Bernhard Schlink: „Die Enkelin“

Eine literarische Antwort auf politische Hilflosigkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller 45/2021

Bernhard Schlink schreibt mit „Die Enkelin“ den Gegenroman zu Juli Zehs „Über Menschen“, knüpft an Edgar Selges Familiendrama „Hast du uns endlich gefunden“ an und vermittelt im Unmöglichen, was Christoph Hein in „Guldenberg“ nicht gelingt. Er verfällt weder in Bevormundung, Belehrung, noch in resignierter Selbstbeschimpfung wie Heinz Strunk „Es ist immer so schön mit dir“, noch imaginiert er die Versöhnung und Wiederzusammenführung einer auf Grund gelaufenen Ehe wie Daniela Krien in „Der Brand“. Schlinks Roman siedelt sich im Zeitgeist an. Zur Debatte stehen Isolation, Umbruch, das Ende der DDR, Repression, Adoption und Alkoholismus. Wie in allen genannten Büchern spielen die neuen Medien keine oder nur eine Nebenrolle. Die Romane, zu denen auch Schlinks gehört, finden in einer zeitlosen Bundesrepublik Deutschland statt, die irgendwo zwischen dem Ende der 1980er und Anfang der 1990er stehengeblieben ist.  

Die Fahrt durch den Regen, die Tropfen, die an der Scheibe herabliefen, schnell oder langsam, in kürzerer oder in längerer Spur – es machte Kaspar traurig. Manche Tropfen blieben klein, andere verschmolzen miteinander und wurden groß, alle wurden früher oder später vom Wind fortgeweht. Natürlich wusste er, dass die Tropfen nicht die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des Lebens offenbarten. Sie offenbarten auch nicht, dass Menschen ihre Wege nehmen und nicht zueinanderfinden, wenn der Wind des Schicksals sie nicht miteinander verschmilzt. Und doch quälte ihn alles dies.

Bernhard Schlink aus: „Die Enkelin“

Der Roman handelt von dem Berliner Buchhändler Kaspar, der von seiner Familie, seinem persönlichen Umfeld retten möchte, was zu retten ist, nachdem er gleich zu Anfang des Buches seine Frau Birgit tot im Badezimmer auffindet. Mittels Aufzeichnungen, Romanversuchen seiner Frau, ihren Recherchen und Nachforschungen erfährt er Neues über ihre Vergangenheit, reist in die ehemalige DDR, nach Brandenburg, und knüpft neue Bekanntschaften, sucht neue Wege, zu verbinden, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Die Gräben jedoch, die die Mitmenschen in ihre ideologischen Welten selbst fabrizierter Identitätskonstruktionen um sich herum ausgehoben haben, sind tief. Der Protagonist mit dem Namen eines Clowns möchte wenigstens der nächsten, neuen, noch frischen Generation Entscheidungsmöglichkeiten gewähren, Spielräume zur Entfaltung erringen, die sich langsam zu schließen drohen. Wie der Name des Romans sagt, handelt es sich um seine Stiefenkelin Sigrun, die in einer nationalbefreiten Kommune bei Björn, ihrem Stiefvater, und Svenja, ihrer Mutter, der Tochter von Birgit, aufwächst.  

»Ich [Björn] sag’s dir [Kaspar] noch mal. Wenn du versuchst, sie [Sigrun] gegen das, woran wir glauben, aufzubringen, ist es aus. Egal, ob du sie liebhast oder sie dich liebhat oder wir noch Geld von dir kriegen könnten. Es geht nicht um uns. Sigrun gehört Deutschland, und ich werde nicht zulassen, dass du sie Deutschland wegnimmst.«
»Warum kann sie nicht einfach die Welt kennenlernen, eure, meine und die vielen anderen, die es noch gibt, und sich ihren Platz in der Welt suchen? Warum …«
»Wenn die Welt stimmen würde. Wenn es eine Welt der Völker und der Familien wäre, der Gemeinschaft und des Anstands und der Arbeit. Dann könnte sie sich ihren Platz suchen, und sie würde ihn finden, weil in der richtigen Welt jeder Platz richtig wäre. Aber so weit ist es noch nicht.«

Der Roman beschreibt eine Tour de Force durch Gesinnungsfragen hindurch. Er exploriert die unsichtbare Grenze zwischen dem Respekt vor der Meinung eines anderen und dem Ablehnen und Bekämpfen der in dieser Meinung geäußerten Implikationen. Die Unvereinbarkeit der Welten wird spürbar erfahren. Die eine Welt verschließt sich der anderen, weil die eine Welt im Verschließen ihre Heimat bildet, die andere aber im Öffnen einen Sinn von Heimat sucht. Die eine Welt sucht die Abgrenzung, um in Isolation selbstbestimmt agieren zu können, die andere sucht das Verbinden, um Bewegung, Lernen, Wachstum zu ermöglichen. In der einen Welt geht es um Selbstfindung und Identität, in der anderen um Selbstentfaltung und um kosmopolitisches Durchmischen.

Er hatte lernen wollen, wie er Sigruns Gedankenwelt weiten und öffnen könnte, und war nicht klüger geworden. Es gab keinen Pfiff und keinen Trick, mit dem er Sigrun erreichen konnte. Er konnte nur mit ihr reden. Wenn sie mit ihm reden wollte. Immer wieder wurde er beim Gedanken an das letzte Gespräch über Musik mutlos. Sie hatte zugehört, sie hatte gemerkt, dass sie die deutsche Musik nicht heraushören konnte, sie hatten sich verständigt, dass es bei Musik auf deutsch und nichtdeutsch nicht ankommt, und ein paar Tage später zählten wieder die deutschen Komponisten, und war Satie eine Ausnahme.

Das Thema Meinung, politische Gesinnung, Identitätsbildung, und Identitätsstrukturen beschäftigt die Soziologie und Psychologie seit nunmehr 150 Jahren. Es gibt kaum etwas, was darüber noch nicht gesagt worden ist. Beispiele seien angeführt mit Elias Canetti „Masse und Macht“, Hermann Brochs „Massenwahn“, Sigmund Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse“, und soziologische Arbeiten wie „Studien zum autoritären Charakter“ von Theodor W. Adorno, Hannah Arendt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, oder die Kommunikationsforschung von Paul Felix Lazarsfeld, sowie von Ernst Jünger „Der Waldgang“, oder Judith Butler „Die Macht der Gewaltlosigkeit“, um nur einige zu nennen. Schlinks Roman stellt diesbezüglich eine Fingerübung in Sensibilität dar. „Die Enkelin“ erforscht Schmerzzonen des Verständnisses, wie weit geht die Sorge um die Enkelin, wann fängt der Selbstschutz an, wie viele Kompromisse erlaubt diese Sorge und wo beginnt Ignoranz, die Flucht als einziger Ausweg, die vielbeschriebene Schweigespirale einer Elisabeth Noelle-Neumann.

„Ich [Kaspar] war einmal im Winter hier [in der Neuen Wache bei der Käthe Kollwitz Plastik »Mutter mit totem Sohne«]. Ich war allein, es war still, es war kalt, es schneite. Der Schnee fiel durch das Deckenlicht, die Flocken tanzten und taumelten herab und legten sich der Mutter auf Kopf und Schultern, und der Anblick war so traurig, so schmerzlich – es waren eine Trauer und ein Schmerz, der allem galt, was nicht recht ist. Es ist nicht recht, dass Menschen im Krieg töten und sterben, dass sie gegeneinander gewalttätig werden und einander unterdrücken. Die Erde ist so groß und so reich, dass wir alle es gut auf ihr haben können.“

Der Roman ist nicht paternalistisch. Schlink betreibt keine Moralpredigt vom hohen Ross des Humanismus herunter. Er ist schlicht betroffen, hilflos, ratlos und kondensiert die Sprachlosigkeit in narrativer Geschlossenheit. Es gibt kein Entkommen. Die Probleme mehren und multiplizieren sich: Familien, die sich streiten; Autos, die brennen; Menschen, die töten, und andere, die getötet werden; Radikale, Autonome, nach sich selbst Suchende, Drogenabhängige, Verratene, Verlorene – sie alle tummeln sich in Schlinks Roman und können nicht zueinander finden. Die Gräben, die sie um sich herum gezogen haben, sind zu tief. Auch Literatur vermag sie nicht zu überbrücken.

„Beim Schreiben geht es endgültig nicht mehr darum, es den anderen recht zu machen. Es geht allein um mich. Man kann nicht für andere schreiben, für die Leser oder die Kritiker oder den Verleger, für die Großmutter und die Mutter, sondern nur für sich selbst.“

Das schreibt seine verstorbene Gattin, die ihre Trauer vergeblich in Alkohol zu ertränken sucht. Das schreibt aber auch der Roman „Die Enkelin“, die von einem Protagonisten handelt, der als Hofnarr zwischen den Fronten zu vermitteln versucht, ohne wirklich helfen zu können. Am Ende bleibt ihm zu hoffen, zu warten, geduldig an sich zu halten, nicht weiter Öl ins Feuer gießen, weder verzeihen, was nicht verziehen werden kann, noch zu verurteilen oder gar zu beschimpfen, wer nicht seine eigene Meinung teilt. Schlink will weder Frieden noch Krieg mit den neuen Identitäten schließen. Er möchte Kommunikation, Offenheit, Zartheit in die Welt bringen, und sein Roman schlägt deshalb bescheidene, freundliche, sanfte Töne an. Nur Gewalt, Gewalt darf einfach nicht sein und auch nicht entschuldigt werden.

Ihm [Kaspar] fiel ein Waldspaziergang ein, den sein Großvater mit ihm gemacht und auf dem er ihm gezeigt hatte, wie im Winter schon alles für den Sommer bereit ist. Er hatte eine braune Knospe an der Spitze eines braunen Zweigs mit dem Taschenmesser aufgeschnitten, und da waren die Blätter, die den Wald im Sommer grün leuchten lassen würden, alle schon da, blassgrün, winzig klein, ineinandergefaltet. Es war ihm als ein Wunder erschienen. Einen Augenblick war er versucht, das Wunder zu wiederholen, aber dann scheute er den Schnitt, die Gewalt, die Zerstörung.

Die Hilflosigkeit erstreckt sich auf viele Seiten. Teilweise schmerzhafte Diskussionen werden geführt, die kein Ende finden können. Das, was die Welt in dem Roman „Die Enkelin“ noch zusammenhält, ist das Geld. Der Stiefvater Björn und seine Frau Svenja benötigen das Erbe Sigruns. Im Geld sind sich alle einig. Das Geld wird verteilt, genommen, ausgegeben und weitergegeben. Geschenke werden akzeptiert, aber dienen nicht zum Anlass, ein Vertrauen aufzubauen, da es keine Basis besitzt. Ohne Geld ist kein Medium in Sicht, das die Gräben überbrücken hätte können, die auch nicht überbrückt werden können, aber Zeit für Sigrun und für ihre Entscheidungsmöglichkeit wird erkauft.

»Du wirst mir fehlen, Sigrun. Du bist eine liebe Enkelin.«
Sie lächelte ihn an. »Es ist schön bei dir. Auch wenn es immer deine Wahrheit sein muss und nicht meine sein darf.«
»Es gibt nur eine Wahrheit. Die gehört nicht mir und nicht dir, die ist einfach da. Wie die Sonne und der Mond. Und wie der Mond ist sie manchmal nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.«
»Rund und schön?«
»Es ist der Vers eines Lieds. Seht ihr den Mond dort stehen?/Er ist nur halb zu sehen,/und ist doch rund und schön./So sind wohl manche Sachen,/die wir getrost belachen,/weil unsre Augen sie nicht sehn. Was soll ich dir auf‌legen? Bach, Mozart? Du kennst dich inzwischen schon aus.«
»Etwas Neues, aber für Klavier.«
Er legte Satie auf.

Schlink und Kaspar wissen, dass der Wahrheitsbegriff nicht hinreicht. Die Flucht in die Musik, in den Freiraum der Lyrik, in die spielerische Permutation von Klang und Zauber, Gefühl und Harmonie zeigt, dass Argumente fehlen, wo Argumente nicht zählen, wo Leben sich als Widerstand definiert, als Behauptung und Abgrenzung gegen alles, was nicht Teil vom akzeptierten Ganzen ist. Die Verzweiflung Kaspars, seine Duldsamkeit, sein Zuhören und Warten, sein geduldiges Intervenieren ließe sich literarisch kaum gestalten, würde Schlink nicht einen Ort der Utopie aufheben, der sich im Roman stets dann meldet, wenn alles fest und eisern und leblos zu erstarren droht: die Tierwelt.

„Er [Kaspar] machte das kleine Fenster auf. Die Kastanie im Hof war noch kahl, aber in der Luft, die ins Zimmer zog, lag schon Frühling. Er hörte den Wechselgesang zweier Amseln, schaute nach ihnen aus, fand die eine, die nähere und lautere, auf dem Dachfirst des Hinterhauses und dahinter und leiser, auf der Spitze des Kirchturms, die andere. Er erinnerte sich, wie Birgit ihn vor Jahren eines Morgens weckte, weil die erste Amsel des neuen Jahres sang. Überhaupt hörte er die Amsel erst, seit Birgit ihn auf ihren Gesang zu achten gelehrt hatte.“

Der Gesang der Amseln ist der Frieden, das Reich der Tiere das Außen, von dem aus die Gesellschaft nicht festgefahren erscheinen kann. Dort, wo Amseln singen, kann nicht alles falsch sein, und es durchzieht den Roman, dass die Tiere den Menschen noch viel zu sagen haben, würde man mit ihnen kommunizieren können, hätte man gelernt, mit ihnen zu sprechen.

Eines frühen Morgens trat ich [Birgit, Kaspars Frau] aus der Datsche und sah einen Fuchs. Er kam aus dem Wald, unter dessen letzten Bäumen die Datsche stand, und lief über die Wiese. Er wandte mir den Kopf zu und sah mich an. Er nahm Kenntnis von mir, wie ein Hausherr von den Soldaten Kenntnis nimmt, die in seinem Haus einquartiert sind und von denen er sich in seinem Zimmer nicht stören lässt und die bald weiterziehen werden. Er verschwand im Schilf, als wolle er baden gehen. Ich hätte gerne mit ihm geredet.

Die Utopie ist der Frieden, die Sicherheit, wo Gewalt weder von innen noch von außen droht, aber schon gar nicht von innen, wo Erwartung eine regulative Idee eines Gemeinsamen ist, das nicht feststeht, sich in einem dynamischen Gleichgewicht entwickelt und erneuert, um Platz für Neues und neue Teilnehmer zu schaffen.

„Aber wir sind Wesen, die ein Zuhause brauchen, und wenn wir Nomaden sind und unser Zelt immer wieder abbauen und aufschlagen, ist das Zelt unser Zuhause. Kaspar erinnerte sich an den Hund und die Katze, die Birgit und er eine Weile hatten. Den Hund hatten sie auf einer Fahrt über Land auf der Straße gefunden, angefahren und verletzt, und die Katze war einer Freundin zugelaufen, die sie nicht behalten konnte. Wie hatten sich die beiden Tiere gefreut, ein Zuhause zu haben! Kaspar sah sie vor sich, wie sie im Flur neben dem Schrank aneinandergekuschelt schliefen.“

Bernhard Schlinks Roman ist keine leichte Lektüre. Er ist eine bittere Pille mit unheimlichem Nachgeschmack. Das Geld, der Reichtum spielen eine zu große Rolle – und erzeugen eine unheimliche Drohgebärde sollte das Geld und der Wohlverstand einmal fehlen. Selbst die Imaginationskraft reicht scheinbar nicht mehr aus, Versöhnung zu antizipieren. Die Worte zerfallen, rattern, raunen hilflos ins Leere. „Die Enkelin“ ist lesenswert, bedenkenswert. Der Roman erscheint als eine Improvisation auf Theodor W. Adornos Utopie, die er leise und nebenher in seiner „Negativen Dialektik“ äußert:

„Dem Einzelnen indessen bleibt an Moralischem nicht mehr übrig, als wofür die Kantische Moraltheorie, welche den Tieren Neigung, keine Achtung konzediert, nur Verachtung hat: versuchen, so zu leben, daß man glauben darf, ein gutes Tier gewesen zu sein.“

Theodor W. Adorno aus: „Negative Dialektik“

Diese Hoffnung mag man am Ende der Lektüre Kaspar, dem Protagonisten, als erfüllt bestätigen. Wie viel mehr ist Ansichtssache.

8 Antworten auf „Bernhard Schlink: „Die Enkelin““

  1. Sehr spannend. Habe das Buch bereits in den Händen gehalten und dann doch nicht mitgenommen. Der Beginn erscheint wie bei “ Das Ungeheuer“ von Terezia Mora.
    Das Miteinander im Gespräch bleiben erscheint mühsam. Gegen Verblendung anzukommen….nachvollziehen ohne zu folgen. Was ich mich oft Frage, warum der DDR nicht gelang was den Rechten sehr oft gelingt. Kinder die in solchen Verhältnissen gross werden bleiben indem Umfeld und dem Gedankengut oft treu verbunden

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      alexander.carmele sagt:

      Ja, das stimmt. Ich hätte das Buch auch nicht gelesen, aber ich habe meinen Blog ja angefangen, um eben mir einen Rahmen zu bauen, die Bücher aus den Bestseller-Listen zu lesen, die ich sonst nicht lesen würde 🙂 … es ist eine sehr emotional erschöpfende Lektüre, während derer ich mich oft innerlich entzog und Abstand nahm. Die Soziologie der DDR, oder eher die Sozialpsychologie dieses Arbeiter-und-Bauern-Staates ist in der Tat höchst eigenartig. Die Kinder wurden geradezu das diametrale Gegenteil – ich denke, es ist Trotz, die Lust am Verbotenen, am Tabubruch, da spricht aber mglw. der Freudleser in mir! Danke für den Kommentar!

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