
Das Thema DDR beschäftigt die Gegenwartsliteratur noch immer intensiv. Insbesondere die Vorwende- und Wendezeit steht oft im Fokus, bspw. in Werken wie Der Tangospieler von Christoph Hein oder Uwe Tellkamps Der Turm. Seltener werden die 1950er Jahre behandelt wie in Werner Bräunigs Rummelplatz oder Stefan Heyms 5 Tage im August. Die 1960er könnten mit Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, und die 1970er von Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. abgedeckt werden. Seltener wird aber die gesamte Dauer der DDR als Stoff genommen. Hier seien Helga Schuberts Vom Aufstehen genannt, und nun auch Christoph Heins neuester Roman Das Narrenschiff, mit welchem er den ersten belletristischen deutschsprachigen Bestseller der Frühneuhochzeit zitiert, Sebastian Brants Das Narrenschiff (1494). Wie sein Vorbild schreibt Hein auch in über hundert Kurzkapiteln über das Narrentum, nur nicht allgemein, sondern auf die DDR bezogen:
»Eine richtige Seite, eine Seite, auf der man, ohne schamrot zu werden, stehen konnte, gab es in meiner Lebenszeit nicht, wird es wohl nicht mehr geben. Und wo ich heute stehe, Rita, das weiß ich nicht. Weiß ich nicht mehr. Vielleicht auf dem Deck eines Narrenschiffs … Und wieder schweige ich. Schweige wie damals. Ich habe an der Hochschule, im Politbüro über diese Verwirrung, diese heftigen Zweifel, diese große Scham nie gesprochen, niemals, denn die Genossen dort wähnen sich immer noch auf der richtigen Seite, auf der Seite der Sieger der Geschichte, und wären hell empört über mich. – Aber ich [Karsten Emster] halte dich auf. Du musst losgehen.«
Christoph Hein aus: „Das Narrenschiff“
Inhalt/Plot:
Heins Roman besteht aus vier Büchern mit unterschiedlich vielen, aber zahlreichen Unterkapiteln. Das erste Buch behandelt die Zeit bis zum Juni-Aufstand 1953. Das zweite spielt um die Zeit des XX. Parteitages der KPdSU 1956, auf der Nikita S. Chruschtschow seine Geheimrede gegen den stalinistischen Führungsstil hielt. Das dritte Buch nun verfolgt die Ereignisse rundum den Mauerbau 1961, und das vierte und letzte fasst die letzten zwei Jahrzehnte der DDR zusammen, u.a. auch den Führungswechsel von Walther Ulbricht zu Erich Honecker 1971 und den Fall der Mauer 1989. Im Zentrum des Geschehens stehen die Ehepaare Emser und Goretzka sowie der Anglizist Benaja Kuckuck, die sich über die Jahrzehnte hinweg stets zu fünft treffen, gemeinsam trinken und die jeweiligen Ereignisse Revue passieren lassen:
Die Emsers, Yvonne Goretzka und Benaja Kuckuck trafen sich wie gewohnt alle vier bis sechs Wochen, auch wenn sie auf die Anwesenheit von Johannes Goretzka verzichten mussten. Yvonne hörte meistens nur bewundernd zu, wenn der Professor und Mitglied des Zentralkomitees Emser über die Weltpolitik und die Entscheidungen seines Komitees sprach, doch Kuckuck ließ es sich nicht nehmen, in diesem vertrauten Kreis wiederum mit Sottisen und kleinen Sticheleien die Politik der Staatsführung zu kommentieren, kleine Späße, die anderenorts als staatsverleumdend gelten konnten und die Kuckuck nie in der Öffentlichkeit oder in seiner Dienststelle äußern würde.
Mit diesen vier Reflektoren, Rita spielt keine große Rolle, zu denen noch Yvonnes Tochter, Kathinka, hinzustößt, werden mehr oder weniger die wichtigsten Ereignisse der vier Jahrzehnte dauernden DDR-Geschichte nacherzählt. Die historiographische Idee, die Hein in Das Narrenschiff zu einer allegorischen Gesamtkonzeption zusammenschürzt, besteht darin, anhand der Lebensläufe der Figuren je ein gewisses Drama, einen gewissen Schwachpunkt der DDR-Geschichte zu explizieren:
- Johannes Goretzka, die 1950er, der seine Nazivergangenheit verleugnet und eine Karriere als DDR-Funktionär anstrebt;
- Kathinka, die 1960er, die hochmotivierte Jungpionierin und angehende Philosophin, die sich in einen Westberliner Studenten verliebt, deren gemeinsame Liebe aber am Bau der Berliner Mauer zerschellt;
- Benaja Kuckuck, die 1970er, als Chefredakteur des Kulturmagazins der „Sonntag“, der sich gegen die Kulturpolitik durch- und mit den Ausreisewünschen der Künstler auseinandersetzen muss und letztlich, an Alzheimer erkrankt, in Geschichtslosigkeit endet;
- dann die 1980er, Karsten Emser, der Ökonomieprofessor, der sich gesund wähnte, aber sich bereits im Endstadium eines Bauchspeicheldrüsenkrebs befindet und so überraschend stirbt, wie die DDR unerwartet endet;
- und schließlich Yvonne, die frühen 1990er, die mit dem Überangebot des Westens nicht klarkommt und süchtig nach Teleshopping wird und sich zu Tode säuft.
Auf diese Weise thematisiert Hein in Das Narrenschiff die unterdrückten Altlasten aus der Nazizeit, die enttäuschte junge Liebe zur Republik, die ignorierten ökonomischen Probleme des DDR-Binnenmarktes und die Überforderung und Ängste in der Nachwendezeit sowie die alles beherrschende Bespitzelungstaktik zwischen den hoch- und niederrangigen Funktionären. Vor diesem Hintergrundrauschen lassen es sich die Figuren von Hein dennoch gutgehen:
Emsers Köchin hatte an diesem Abend eine Frühlingssuppe gekocht, obgleich der kalendarische Frühling erst drei Wochen später einsetzte und es in Berlin noch Nachtfröste gab. Sie hatte dazu kleine mit Hackfleisch gefüllte Brötchen gebacken, die noch warm waren, als die Gäste eintrafen und Rita Emser sie in ihr Speisezimmer bat. Die Suppe war ausgezeichnet, aber alle aßen nur mit wenig Appetit, und die ersten Gespräche waren seltsam befangen. Die Gäste warteten auf die Auskünfte von Karsten Emser, auf seine Informationen, da sie vermuteten, dass den Mitgliedern des Zentralkomitees Details der Geheimrede bekanntgegeben worden waren oder sie bereits den gesamten Text von Chruschtschow studieren konnten. Als bereits nach dreißig Minuten die Tafel aufgehoben war und sie ins Wohnzimmer gebeten wurden, schienen alle fast erleichtert zu sein. Karsten Emser bat sie, Platz zu nehmen, und stellte dann eine Flasche Nordhäuser Korn, einen sibirischen Wodka und zwei Flaschen Selters samt den zugehörigen Gläsern auf den Tisch.
Hauptsächlich berichtet Hein in Das Narrenschiff von schleichendem Alkoholismus, von der rigiden Sexualmoral der DDR, von Seitensprüngen und grassierendem, sich behauptendem, immer wieder allseits bestärkendem Opportunismus, also im Stoff Öffentliches Miteinander, zart in Bewegung gebracht durch ein Verhängnisvolles Durcheinander.
Ausführliche Inhaltsangabe/Zusammenfassung mit Einzelkapitelnachweis: hier.
Stil/Sprache/Form:
Christoph Heins Das Narrenschiff ist in einem bewusst gepressten lakonischen Ton verfasst. Intensität kommt in diesem Grau in Grau nicht auf. Alles plätschert in einer beschwichtigenden Betulichkeit vor sich hin. Hein erzählt die Ereignisse in einer seltsam Litanei-haften Gleichmäßigkeit, die erlebte, indirekte und direkte Rede mischt, von einer Figur zur nächsten springt, desinteressiert an Raum- und Ortsbeschreibungen, ignorant gegenüber Umgebungen und wechselwirkenden Hintergründen bleibt und so die DDR-Geschichte der mittleren Funktionärsebene als gähnenden Sumpf aus Opportunismus und Langeweile beschreibt:
»Welch ein Glück, dass wir dich trafen. – Für wen hast du den Tisch reserviert? Kommen noch Gäste?«
»Nein, nein. Ich habe immer einen Tisch in Reserve. Für alle Fälle. Für meine unangekündigten Überraschungsgäste. – Was darf ich euch bringen?«
»Was empfiehlst du denn deinen Überraschungsgästen?«
»Die Küche ist bereits zu. Zu essen kann ich nur noch Salzstangen anbieten oder Butterkekse. Aber ich habe einen recht guten ungarischen Wein, einen Tokaj Aszú. Etwas sehr lieblich, geradezu süß. Aber er ist sehr gut, kann ich empfehlen.«
»Schön, dann zwei Gläser von deinem Tokajer, Bastian. Lieblich ist für uns alte Damen genau das Richtige. Wir lieben lieblich, die Welt ist trocken und sauer genug.«
Das ästhetische Spiel der Trägheit erfolgt durch sich gleichförmig überlagernde Sätze: Gäste-Tisch à Tisch-Überraschungsgäste à Überraschungsgäste-Empfehlungà Empfehlung-lieblichà lieblich-lieblich, mit anderen Worten: Christoph Heins Sinnanschlussverfahren in Das Narrenschiff besteht aus zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück, wieder zwei Schritte vorwärts, schließlich zwei Schritte zurück. Hierdurch ergibt sich die literarische Illusion von Trägheit und Stagnation, die mit Sicherheit in dieser Konsequenz auch angestrebt worden ist. Heins Geschichtspanorama gleicht auf seine Weise Sebastian Brants Das Narrenschiff (1494), in welchem dieser anekdotisch, unzusammenhängend, eine Narretei nach der anderen aufzählt:
Der [Weintrinkende] paßt ins Narrenschiff hinein,
Denn er zerstört Vernunft und Sinne,
Des wird er wohl im Alter inne,
Wenn ihm dann schlottern Kopf und Hände;
Er kürzt sein Leben, ruft sein Ende.
Ein schädlich Ding ists um den Wein,
Bei dem kann niemand weise sein,
Wer darin Freud und Lust nachtrachtet.
Sebastian Brant aus: „Das Narrenschiff“
Leider geht auf Heins Version des Narrenschiffes etwas die Sprachlust und auch der Humor verloren, denn davon hat in seinem Roman keine Figur auch nur den Hauch. Sie leiden alle an Steifheit, an ihrer eigenen Lebenslüge, an ihrer Rastlosigkeit und Ungenügsamkeit, wie auch die Erzählinstanz eigenartig inkohärent Zeiten und Figurenschicksale überspringt und vieles völlig aus dem Blick gerät (bspw. Kathinka in den 1970er Jahren). Die Erzählinstanz nimmt sich ein wenig zu ernst und meidet es, sich wie Brants Erzählmedium in die Augen zu schauen, der die Selbstkritik und Selbstironie unaufhörlich in seinem dennoch zeitweise beschwerlich zu lesenden Narrenspiegel lobt:
Wer jeder sei, wird dem vertraut,
Der in den Narrenspiegel schaut.
Wer sich recht spiegelt, der lernt wohl,
Daß er nicht weise sich achten soll,
Nicht von sich halten, was nicht ist,
Denn niemand lebt, dem nichts gebrist,
Noch der behaupten darf fürwahr,
Daß er sei weise und kein Narr.
Sebastian Brant aus: „Das Narrenschiff“
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Gelang Hein mit Unterm Staub der Zeit zuletzt eine Nostalgie-gesättigte Zeitreise in das Berlin kurz vor dem Mauerbau, indem der literarische Ton wie bei Der Tangospieler sich atmosphärisch, diesig an den Großstadtdschungel schmiegt, so fällt er mit Das Narrenschiff wieder in den didaktisch-pädagogisierenden trockenen Ton von Guldenberg zurück. Zu klar prangert der Text den Opportunismus der mittleren Führungsebene an. Zu klar wird wieder und wieder dasselbe Spiel gespielt: Gehorchen und Privilegien einstreichen, um bloß nicht die Privilegien aufgeben zu müssen, denn der Spatz in der Hand etc… Eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt, und das kostet den Roman Dynamik, Spannung und für den Lesefluss notwendige Intensität. Er bleibt erzählrelieftechnisch flach und kompositorisch unakzentuiert.
Hier schließt Hein in Schreibweise und Inhalt bei Anne Rabes Roman Die Möglichkeit von Glück (2023) an, der im Ton zwischen Wutschrei und trocken-journalistischem Bericht unentschieden hin und her schwankt, aber im Grunde die Familiengeschichte der Goretzkas bereitsvorweggenommen hat: Johannes Goretzka heißt hier Paul Bahrlow, elf Jahre später geboren. Beide waren bei der Wehrmacht, haben an der Ostfront gekämpft. Beide tragen Kriegsverletzungen davon, geraten in sowjetische Gefangenschaft, türken ihre Vergangenheit und steigen dann in der DDR als Bürokraten auf. Beide heiraten über fünfzehn Jahre jüngere Frauen und starten ein neues Leben mit ihnen, das alte Leben und die Familie im Westen verdrängend:
Natürlich hast du Schlimmeres gesehen als die da an der Mauer. Hast du Schlimmeres gesehen als die Kinder, die du unterrichtet hast, als deine Kinder und als ich. Du warst in Stalingrad. Das waren wir nicht. Uns hat kein Schrapnell das Leben gerettet, indem es uns zerfetzte. Wir haben nicht im Schützengraben neben den modernden Leichen unserer Kameraden gehungert und gefroren. Wir haben keine Schuld auf uns geladen, weil wir einen erschießen mussten, der es auf uns abgesehen hatte.
»Nie wieder Faschismus!« [sagte Paul.]
Aber freundlich war der Boden nicht, den du mir bereitet hast. Und er sollte auch nie freundlich sein.
Anne Rabe aus: „Die Möglichkeit von Glück“
Wo Anne Rabe mit Bausch und Bogen verdammt, das Regime, den Opportunismus, die strengen Erziehungsmethoden der Großeltern und Eltern, das Lügen und Betrügen im Haushalt, zieht Christoph Hein in Das Narrenschiff die Führungsriege des administrativen Mittelbaus der DDR ins bodenlose Lächerliche, bewusst eintönig grau, farblos gehalten, jedoch so selektiv, bewusst, ästhetisch mit angezogener Handbremse geschrieben, dass wahrscheinlich erst eine wohl austarierte Mischung aus wutentbrannt unverhohlen heraus geschrienem Zorn Rabes und unterdrückt-sardonischem Verachten Heins eine anschlussfähige Geschichtsschreibung entstehen lassen könnte. So fehlleitend das Cover, so irreführend der Titel: Das Narrenschiff gleicht hier eher einer leckgeschlagenen mastlos- und antriebslosen Barke.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 20.05.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich wahrscheinlich Antje Ravic Strubel Der Einfluss der Fasane besprechen. Bereits bei literaturleuchtet, Seiten-Hinweis besprochen.
Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.


Ich bin gerade mittendrin, und ich muss sagen, dass ich hin und hergerissen bin. Auf der einen Seite ist da dieser Sog, großartige Dialoge & diese vielen Informationen – obwohl in der DDR aufgewachsen, lerne ich da dazu -, auf der anderen Seite ärgern mich die vielen Redundanzen. Auch finde ich die Kinderfigur der Kathinka nicht realistisch. Ich kann mir keine Sechs-/Siebenjährige vorstellen, die damals die Windel ihres kleinen Bruder gewaschen hätte. Viele Grüße
Wenn du mittendrin bist, hast du dich schon an den Ton gewohnt. Mich hat das Gleichmäßige sehr mitgenommen, es hatte kaum Konturen – Kathinka wirkt auch immer surrealer im ganzen Buch. Ich mochte ja Yvonne am liebsten, aber bei der ganzen Länge kamen mir die Figuren einigermaßen unkonturiert vor. Wenn du etwas herausziehen kannst, umso besser – aber zu den einzelnen Themen fand ich andere Romane viel aussagekräftiger. Ich denke, Hein hatte nicht mehr die Kraft seine Vision völlig umzusetzen, denke ich, leider … 🙁 Danke für den Kommentar und viel Spaß beim Weiterlesen!
Ja, das deckt sich mit meinem Leseeindruck. Spannend ist für mich in deiner Rezension, wiederzufinden wie er diese Stagnation herstellt. Ich habe sie beim Lesen gespürt, hâtte aber nicht benennen können wie er das formell macht.
Ich fand das Buch informativ, langweilig, Phrasenhaft und teilweise oberflächlich. Ich werde es mit dem Tangospieler noch mal versuchen.