Heinz Strunk: „Zauberberg 2“

Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Zauberberg 2 von Heinz Strunk. Spiegel Belletristik-Bestseller 2024-25.

Zauberberg 2, Heinz Strunks neuester Roman, steht in einer langen und sehr gepflegten und wohlbehüteten Erzähltradition: die des an seiner eigenen Monomanie zugrunde gehenden männlichen Individuums. Von der Klassik, bspw. Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werther, über Franz Kafkas Der Proceß in der Moderne bis hin zu Christoph Heins Der Tangospieler oder Michel Houellebecqs Vernichten in der Gegenwart finden sich stets wieder die Romane über Einzelgänger, die mit sich und der Welt abzuschließen versuchen und denen es auch meist gelingt und zwar oft final. Strunk kennt fast kein anderes Thema. Seine Protagonisten konfrontieren sich krass und gnadenlos mit sich selbst und ziehen eine erbarmungslose Bilanz:

Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht.
Heinz Strunk aus: „Zauberberg 2“

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Alina Bronsky: „Pi mal Daumen”

Pi mal Daumen von Alina Bronsky
Pi mal Daumen von Alina Bronsky. Spiegel-Belletristik Bestseller 2025.

Der Universitätsalltag findet in der Literatur seltener Erwähnung als Schulzeit- und Kindheitsgeschichten. In letzter Zeit lassen sich da, bspw., Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen, Slata Roschals Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten oder Terézia Moras Muna anführen, und ein Klassiker stellt sicherlich John Williams Stoner, Philipp Roths Der menschliche Makel oder, weiter zurückgehend Die Blendung von Elias Canetti dar. Alina Bronsky, die mit ihren Büchern bereits zweimal (2010,2015) auf der Longlist des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gelandet ist, legt nun ein Buch über das Mathematikstudium vor, insbesondere über die auftretenden Anfangsschwierigkeiten:

Am Anfang des Semesters waren die Vorlesungen noch voll, die Leute mussten auf der Heizung oder auf dem Boden sitzen. Die Hälfte der Professoren hatte osteuropäische Namen. Sie waren besonders gefürchtet, weil sie den Stoff des ersten Uni-Semesters bereits in der neunten Klasse auf ihren spezialisierten Schulen gelernt und wenig Verständnis für das Schneckentempo in Deutschland hatten. »Warten Sie ein paar Wochen«, hatte der Studiendekan Professor Orlov bei der Begrüßungsveranstaltung gesagt. »Dann sind wir wieder unter uns.«
Alina Bronsky aus: „Pi mal Daumen“

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Dana von Suffrin: „Nochmal von vorne“

Nochmal von vorne
Nochmal vorn vorne von Dana von Suffrin. Longlist Deutscher Buchpreis 2024.

Jüdisch-deutsches Schreiben arbeitet sich momentan gerne mittels phantastischer, zeitverschobener Elemente wie bei Tomer Gardis Eine runde Sache oder Tomer Dotan-Dreyfus‘ Birobidschan an der Vergangenheit ab. Gardi lässt eine Sintflut über Deutschland hinwegbrausen und Dotan-Dreyfus beschwört Zeitreisen im fernen Siberien. Dana von Suffrin bleibt in ihrem neuesten Roman, dem zweiten nach ihrem Debüt Otto, ziemlich auf dem Boden gewöhnlicher Tatsachen. Ihre Ich-Erzählerin Rosa verarbeitet die zerfahrene deutsch-jüdische Familiengeschichte anlässlich des Todes ihres Vaters Mordechai:

Nach einer halben oder Dreiviertelstunde kommt die Schwester zurück. Sie übergibt mir den ausgefüllten Totenschein, ich sehe ihn gar nicht an und stecke ihn in meine Tasche. Sie nickt, und dann geht sie wieder in ihr Zimmer, aber sie kommt sofort wieder heraus, kaum dass sie die Türe geschlossen hat. Eine Sache noch, sagt sie, das habe ich vergessen, es tut mir leid, ich kenne die Abläufe noch nicht gut, wollen Sie Ihren Vater noch einmal sehen? Ich antworte, dass ich nur gekommen bin, um die Papiere zu bringen und um seine Sachen abzuholen […] dann sage ich gar nichts mehr, ich möchte ja nicht für eine Esoterikerin gehalten werden.
Auf dem Heimweg, in der U-Bahn, sehen alle aus wie immer, und es gibt keine Blitze und keinen Donner, der Tag, an dem Mordechai Jeruscher gestorben ist, ist ein ganz normaler Tag.
Dana von Suffrin aus: „Nochmal von vorne“

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Caroline Peters: „Ein anderes Leben“

Ein anderes Leben
Ein anderes Leben von Caroline Peters. Spiegel Belletristik Bestseller 12/2024.

Der Titel von Caroline Peters‘ Romandebüt Ein anderes Leben verweist nicht auf eine utopische Lebensform, eine andersgeartete Lebensweise oder auf ein futuristisches Lebewesen. In ihrem Roman geht es eher um das Allernächste, scheinbar Allerbekannteste und Selbstverständlichste, das sich aber bei genauerem Hinsehen als komplexer und geheimnisvoller als gedacht entpuppt: Das Leben der eigenen Mutter, das die namenlos bleibende Ich-Erzählerin am Tag des Begräbnisses ihres Vaters zu rekapitulieren beginnt:

Meine beiden Schwestern [Laura und Lotta] haben Klaus und Roberto in ihrem Leben, aber Bow war ihr Vater. Väter werden in unserer Familie sehr geschätzt und ernst genommen. Ich sage oft, dass wir aus unserer mütterlichen Linie mehr hätten machen können. Die Schwestern bestreiten das, schon weil ich die Jüngste bin, und die Jüngsten haben nie recht. […] Laura und Lotta lieben die Ramspeck’sche Stammesgeschichte und die daraus folgenden Umgangsformen. Sie lieben Wurzeln. Und sie ignorieren gern alles, was die Linie von Hanna und Tita hervorgebracht hat. Sie sind Ramspecks durch und durch. Aber vielleicht ändert sich das jetzt. Vielleicht befreit Bows Tod auch bei meinen Schwestern weggesperrte Erinnerungen an unsere Mutter.
Caroline Peters aus: „Ein anderes Leben“

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Simone de Beauvoir: „Die Mandarins von Paris“

Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir. SWR Bestenliste 11/2024.

Chronologisch betrachtet zieht Simone de Beauvoirs Roman Die Mandarins von Paris (1954) das literarische Resümee des französischen Existentialismus, der die Zeit rundum den Zweiten Weltkrieg geistesgeschichtlich geprägt hat. Nach ihrem noch im Erscheinungsjahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk folgten nur noch zwei existentialistische Kurzromane, einer von ihr selbst, Die Welt der schönen Bilder (1966), und der andere, Der Fall, von Albert Camus im Jahr 1956, die beide eher als Detailstudien bezeichnet werden müssen und sich im Umfang und von Themenbreite her keineswegs mit Beauvoirs opus magnum vergleichen lassen. Trotz der nun vorliegenden Neuübersetzung von Die Mandarins von Paris durch Amelie Thoma und Claudia Marquardt, die im September 2024 bei Rowohlt erschienen ist, beziehe ich mich im Folgenden auf die Übersetzung von Ruth Ücker-Lutz und Fritz Montfort. Wiewohl einige Stellen durchaus Nachbesserungsbedarf anzeigen (ich beziehe mich hier mehr auf Syntax und Semantik, denn auf Wortwahl), denke ich nicht, dass die klassische Übersetzung den Text in Gänze verfälscht hat:

Henri kam in sein Hotel zurück; in seinem Fach stak ein Paket: Dubreuilhs Essay. Während er die Treppe hochging, schnitt er die Schnüre durch und öffnete den Band beim Vorsatzpapier: Natürlich war es blank [i.e. ohne Widmung]; was hatte er sich denn eingebildet? Mauvanes schickte ihm das Buch, wie er ihm einen Haufen andere schickte.
«Warum», fragte er sich, «haben wir uns überworfen?» So hatte er sich oft gefragt. Die Artikel Dubreuilhs in der Vigilance hatten genau denselben Klang wie die Leitartikel Henris: In Wirklichkeit trennte sie nichts. Und sie hatten sich überworfen. Es war eine der Tatsachen, die nicht wiedergutzumachen und nicht zu erklären sind. Die Kommunisten verabscheuten Henri, Lambert verließ den Espoir, Paule war wahnsinnig, die Welt eilte einem Krieg entgegen; das Zerwürfnis mit Dubreuilh war nicht mehr und nicht weniger sinnlos.
Simone de Beauvoir aus: „Die Mandarins von Paris“

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Han Kang: „Die Vegetarierin“

Die Vegetarierin
Die Vegetarierin von Han Kang. Literatur-Nobelpreis 2024.

2024 erhielt die südkoreanische Autorin Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Für Die Vegetarierin erhielt sie zudem noch den Man Booker International Prize 2016. Wie Elfriede Jelinek in Die Kinder der Toten, Terézia Mora in Das Ungeheuer, Olgar Tokarczuk in Empusion, verhandelt Kang das brenzlige Verhältnis zwischen der Frau und das sie umliegenden soziale Feld in all seiner Differenziertheit und Gewaltpotentialität. Anders aber als Tokarczuk oder Jelinek, eher ähnlich zu Murata, greift Han Kang auf eine äußerst verdichtete, reduzierte Form zurück. Ihre Sprache strebt Stille, ein Schweigen an, das zwischen den Zeilen unheimliche Dimensionalität entfaltet:

Fünf Minuten, länger kann ich nicht schlafen. Dann ist er wieder da, der Traum. Wenn man ihn denn so nennen kann. In meinem Kopf ist ein Kaleidoskop von wirren Szenen. Die glühenden Augen einer Bestie, Blut, ein offener Schädel, wieder die Augen eines Raubtieres. Der Ausgangspunkt für das alles scheint mein Bauch zu sein. Wenn ich zitternd aufwache, überprüfe ich schnell, ob meine Nägel noch kurz und meine Zähne keine Fangzähne sind.
Han Kang: „Die Vegetarierin“

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Louis-Ferdinand Céline: „Krieg“

Krieg by Louis-Ferdinand Céline
Krieg von Louis-Ferdinand Céline. SWR Bestenliste 11/2023.

Louis-Ferdinand Céline, eigentlich Destouches, verfasste mit Reise ans Ende der Nacht in den 1930er Jahren eine, von seiner Erzählstimme her, völlig neue Form des Romans. In der Tradition der Bänkelsänger, insbesondere eines François Villon bspw. aus Die sehr respektlosen Lieder, gibt Céline der Not, der Armut, dem Elend des Krieges und der Straße eine literarische Stimme. Als Kollaborateur des Vichy-Regime und bekennender Antisemit floh er Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland und ließ in seiner Wohnung viele, fast publikationsfertige, Manuskripte zurück, die nach seiner Rückkehr aus dem Exil und der Haft als verschollen galten. 2019 tauchten die Manuskripte teilweise wieder auf. Krieg, 2022 in Frankreich, 2023 in Deutschland, von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt, ist eines von ihnen. Es handelt, wie schon Reise ans Ende der Nacht, von den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg:

Tote da wie dort. Der Kerl mit dem Brotbeuteln war selbst wie eine Granate aufgeplatzt, muss man schon so sagen, vom Hals runter bis mitten in der Hose. Zwei Ratten waren da schon gemütlich in seinem Bauch und knabberten an seinem Brotbeuteln mit trockenen Rinden. Es roch nach verdorbenem Fleisch und verbrannt in dem Pferch, aber vor allem wegen dem Haufen in der Mitte, sicher zehn Pferde, aufgeschlitzt ineinander verkeilt. So hatte der Galopp geendet, auf einen Schlag durch eine Bombe, oder drei davon, zwei Meter entfernt.
Louis-Ferdinand Céline aus: „Krieg“

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Neige Sinno: „Trauriger Tiger“

Trauriger Tiger by Neige Sinno
Trauriger Tiger von Neige Sinno. Finalist Prix Goncourt 2023. Premio Strega Europeo 2024.

Trauriger Tiger von Neige Sinno gibt einige Rätsel auf. Aus dem Stoffgebiet Familie mit einem Plot aus dem Bereich Gewalt arbeitet sie das Verbrechen auf, dass ihr Stiefvater an ihr begangen hat. Von frühester Kindheit an, sie war erst sieben Jahre alt, vergewaltigte er sie regelmäßig, ohne dass ihre Geschwister oder ihre Mutter etwas davon bemerkten, und stoppte erst, aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, als Sinno mit vierzehn Jahren in die Pubertät kam. In Trauriger Tiger berichtet sie von ihrem Leben, von den Erinnerungen, den Ängsten, den Zwangsvorstellungen, die sie seitdem begleiten, sehr nüchtern, trist, ja unverhüllt und direkt:

Manchmal wünschte ich mir, er möge sich nicht länger zusammennehmen und mich ein für alle Mal umbringen, damit endlich Schluss wäre. Als ich begriff, dass es in Wirklichkeit eine Ausgangstür gab, wurde es hell in mir. Die plötzliche Einsicht, dass ich nur ertragen würde, was ich ertragen konnte, dass ich gehen konnte, wann immer ich wollte, ist mir im Lauf meines gesamten Lebens eine große Hilfe gewesen. An dem Tag, als ich mich schon tot wähnte, bin ich wahrscheinlich ein wenig gestorben, und das Gespenst, das mich überlebt hat, ist die Frau, die bis heute durchgehalten hat.
Neige Sinno aus: „Trauriger Tiger“

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Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu“

Ich höre dem Regen zu von Wolfgang Schiffer
Ich höre dem Regen zu von Wolfgang Schiffer.

Angesichts einer etwas zerbröselnden Weltstimmung scheint der Roman viel weniger geeignet als die Lyrik, um Weltscherbenlese zu betreiben. Wolfgang Schiffer verarbeitet in Ich höre dem Regen zu vor allem den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine und die verblassende Hoffnung auf das vermittelnde Wort. Er setzt hiermit thematisch fort, was in Dass die Erde einen Buckel werfe angeklungen ist, nämlich den erhofften Widerstand des Lebens gegen den Untergangs- und Todeswillen der Menschen, der Traum, ein anderer Mensch könne folgen und friedlicher mit dem Weltall zusammenleben:

Die Pappeln würden weiter stehen und wachsen,
die Winde würden wehen, die Blumen blühen,
jedem Sommer, der Herbst, der Winter,
ein Frühling und ein neuer Sommer folgen,
jeder Nacht ein Tag und eine neue Nacht.
Und ich schließe für einen Augenblick die
Augen und denke: und mir ein anderer Mensch.

Wolfgang Schiffer aus: „Ich höre dem Regen zu“

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Eva Christina Zeller: „Muttersuchen“

Muttersuchen by Eva Christina Zeller
Muttersuchen von Eva Christina Zeller.

Autofiktionales Erzählen lebt von der Erleichterung, dass kein narrativer Bogen gespannt werden muss. Die Lebenszeit selbst gibt den Ton an, und alles andere reiht sich, Ereignis um Ereignis, wie die Perlen auf einer mit Bestimmtheit endenden Kette (nämlich spätestens im Jetzt). Was oft übersehen wird, im autofiktionalen Genre unbeachtet bleibt, läuft auf die Verdichtung der unwillkürlichen Erinnerung hinaus: die Erleichterung vom Plot findet gerade deshalb statt, um dialektische Bilder der Erinnerung im Stillstand zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund erscheint autofiktionales Schreiben als viel risikoreicher. Ergeben sich nämlich keine dialektischen Bilder im Stillstand, war das Schreiben gegenstandslos. Als Beispiele seien Ronya Othmanns Vierundsiebzig genannt oder Tijan Silas, Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2024, Radio Sarajevo. Eva Christina Zeller dagegen besitzt das Gespür und findet die Verdichtungen in ihrem neuesten Buch Muttersuchen:

Dieses Buch ist ein Zopf. Ein alter Zopf, der aus einer stickigen Schublade befreit wurde, um neu geflochten und gezopft zu werden. In ihm werden drei Stimmen verschränkt. Drei Texte aus drei Generationen. Großvater, Mutter, Enkelin. Sie wollen wissen, wer sie sind, und wagen sich ins Fremde vor. Sie reisen nach Bosnien oder Amerika. Sie suchen eine Aufgabe im Leben.
Eva Christina Zeller aus: „Muttersuche“

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