Kommando Ajax von Cemile Sahin handelt von den prekären Lebensbedingungen einer kurdischen Familie in Rotterdam. Der Text bearbeitet mit Familie einen Stoffbereich, der in der Literaturwelt in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat. Sei es Radio Sarajevo von Tijan Sila (Bachmann-Preisträger 2024), Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen (Leipziger Buchmessepreis 2023), Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum (Georg Büchner-Preisträger 2022) oder Necati Öziris Vatermal (Shortlist Deutscher Buchpreis 2023). In all diesen Büchern steht der Problemkreis Migration im Vordergrund, bei Sahin nun explizit, zudem, im kriminellen Milieu und schließt bei Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht an, wie weiter unten ausgeführt wird, dynamisiert von einem Plot über Gewalt, Verbrechen und Krieg:
Aber der Geschäftsmann ist nicht irgendein Mann, den Ali Ekber leichtsinnig austricksen kann. Celal musste ins Gefängnis, und der Geschäftsmann schickt einen Scharfschützen nach Rotterdam. In einem anderen Land hat Ali Ekber eine Tat ins Rollen gebracht, die seiner Familie Schaden zufügt. Der tragischste Charakter dieser Geschichte ist Keko. Der musste für die Spielsucht seines Bruders mit dem Leben bezahlen. Die nächste Strafe traf Xidir. Er musste für die Spielsucht seines Bruders mit der Freiheit bezahlen.
Cemile Sahin aus: „KOMMANDO AJAX“
Inhalt/Plot:
Kommando Ajax handelt von der Familie Korkmaz, die aus dem umkämpften Gebiet Dersim (kurdisch) oder Tunceli (türkisch) stammt. Anfang der 1990er wird die Familie durch türkische brandschatzende Truppen vertrieben, der Vater, das Familienoberhaupt, verhaftet und später erschossen. Die Familie besteht neben der früh verstorbenen Mutter Zere aus sechs Geschwistern, die von der Erzählinstanz wie folgt vorgestellt werden:
Ali Hüseyin, 35 Jahre alt, Dachdecker, verspielt, detailversessen, bequem
Xidir, 33 Jahre alt, Elektriker, introvertiert, weise, idealistisch
Ali Ekber, 31 Jahre alt, Straßenbauer, charismatisch, bedrückt, ironisch
Ali Haydar, 28 Jahre alt, Maler & Lackierer, dickköpfig, streitsüchtig, ungeduldig
Keko, 25 Jahre alt, Betonbauer, pragmatisch, freundlich, authentisch
Fatma, 27 Jahre alt, Putzfrau, laut, launisch, lieb
Die militärische Besatzung führt zur Arbeitsnot und die vier Brüder ziehen nach Istanbul und finden im Baugewerbe eines zwielichtigen Geschäftsmannes eine Anstellung. Hüseyin, Hobbymaler und angehender bildender Künstler, findet in einer Geheimkammer wertvolle Gemälde, die aus dem Bostoner Museum entwendet wurden, und tauscht sie gegen welche von sich aus. Als sie die Nachricht erhalten, dass die türkischen Truppen ihr Dorf (auf kurdisch Mezra) völlig in Schutt und Asche gelegt haben, beschließen die Brüder mit der ganzen Familie nach Europa zu flüchten. Ali Ekber bleibt als letzter in Istanbul zurück und frönt seiner Spielsucht, muss nach einer Pechsträhne als Gegenwert eines der gestohlenen Gemälde setzen und ruft so die Handlanger des zwielichtigen Geschäftsmannes auf den Plan. So nimmt das Unglück, das der Familie Korkmaz widerfährt seinen Lauf.
Der Scharfschütze geht auf Position. Er legt seinen Zeigefinger an den Lauf und feuert die nächste Kugel auf Keko ab. Keko, der Bräutigam, ist der Erste, der stirbt. Ein glücklicher Mensch wird am glücklichsten Tag seines Lebens getötet. Ist das nun ein glücklicher Tod? Gerade hat der Scharfschütze einen Menschen getötet. Die Gäste der Hochzeit fangen an zu schreien. Einmal las der Scharfschütze in einem Buch: Mit der Waffe kommt das Recht. Und der Scharfschütze dachte: Falsch. Mit der Waffe kommt kein Recht. Er wusste es besser. Mit der Waffe kommt kein Mitleid.
Im Verbrechermilieu angesiedelt, handelt Kommando Ajax von der Welt der Betrüger, Verbrecher und Hehler. Gewalt kriecht an allen Ecken und Enden aus dem Gemenge. Vom Stoffgebiet her ähnelt Sahins Roman Brechts Die Dreigroschenoper, aber auch Albert Camus‘ Der Fall, das in den Niederlanden spielt und in welchem es ebenfalls um einen, bislang noch nicht gelösten, Gemälderaub geht. Wackelkontakt von Wolf Haas, ebenfalls auf der Shortlist vom Preis der Leipziger Buchmesse 2025, schlägt zudem in dieselbe Kerbe mit Kunstraub, verschollenen Gemälden und einem toten Elektriker. Der Inhalt aber steht in Kommando Ajax nicht im Vordergrund. Cemile Sahin, bildende Künstlerin, legt mehr wert auf die Form.
Stil/Sprache/Form:
Angriffspunkt von Kommando Ajax stellt die Sprache als Kontrahent dar. Mit Montagetechnik, Rhythmik, Wiederholungen, Zerpflügung von Grammatik und Syntax sagt in Gangsterrap-Manier, nur ohne Obszönitäten, der Text der komplexen literarischen Kunstsprache den Kampf an. Offensichtlich illustriert die Erzählinstanz das sprengende, traumatische Erlebnis der Vertreibung, indem sie die Sprache selbst als Verfremdungseffekt heranzieht:
Schmerzen weswegen? Wegen des Exils. Im Exil dachte Fatma zum ersten Mal über ihr Leben nach, weil sie so weit weg wie nie zuvor von Mezra war. Da wollte sie sich auch umbringen. Aber Fatma lebt noch und ist jetzt am Putzen. Geld ist Arbeit. Arbeit ist Geld. Arbeit bedeutet aufstehen und sterben. Geld bedeutet sterben und aufstehen. Aber das Geld muss bar auf die Hand verdient werden, weil Asylanten eine Erlaubnis für nichts haben. Ihr Leben ist der Hals, und der Staat ist der Strick.
In der Diktion, in der Rasanz und im radikalen Gestus der Verneinung entspricht Kommando Ajax in Gestaltungshinsicht dem Bilderbuch Deutschland, Deutschland über alles (1929) von Kurt Tucholsky, montiert von John Heartfield, aber auch dem expressionistisch-anverwandelten Bertolt Brecht aus Die Dreigroschenoper (1930), der ebenfalls das Leben des Prekariats beschreibt, die Polizei als den Feind, den Staat als oppressiv und erstickend. Die Sprache selbst, bei Tucholsky, wie bei Brecht, steht als Unterdrückungsorgan ebenfalls unter Generalverdacht:
MAC (vor dem Vorhang) Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben/ Und Sünd’ und Missetat vermeiden kann, / Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben,/ Dann könnt ihr reden: Damit fängt es an./ Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt,/ Das eine wisset ein für allemal:/ Wie ihr es immer dreht und wie ihr’s immer schiebt,/ Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Bertolt Brecht aus: „Die Dreigroschenoper“
In Sahins Kommando Ajax, das mit den Worten von Bertolt Brecht aus dem Lob der Dialektik beginnt, finden sich viele Elemente der Brecht‘schen Die Dreigroschenoper: klare, einfache Diktion; eingängige Reime, Verse, Dialoge; durchweg szenischer Charakter ohne Reflexion; abrupte, schnelle Schnitte; agitatorisch-überspitzte, provokante Verdichtungen.
Zoom zurück auf die Waffe. Fatma nimmt die Waffe vorsichtig in die Hand. Beretta?, fragt sie und sieht dabei Fefe mit gerunzelter Stirn an. Fefe, der Fahrer, deutet auf seine Tasche und sagt: Nike. Dann zeigt er wieder auf die Waffe und sagt: Beretta. Und Fatma versteht, dass die Waffe Beretta heißt. Weil Nike ist Nike, und Beretta ist Beretta. Logisch.
Der dadaistische Schreibstil nähert sich einem Trauma an, dass die Welt in Myriaden Einzelteile ohne Zusammenhang, Struktur und Organik zerplatzen lassen hat. Nicht nur wird die Familie Korkmaz willkürlich miss- und behandelt. Sie behandeln sich auch gegenseitig mit Gewalt, Lüge, Drohung und Verrat. Wie in Die Dreigroschenoper gibt es in dieser Welt kaum noch einen Lichtblick.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Die vordergründige Verwandtschaft von Kommando Ajax besteht mit Ronya Othmanns Vierundsiebzig, zumal sie auch journalistisch zusammengearbeitet haben. Die Protokollsprache in harter, getrennter, zerhackter Diktion charakterisiert den gemeinsamen Schreibstil. Hier ein Beispiel:
Ich sehe ein Video, in dem ein Mann durch einen verwaisten Hof geht, an Mauern vorbei, an denen noch Süßwasser-Muscheln hängen. Ich sehe einen Mann die Inschrift der Gräber auf dem Friedhof erneuern. Der Mann sagt: Früher sind wir jeden Mittwoch hergekommen. Wir haben Lichter auf den Gräbern entzündet. Ich sehe zwei Frauen Grabsteine küssen. Ich lese, täglich produzieren die Turbinen am Staudamm 589 Megawattstunden Strom.
Ronya Othmann aus: „Vierundsiebzig“
In Sahins Kommando Ajax hört sich das wie folgt an:
Hinter dem Lenkrad: ein Fahrer. Sein Fenster ist runtergekurbelt. Der linker Arm hängt lose über dem geöffneten Fahrerfenster. In seiner Hand hält er eine Zigarette. Den Rauch zieht er tief aus seiner Lunge und bläst ihn in die Luft. Das geschieht lautlos.
Wir sehen: Die Sonne ist bereits untergeganen.
Wir sehen: Ein kühler Wind zieht durch die Straße.
Wir sehen: Niemand ist zu sehen.
Die stilistische Ähnlichkeit und Thematik ist bemerkenswert. Strukturell-kommunikativ bezieht sich aber Kommando Ajax auf das Brecht’sche Stück Die Dreigroschenoper. Wie bei Brecht so auch bei Sahin bringt eine Hochzeit die Ereignisse ins Rollen. Wie bei Brecht so gibt es auch bei Sahin eine großangelegte gesellschaftliche Aktion: Dort der Krönungszug, hier die PR-Aktion von dem Auktionshaus Christie. Charakteristisch bei beiden bleibt, dass die Hauptfiguren ihren eigenen Untergang erzwingen. Sie verraten sich alle gegenseitig. Sie hören nicht aufeinander. Strukturell nun entspricht der Zweikampf aus Die Dreigroschenoper zwischen Jonathan Peachum und Mackie Messer in Kommando Ajax dem zwischen dem Istanbuler Geschäftsmann und Hüseyin, und die Rolle des Verräters und Kollaborateurs übernehmen Spelunken-Jenny, respektive Ali Ekber. Kulminierend aber steht die Figur der Seeräuber-Jenny derjenigen der Fatma gegenüber. Beide putzen, beide üben Rache:
Früher versteckte sie Geld und Schlüssel in ihrem BH, und jetzt versteckte sie immer noch Geld und Schlüssel in ihrem BH, aber trug unterhalb ihres BHs eine Waffe mit sich. Und eines Tages, als Yüksel sie wieder schlagen wollte, griff Fatma an die linke Seite ihrer Brust und zückte einfach ihre Waffe, als würde sie jeden Tag eine Waffe zücken. Yüksel sah erst Fatma an. Danach die Waffe. Er lachte. Fatma: Geh. Und Yüksel ging.
Bei Brecht lautet die eindrückliche Stelle, die in der ersten Version noch Polly, die Verlobte oder Ehefrau von Mackie Messer singt:
Man sagt, geh’, wisch’ deine Gläser, mein Kind,/Und man reicht mir den Penny hin,/Und der Penny wird genommen/Und das Bett wird gemacht,/Es wird keiner mehr drin schlafen in dieser Nacht,/Und Sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös’ sein am Hafen/Und man fragt: Was ist das für ein Getös’?/ Und man wird mich stehen sehen hinterm Fenster/ Und man sagt: Was lächelt die so bös’?/ Und das Schiff mit acht Segeln/ Und mit fünfzig Kanonen/ Wird beschießen die Stadt.
Bertolt Brecht aus: „Die Dreigroschenoper“
Wie bei Brecht Seeräuber-Jenny so erscheint auch Fatma in Kommando Ajax als die Hoffnungsträgerin, die der Gewaltspirale entkommt, der Brecht nur durch einen deus ex machina den Garaus machen kann, die Sahin hingegen bis zum Schluss auf die Spitze treibt. Nur Fatma besitzt unabhängige Träume. Nur sie verwirklicht ihren Plan, ihren Traum, kauft sich ein Auto, besorgt sich eine Waffe, vertreibt ihren gewalttätigen Ehemann und spielsüchtigen Sohn.
Es war ihr Traum, und den hat sie sich erfüllt. Aber diesen Traum hat sich Fatma erst erfüllt, nachdem ihr Mann Yüksel sie verlassen hat. Sie hat sozusagen einen Traum, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn träumte, wahr gemacht. Das Auto steht also für ein Leben nach der Zeit mit Yüksel. Und da spielt Geld zum ersten Mal in ihrem Leben keine Rolle mehr. Fatma hat sich sozusagen selbst belohnt. Das kann sie nicht mit Worten beschreiben.
Fatma und Hüseyin stellen die Hauptfiguren in Kommando Ajax, die fleißige, sich auf sich selbst verlassende Putzfrau und der träumerische, mit einem Sanierunternehmen über Wasser haltende Kunstmaler. Auf diese Weise, obgleich in Ton und Stil recht unterschiedlich, legt Sahin wie Güçyeter in Deutschlandmärchen einen Akzent auf Selbstermächtigung und Individualisierung jenseits von verpflichtenden Familien-, Kultur- und Geschlechterrollen, nur betreibt sie es mit harschem, traumatisch-restringiertem Ein-Wort-Satz-Code.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 25.03.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich Halbinsel von Kristine Bilkau vorstellen, das ebenfalls für den Leipziger Buchmessepreis nominiert worden ist.
Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.
