Dörte Hansen: „Broder“ – Rezension

Broder von Dörte Hansen
Broder von Dörte Hansen. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

[Keine Spoiler] In ihrem letzten Buch Zur See hat Dörte Hansen über eine Nordseeinsel geschrieben und die Familie Sander durch ihre Höhen und Tiefen begleitet. In Broder greift sie auf ein ähnliches Prinzip zurück, indem sie aus Sicht der Natur, der Gezeiten, der wechselnden Jahreszeiten schreibt, also die Vorgänge im menschlichen Leben mit natürlichen Prozessen, mit Werden und Vergehen vermittelt, nur dieses Mal auf einem Dorf mit Bauernhöfen, von denen derjenige der Familie Bahnsen heraussticht. Hansens Ästhetik bewegt sich eigentümlich zwischen stoisch-gebändigtem Assoziationismus und elegisch-lakonischem Heroismus, die sich beide die Waage halten und eine gewisse Leichtfüßigkeit der Erzählweise erlauben. In der Tradition steht sie klar in der Reihe von Erbauungsbüchern, also in der Nachfolge von Adalbert Stifters Der Nachsommer oder, die Gegenwartsliteratur betreffend, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Vom Aufstehen. Vom Setting Norddeutschland und der Problematik der technischen Innovation, die in Konflikt mit Brauchtum und Tradition gerät, knüpft Hansen hingegen deutlich an Theodor Storms Der Schimmelreiter an, das eher in die tragische Kategorie gehört. In Broder entzündet sich dieser Konflikt nicht bei einem Deichbau. Vielmehr steht der Familienhof in Frage, wie er sich in Zukunft ausrichten soll: alternativer und tierfreundlicher, wie es Broder vorhat, oder mittels Robotern und KI-Technik auf Maximalisierung getrimmt, wie es sein Zwillingsbruder Henning plant:

Man konnte sich mit Broder gut vertragen. Er ist von allen Bahnsens immer schon der freundlichste gewesen, ruhiger als der Rest. Er kam nur immer öfter an mit seltsamen Ideen. Auf einmal sprach er von ganz anderen Methoden in der Landwirtschaft. Von Kreislaufwirtschaft ohne Pestizid und Kälberaufzucht mit der Mutterkuh. Und jedes zweite Wort war irgendwann alternativ. [… Henning dagegen] sah so aus, wie man sich einen Bauern bei den Bahnsens vorstellt. Und hatte einen Plan für einen Milchbetrieb der Zukunft. Ein Sohn, der von Maschinen und moderner Technik Ahnung hatte und den Betrieb nach vorne bringen wollte. Stark und vernünftig. Mit Frisur. Der gut begründen konnte, dass sich ein Milchbetrieb allein mit Kuhverstand und Züchtergeist und Freude an der Herde nicht mehr führen lässt.

Dörte Hansen aus: „Broder“

Inhalt/Plot:

Die Familie Bahnsen umfasst die beiden Eltern, Paul und Marga, die erstgeborene Tochter Karen und die Zwillingsbrüder Henning und Broder. Karen ist nach Südfrankreich gezogen und leitet dort einen Kommunarden-Bauernhof, mehr oder weniger am Existenzminimum darbend, wohingegen Henning statt seiner Berufung als Ingenieur zu folgen, den Bauernhof als ältester Sohn übernommen und so Broder zur Schwester nach Südfrankreich vertrieben hat. Broder lernt dort seine spätere Frau Marie-Claude kennen. Henning heiratet in der Zwischenzeit Ellen Hansen, die Bäckerstochter, und bekommt mit ihr drei Kinder: Marten, Mieke und Maibritt. Mieke jedoch verunglückt jung. Dieser Verlust bringt Broder zurück zu seinem Bruder nach Norddeutschland, um diesem und seiner Familie zu helfen. Er siedelt sich im selben Dorf als Tierarzt an und zieht zusammen mit Marie-Claude die gemeinsame Tochter Claire auf, die ebenfalls Tiermedizin studieren wird. Die Handlung des Romans setzt an, als Broder, bereits sechzig Jahre alt, wieder einmal zum Familienhof gerufen wird, um dort den Karren aus dem Dreck zu ziehen:

Er war schon auf dem Weg nach Haus, als Henning anrief: eine Schwergeburt, sechs Tage vor Termin. »Du musst mal kommen jetzt.« Und dieses jetzt hat ihn so aufgeregt, dass er selbst hier, auf diesem Parkplatz an der menschenleeren Bucht, todmüde, wie er ist, noch seinen Blutdruck steigen fühlt, sobald er daran denkt. Jetzt heißt, sie haben es allein versucht, bis nichts mehr ging. Die halbe Nacht am Tier herumgezerrt, weil Henning Bahnsen denkt, was alle Bauern denken: Geburtshilfe kann jeder. Das bisschen Drehen und Ziehen kriegen sie auch ohne Tierarzt hin. Bis sie dem Kalb im Mutterleib die Beine brechen und ihre Kuh kurz vorm Verenden ist. Dann soll er kommen. Jetzt. Oft ist es dann zu spät, das Kalb schon tot, und wenn es ganz schlecht läuft, kann er drei Tage später wiederkommen und die Kuh einschläfern. Und dafür schickt er dann noch eine Rechnung, der Herr Tierarzt.

Der Roman Broder beginnt sofort mit dem Bruderkonflikt – Hennig versiert in ökonomischen und technischen Fragen bringt keinen Tierverstand mit; Broder dagegen, Tierarzt und Naturliebhaber, lässt es an nötigem Geschäftssinn missen. Paul, dem Vater, fiel es schwer, eine Entscheidung zu treffen, gab dann aber aus wirtschaftlichen und traditionellen Gründen Henning den Vorzug, was Broder innerlich zur Weißglut treibt und Karen, die Schwester, zwang, den Kontakt mit den Eltern abzubrechen, da sie aufgrund ihres Geschlechts nicht einmal in Frage kam, den Hof zu übernehmen. Die andere Konfliktlinie besteht zwischen Ellen, der Frau von Henning, und Marga, Hennings Mutter, die eine gewisse Mitschuld an Miekes Tod trägt. Trotz aller Bemühungen vermögen sie es nicht, klärende Worte miteinander zu sprechen und sich auszusöhnen.

Man denkt, man hätte alles schon gefühlt, was es zu fühlen gibt. Bis man ein Dutzend Gläser sieht mit alten Bohnen, eingeweckt vor über zwanzig Jahren, und plötzlich Blumen aus der Erde reißt mit einem Hass, den man von sich nicht kannte. Er hat da unten all die Jahre ausgeharrt, auf sie gewartet, wie es scheint. Beim Anblick dieser Gläser kam er hoch. Und mit dem Hass noch einmal all das andere, das fast Verschmerzte, gut Verdrängte, halb Vergessene. Weil Marga Bahnsen bei den Bohnen war, nicht bei den Kindern. Weil sie nicht aufgepasst hat. Und nicht geweint bei der Beerdigung von Mieke, fünfeinhalb, schon in der Schule angemeldet. Die noch viel wilder war als Marten und viel fröhlicher als Maibritt.

Hansen lässt ihren Roman Broder mittendrin beginnen. Im Ländlichen angesiedelt, thematisiert er gegenwärtige Probleme der Bauernschaft wie Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten oder Markus Thielemanns Vom Norden rollt der Donner, aber auch den steten Konflikt zwischen Brauchtum und Innovation, wie dieser im Klassiker Der Schimmelreiter Hauke Hein und seinem Deichbauprojekt widerfährt. Der eigentliche Stoff aber besteht nicht in dieser Problematik. Hansen thematisiert wie in Broder an den Krisen der Bauernschaft oder wie in Zur See an jenen der Schifffahrt allgemein menschliche Probleme von Verlust und Trauer und wie diese im Wechselspiel der Naturkräfte besänftigt oder verschärft werden können.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Generationen mit Plot: Soziale Renitenz

Stil/Sprache/Form:

Hansens Schreibweise besteht in treffsicheren kurzen, melodischen Sätzen, die stets Abschluss und Sinngestalt finden und das Geschehen und die Figuren weitertragen. Sie schreibt aus der Fülle, deutet Vieles nur an, wiederholt anderes und lässt auf diese Weise ein lockeres, aber dennoch festes Gebilde entstehen, das die Stimmung und Atmosphäre des Dorfes wirkungsvoll einfängt. Die Menschen und ihre Leiden fügen sich in den Gang der Dinge ein. Hansens Sprache unterscheidet nicht zwischen belebten und unbelebten Dingen, auch nicht zwischen Mensch und Tier. Alle sind Teil einer übergeordneten Natur, eines über den Kopf hinweg sich vollziehenden Weltenganges:

Der Hof wird sich die Menschen, die hier mit der Zeit gelebt, gemolken und geackert haben, gar nicht merken können. Sie kümmern ihn nicht mehr als all die Katzen, die im Lauf der Jahre durch den Stall geschlichen sind und durch die Scheunen. Ihre Jungen gut versteckt auf einem Heuboden geworfen haben und sie in irgendeiner Ecke aufgezogen. Und manche hat es dann erwischt, die kamen in die Katzenkuhle, andere nicht. Der Hof ist selbst ein großes Tier, man hütet ihn ein paar Jahrzehnte lang, dann hütet ihn ein anderer.

Broder, die Hauptfigur, erhält jedes zweites Kapitel, das dann aus seiner Perspektive, mehr oder weniger, personal erzählt wird. Die anderen Kapitel teilen sich Paul, sein Vater, und Ellen, die Frau seines Bruders, mit anderen Worten: die Kapitel teilen sich gleichmäßig zwischen dem Außen und Innen des Hofes auf, der als Zankapfel und Stolz der Familie zugleich dient. Kompositorisch werden diese Perspektiven neutral-allwissend von Naturbeschreibungen gerahmt, die den Kapiteln einleitend, oft auch ausleitend, einen sanften Abschluss verleihen:

Die Wechselwarmen kommen jetzt aus ihrer Winterstarre. Frösche tauchen auf vom Grund der Tümpel. Kröten, Molche kriechen aus den Wurzelhöhlen und den Mauerritzen, alles wandert zu den Laichgewässern. Wo die Reiher warten. Reglos an den Uferkanten stehen, anmutig wie Notenschlüssel. Durch die Gräben schreiten, langsam, langsam, bis sie finden, was sie suchen, und es dann blitzschnell mit einem Schnabelstich erdolchen. Vorbei die kargen Monate, nie sind die Reiher schöner als beim Jagen.

Die Naturbeschreibungen vermischen oft Menschlich-Kulturelles mit Natürlichem wie hier bspw. der Vergleich, dass die Reiher wie „Notenschlüssel“ stehen. Zudem wird im Kleinen wie im Großen in Broder stets Leben und Tod miteinander in Verbindung gebracht, Werden und Vergehen, Fressen und Gefressen-Werden, hier: Frösche, die zu Laichgewässern wandern und in der ersten Frühjahrswärme schon von einem Schnabelstich erdolcht werden. Hansen bietet auf diese Weise einen olympischen Ganzheitsblick an, der die schmerzhaften und privaten Ereignisse in einen natürlichen Kreislauf einbettet und ihnen so die isolierte Ausweglosigkeit und Unvergleichbarkeit nimmt, weshalb Broder auch in die Reihe der Erbauungsromane gehört.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Hansen gelingt in Broder eine Art Drahtseilakt, nämlich einen Heimatroman zu schreiben, der eine Art heile Welt anbietet und vorführt, ohne diese heile Welt zu glorifizieren oder ihr eine Konfliktlosigkeit anzudichten. Das genaue Gegenteil betreibt Hansen. Die dörfliche Welt strotzt vor Neid, Wettkampf, vor Trauer, Lüge und Betrug. Tiere werden geschlachtet. Katzenkinder ersäuft. Tiere gejagt. Menschen begehen Selbstmord. Eheleute betrügen sich, und die Alkoholsucht findet sich auch an allen Ecken und Enden wieder. Dennoch bekommen die meisten es hin, sich nicht ihrer Wut, ihrem Frust und ihrer Zerstörungslust hinzugeben:

[Ellen] hätte Margas Blumen nicht zum Komposthaufen bringen müssen. Sie hätte ihr die Georginen vor ihr Küchenfenster pflanzen können, vor die Terrasse ihres Altenteilerhauses. Aber dafür hat es nicht gereicht, ihr Mitgefühl für diese alte Frau, die ihren Garten nicht mehr sehen kann, seit sie ans Bett gefesselt ist. Es reicht für frisches Bettzeug jede Woche, für ein Stück Kuchen jeden Nachmittag und ihre Lieblingssuppe zum Geburtstag. Für einen Veilchenstrauß, den sie ihr in der kleinsten Vase, die sie hat, auf ihr Tablett stellt, wenn sie das Mittagessen bringt. Es reicht, um ihr das Veilchenbeet nicht auch noch umzugraben. Man hasst auf einem Hof wie diesem nicht die Schwiegermutter.

Diese Art, sich zu begnügen, den Schmerz zu ertragen, lässt das namenlos bleibende Dorf zu einem Ort der Ruhe werden. Wer dort verzweifelt, ist selbst Schuld. Ähnlich hat es Volter Kilpi in einem der epochalsten Romane der finnischen Sprache beschrieben, Im Saal von Alastalo, in welchem ein Dorf im besagten Saal zusammenkommt, um sechs Stunden lang das Für und Wider eines Barkenbaus abzuwägen und hierbei noch die minutiösesten Rangeleien zwischen den Dorfbewohnern zur Sprache zu bringen, ohne die Stimmung nachhaltig trüben zu können. Hansen fasst sich bei weitem kürzer und pointierter als Kilpi, der in seinem Roman dort entschleunigt, wo Hansen zeitliche Sprünge wagt. Beide aber, Kilpi wie Hansen, betten das Dorfleben in einen Kosmos ein, der besteht, der weitergeht und der so auch Trost spendet:

Alastalo weihte also zufrieden seine Jackenaufschläge und ließ im Saal von Mann zu Mann ein freundliches Auge schweifen, was sich der Schafhüter leisten kann, wenn die Herde zahm im Verschlag umherspringt und es nebenan von Mutterschafen wimmelt, willig, sich zwischen die Knie nehmen zu lassen, und zwar so wollig, dass die Schurschere zu beißen hat: Blöken wir auf der Weide alte Geschichten, dann kommt sogar beim Scheren schöner Saft zum Wiederkäuen in den Mund!, dachte er, Alastalo.

Volter Kipli aus: „Im Saal von Alastalo“

Im Gegensatz zu Kipli betont jedoch Hansen auch die verpassten Chancen, stellt die ausgebliebenen Lernprozesse nebeneinander und zeigt so indirekt, wie überflüssig viele Konflikte gewesen wären, hätte die Geduld und nicht der Impuls obsiegt, bspw. der Zimmermann Andreas, der seine Band für seine Frau nicht aufgeben will, von ihr verlassen wird, um dann für die neue Freundin die Band aufgeben zu müssen. Auch Henning bekommt so sein Fett weg, indes Broder an intermittierend explosiven Störungen leidet, also unter Impulskontrollverlusten, aber zumindest die Brücken zu seiner Tochter und ihrer Zukunft als Tiermedizinerin nicht völlig verbrennt. Broder bleibt stets bei allem Leiden, Verlustängsten und Abschiedsschmerzen optimistisch gestimmt:

Die Bank ist fehl am Platz und sieht so aus, als wüsste sie das selbst. Sie ist nach Osten ausgerichtet, Blick auf leeres Land und eine resolut gekappte Hecke. Aber ihr Holz ist jetzt zum ersten Mal seit Wochen trocken, und es schimmert. [Ellen] zögert kurz und schaut sich um, sieht keinen Menschen weit und breit und setzt sich. Lehnt sich zurück und schließt die Augen, spürt die Sonne, will hier sitzen bleiben, reglos wie ein wechselwarmes Tier, bis sich die Winterstarre löst.

Dörte Hansen hat mit Broder einen eigenartigen, zwischen Leichtfüßigkeit und Elegie hin und her pendelnden Roman geschrieben, der sich nirgendwo zu wichtig nimmt, aber ebenso nirgendwo ins Banale und Flache verfällt. Sie bleibt den Wunden dicht auf den Fersen und lindert das Leiden mit einem die Weite ins Auge fassenden Blick. Kein Trübsal hält dagegen stand, auch kein ignoranter Optimismus. Sie erzählt, den Schmerz durchschreitend, von Erfahrungen, die immer wiederkehren, und gibt so dem generationenübergreifenden verbindlichen Märchenerzählen eine moderne, auf eigene Dauer verpflichtende Form.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Eine Antwort auf „“

  1. Wenn ich „Broder“ nicht schon länger auf meiner Wunschliste hätte, wäre es jetzt drauf. Danke für die Rezension. Hattest du mal von ihr das andere „Dorfbuch“ („Mittagsstunde“) gelesen? Ich erinnere mich nur an deine Besprechung von „Zur See“.
    Begeisterte Vormittagskaffeegrüße 🌥️🎶💻☕

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