Lena Schätte: „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“

Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte. Longlist Deutscher Buchpreis 2025.

Das Schwarz an den Händen meines Vaters von Lena Schätte nimmt ein altbekanntes Thema auf, den Alkoholismus, und wie dieser den Zusammenhalt einer Familie gefährdet. Als Stoff im Bereich Generationen und Körper-Geist-Bewusstsein angesiedelt, berichtet eine Ich-Erzählinstanz von Prekären Kindheitserfahrungen als Plot. Weniger literarisch als autofiktional kommuniziert Schätte hierdurch dennoch mit Romanen wie Émile Zolas Der Totschläger, Joseph Roths Die Legende des Heiligen Trinkers und, gegenwartsliterarisch, bspw. mit Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf. Hier steht aber Motte im Vordergrund, die von dem Leben mit ihrem Vater erzählt:

Wenn wir anschließend zusammen essen, ist es still am Tisch. Droht eines von uns Kindern mit allem herauszuplatzen, was wir erlebt haben, wer uns geschubst und wer uns auf den Mund geküsst hat, wirft meine Mutter uns diese Blicke zu. So starre ich auf seine Hände, während er isst. Montags grau, über die Woche immer dunkler. An Freitagen ist das Schwarz in jede Rille seiner Hornhaut gekrochen, das spröde Nagelbett tiefrot. Nur im Urlaub werden sie sauber. Ein paarmal frage ich Mama, was er da macht, wo er jeden Tag hingeht. ‚Na arbeiten‘, meint sie und hackt Zwiebeln auf einem Brett in der Küche. ‚Mit Maschinen‘.
Lena Schätte aus: „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“

Inhalt/Plot:

Der Inhalt des etwa zweihundert Seiten langen Romans umfasst ungefähr das zweite und dritte Lebensjahrzehnt der Protagonistin, die von ihrem Vater „Motte“ genannt wird. Sie hat eine ältere Schwester, die kaum in Erscheinung tritt, und einen etwas älteren Bruder, mit dem sie wie zum Vater eine sehr enge Verbindung pflegt. Die Mutter dagegen bleibt etwas fremd. Sie gerät mit ihr zwar nicht aneinander, aber die Fremdheit und Trostlosigkeit zwischen ihnen nimmt eher zu als ab. Die Mutter kämpft nämlich um den Zusammenhalt der Familie, arbeitet und arbeitet, streitet sich mit dem Vater und reibt sich bis zur Erschöpfung auf, wohingegen die Protagonistin eher das Trinken als Normalität akzeptiert und früh selbst damit anfängt:

Jeden Sommer ist Schützenfest, und das Dorf wird von grünen Fähnchen und fleckigen Bierdeckeln geflutet. Meine Mutter lackiert ihre Fußnägel auf dem Badewannenrand, bindet meinem Vater die Krawatte. Sie lächeln sich an. […] In der Schützenhalle tanzen sie gemeinsam Foxtrott, er legt die Hand an ihre Taille. Mein Bruder und ich spielen in den Nachbarstraßen, malen mit geklauter Kreide Herzen auf die Fahrbahn oder trinken Reste aus herumstehenden Flaschen, bis uns warm wird.

In den Erinnerungen erweist sich der Alkoholismus als eine die Familie durchziehende Problematik, oder als unfreiwilliges Erbe, das in Form von Jacken versinnbildlicht wird. Der Großvater väterlicherseits hat einmal, nach einer Sauftour, sein Jackett in seiner Stammkneipe vergessen und erfror auf dem Rückweg, und just dieses Jackett hat der jugendliche Vater nach einer Sauftour mitgenommen, dann aber weggeschmissen. Zwischen der Tochter und dem Vater spielt sich etwas Ähnliches ab. Sturzbetrunken fährt der Vater in die Dorfbäckerei und flieht. Sie rettet aus dem Unfallwagen die Lederjacke. Viele Jahre danach zieht sie sie an und erinnert sich:

Bevor ich nach Hause fahre, suche ich nach etwas von ihm, das ich mitnehmen kann […] Ich entscheide mich für seine Lederjacke, stopfe sie in meinen Rucksack, als meine Mutter gerade nicht guckt, weil sie sich das Baby meiner Schwester an die Schulter legt. Zu Hause ziehe ich das Kleid aus […] ziehe seine Jacke über mein Schlafshirt, lege mich ins Bett. In der rechten Tasche steckt ein kleiner Klappkamm, mit dem er seinen Bart gerichtet hat, aus dunklem glasiertem Holz, ein paar Zacken abgebrochen.

Als roter Faden besitzt Das Schwarz an den Händen meines Vaters  die Vater-Tochter- und die sehr enge Schwester-Bruder-Beziehung. Die ältere Schwester und die Mutter flottieren um die Anekdoten herum, aber erhalten eine etwas diffuse Charakterisierung, wie aber überhaupt der ganze Text eher von der Erzählform, der Syntax und Brutalität der ästhetischen Versinnbildlichung lebt als vom Inhalt. Die Erzählweise tastet eher um das Trinken als um ein in das Leben der Familienmitglieder hereinbrechendes Unheil herum, das letztlich auch die Tochter heimsucht:

Von Anfang an habe ich kein Interesse daran, nur ein bisschen zu trinken. Ich sitze nicht mit Freundinnen zusammen, um ein oder zwei Vino aus hübschen Kristallgläsern zu trinken. Von Anfang an möchte ich besoffen sein. Ich trinke mich an diesen Punkt heran, an dem alles gleichgültig wird. Die Welt weit weg und dumpf scheint, ich mir selbst von außen zusehe. Ich könnte mir eine Zigarette auf dem Arm ausdrücken, ich würde es nicht spüren. Jedes Wochenende versuche ich, mich wieder an dieses Gefühl heranzutrinken, und tue alles, damit es möglichst lang anhält. Es ist wie eine Narkose.

Das Schwarz an den Händen meines Vaters grenzt nah an einen authentischen Bericht im Rahmen der Anonymen Alkoholiker und anderen ähnlich gearteten Selbsthilfegruppen. An eine literarische Durchformung scheint für die Erzählinstanz noch nicht zu denken gewesen zu sein. Der Wunsch nach Betäubung, Zerstörung der Erinnerung und des Schmerzes bleibt dermaßen vorherrschend, dass für die Form des Romans Dissoziation und Diffusion maßgeblich geblieben sind.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.

Stil/Sprache/Form:

Sprachlich bietet Das Schwarz an den Händen meines Vaters sehr wenig. Kompositorisch wartet es mit einer durchweg dissoziierend präsentischen Erzählstimme auf, die unsituiert und unreflektiert Erinnerungsräume durchschreitet, ohne diese zeitlich voneinander zu scheiden. Die Erzählinstanz blendet alles ineinander über, so dass die genauen Abläufe schwer zu rekonstruieren sind. Eigennamen und Zeitangaben gibt es so gut wie keine. Der Rahmen bleibt abstrakt wie die Erzählgegenwart der Erinnernden auch. Der Alpdruck der Erfahrung zerstört die Erinnerungsebenen so fundamental, dass im Grunde auch das Erzähl-Ich als Reflexionsinstanz verschwindet, stattdessen bildet sich eine formlos gewordene Gedächtniswüste ab.

Ich habe keine Blackouts, keine Filmrisse. Wenn ich am nächsten Nachmittag aufwache, würde ich sie mir wünschen, doch ich erinnere mich an alles. Zwar nicht aus mir heraus, eher, als hätte ich danebengestanden, doch ich erinnere mich. Wie Blitze schießen sie in meinen Kopf, die Worte, die ich hätte nicht sagen sollen, die Dinge, die ich besser nicht getan hätte, und wer am Ende hinter mir aufgeräumt hat. […] Und dann mache ich aus allem eine lustige Geschichte. Ich lasse die Hälfte aus, erfinde ein bisschen dazu, muss lachen [dann] schlucke ich ein paar Kopfschmerztabletten, dusche mich heiß ab, wasche mich mit einem rauen Waschlappen, reibe fest über meine Haut. Es fällt mir schwer, an mir herunterzusehen. Ich kann meinen Körper nicht ansehen.

Das fehlende Ich, die Entfremdung von sich selbst erscheint als Fluch und Segen im Text, genau wie die Nähe und Abwesenheit des Vaters. Zwischen dem Erzählen und dem Erlebten schiebt sich keine Reflexionsebene. Die Ereignisse brechen durch das Ich, zerwühlen und zersprengen es und lassen nur Fluchtimpulse und Reinigungsversuche übrig, rein physische Auswege, die nicht das Ich betreffen, sondern nur in der Hoffnung stattfinden, dass das Außen zu einem Innen wird. Diese Klaustrophobie, gefangen mit den eigenen Gedanken, geben dem Erzählen eine bedrückende, belastende Intensität, die den Text nahe an eine Betroffenheitssemantik gereichen lässt, ohne dass aber die Grenze überschritten wird. Die Abstraktheit und harte Parataxe, die fast stets gleichbleibend langen, fast ähnlich gebauten Sätze, die fehlenden Eigennamen verhindern eine auswalzende, auf die Tränendrüsen drückende, klischierte Sentimentalität.

In der Mittagspause platzt [mein Bruder] in mein Schlafzimmer. Auf, du faule Sau, und dann zieht er mir die Decke weg, klopft mir auf die Oberschenkel oder den Rücken, als wäre ich ein altes Pferd. Er sammelt die Kleidung auf, die ich in der Wohnung verstreut habe, und schmeißt sie in den Wäschekorb im Badezimmer. Mit der Klobürste lässt er die Kotzesprenkler in der Kloschüssel verschwinden und drückt die Spülung. Schaltet die Kaffeemaschine und das Radio an, nimmt sich einen Apfel und stellt sich kauend neben mein Bett. Bis ich aufstehe.

Die fehlenden Eigennamen, die Zeitsprünge, die fehlenden narrativen Ordnungen und Orientierungsmöglichkeiten geben dem Text eine sehr gewollte, flächige und bedrückend-harte, symbolisch-ungebrochene Struktur.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Das Schwarz an den Händen meines Vaters, wie die Formanalyse zeigt, bewegt sich eher im autofiktionalen und therapeutischen Bereich von Texten, denn die inhaltliche Rahmung fehlt fast vollständig, die der Begegnung zwischen Versprachlichung und Ereignis eine inhaltliche Spannung verleihen würde, wie es bei Hans Falladas Der Trinker (1944) oder Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker (1939) stattfindet.

Ich blieb allein im Speisezimmer [… und] dachte an nichts Besonderes, ich war von einer heiteren Zufriedenheit erfüllt, das Leben gefiel mir. Keine Ahnung hatte ich von dem, was ich nun sofort tun würde. Plötzlich – mir selbst überraschend – stand ich auf, schlich eilig auf den Zehenspitzen zur Anrichte, öffnete die untere Tür und richtig – da stand noch die Rotweinflasche, die wir an jenem verhängnisvollen Novemberabend, als unsere Streitereien begannen, angetrunken hatten! Ich hob sie gegen das Licht: sie war, wie ich es nicht anders erwartet hatte, noch halb gefüllt. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, jeden Augenblick konnte Magda zurückkommen. Mit den Nägeln zog ich den ziemlich weit in den Hals getriebenen Korken heraus, setzte die Flasche an den Mund und trank, trank aus der Flasche wie ein alter Säufer! (Aber was sollte ich tun? Für die Benutzung eines Glases war keine Zeit, ganz abgesehen davon, daß ein benutztes Glas eine verräterische Spur gewesen wäre.) Ich nahm drei, vier sehr kräftige Schlucke, hielt die Flasche wieder gegen das Licht und sah, daß in ihr nur ein schäbiger Rest war. Ich trank auch ihn aus, verkorkte die Flasche wieder, schloß die Anrichtentür ab und schlich an meinen Platz zurück.
Hans Fallada aus: „Der Trinker“

Hier, bei Fallada, bleibt von Anfang ein Ich als Rahmung und Referenzpunkt bestehen, das in sich den Konflikt austrägt, einerseits zu fliehen, andererseits sich der Sucht zu stellen. Roth gelingt selbiges durch personales, mystisches Erzählen in Legendenform, die wiederum durch den Rhythmus und die Perspektivwechsel die Kollision der Ambiguität erlaubt. Beide Varianten fehlen in Das Schwarz an den Händen meines Vaters, wodurch Lena Schättes Bericht tatsächlich eher dem entspricht, was Sigmund Freud in Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (1914) erörtert:

[Der Arzt] richtet sich auf einen beständigen Kampf mit dem Patienten ein, um alle Impulse auf psychischem Gebiete zurückzuhalten, welche dieser aufs Motorische lenken möchte, und feiert es als einen Triumph der Kur, wenn es gelingt, etwas durch die Erinnerungsarbeit zu erledigen, was der Patient durch eine Aktion abführen möchte. […] Vor der Schädigung durch die Ausführung seiner Impulse behütet man den Kranken am besten, wenn man ihn dazu verpflichtet, während der Dauer der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen, etwa keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu wählen, sondern für alle diese Absichten den Zeitpunkt der Genesung abzuwarten.
Sigmund Freud aus: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“

Hier bespricht Freud exakt die Problematik von der Ich-Erzählerin in Das Schwarz an den Händen meines Vaters. Sie agiert innertextlich die Impulse aus, statt sie in der Erinnerungsarbeit durchzuformen. Als narrative Figur gelingt ihr die Durchschreitung nicht. Ihre Erinnerung bleibt zerfahren, ihre Entfremdung von sich bestehen. Jedoch gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer im Unbewussten des Textes selbst, markiert durch das Schicksal, das einerseits die Jacke des Vaters, andererseits die des Großvaters nimmt. Wird die des Großvaters vom Vater weggeworfen, nimmt sich Motte der ihres Vaters am Ende an, und so flackert hier die erste Form von Symbolisierung auf, die sich das sich selbst belastende Gedächtnis auferlegt und folgt hiermit auch einer Spur innertextlicher Konsistenz:

Ich bestelle eine Fanta-Korn. Sie sieht so harmlos aus, im hohen Wasserglas. Ich sitze nur da und starre in das Gelb. Auf der Zapfanlage steht ein großer Wackeldackel, die Kellnerin tippt ihn immer wieder im Vorbeigehen an, er trägt ein Goldkettchen um den Hals. Eine tote Wespe liegt auf meinem Tisch, auf dem Rücken, die Beine vor dem Körper gekrümmt. Ich fasse sie vorsichtig an und lege sie in das Glas, sie schwimmt an der Oberfläche, die Flügel wie ein Floß. Eine Weile noch treibt sie hin und her, dann bleibt sie still am Rand des Glases. Ich stehe auf, bezahle an der Theke und laufe die letzten Meter nach Hause.

Nicht nur trinkt die Ich-Erzählerin ihren Fanta-Korn nicht. Sie blickt zum Wackeldackel, der innertextlich eine Erinnerungsspur an den Vater legt, der der Mutter einen solchen für das Auto zu kaufen einst verboten hat. Der Vater, der verbietet und trinkt und die Familie entzweit, erscheint unbewusst als Todesbringer, als stechende Wespe. Sie entscheidet sich, diese Erinnerung in den Alkohol zu legen, symbolisch die Erinnerung zu konservieren, und nüchtern nach Hause zu gehen. Auf diese Weise schließt sich der Text einigermaßen ab und hebt ihn zumindest deutlich von vielerlei anderen autofiktionalen, selbsttherapeutischen Berichten in Romanform ab.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Nächste Woche am 09.09.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich von Dorothee Elmiger Die Holländerinnen vorstellen, einen weiteren Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen

Kommentar verfassenAntwort abbrechen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Die mobile Version verlassen
%%footer%%