Das Cover von Kristine Bilkaus neuestem und mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichneten Roman Halbinsel zeigt die Rückansicht einer Frau, die die Arme hinter dem Rücken über Kreuz hält. Um sie herum wabern drei Seifenblasen. Sie wirkt entspannt, aber auch entwaffnet und ungeschützt durch ein schwarzes Kleid, das, von zwei schmalen Trägern gehalten, die Schultern und das Kreuz der Frau unbedeckt lässt. Das Cover nimmt die Thematik des Buches auf: Vulnerabilität und Einsamkeit. Bilkau führt mit dem Buch ihren letzten Roman Nebenan weiter mit dem Stoff Familie und dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander:
Als Linn anderthalb Jahre alt war und laufen gelernt hatte, wollte sie jede Treppe allein hochklettern. Sie zappelte und schrie, sobald ich sie auf den Arm hob, auch an die Hand durfte ich sie nicht nehmen. So viele Male stand ich mit angehaltenem Atem hinter ihr, während sie wie in Zeitlupe Stufe um Stufe hochstieg und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Jeden Moment war ich bereit, meine Tochter aufzufangen. Ich sah das Stolpern und Stürzen in grellen Details. Bei dem Gedanken an das Geräusch, den dumpfen Aufprall, kniff ich unweigerlich die Augen zusammen. Mit dem Kind war mit einem Mal eine neue, intensive Vorstellungskraft da.
Kristine Bilkau aus: „Halbinsel“
Inhalt/Plot:
Die Hauptfigur von Halbinsel heißt Annett. Sie lebt in Norddeutschland, arbeitet als Bibliothekarin und hat mit 49 Jahren eine 25jährige Tochter namens Linn, die als Ökologin in Berlin für ein Unternehmen arbeitet, das sich um Kohlendioxid-Zertifikate und den Handel mit ihnen kümmert, sowie um Wiederaufforstung und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung. Annetts Ehemann und Linns Vater Johan starb vor 19 Jahren beim Joggen, und seitdem leben Tochter und Mutter zusammen und meistern mit Höhen und Tiefen ihr Leben. Der Titel Halbinsel verweist auf den Status Linns als Halbwaise, aber auch auf das Heimatdorf, das auf einer Landzunge liegt und im Zuge des Meeresspiegelerhöhung droht, im Meer zu versinken:
Sie habe damals mit animierten Weltkarten im Internet ausgerechnet, welche Teile unserer Gegend in fünfzig, in hundert, in hundertfünfzig Jahren überflutet sein könnten, erklärte [Linn].
Das Blau schwappte ins Landesinnere. Untergang. »Was meinst du mit animiert?« […] »Kennst du sicher, interaktive Grafiken, die ausrechnen, wie der Anstieg des Meeresspiegels sich auf eine Region auswirkt«, sagte sie. »Klick, ein Meter Anstieg. Klick, fünf Meter, Klick, zehn Meter. Was übrig bleibt in fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Kann man sich alles anzeigen lassen.«
Die Bedrohung des Unterganges durch die weltweite Klimaveränderung und das Schmelzen der Polarkappen wird in Halbinsel parallelisiert mit dem Fehlen des Vaters und durch dieses die scheinbar mangelhafte Durchsetzungsfähigkeit der Tochter. Als nämlich Linn gegen die Strategien des Unternehmens protestieren und hierzu einen unautorisierten Vortrag auf einer Konferenz vortragen will, bricht sie vor Nervosität zusammen, reißt ein Saftglas vom Tisch, verunreinigt eine Wand, ein Gemälde und stößt sich auch noch empfindlich den Kopf. Ihre Mutter holt sie aus einem nordbrandenburgischen Krankenhaus ab und bringt sie zur Rekonvaleszenz nach Hause. Wie sich bald darauf zeigt, zögert diese sich länger heraus, viel länger als anfangs von Annett gedacht:
Ich hatte mir eine Woche Urlaub genommen, mit dem Zug war ich nach Berlin gefahren, dort hatte ich einen Mietwagen gebucht. Meine Tasche hatte ich für zwei bis drei Tage gepackt. Nach dem Besuch beim Restaurator wollte ich in einer Pension in der Gegend übernachten, spazieren gehen, in einem nahen Badesee schwimmen. Nach fast drei Monaten mit Linn unter einem Dach sehnte ich mich danach, für ein paar Tage allein zu sein.
Die durch den Ohnmachtsanfall entstandenen Kosten prüft Annett nach, indem sie sowohl die Schäden am Gemälde wie an den Wänden des Konferenzsaals begutachtet, vor allem, um investigativ den Kostenvoranschlägen, die der Versicherung vorliegen, auf den Zahn zu fühlen. Die Kosten sprengen nämlich die nicht allzu pralle Haushaltskasse, und Linns Versicherungsstatus ist zu allem Überdruss auch nicht völlig geklärt. Glücklicherweise bringen die neu eingezogenen Nachbarn einiges Leben in die Bude, insbesondere der 30jährige Levin, der dezent Interesse an Annett bekundet.
Stil/Sprache/Form:
Bilkaus Schreibstil in Halbinsel setzt konsequent das Lakonisch-Ruhige, das Nüchtern-Abgeklärte aus Nebenan fort, das unaufgeregt, gelassen vom Wunsch einer Frau erzählt, ein Kind zu bekommen. Hier, in Halbinsel, hat diese Frau das Kind, Linn, und sorgt und kümmert sich um diese Tochter, die ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten muss, insbesondere den Verlust ihres Vaters. All dies geschieht nur angedeutet, sanft beschrieben, zurückhaltend und losgelöst schemenhaft, um jedwede Schärfe und Härte zu vermeiden, selbst bei den ernsteren Themen wie Tod und Verlust:
Ich dachte über Fürsorge nach, für das eigene Kind. Wie sehr stand diese Fürsorge der Freiheit des Kindes im Weg? Darin lag ein Konflikt, tatsächlich ein Widerspruch. Ich hatte die beiden Seiten, Fürsorge und Freiheit, jeden Tag aufs Neue ausgelotet. Ohne den Widerspruch auflösen zu können. Mit einem bittersüßen Gefühl der Ungewissheit. Die Ungewissheit darüber, wie man das eigentlich machte, einen Menschen, den man geboren hatte, großzuziehen und auf diese Welt vorzubereiten, eine Welt, die so anders sein würde als jene, in der man selbst aufgewachsen war.
Diesen sehr ernsten Fragen wird nüchtern, sanft entgegengetreten, mit schwebend-leichtem Gemüt. Sie wirken eher wie kleine Leuchtpunkte, Orientierungen, wie Glitter und Glimmer, die zwischendurch aufblitzen, zugleich ein kurzes Unbehagen wie aber auch Behagen erzeugen, eine Art Rückbesinnung und Rückversicherung durch die Erleichterung, dass allein schon an diese Fragen zu denken, ausreichen möge, den schlimmsten Fehler zu verhindern, der darin bestünde, Linns Selbstentfaltung empfindlich zu beeinträchtigen.
Das Recht eines Kindes, denke ich, warum reden wir darüber so selten. Das Recht auf Schutz und Unversehrtheit, das Recht auf Zukunft. Das Recht von uns mehr zu verlangen für diese Zukunft, die nicht uns gehört, doch über die wir verfügen, die wir prägen durch alles, was wir tun oder unterlassen.
Der Roman Halbinsel ist ganz in diesem Sinne in einem selbstermahnenden Ton der Zurückhaltung verfasst. Annett muss verschwinden, ihre Bedürfnisse hintanstellen, sich auf das Wohl Linns besinnen, die wegen ihres Burnouts und ihrer Frustration mütterliche Hilfe benötigt. Bilkau setzt diesen Ton durch assoziatives, schwebendes, sehr freies und lockeres Erzählen um. Die Bilder und Figuren finden fast von alleine zueinander, bilden ein in sich bewegtes Gefüge, das mehr an eine Art Stundenbuch oder an einen Erbauungstext gemahnt. Hier besitzt Halbinsel sehr viel Ähnlichkeit zu Helga Schuberts entsagungsvollem Der heutige Tag, in welchem sich die Ich-Erzählerin ebenfalls ermahnt und zurückruft in die selbstauferlegte Pflicht, sich um ihren pflegebedürftigen Mann Derden zu kümmern, statt auf der Mithilfe der erwachsenen Kinder aus dessen erster Ehe zu bestehen.
Schlechtes Gewissen, wenn ich an mich denke. Und Selbstbehauptung. Gar nicht der Wunsch, aber doch das befreite Gefühl, schon beim Gedanken, dass eine Zeit kommen könnte, in der ich über mein Leben verfügen kann. Und mein inneres Verbot, über positive Folgen seines Todes nachzudenken. Der Wunsch, in der Nähe der Familie meines Sohnes zu wohnen, und die Furcht, so hilfsbedürftig und abhängig, wie Derden jetzt ist, selbst einmal zu werden.
Helga Schubert aus: „Der heutige Tag“
Der Protest erstickt jedoch in Andeutungen, wie in Halbinsel, wodurch beide Bücher, Roman wie Stundenbuch, einen das Selbst dissoziierenden Grundton erhalten.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Neben dem teilweise sanft reflektierenden Sachbuch-Charakter, das dialogisch über die Erziehungsprobleme im Zeitalter von globalen Krisen handelt, und den Stundenbuch- und Besinnungspassagen, die an Helga Schubert erinnern, besitzt Bilkaus Halbinsel große inhaltliche Ähnlichkeit zu Sylvia Plaths Die Glasglocke. Auch in diesem Roman stirbt der Vater früh, und ebenso erleidet die Tochter einen psychischen Zusammenbruch, benötigt eine Rekonvaleszenz und zieht zurück zur Mutter, und eine Rechnung, hier vom Krankenhaus, muss beglichen werden. Der große Unterschied besteht in der Umsetzung, denn in Halbinsel erzählt die Mutter aus der Ich-Perspektive, in Die Glasglocke Esther Greenwood selbst. Das Prekäre, Problematische, das Angstbesetzte durchschreitet bei Plaths die Tochter selbst und löst dort auch ihre eigenen Probleme:
Dann sah ich hinter dem Sarg und den Blumen und dem Gesicht des Geistlichen und den Gesichtern der Trauernden die welligen Rasenflächen unseres Friedhofs, knietief unter Schnee versunken, aus dem die Grabsteine wie Kamine ohne Rauch aufragten. Irgendwo dort war ein schwarzes, zwei Meter tiefes Loch in den harten Boden gehackt worden. Jener Schatten würde sich mit diesem Schatten verbinden, und die eigentümlich gelbe Erde unserer Gegend würde die Wunde in all dem Weiß verschließen, und der nächste Schnee würde auch die Spuren von Neuheit an Joans Grab auslöschen. Ich holte tief Luft und lauschte dem Prahlen meines Herzens.
Ich bin, ich bin, ich bin.
Sylvia Plath aus: „Die Glasglocke“
Ähnlich wie Plath lebt Bilkaus Stil durch Andeutungen, sanfte Zwischentöne, hingehauchte Möglichkeitsräume von Bedeutung und Bedeutsamkeit. Nur besitzt Plaths eine klarere Richtung, eine Art unterirdischen Sog, der in Halbinsel versickert. Annett dringt nicht zu Linn durch, und Linn schafft es nicht, aus ihrer Lethargie heraus. Sie bleiben einander gekettet und vermögen es nicht, sich gegenseitig Freiräume zu erwirken. Linns Abhängigkeit-akzeptierende Selbstbescheidung trifft auf Annetts Erwartungsdruck:
Sie sammelte die Holzperlen vom Boden, von denen ich nicht wusste, was sie Johan bedeutet hatten und warum er sie aufbewahrt hatte. »Insgeheim bist du wahrscheinlich enttäuscht, weil ich unter deinen Erwartungen bleibe«, sagte sie. »Das würdest du so natürlich nie aussprechen, weil es nicht in das heutige Konzept von Elternschaft passt. ‚Du hast so viele Möglichkeiten, so viele Fähigkeiten‘, sagst du lieber, weil es so ermutigend klingt, aber eigentlich denkst du – mach was daraus, streng dich an. Vermassel es nicht!«
Sie hielt die Holzperlen in der hohlen Hand, musterte sie, dann sah sie mich an. »Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin wie ein Projekt für dich. Ich soll deinen Ehrgeiz befriedigen, den du dir selbst aber nie eingestehen würdest. Ich soll deine Hoffnungen erfüllen.«
Mutter und Tochter finden nicht zueinander. Linns Unzufriedenheit bleibt, und Annett übt sich in Geduld und beruhigt sich im Gewissen, dass ihre Tochter, wie unwahrscheinlich es auch immer scheint, zumindest für das Gute zu kämpfen versucht, auch wenn sie auf Schritt und Tritt an sich und ihren eigenen Ansprüchen scheitert. Bilkau schließt lakonisch, nüchtern, auch verwirrt. Wie ihre Tochter ihr Leben in den Dienst des Klimaschutzes stellt, so stellt die Mutter ihr Leben einzig in den Dienst ihrer Tochter. Was bleibt, sind kleine Freuden, wie der töchterliche Urlaub mit Freuden an einem See, und die kurzen Schäferstündchen der Mutter beim Nachbarn Levin. Das Buch unterstützt diese Form in der leisesten möglichen Prosa, die denkbar ist, und von Rainer Maria Rilkes Lyrik im Buch von mönchischem Leben auf den Punkt gebracht wird:
Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
denn der Ton Tod will sich erhöhn –Aber im dunklen Intervall versöhnen
sich beide zitternd.
Und das Lied bleibt schön.
Rainer Maria Rilke aus: „Das Stunden Buch“
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 08.04.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich Umlaufbahnen von Samantha Harvey vorstellen, das ebenfalls für den Leipziger Buchmessepreis in der Kategorie Übersetzung nominiert worden ist.
Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

Vielen Dank für diese tolle Besprechung. Ich habe das Buch angelesen, ( ich gebe zu ich hatte Vorurteile in Form von – na da ist wieder ein Buch prämiert worden, dass sich gut verkaufen lässt) würde dann aber sehr positiv überrascht. Spannend, dass du es mit Plath Glasglocke in Beziehung setzt. Neuer Aspekt, werde noch mal in beide Bücher reinschauen
Ich denke, dass sich aus dem Vergleich mit Plath mehr ziehen lässt, als der von der Autorin selbst nahegelegte mit Storms „Schimmelreiter“ – es geht ja um Syndrome und das Suchen aus der Orientierungslosigkeit herauszukommen, nur dass hier die Mutter nach einer Loslösung drängt, ohne sie wirklich hinzubekommen. Wie das aber mit der Erweiterung der Vorstellungskraft zusammenhängt, von der Bilkau im Prolog schreibt, weiß ich nicht. Dafür ist es dann wiederum leider viel viel zu kurz, denn die Szene mit dem Pferd im Wattenmeer hätte mehr Ausführungen bedurft, um mich zu interessieren. Vielleicht findest du einen Ansatz, die Passagen zu integrieren. Viele Grüße!!