Ralf Rothmann: „Die Nacht unterm Schnee“

Ralf Rothmann "Die Nacht unterm Schnee"
Vom Krieg und anderen Schrecken … Spiegel Belletristik-Bestseller (33/2022)

Selten verirren sich Romane in die Bestsellerlisten, die auf Erklärungen, Begründungen, in sich geschlossene Erzähllogiken verzichten. Typischerweise läuft alles auf die Struktur des klassischen Kriminalromans hinaus: Es wird von einer Tat, einem Ereignis berichtet, und der Roman liefert dann Grund und Auflösung nach. So verstanden stellt der Roman nur einen sehr langen Text zum kurzen Aufmacher dar. Als Beispiel sei Jan Weilers Der Markisenmann genannt, in der nach und nach der Grund aufgerollt wird, weshalb der Vater seine Tochter seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, oder Susanne Abels Was ich dir nie gesagt habe, wo eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung auf eine Lüge, ein Stillschweigen, ein Geheimnis zurückgeführt wird. Ralf Rothmanns Roman Die Nacht unterm Schnee handelt ebenfalls von einer Familientragödie, aber diese stellt nur den Rahmen für ein sprachliches Unterfangen der besonderen Art dar:

Kein Laut in der Nacht, auch kein entfernter Geschützlärm, an dem sie sich orientieren konnte. Soweit sie sah, verschneites Ackerland, von braunen Panzerspuren durchfurcht, und manchmal, wenn sie die fiebrig heißen Lider schloss, war das Fallen der größeren Schneeflocken in ihrer Nähe zu hören, ein unendlich zartes Geräusch, wie es entsteht, wenn jemand mit feuchten Fingerkuppen auf die Tischplatte klopft. Doch als wäre diese Stille lediglich ein Raum für den Unglauben derer gewesen, die den Soldaten in den Ställen ausgeliefert waren, ein Atemholen des Entsetzens, zerriss im nächsten Moment ein langgezogener Laut die Nacht.

Ralf Rothmann aus: „Die Nacht unterm Schnee“
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Elfriede Jelinek: „Die Kinder der Toten“ (ii: Form)

Elfriede Jelinek: "Die Kinder der Toten"
Sprache gegen den Strich gelesen …

Im ersten Teil der Lesebesprechung von Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten habe ich versucht, den Plot zu rekonstruieren mit dem Ergebnis, dass der Roman hauptsächlich von drei Figuren handelt, die untot durch ein steirisches Wildalpendorf geistern: die Studentin Gudrun Bichler, die sich wegen universitären Leistungsdrucks in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat; die pensionierte Sekretärin Karin Frenzel und der Ex-Leistungssportler Edgar Gstranz, die beide bei einem Autounfall ums Leben kommen. Diese sehr grobe Rahmenhandlung wird von einer ganzseitig gedruckten Schriftrolle, einer Mesusa, eingeleitet, auf der in Hebräisch steht:

Die Geister der Toten, die solang verschwunden waren, sollen kommen und ihre Kinder begrüßen.

Elfriede Jelinek aus: „Die Kinder der Toten“
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Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“

Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“
Eine Reise durchs kulturelle Unbewusste … Spiegel Belletristik-Bestseller (27/2022)

Gibt es eine in sich runde Form, die aus konsequenter Formlosigkeit besteht? Ein Erzählen, das so naturalistisch daher kommt, dass der leiseste Anspruch an Wortwahl, Satzkomplexität, an überraschenden grammatikalischen Strukturen ins Leere geht? Tatsächlich gibt es diese Form des nüchternen, fast aus dem Leben gegriffenen Erzählens, eine Art Protokoll des Seelenlebens, ein Traum, ein Trauma frei von der Leber weg geschrieben. Ein Beispiel dafür ist Susanne Abels Gretchen-Reihe, in der Greta „Gretchen“ Schönaich und Konrad „Conny“ Monderath einen Neuanfang inmitten der Katastrophe suchen und versuchen:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“
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Ingeborg Bachmann: Malina

Ingeborg Bachmann: "Malina"
Von dem Sag- und Unsagbaren …

Es gibt wenige Texte, die sich so gegen das plakative Lesen sträuben wie Ingeborg Bachmanns einzig vollendeter Roman Malina. Er ist so vielschichtig und polyphon, so dicht und komplex, dass beinahe jeder Absatz für sich allein steht und das Lesen seinen eigenen Fokus, seine eigene Perspektive konstruieren muss. Bachmanns Text versprachlicht Heraklits Fluss, in den sich nach seiner Formel panta rhei niemals ein zweites Mal steigen lässt, indem es einfach kein zweites Lesen gibt. Malina liest sich stets von neuem. Mit dem ersten Satz beginnt eine neue Reise. Er lautet:

Nur die Zeitangabe mußte ich mir lange überlegen, denn es ist mir fast unmöglich, ›heute‹ zu sagen, obwohl man jeden Tag ›heute‹ sagt, ja, sagen muß […]

Ingeborg Bachmann aus: „Malina“
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Jan Weiler: „Der Markisenmann“

Hoffnungslos durch den Pott … Spiegel Belletristik-Bestseller (23/2022)

Existenzialistische Romane leben nicht von der Sprache. Sie kommen spröde, trocken, in einfachen Sätzen, fast alltagssprachlich daher wie Albert Camus in Der Fremde oder Der Fall, Simone de Beauvoir in Alle Menschen sind sterblich, Jean-Paul Sartres Der Ekel, sein unvollendeter Romanzyklus Die Wege der Freiheit oder Ernesto Sabato in Der Tunnel. Sie verhandeln philosophische Themen, drehen sich um Thesenuntersuchungen und illustrieren mehr Fragen, als dass sie einen literarischen Stoff bearbeiten und durchformen. Mit anderen Worten, die Erzählung bleibt sekundär. Primär steht die Frage im Zentrum, was ist Freiheit, wie frei ist der Mensch wirklich, wie viel Freiheit ist eigentlich möglich und erträglich. Jan Weiler hat ebenfalls einen existenzialistischen Roman geschrieben: Der Markisenmann. Er kommt vielleicht siebzig Jahre zu spät, aber das spricht nicht gegen ihn und erlaubt ihm sogar ein gewisses Maß an spielerischer Leichtigkeit.

»Ich finde bis heute, dass ich es nicht anders verdient habe. Ich habe das alles getan, und ich muss es wiedergutmachen. Es wäre nicht angemessen, wenn ich danach einfach ein erfolgreiches angenehmes Leben geführt hätte. Mit einer anderen Frau, irgendwo, mit einem tollen Job. Ich habe akzeptiert, dass diese Halle mit diesen Markisen und den Schrauben und dem alten Kombi mein Leben sein soll. Ich muss das so lange machen, bis keine Markisen mehr da sind.«

Jan Weiler aus: „Der Markisenmann“
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Sibylle Berg: „RCE“

Sibylle Berg hat einen Text geschrieben. Auf dem knallpinkfarbenen Cover steht „RCE“ und darunter „#RemoteCodeExecution“ und etwas versteckt und ganz weit unten auf dem Rand des pinkfarbigen Buchdeckels „Roman|Kiepenheuer&Witsch“, als wäre es ein Zugeständnis, eine Art disponierbarer Zusatz an eine Öffentlichkeit, die schließlich wissen will, was das ist, was sie da kauft. Manifest oder Literatur? Gehackte Wirklichkeit? Oder Fiktion? Berg macht es einem nicht leicht. Sie will es einem nicht leicht machen. Sie will es 700 Seiten lang und 700 Gramm schwer, zäh und widerborstig konkret. Nur mit der Welt macht sie kurzen und schmerzlosen Prozess:

In diesem Moment. Es könnte auch der nächste Moment sein oder morgen.
Sind überall auf der Welt, in Geschäftsetagen, in Genossenschaften, in Wohnungen, Konzernen, an der Börse in Hinter- und Vorderzimmern, auf Märkten, im Netz, auf Heiratsschwindlerbörsen, Geschlechtsverkehrplattformen, Enkeltrickbetrüger-Foren, in Galerien und Banken, Menschen damit beschäftigt einander zu betrügen.

Sibylle Berg aus: „RCE“
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Jonathan Franzen: „Crossroads“

Die Welt aus Schall und Rauch … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Epen in Gesangsform sind längst aus der Mode gekommen. Die Zeit wird nicht mehr in Reimen besungen. Metrische Einschübe, Assonanzen, Apostrophen dienen nicht mehr, das eigene Zeitgefühl verlautbaren zu lassen. Kein neuer Homer mit einer weiteren „Odyssee„, noch ein Dante Aligheri mit einer neuen „Göttlichen Komödie„, oder ein nächster Hölderlin auf der Spur nach einer Fortsetzung des „Hyperion„s ist in Sicht. Das Epos der Neuzeit ist der Roman, die Epopöe des Gegenwärtigen. Georg Lukacs hat es bereits vor dem Ersten Weltkrieg in seiner Theorie des Romans angekündigt. Walter Benjamin in Erfahrung und Armut analysiert. Leo Tolstoj mit Krieg und Frieden, Boris Pasternak in Doktor Schiwago bewiesen. Nun eben auch Jonathan Franzen in seinem neuen Roman „Crossroads“, den Auftakt einer Trilogie.

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