, das Lesen von vorbelasteten Erwartungen zu befreien und stets wieder zu erfrischen und zu überraschen. Jedweder Phrasen abhold, erhält diese sanfte Sprache allein schon deshalb ungewöhnliche Poetizität. So wird die eingestandene Niederlage vor der Sprache zu einem heimlichen Sieg, wenn Sjón schreibt:
Der Dichter gibt sich geschlagen, akzeptiert, dass die Idee der Herrschaft des Menschen über seine Gedanken eine Illusion ist. André Breton fährt sich mit den Fingern durch seine rote Mähne und stellt sich der Aufgabe, die Vermischung der inneren und äußeren Wirklichkeit sichtbar zu machen. Und in Bretons Namen und Nachfolge gelingt Sjón eben genau dies in seiner nachtarbeit: ein Entschlacken der Begriffe, ein Entkrusten der Vorstellungen, ein Fluidisieren und Irisieren der Sinne.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 04.06.2024 auf Kommunikatives Lesen:
bespreche ich das neue Buch von Slata Roschal Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten.
Eine Kurzversion der Besprechung und noch andere aktuelle Kurzrezensionen findet sich demnächst hier.

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