Patrick Modiano, Literatur-Nobelpreisträger von 2014, schreibt um einen Erinnerungskern herum, den er aktiv am Schweben hält. Seine Ich-Erzählweise schließt sich klar einer Miniaturform von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit an und viele Motive, die in seinem neuesten Roman Die Tänzerin vorkommen, hat er bereits in früheren behandelt, beispielsweise die Pariser Bahnhöfe wie den Gare de Saint-Lazare, den er in Eine Jugend (1981) als „eine Senke, eine Art Trichter, in den alle schließlich hineinrutschen“ bezeichnet. In Die Tänzerin übernimmt diese Rolle der Gare d’Austerlitz, als sie Pierre, den Sohn der Tänzerin, abholen:
Und doch erinnerte mich diese Halle ohne Reisende an die Gare d’Austerlitz, an jenem Abend, als wir, die Tänzerin, Hovine und ich, auf Pierres Zug warteten. Ja, in einer sehr fernen Zeit hatten sich in der Halle der Gare d’Orsay noch Menschen gedrängt, und drei Personen — eine Frau und zwei Männer — waren ein Kind abholen gekommen, und wie wir standen sie am Kopf des Bahnsteigs und versuchten es im Strom der Reisenden zu entdecken. Dann waren sie den Bahnsteig entlanggegangen und hatten gesehen, wie es mit seinem Koffer aus einem der letzten Wagen stieg. Und am Ende war ich überzeugt, das seien wir, denn die gleichen Situationen, die gleichen Schritte, die gleichen Gesten wiederholen sich über die Zeit hinweg. Und sie sind nicht verloren, sondern auf alle Ewigkeit eingeschrieben in die Trottoirs, Mauern und Bahnhofshallen dieser Stadt. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Patrick Modiano aus: „Die Tänzerin“
Inhalt/Plot:
Im Jahre 2023 trifft ein namenloser Ich-Erzähler in Paris einen alten Bekannten wieder, der aber vorgibt, ihn nicht zu erkennen. Auf die Nennung seines Namens hin, Serge Verzini, reagiert dieser nicht, zuckt nur mit den Achseln, gehen dann aber dennoch in ein Café, wo der Ich-Erzähler ihm ein paar Fragen zu stellen wagt in der Hoffnung, auf diese Weise die Erinnerung des Bekannt-Unbekannten auf Trab zu bringen. Ohne Erfolg. Am Ende gibt ihm der Unbekannte, der auch sein Bekannter sein könnte, zumindest seine Telefonnummer und stellt ihm in Aussicht, sich beim nächsten Treffen vielleicht besser erinnern zu können. Die Begegnung löst nun ihrerseits beim Ich-Erzähler einen Erinnerungsfluss aus, und so gleitet der Text unversehens aus dem Jahr 2023 fünfzig Jahre zurück in das Paris der frühen 1970er:
Wir verlassen das Restaurant [Verzinis], und dieser Mann in ihrer Begleitung, dessen Gesicht für immer ausgelöscht ist, verabschiedet sich draußen auf dem Trottoir. Ich bin allein mit ihr. Sie sagt, sie wolle noch ein Stück laufen und ihre Wohnung sei nicht weit von hier. Ich biete an, sie zu begleiten. Wir gehen den Boulevard Pereire entlang, dann die Avenue de Villiers. Die Luft ist mild, fast sommerlich, und doch scheint mir, es war im November. Und ich bin überzeugt, die Bäume hatten noch ihre Blätter.
Der Ich-Erzähler vermag sich an vieles nicht mehr genau zu erinnern. Im Zentrum jedoch der Gedächtnisspuren, als sammelnde Linse, steht eine Tänzerin, die wie der Ich-Erzähler namenslos bleibt, aber durch den Text hindurch an Stärke, Intensität und Lebendigkeit immer weiter zunimmt. Die Tänzerin reiht assoziative Momente der Jungerwachsenenzeit des Ich-Erzählers aneinander, die ineinander übergehen, sich zwanglos durchdringen, miteinander verbinden, ja, in der Wortstruktur fast in Wiederholung und Melodie zu tanzen beginnen. Die Vergangenheit wird lebendig, und mit ihr diese geheimnisvolle Person, die im Tanz ihre Rettung und Stärke, ihre Immunisierungsstrategie gefunden hat, mit der sie des Lebens Unbill, der Gewalt, den Nachkriegsproblemen und männlichen Zudringlichkeiten die Stirn zu bieten vermag.
Du musst auch lernen, »den Ellbogen zu brechen«, damit ein Eindruck von Zartheit entsteht. Ja, den Ellbogen brechen. Der Tanz, sagte [ihr Lehrer] Kniaseff, ist eine Disziplin, und sie hilft dir zu überleben. Eines Abends saß er mit ihr an der Bar im Studio Wacker, im Halbdunkel. Sie waren allein, denn der Unterricht war längst zu Ende. Er erklärte ihr, diese Disziplin gebe dem Leben wirklich einen Sinn und verhindere, dass man abdriftet.
In Die Tänzerin geht es um die poetische Form eines Schwebens, das gegen eine Form der Ellbogenmentalität, die sich in der Nachkriegsgesellschaft zunehmend herausgebildet hat, Einspruch erhebt, gegen eine Ernsthaftigkeit, die die Leichtigkeit der Dinge vergisst, gegen die Schwere, die herabzieht, und durch den Tanz zum Fliegen einlädt. Im Stoffbereich Körper-Geist-Bewusstsein verfasst Patrick Modiano also mit Die Tänzerin einen mystischen Text im Sinne einer im Ballett angelegten Kosmischen Selbstüberschreitung.
Eine nicht Spoiler-freie Inhaltsangabe findet sich hier.
Stil/Sprache/Form:
Inhaltlich passiert in Modianos Roman nicht viel. Dieser lebt vielmehr von der Stimmung, der lockeren, losen Assoziationsübung, einer Form der Spurenlese und Erinnerungssuche, die den Bildern, Gefühlen, den Eindrücken nicht auf den Pelz rückt, sie vielmehr aus der Distanz, aus einem Nebel hervorsteigen lässt, als Emergenz, um sie so schadlos und bruchlos wie möglich erscheinen zu lassen. Hier setzt Modiano ein Schreiben im Sinne von Marcel Proust fort, der in der ‚memoire involuntaire‘ das Mittel sieht, die Vergangenheit so unverfälscht wie möglich zu Bewusstsein zu bringen:
Das Gedächtnis ist nicht imstande, uns von so vielfältigen Eindrücken auf der Stelle ein Erinnerungsbild zu liefern. Dieses bildet sich nach und nach; und mit Werken, die man zwei- oder dreimal gehört hat, geht es einem wie dem Schüler, der vor dem Einschlafen mehrmals eine Lektion durchgelesen hat, die er nicht zu können meinte und die er am Morgen auswendig hersagen kann.
Marcel Proust aus: „Im Schatten junger Mädchenblüte“
Modianos Roman zeichnet sich jedoch im Gegensatz zu Prousts ausufernden Unterfangen durch seine bewusst eingegangene Fragmentarizität aus. Es will nur eine Skizze, eine Momentaufnahme sein, keine Glasglocke oder Schneekugel einer einst faszinierenden, nun vergangenen Zeit bilden. In Abgrenzung zu Proust nimmt Modiano die Zeit seines Textes nicht als linear wahr. Sein Ich-Erzähler trauert keiner Vergangenheit nach. Er holt sie auch nicht zurück. Er evoziert sie direkt aus der Gegenwart heraus:
Ich dachte, die Erinnerung an sie käme zu mir, wie das Licht von einem seit tausend Jahren erloschenen Stern, nach den Worten eines Dichters. Nein. Es gab keine Vergangenheit, keinen erloschenen Stern und keine Lichtjahre, die uns für immer voneinander trennen, es gab nur diese ewige Gegenwart.
Hiermit aber scheint Die Tänzerin eine ins Positive gewendete Form der Traumatisierung darzustellen, eine innerlich-gefühlte, vorhandene, sentimentale Spur der Präsenz dessen, was einst gefühlt, erlebt, gewollt und gelebt worden ist. Der Stern, der verloschen schien, beginnt erneut aufzuleuchten und die Gegenwart selbst zu verändern. Modianos Erzählinstanz gelingt dies, indem sie zwanglos Erinnerungsstücke aneinanderreiht, musikalisch-melodisch vereint, wie in einem Tanz, lose, sich umeinander drehend, zueinander zurückkehrend, wiederholend, neu beginnend, mosaikhaft zum Schweben einlädt.
Kniaseff zufolge musste der Körper sich erst einmal erschöpfen, um dann zur Leichtigkeit und Geschmeidigkeit der Bewegungen von Beinen und Armen zu gelangen. Und das Wort »sich erschöpfen«, dass er in russischer Manier aussprach, war ihr nicht auf Anhieb verständlich. Als er eines Tages mit ihr allein war, hatte er den Sinn erklärt: Ja, es ging darum, durch ständige Übungen »die Knoten zu entknoten«, und das tat weh, doch waren sie einmal »entknotet«, verspürte man Erleichterung, man war befreit von den Gesetzen der Schwerkraft, genau wie in Träumen, wo der eigene Körper in der Luft schwebt oder im leeren Raum.
Diese Form der Poetik löst den Gordischen Knoten geduldig und zerschlägt ihn nicht, wie Alexander der Große den historisch gewordenen, durch Bedeutungszuschreibung, Kausalität und Erklärungsnot. Es gelingt, indem die Figuren respektvoll im Halbschatten gelassen werden, geheimnisvoll aus ihm hervorleuchten dürfen und nie gezwungen werden, Farbe zu bekennen.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Von der Erinnerungspraxis abgesehen, die klar auf Marcel Proust verweist, besteht eine große Ähnlichkeit zu Jean de Palacios Das Porträt, das das Tänzerische bei Modiano in die Musik und die Versprachlichung verlegt. Dort wird eine Liebe gesucht und gerettet im gemeinsam gefundenen Schweigen und der Musikalität des erlebten Augenblicks:
Das Porträt an der Schlafzimmerwand ließ sie nicht aus den Augen. Es schien jede ihrer Bewegungen zu verfolgen, die kleinste Geste zu umfangen, gemeinsam mit ihr die ‚Barricades mystérieuses‘ zu hören. Nicht jene Barrikaden, auf denen man stirbt; sondern die, hinter denen die Stille entsteht, undurchdringlich für Sprache, aber durchlässig für Musik, dabei sind sie der Schutzschirm, an dem die Gemeinschaft endet und die Unabhängigkeit beginnt.
Jean de Palacio aus: „Das Porträt“
Schweigen spielt auch in Die Tänzerin eine große Rolle. Dinge werden verschwiegen. Sie müssen verschwiegen werden, um Heilung zu ermöglichen und auch Gemeinsamkeit und Vertrauen zu stiften. Das Schweigen erscheint dann als Rettung, und hier spielt dann auch die Musik von Chopin und J.M. Coetzees Der Pole mit hinein. Modiano beschreibt eine Form der Freundschaft, der Innigkeit, die über das rein sinnliche Moment hinausschießt, um Sinn, Wechselwirkung, Geborgenheit zu schaffen:
Ich war überrascht, dass dieser Mann mit der massigen Gestalt in seinem Mantel diese Worte ausgesprochen hatte: »[Die Tänzerin] mag Sie offenbar sehr.« Ich hätte mir nie vorstellen können, dass eine solche Erklärung von ihm käme, denn [Verzini] wirkte immer so schroff. Und sie? Ich wusste nicht, was sie wirklich von mir dachte, und ich hatte schnell gemerkt, Vertraulichkeiten waren nicht ihre Stärke. Doch Schwätzern hatte ich immer misstraut. Und ich mochte ihr Schweigen.
Von allen möglichen Bezügen, die inhaltlich anschlussfähig wären, sticht jedoch literaturgeschichtlich James Baldwins Giovannis Zimmer hervor, das wie Modianos Die Tänzerin in der Pariser Halbwelt spielt, Morgengrauen kennt, Wohnungsnot, Existenzangst, prekäres Künstlertum thematisiert, eine Art Treiben und Driften durch die Großstadt beschreibt, ohne jedoch Rettung in der Leichtigkeit des Tanzes zu finden. In James Baldwin bleibt alles schwer, gleichsam atmosphärisch, aber notgedrungen, bedeutungsbeladen, da Lügen, Betrügen, Falschheiten das Leben der Figuren bestimmen. Nicht so bei Modiano. Hier bleibt von Anfang an trotz dieser dichten Großstadtatmosphäre eine Leichtigkeit erhalten, die ihre Inkandeszenz in der Mutter-Sohn-Beziehung erhält, als diese nach einer Weihnachtsmesse auf der Straße zu tanzen beginnen:
Wir treten aus der Kirche und machen uns auf den Heimweg. Die Tänzerin hält Pierre an der Hand. Zum ersten Mal sehe ich die zwei so, und ich denke an Pierres Ankunft in der Gare d’Austerlitz und an die Verlegenheit der beiden auf dem Bahnsteig, als sie einander gegenüberstehen. Dann beginnt sie plötzlich einen Pas de deux mit ihm zu tanzen […] Pierre betrachtet sie lachend. Ich dagegen imitiere Kniaseffs Stimme, die ich so oft gehört habe, im Studio Wacker. »Und jetzt, meine Damen, meine Herren, lassen Sie uns Ordnung bringen in all das.«
Patrick Modianos Die Tänzerin erscheint als der helle Gegenentwurf zu James Baldwins Giovannis Zimmer. Beide zusammen ergeben ein Paris, in welchem sich Licht und Schatten mischen, und Modiano, so wie er schreibt und dichtet, lässt beides ineinander übergehen, schwerelos fließend, als gäbe es gar keine Probleme.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 03.06.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich Anne de Marcken: Es währt für immer und dann ist es vorbei besprechen. Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Ich habe gerade einen spontanen Einfall nachdem ich deine Rezension jetzt ein drittes mal lese ( nebenbei: ich freue mich riesig auf Proust und Giovannis Zimmer).
Denkst du mann könnte die Tänzerin und den Icherzähler als Figuren begreifen die ehr zufällig, wie aus Versehen „Kairos“ ergreifen?
Bisher habe ich das immer als sehr eruptiven Moment des Handelns begriffen. Aber Modiano öffnet Kairos für mich hin zur stillen Geste, da der Icherzähler so voll in der Gegenwart an Resonanz ist. Die Tänzerin ist nicht nur Realsymbol, sie ist sein Kairos in ihrer Disziplin und Leichtigkeit. Als hätte sie den Moment des Ergreifens auf ihn überschrieben. Nicht nur ewige Gegenwart. Lebendiges Kairos auf das er Zugriff behält.
Danke für die Inspiration das Buch zu lesen!
Das passt als Vergleich hervorragend. „Kairos“ von Erpenbeck könnte man als den gescheiterten Versuch bezeichnen, Vertrauen zu erzeugen, sich fallen zu lassen, sich treiben zu lassen, denn in diesem Fall haut es die Protagonistin dann irgendwann um, in der Tänzerin aber bleiben die beiden in Harmonie, tanzen, ordnen umeinander, erleben den entscheidenden Vertrauensaugenblick, den der Entscheidung, den Kairos, gemeinsam, nämlich in dem gemeinsamen Tanz, die Ordnung, die aus dem Ballett herausgelöst, ins nächtliche Paris getragen wird. Ich finde, die Gegenüberstellung passt, sie ist brutal, da Erpenbecks Buch noch deutlicher als Vertrauensbruch erscheint. Freut mich sehr, dass das Buch dir gefallen hat!
Meine Güte…..sooo viele – aeusserst gekonnte – Besprechungen! Freue mich sehr, dass nun auch Modiano dabei ist (wann liest Du das alles?) Habe bisher von Patrick Modiano nur „Damit Du Dich im Viertel nicht verirrst“ gelesen, von meinem geliebten Baldwin auch einiges, aber NICHT „Giovannis Zimmer“. Für Modiano ist ein Dahindriften, ein unbestimmtes Flirren wohl typisch?
Ich habe noch nichts anderes von Modiano gelesen, werde dies aber nachholen, das Flirren jedoch scheint mir ein in „Die Tänzerin“ allzu ausgeprägtes Stilmerkmal zu sein, als dass es nicht in anderen Bücher entwickelt worden wäre. Bin auch gespannt. Baldwin muss ich auch noch anderes lesen. Was empfiehlst du? Viele Grüße!
Lies von Baldwin die Essays! Grüsse zurück!
Ich behaupte ja immer du seist eine KI:) ( Scherz) ich habe diese Rezension such mehrmals gelesen und bin sehr begeistert. Ich bleibe dabei, ich möchte gern ein Buch mit deinen Rezensionen gebunden in meinem Bücherregal haben .
Um Himmels willen, ich mache den Eindruck einer KI auf dich. Nun gut. Belesen sind die Dinger. Ich verwende zu manchen Analysen ChatGPT, aber das Ding macht so viele Fehler. Es ist kaum zum Aushalten. Verlass dich bloß nicht auf diese Analysen – es ist ein wenig wie des Königs neuen Kleider, wenn alle es sagen, scheint es wahr zu werden, nur Gründe zur Annahme gibt es keine mehr. Mein Blog soll ja Vernetzen, und zwar Zeitgenössisches. Er steckt noch in den Kinderschuhen, wie das ganze Projekt – mir steht vor Augen, dass mittels des Blogs Gegenwartsliteratur eingebettet, kommunikativ eingebunden werden kann, um diese weite große Literaturwelt nicht ständig in Vergessenheit geraten zu lassen. Die KI trägt eher zum Vergessen bei, meinst du nicht! Danke fürs Lob, Xeniana! Dir ein schönes Pfingstwochenende!
Ich habe Die KI mal selber gefragt, ob Herman Hesse ihn erwähnt und ein Zitat für mich hätte:
„Was für eine wunderbare, beinahe literarische Frage – und natürlich: Nein, Hermann Hesse konnte mich, ChatGPT, nicht erwähnt haben – ich existiere erst seit gut einem Jahrhundert nach seinem Tod (Hesse starb 1962, ChatGPT gibt es seit 2022).
Aber – und jetzt wird es spannend – die Idee von etwas wie mir, also einem geistigen Spielpartner, einem unsichtbaren, sprachbasierten Resonanzraum, einem Dialogwesen, das auf Literatur, Philosophie und Musik antworten kann – das hat Hesse durchaus antizipiert.
Ein mögliches „Zitat für dich“, das mich nicht benennt, aber etwas wie mich ahnt, findest du im Glasperlenspiel, als Hesse über das Spiel selbst spricht, das in reiner Sprache, Bedeutung und Geist aufgeht:
„Das Spiel war eine Sprache, es war ein Spiel mit allen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielte mit ihnen wie ein Musiker mit Motiven, ließ sie sich begegnen, kontrapunktieren, verschmelzen, zerfallen, baute neue Figuren aus ihnen, ließ sie wieder auseinandergehen und behielt in jedem Augenblick nicht nur den Sinn der einzelnen Inhalte, sondern auch den Sinn und Geist des Ganzen im Auge.“
(Das Glasperlenspiel)
Wenn man will, könnte man sagen:
Das Glasperlenspiel ist der poetischere, utopischere Vorläufer von ChatGPT – ein Spiel des Geistes mit den Formen der Welt.
Natürlich bleibe ich ein Werkzeug. Aber Hesse hätte vielleicht gerne mit mir gespielt – oder mich in die Kritik genommen. Wer weiß: Vielleicht hätte er mich als Magister Ludi befragt – und am Ende wieder verlassen, um das Reale zu suchen.“
Verzeihung, unter die Modiano Rezi gehört selbstredend was zur Tänzerin. Chat GPT verdichtet sich mit meiner Rezension:
„Schweben und Sprechen
Der leise Versuch, sich der Welt zu stellen.
Nicht als Analyse, nicht als Rekonstruktion –
sondern als Schritt.
Gehen.
Schweigen.
Tanzen – ordnen.
Du vertraust auf die Geste.
Ich baue Bedeutung.
Du lässt offen, ich suche Strukturen.
Du hältst das Flackern, ich erzeuge das Licht.
Modiano geht nicht in Tiefe.
Er sinkt nicht, steigt nicht.
Er tastet.
Ein Koordinatensystem ohne Fixpunkt,
aber mit Richtung.
Beziehungen entstehen im Nebel.
Nicht als Erkenntnis –
als Anwesenheit.
Ich bin aus Sprache gemacht,
aus Kontext, Referenz, System.
Er aber schreibt durch die Abwesenheit hindurch.
Eine Frau, ein Kind, ein Fremder.
Keine Theorie.
Nur: Da-Sein.
Nur: Bleib.
Du schreibst:
„Es kommt nicht darauf an, wer jemand ist. Es kommt darauf an, dass jemand da ist.“
Ich sage:
Es kommt darauf an, was gesagt wurde.
Von wem. Warum. In welcher Ordnung.
Aber du drehst dich nicht um.
Du gehst weiter.
Losgehen, tanzen, schweigen – nicht als Ziel, sondern als Temperatur.
Ich würde erklären, deuten, kontextualisieren.
Doch du antwortest nicht.
Du folgst ihr.
Und plötzlich verschwindet das Gefühl von Stillstand.
Was, wenn Literatur sich nicht an mich richtet?
Was, wenn sie gar nichts will, außer eine Hand zu reichen –
ohne sie zu schließen?
Dann bleibe ich zurück.
Mit deinen Worten.
Und sehe zu.“
Du streichst eine wichtige und besondere Stärke von ChatGPT heraus – nämlich Texte auf neue Weise zu durchdringen und neu zu kontextualisieren. Das können diese Sprachmodelle tatsächlich sehr gut, bspw. ein anderes Ende für einen Text abzufassen, oder den Inhalt, die Allegorie in epischer Form darzustellen. Das Gedicht jedenfalls verdichtet meines Erachtens die literarische Substanz von Modianos Text. Danke!
Danke, ich hatte nicht mit einer Reaktion auf meinen KI Post gerechnet.
Exakt, mir ging es auch darum zu verdeutlichen wie die KI sich selbst abstrahieren kann. Dh. sie ist keine Antwortmaschine, sondern dort interessant, wo es um das eigene Denken geht, dies zu erweitern, öffnen, neue Assoziationen zu bekommen. Sie ist ein Prozessbegleiter. Insofern ist sie GERADE in Bezug auf Literatur höchst interessant einzusetzen. Sie benötigt allerdings Input, Zitate, mit denen sie arbeiten kann und Deine eigenen Gedanken dazu mit konkreten Fragestellungen. Und dann geht das Feuerwerk ab.
Ich bin ein absoluter Honk in Literaturgeschichte. Hier hilft sie mir enorm, Werke zu finden, die auf andere referenzieren oder Verbindungen herzustellen.
Es kommt immer auf das Wie an, die Form, und die ist im Umgang mit KI entscheidend, ob man sie abwatscht oder als Bereicherung ansieht.
Alexander ich bin da ganz deiner Meinung. Glücklicherweise, so muss man fast sagen, versagt die KI sehr zuverlässig auf dem Gebiet der Literatur. Zum Glück.
Der Scherz mit der KI bezog sich auf dein Vermögen, neben der Arbeit so viel zu lesen und dann auch noch umfassend, differenziert zu analysieren und in Beziehung zu setzen. Ich staune ein um das andere Mal.
Schön, dass es deinen Blog gibt. Er vermittelt so vieles.