
Ein bekannter Longseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder heißt Alte Liebe, die auch Helga Schubert in ihrem Stunden- und Kalenderbuch Der heutige Tag beschreibt und Friederike Mayröcker im avantgardistisch-eigenwilligen da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lyrisch zum Anlass für Sprachspiele nimmt, die die Furcht vor dem Tod mit dichterischem Verve zurückdrängen. Natascha Wodin greift diese Form des Andachtsschreiben in Die späten Tage auf, in der ein notierendes, reflektierendes Ich über das Leben im Alter und angesichts des Todes eine Art öffentliches Tagebuch führt:
Am Abend vor unserer Abreise – der Himmel hatte sich geöffnet und verwandelte die Schneelandschaft in ein Meer von blendendem Licht – sah ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben das Phänomen, das man Alpenglühen nennt. Die bizarren, nur noch mit etwas Schnee gepuderten Felsgiganten, zu deren Füßen der Hof lag, begannen wie von innen heraus zu leuchten, verwandelten sich in riesige, ungeschliffene Rubine, die aus dem Schnee ragten, andere wirkten wie angestrahlt von einem grellen, rosafarbenen Neonlicht. Maries magische Welt, meine letzte Umarmung mit ihr, ihre letzten Freundinnenküsse auf meine Wangen, bevor ich ins Auto stieg.
Natascha Wodin aus: „Die späten Tage“
Inhalt/Plot:
Von einem Plot lässt sich bei Die späten Tage nicht wirklich sprechen, das sich selbst auch keiner Gattung zuordnet und einfach nach Nennung seines Titels mit den meist kurzen Absätzen beginnt. Die Notizen oder Aphorismen besitzen eine rahmende Gegenwart, das Zusammenleben mit Friedrich, das das Reflektor-Ich selbstkritisch kommentiert. Beide befinden sich in einem hohen Alter. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen prägen ihr Leben. Der Spaziergang zur nicht weit entfernten Bank an einem See kostet bereits Überwindung und Kraft, die das weibliche Reflektor-Ich befürchtet, bald nicht mehr aufbringen zu können.
Das Autofahren macht mir noch fast keine Schwierigkeiten, solange es hell ist und kein starker Verkehr herrscht. Aber zu Fuß werde ich wohl bald nicht einmal mehr bis zu unserer Bank am See kommen. Die Beine werden von Tag zu Tag schwerer, und bei jedem Schritt ist es, als würde Wasser in meinem Kopf hin und her schwappen. Friedrich scheint sich, im Gegensatz zu mir, keine Gedanken um die Zukunft zu machen, darum, was auf ihn zukommt, wenn ich bettlägerig werden oder sterben sollte.
Sie erzählt von ihren Ehen, Lieben, von ihrem schriftstellerischen Werdegang und wie sie Friedrich kennengelernt hat. Sie resümiert ihre Beziehungen und Freundschaften, ihre Ausbruchsversuche und Ängste, ihre Scham und ihren Versuch, sich über die Kraftlosigkeit im Alter durch einen Glauben an Gott und durch die immer wiederkehrende Sonne hinwegzutrösten. Überhaupt stehen die Naturbeschreibungen oft im Zentrum ihrer Betrachtungen. Sie leben abgeschieden an einem mecklenburgischen See, sehen über das Gras, sehen Vögel – Friedrich vertreibt sich die Zeit als Hobby-Ornithologe –, während sie über die Abwehrstrategien der Blässhühner gegen einen Adlerangriff nachdenkt und den Mustern, die die Vogelschwärme in der Luft zeichnen, nachsinnt:
Ein Seeadler schwebte über dem Wasser, direkt über der kleinen schwarzen Insel, die die Ansammlung der Blässhühner bildete. Er stand mit seinen schweren, weit gespannten Schwingen bewegungslos in der Luft, man konnte seinen spitzen, gekrümmten Schnabel sehen, und fixierte seine Beute. Schließlich schoss er abrupt, blitzschnell nach unten. Die Verteidigungsstrategie der Blässhühner bestand darin, dass sie alle gleichzeitig heftig zu flattern anfingen, wobei sie sich nur minimal vom Wasser erhoben, es mit ihren Flügeln pflügten. Der Adler hatte ein unstetes Bild sich schnell bewegender Einzelteile unter sich, die seinen ausgestreckten Krallen keine Angriffsfläche boten.
Dieses Bild schiebt sich als langer Atem durch den Text, denn die Aufzeichnungen, kleinen Notate wirken wie die raschelnden, sich vereinigenden Zettel des Reflektor-Ichs, das sich mit ihnen wie die Blässhühner vor dem Angriff des Adlers gegen den drohenden Tod wehrt. Die kleinen Texte, die zwischen biographischen Reminiszenzen, philosophischen Aperçus und alltäglichen Beschreibungen, zwischen Träumen und Ängsten, Befürchtungen und Anrufungen hin und her pendeln, zerstreuen das Reflektor-Ich, geben ihm eine kurze Atempause im Kampf gegen das Sterben, das sie vor sich, durch Friedrich, und in sich, durch die Kraftlosigkeit, mehr gezwungen wird, anerkennen zu müssen.
Vollständige Inhaltsangabe hier.
Stoffbereich: Alter mit Plot: Physisches Ausgeliefertsein
Stil/Sprache/Form:
In Die späten Tage steht die Sprache nicht im Vordergrund. Insbesondere am Anfang wirkt manches sehr konstruiert und einige Metaphern bemüht, was die Atmosphäre zu Beginn drückt und diffusioniert. Bildbrüche und Wortfeldmischungen gehen Hand in Hand und erzeugen ein künstliches, etwas distanziert-stilisiertes Schreiben, das noch kein Gleichgewicht mit seinem Gegenstand gefunden hat:
Heute Morgen entdeckte ich in einer Ecke meines Kopfkissens ein kleines, geheimnisvolles Gemälde. Es glich einer geöffneten Rosenblüte, zart und poetisch auf den alten weißen Damastbezug aufgetragen. Ich fragte mich, ob es sich um eine filigrane Stickerei handelte, die ich bisher nicht bemerkt hatte, aber ich konnte keine Erhebungen tasten. War die kleine Rose kunstfertig in den Stoff hineingewebt? Es dauerte eine Weile, bis ich begriff. Gestern war ich beim Zahnarzt und hatte nach der Parodontosebehandlung meiner letzten fünf eigenen Zähne nachts aus dem Mund geblutet.
Von „Gemälde“ auf der Ecke eines Kopfkissens über eine filigrane Stickerei zum durch Parodontose bewirkten Biss-Blut-Fleck ist es ein, vielleicht zu langer Weg, und was da die Rosenblüte und das poetische Auftragen zu suchen hat, erschließt sich auch nicht beim zweiten Mal lesen. Ein Erschrecken über den Fleck, ein Schock und Zaudern wirkt wahrscheinlich, aber Gemälde und filigrane Stickerei erscheinen als spontane Einfälle äußerst unwahrscheinlich und nicht nachvollziehbar. Mit der Zeit jedoch weben sich die einzelnen Textabschnitte immer mehr zu einem Gesamteindruck zusammen. Eine Art rhythmisches Aneinanderreihen stellt sich ein, ein langsames Fließen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gegenwart und befürchteter Zukunft: dem Tod, der das geheime Zentrum bleibt, und mit ihm die Angst vor ihm.
Jeden Tag nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein langsam einsetzt, der Schock: Du bist alt, du wirst bald sterben.
Diese Spurenlese gerät über die Länge von Die späten Tage zu einem lyrischen Crescendo zwischen Angst, Widerstand, Trauer und Nostalgie hin und her taumelnd. Das Reflektor-Ich beginnt seine lyrische Seite zu entdecken und in dieser Entdeckung formt sich zunehmend eine Stimmungssicherheit, die Wodins Text eine unheimliche, traurige, aber auch sehr lebensnahe Atmosphäre verleiht und sie in die Nähe der letzten Gedichte von Sarah Kirsch bringt, die in ähnlicher Lage zum Lebensende hin gelebt und gedichtet hat:
Auf seinen Flügeln
Trägt der Schwan das
Licht aus den
Wellen.
Die Felder gepflügt
Der Fluss geht in
Rauch auf
Schwalben ziehen.
Am besten ich kümmere
Mich nicht um das was ich
Denke noch besser ich
Denke gar nicht gehe nur so
Im Regen im Wind in der
Sonne.
Ohne dein Ohr
Rede ich nicht.
Sarah Kirsch aus: „Schwanenliebe“
Wodin entdeckt in Die späten Tage ihr lyrisches Ich noch nicht völlig, aber wie Kirsch sucht sie das Du, zu dem sie reden kann, reden darf, unverdeckt, und dieses Du ist leider nicht Friedrich, vor dem sie Angst hat, der sie davon abhält, sich und ihren Glauben zu suchen, sich zu befreien, sie aber auch schützt. Er ist ihr Schatten und ihre Sonne, und deshalb schreibt sie in ihrem ersten Haiku:
Während eines unserer kleinen Spaziergänge entstand heute ganz von selbst mein erstes Haiku:
Auf dem Weg am See
plötzlich mein dunkler Schatten
die Sonne ist da
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Helga Schubert aus Der heutige Tag hat in Wodin eine poetische Wiedergängerin gefunden. Beide befinden sich in einem eigenartigen Dilemma, gebunden an einen Menschen, der ihnen, unheimlich und vertraut zugleich, Zugang zu sich selbst und ihren eigenem Selbst versperrt. Sie fühlen sich gebunden, Schuberts Erzähl-Ich ihrem Ehemann aus Versprechen, wiewohl er seines nicht eingehalten hat; Wodins Reflektor-Ich zu einem Partner, den sie viel zu spät gefunden hat und mit dem das Leben eher einer Zweckgemeinschaft gleicht.
Ich schaue ihn an, wie er neben mir im Sessel sitzt, der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken, er schläft. Wer ist er? Ich weiß es bis heute nicht. Es gibt Momente, in denen er mir immer noch so fremd ist, dass mir vor ihm graut, dass ich ihn fürchte, obwohl er inzwischen ein Greis ist, ein Fliegengewicht, so durchsichtig und fragil, dass der nächste Lufthauch ihn wegwehen könnte wie eine Feder.
Sie befinden sich in einer Zwangssituation, und das Schreiben am Laptop, spät in der Nacht, stärkt ihre Marguerite Duras-Seite, die sich eine eigene Zone erkämpft, einen Raum, in welchem sie sich unabhängig weiß:
Man möchte mit diesem Gefühl irgendwo ankommen. Vielleicht von außen schreiben, indem man einfach beschreibt, vielleicht die Dinge beschreibt, die da sind, gegenwärtig. Keine anderen erfinden. Nichts erfinden, kein Detail. Überhaupt nichts erfinden. Nichts als etwas anderes. Den Tod nicht begleiten. Ihn endlich zurücklassen und nicht in diese Richtung schauen, nur dieses eine Mal.
Marguerite Duras aus: „Schreiben“
Hierfür benötigt es aber der Abwehrgeste einer Duras, einer Art Unabhängigkeitserklärung gegenüber anderen, insbesondere den Ansprüchen, die an das lyrische und reflektierende Ich gestellt werden. Wodins Reflektor-Ich weiß dies in Die späte Tage genau und bedauert, nie aus der Angst, andere zu enttäuschen, nie aus der Sorge um die Meinung der anderen hinausgekommen zu sein. In diesem Text jedoch streift sie diesen Moment. Sie ergreift ihn nahezu, nämlich just in dem Moment, als sie ohne Vorbereitung, kommentarlos, die gemeinsame Wohnung verlässt:
Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.
In dieser poetologischen Suche brilliert Die späte Tage zunehmend. Die Nostalgie und Sehnsucht unterminiert sich selbst und findet zum Ausdruck einer Friederike Mayröcker, die sich gerade um solche Dinge zeitlebens nicht geschert und lieber frei heraus gedichtet und mit Sprache experimentiert hat:
ich wäre nicht so verwüstet hätte mich meine
Mutter als Tintenfisch auf die Welt, gebracht,
ach, flösse die Tinte meines Blutes in mein
Gedicht usw., als würde ich um die Ecke
schwenken meines Gedichts oder eine Blume
mir den Weg verstellen dasz ich ins nichtvorstellbare, weiszt du
Friederike Mayröcker aus: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“
Mayröcker hat ihr „Du“ gefunden. Sie befindet sich in der sprachlich-poetischen Reziprozität. Natascha Wodin sucht dieses noch. Dass sie diese Suche noch nicht aufgegeben hat, zeigt Die späte Tage nur allzu deutlich. Ihre Schwester im Geiste heißt Slata Roschal mit ihrem Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten. Beide befinden sich in ihren Texten auf dem Weg zur Dichterin, und tatsächlich hat Roschal als nächstes einen Gedichtband publiziert Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt. Natascha Wodins wird sicherlich bald mit einer neuen Stimme aufwarten. Die späten Tage jedenfalls lässt sich wie auch Schuberts Der heutige Tag als die Ankündigung auf eine solche lesen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
masuko13
Hier finden sich andere Kurzrezensionen zu aktuellen und älteren Titel.


Danke für diese inspirierende Rezension. Ich kenne Wodin nur aus ihren früheren Werken( Beziehung mit Hilbig etc) schon dort schrieb sie vom sich blockieren lassen durch einen Partner.
Ich werde noch anderes von ihr lesen – ich habe dennoch das Gefühl, dass es bei ihr mehr um Stimmung denn um Erzählung geht, auf ihre Weise sehr poetisch im Stillen. Von Hilbig kenne ich noch nichts. Kannst du etwas empfehlen?
Nein leider nicht. Ich habe versucht Hilbig zu lesen, aber nicht mit ihm warm geworden.
Vielleicht war es die falsche Zeit
Bin nicht mit ihm warm geworden.
Ich hatte mit “ Ich“ begonnen.
Ich muss mal was von ihm lesen. Ist mir bislang völlig entgangen.
Bin gespannt wie du ihn liest. Er ist schon einer derer die bleiben werden. Mir ist es insgesamt trotzdem zu düster und beklemmend