Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (iii: Universalien)

Ästhetische Theorie und der Universaliensstreit.

Im ersten Teil meiner Lektüre von Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie beschäftigte ich mich mit seinem Kunst-, im zweiten mit seinem Kritik-Begriff, also einerseits mit den objektiven (dem Kunstwerk eigenen) und sonach mit den subjektiven (dem Rezipierenden eigenen) Konstituentien einer ästhetischen Erkenntnis. Im dritten und letzten Teil wage ich nun eine Diskussion von Adornos Theorie-Position, die es ihm überhaupt erlaubt, verbindliche Verallgemeinerungen und Normen aufzustellen. Es wird also um seinen Wahrheitsbegriff und seine Kritik am Nominalismus gehen, der sich in seiner Auffassung vom Stand der Technik und des Materials niederschlägt und zu Aussagen wie diesen hier führt:

Begehrt das differenzierte und dynamisierte Ausdrucksbedürfnis der einzelnen Komponisten nicht länger die Fuge, die übrigens weit differenzierter war, als es dem Freiheitsbewußtsein dünkt, so ist sie gleichzeitig objektiv, als Form unmöglich geworden. Wer dennoch die bald sich archaisierende Form benutzt, muß sie ›auskonstruieren‹, ihre nackte Idee anstelle ihrer Konkretion hervortreten lassen; Analoges gilt für andere Formen.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“

Einer Theorie lässt sich stets dort auf den Pelz rücken, wo die Sätze mit „sollen“ und „müssen“ gebildet werden. In diesem Beispiel „muss“, wer die Figur der Fuge verwendet, etwas tun, was Adorno „ihre nackte Konkretion hervortreten lassen“ nennt, und worunter wohl zu verstehen ist, dass das Schema sich selbst reflektierend, als Setzung, durchbilden, also die Fuge fugenhaft dekonstruiert werden soll (vielleicht durch ineinander, durcheinander laufende zusätzliche Fugen und eine diese kontrastierende, fortlaufende Stimme). Wie jedoch legitimiert Adorno seinen Imperativ?

Es kann wahres oder falsches Glück in einem objektiven Sinne geben, und der erschöpft sich nicht darin, wie das einzelne Subjekt seine Erlebnisse glückvoll und leidvoll registriert. Darin liegt die Anmaßung der Theorie, darüber zu urteilen, was Glück und kein Glück ist.
Theodor W. Adorno aus: „Vorlesungen zur Ästhetik 1967-68“ (14.11.1967)

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Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (ii: Kritik)

Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno.

Im ersten Teil meiner Lektüre von Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie beschäftigte ich mit seinem Kunstbegriff und seiner Fassung des Schönen, das er gegen Immanuel Kants Begriff aus §9 der Kritik der Urteilskraft »Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt«, aber auch gegen Georg Friedrich Hegels Definition des »Schönen als des sinnlichen Scheinens der Idee« entwickelt. In Adornos Konzept des Schönen erweist sich dies als das der Gewalt der Form durch Form entkommende Einzelne:

Das Schöne in der Kunst ist der Schein des real Friedlichen. Dem neigt noch die unterdrückende Gewalt der Form sich zu in der Vereinigung des Feindlichen und Auseinanderstrebenden.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“  

Im zweiten Teil möchte ich nun Adornos Begriff des Kunstverstehens herausarbeiten, dem ein Großteil der Ästhetischen Theorie gewidmet ist, die so als Propädeutik, wie Kunst überhaupt zu begegnen sei, verstanden werden kann. Weniger urteilt Adorno, als dass er eine Verhaltensweise Kunstwerken gegenüber einübt, die er das mimetische Verstehen nennt:

Kunstwerke sind die vom Identitätszwang befreite Sichselbstgleichheit. Der peripatetische Satz, einzig Gleiches könne Gleiches erkennen, den fortschreitende Rationalität bis zu einem Grenzwert liquidiert hat, scheidet die Erkenntnis, die Kunst ist, von der begrifflichen: das wesentlich Mimetische erwartet mimetisches Verhalten. Machen Kunstwerke nichts nach als sich, dann versteht sie kein anderer, als der sie nachmacht.

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Robert Menasse: „Die Erweiterung“

Erzählen auf der Überholspur … Spiegel Belletristik-Bestseller (44/2022)

Erzählen findet in der Welt statt, und die Welt verändert sich aufgrund von Technologien. So ermöglichte der Buchdruck den modernen Roman, und Don Quijote von Miguel de Cervantes Saveedra gilt als einer der ersten. Es folgten Pamphlete, Almanache, Journale und schließlich Tageszeitungen, so dass Eugène Sue den Feuilletonroman mit Die Geheimnisse von Paris einführen konnte oder etwas später Fjodor Michailowitsch Dostojewski, dessen Schuld und Sühne als Fortsetzungsroman in der Monatsschrift Russki Westnik erschien. Es folgten Groschenromane (u.a. Perry Rhodan, Jerry Cotton), die ihre Spuren hinterließen, insbesondere als Drehbücher und Dialogkurzformen und Hörspielvorlagen, bis heute, in denen Hörbücher ihren Siegeszug angetreten haben. Robert Menasses Die Erweiterung liest sich als ein Konglomerat aus all diesen Einflüssen:

Besprechung ZK mit Ismail Lani. Anwesend: Mercedes, Fate Vasa und der neue Kommunikationschef Valon Bajrami.
Ismail berichtete. Als er fertig war, herrschte Schweigen.
Dann sagte Fate Vasa: Woher weißt du das?
Ich habe Quellen.
Der ZK: Wie zuverlässig sind deine Quellen?
Zu hundert Prozent. Ich rede nicht von Gerüchten, sondern von einem konkreten Plan.
Wer sind deine Quellen?
Hundert Prozent zuverlässig.
Wer?

Robert Menasse aus: „Die Erweiterung“
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Elfriede Jelinek: „Die Kinder der Toten“ (ii: Form)

Sprache gegen den Strich gelesen …

Im ersten Teil der Lesebesprechung von Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten habe ich versucht, den Plot zu rekonstruieren mit dem Ergebnis, dass der Roman hauptsächlich von drei Figuren handelt, die untot durch ein steirisches Wildalpendorf geistern: die Studentin Gudrun Bichler, die sich wegen universitären Leistungsdrucks in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat; die pensionierte Sekretärin Karin Frenzel und der Ex-Leistungssportler Edgar Gstranz, die beide bei einem Autounfall ums Leben kommen. Diese sehr grobe Rahmenhandlung wird von einer ganzseitig gedruckten Schriftrolle, einer Mesusa, eingeleitet, auf der in Hebräisch steht:

Die Geister der Toten, die solang verschwunden waren, sollen kommen und ihre Kinder begrüßen.

Elfriede Jelinek aus: „Die Kinder der Toten“
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Stefanie vor Schulte – Junge mit schwarzem Hahn

Von eigensinniger Tapferkeit in einer Welt des Grauens … auf der Shortlist des Bloggerdebütpreis

Selten tauchen Romane in der Gegenwart auf, die vom ersten Wort an, Eigensinn und Eigengesetzlichkeit beanspruchen. Sie wehren sich des Vergleichs und sprengen eine eigenartige Form von Zeitlichkeit. Stefanie vor Schultes Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ gehört zu diesen Werken. Äußerlich eine Art Märchen, inhaltlich eine Fabel auf Widerständigkeit, rhythmisch eine Parabel aufs Erzählen, und doch sonderbar romantisch in seiner poetischen Vermittlung des Hässlichen mit dem Schönen.

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Bernhard Schlink: „Die Enkelin“

Eine literarische Antwort auf politische Hilflosigkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller 45/2021

Bernhard Schlink schreibt mit „Die Enkelin“ den Gegenroman zu Juli Zehs „Über Menschen“, knüpft an Edgar Selges Familiendrama „Hast du uns endlich gefunden“ an und vermittelt im Unmöglichen, was Christoph Hein in „Guldenberg“ nicht gelingt. Er verfällt weder in Bevormundung, Belehrung, noch in resignierter Selbstbeschimpfung wie Heinz Strunk „Es ist immer so schön mit dir“, noch imaginiert er die Versöhnung und Wiederzusammenführung einer auf Grund gelaufenen Ehe wie Daniela Krien in „Der Brand“. Schlinks Roman siedelt sich im Zeitgeist an. Zur Debatte stehen Isolation, Umbruch, das Ende der DDR, Repression, Adoption und Alkoholismus. Wie in allen genannten Büchern spielen die neuen Medien keine oder nur eine Nebenrolle. Die Romane, zu denen auch Schlinks gehört, finden in einer zeitlosen Bundesrepublik Deutschland statt, die irgendwo zwischen dem Ende der 1980er und Anfang der 1990er stehengeblieben ist.  

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Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“

Ein ewigwährender literarischer Frühling … nominiert für den Preis der Leipziger Buchchmesse 2021

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ einen erstaunlichen, überraschenden, in seiner Breite und Tiefe einzigartigen Text vor. Zusammenfassend lässt es sich als poetisches Tagebuch begreifen. Es beginnt am 22.9.2017 und hört am 03.11.2019 auf. In unterschiedlichen Längen und Formaten reflektiert Mayröcker ihr Dasein, das Leben zwischen öffentlich und privat, zwischen berühmten Kollegen und unbekannten Freuden, in intimen Momenten und schmerzhaften Augenblicken. Der Text unterläuft die Einordnung Prosa und Lyrik, und deshalb nennt es die Autorin „ein Proem“ – diese Zwischenform erlaubt eine ungeahnte Freiheit, die abschrecken oder anziehen kann.

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Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

Der Versuch einer Verarbeitung der Vergangenheit … (Spiegel Belletristik-Bestseller 23/2021)

Leïla Slimani beschreibt in ihrem Roman „Das Land der Anderen“ Ereignisse rund um eine Familie in Marokko kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Es ist schwierig, in diesem polyphonen Roman Hauptfiguren zu sondieren. Auf dem ersten Blick fällt diese Rolle Mathilde und Amine zu. Mathilde stammt aus dem elsässischen Frankreich, und Amine aus Meknès in Marokko. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und ziehen gemeinsam nach Marokko. Zuerst wohnen sie bei Amines Mutter, wo auch sein Bruder und seine Schwester leben. Bald schon siedeln sie über zum Farmland des Erbes, bekommen Nachwuchs, und Amine beschließt, Olivenbaumzüchter zu werden. Die Ereignisse in Marokko beginnen sich zu überschlagen und das Buch endet dort, wo die Unabhängigkeitsbestrebungen beginnen oder ihren Abschluss finden.  

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