Der Stoff Natur findet eher selten Eingang in die Welt der Literatur, wenn überhaupt, dann oft in dem Bereich Welt in Trümmern oder Verhängnisvolles Durcheinander. Diesen Themenbereich bearbeitet oft die Poesie und stilistische Übergangsformen. Lediglich in Genre der Fabel erfreuen sich Naturmetaphern großer Beliebtheit: Bernard Mandevilles Bienenfabel (1714), George Orwells Farm der Tiere (1945) und Richard Adams Unten am Fluss (1972), nur als Beispiele. Seltener aber werden die Bereiche gemischt wie in Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel, Eugène Ionesco Die Nashörner oder, nun, im neuen Kurzroman von Gaea Schoeters Das Geschenk. In der letzten Variante steht ein Mitten- und Gegeneinander im Zentrum, bei Schoeters 20 000 Elefanten, die im Herzen von Berlin ausgesetzt werden:
»Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken. Wenn alles geklappt hat, müsste mein Geschenk mittlerweile in Berlin angekommen sein.«
[Bundeskanzler] Winkler klappt die Kinnlade herunter. »Was? Haben Sie die Elefanten … Aber wie … Das Gesetz wurde doch erst gestern verabschiedet!«
Tebogo schmunzelt belustigt. »Magic, my dear friend.«
Gaea Schoeters aus: „Das Geschenk“
Inhalt/Plot:
Ausgehend von ihrem Erfolgsbuch Trophäe verlegt sie die Handlung nun aus Afrika in die Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart. Botswana leidet unter der europäischen Gesetzgebung. Die Jagdlizenzen für Elefanten werden zu selten vergeben und nun wird noch die Einfuhr von Elfenbein beschränkt, was unweigerlich zu einem weiteren Rückgang der Elefantenjagd führen wird. Botswanas Präsident Tebogo empört sich und rächt sich, indem er einige der vielen überzähligen Elefanten, die Botswanas Flora und Fauna ruinieren, nach Mitteleuropa verlegt. Sie erscheinen aus dem Nichts und baden plötzlich in der Spree, fröhlich und unbekümmert:
Mitten in der Spree badet ein Elefantenbulle. Gemächlich lässt er seinen behäbigen Körper ins Wasser sacken, geht in die Knie und verschwindet unter der Wasseroberfläche. Kurz denkt der Mann, er hätte sich das gerade eingebildet, der Alkohol muss sein Gehirn vernebelt haben, doch da taucht das Tier schon wieder auf; die großen Ohren hängen ihm wie zwei dünne, feuchte Putzleder am Kopf. Fröhlich rollt der Elefant sich im Wasser hin und her. Dann erscheint neben ihm aus dem Nichts ein weiterer Rüssel, wie ein Periskop. Ein zweiter Elefant erhebt sich aus dem Fluss.
Helle Panik bricht in der Republik aus, insbesondere in der sowieso schon wackligen Regierung von Bundeskanzler Winkler, dem die rechtsradikale Opposition im Nacken sitzt, angeführt von einem Holger Fuchs, der aus jeder Regierungsmisere politisches Kapitel zu schlagen versteht. Was also tun mit den Tausenden Elefanten, die in der Berliner Innenstadt herumzustreunen anfangen? Gefangennehmen steht außer Frage, denn Tebogo hat davor gewarnt, den Elefanten Steine in den Weg zu legen. Er würde jeden Vorfall mit einem weiteren Elefant bestrafen. Es bleibt also, in dieser Setzung von Schoeters in Das Geschenk, nur eine Variante: die friedliche Koexistenz mit 20 000 Elefanten anstreben, was selbstredend einige infrastrukturelle Maßnahmen erforderlich macht, die die Elefanten nicht selbst finanzieren können, also zu Lasten des Bundeshaushalts gehen. Proteste bleiben nicht aus:
»Warum geht die Viehwirtschaft an der Düngeverordnung zugrunde, während die verfluchten Elefanten die Hauptstadt vollscheißen dürfen? Landen die Phosphate und Nitrate dann nicht im Grundwasser? Stoßen die afrikanischen Riesenkühe beim Furzen kein CO2 aus? Und dann müssen wir die Drecksbiester auch noch füttern. Bald verendet unser Viehbestand vor Hunger, weil Winklers heilige Elefanten mit Futter versorgt werden müssen. Und wir dürfen sie nicht mal essen. Oder als Lastentier nutzen.«
Viele Probleme treten also auf und Konflikte durch Massenkarambolagen, Angriffe, durch Verdreckung und Verkotung lassen nicht lange auf sich warten. Die Elefanten sind selbstredend nicht darauf vorbereitet gewesen, in einer funktional-differenzierten sozialen Umwelt zu leben und sich dort zu integrieren. Die Frage, die Das Geschenk nun stellt, lautet: wer passt sich an, die Elefanten oder das soziale System der Bundesrepublik Deutschland?
»In diesem Deutschland [funktionieren Elefanten] nicht, nein. Weil wir versucht haben, ihnen unser Gesellschaftsmodell aufzuzwängen, ohne das System anzupassen. Und was nicht funktioniert, zeigt sich immer recht schnell, aber was gut funktioniert, ist schwieriger messbar und offenbart sich erst nach längerer Frist. Vielleicht müssen wir uns erstmal anschauen, was wir von ihnen lernen können.«
Gaea Schoeters entwickelt in Das Geschenk entlang ihrer anfänglichen, nahezu an Fantasy-grenzenden Setzung ein aktuelles politisches Thema, die Fluchtbewegungen und Migration betreffend, indem sie anhand der Elefanten die Frage beforscht, wie flexibel Politik, ein soziales System auf veränderte Realitäten reagieren kann oder sollte. Hierdurch gerät sie in das Fahrwasser von Romanen wie Constantin Schreibers Die Kandidatin oder Marc-Uwe Klings Views, sehr journalistisch, Brennpunkt-orientierte Diskurstexte, die bei minimaler Verfremdung eher vorhersehbare Handlungsabläufe abarbeiten.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stil/Sprache/Form:
Im Grunde bewegt sich Das Geschenk eher in einem Bereich der informativen, reduktiven, auf Klarheit und Deutlichkeit abzielenden Sprachverwendung eines Sachbuches. Wie schon in Schreibers Die Kandidatin oder Klings Views gibt es kaum poetische, deskriptive, aus sich selbst heraus sich plausibilisierende Wortverwendungsspiele, die überraschende Verknüpfungen und sich überlagernde, assoziierende Vorstellungswelten in Gang setzen könnten. Eher wird die Reduktion in fast stenographischer Sinnverkürzung vorangetrieben:
Berg nickt nüchtern. Nichts in seinem Blick verrät, was er gerade denkt, dabei weiß Winkler auch so, dass seine Vermutung völlig absurd ist. Fuchs ist vielleicht dazu im Stande, mit imaginären Schreckgespenstern die Demokratie ins Wanken zu bringen, aber dass er echte Elefanten aus dem Hut zaubern kann, ist doch ziemlich unwahrscheinlich.
Es ist völlig klar, dass Schoeters Text damit sagen will, dass Schreckgespenster oder andere imaginäre Szenarien das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie ins Wanken bringen könnten, nur sagt er es nicht. Er spricht von „imaginären Schreckgespenstern“, wobei der Bezug imaginär völlig losgelöst von einem Vorstellungssubjekt inhaltslos wirkt, mit denen Fuchs die Demokratie ins Wanken bringt, was selbstredend wörtlich genommen unmöglich ist, wie soll ein Begriff wanken? Und selbst als Verkürzung müsste zumindest von einer Demokratie oder der bundesrepublikanischen die Rede sein und nicht vom allgemeinem Abstraktum als quasi-platonischer Idee. Von diesen Verkürzungen und Phrasen abgesehen, von denen Schoeters Text strotzt, bleiben vereinzelte Verdichtungen bestehen, wie die Geburt eines Elefantenbabys:
Das mächtige Weibchen macht noch einen Schritt, diesmal rückwärts, als wollte sie das Ding abschütteln. Davonlaufen. Der Ball wird zu einem großen Ballon, der unter ihrem Bauch hängen bleibt. Etwas reißt, bräunliche Flüssigkeit ergießt sich auf die Erde, als würde ein Eimer ausgekippt. Die anderen Elefanten drängen nach vorne. Dann, plötzlich, schießt das Ding aus ihrem Körper und fällt zwischen ihre Füße auf den Boden. Blut strömt ihre Beine herunter, sie schreckt weiter zurück.
Dass Metaphern wie „aus dem Eimer kippen“ oder militärische Assoziationen wie „aus dem Körper schießen“ herangezogen werden, stört die eher mitreißende Schilderung, die leider anteilsmäßig zu wenig in Das Geschenk vorkommen, denn die Freude an den Dickhäutern schimmert deutlich durch den Text hindurch, der leider dennoch durch unaufhörliche Vermischung von Figuren- und Erzählinstanzmeinung verunklart wird, zumal es keine ausgewiesene, klar lokalisierbare Erzählinstanz gibt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Mir gegenüber machte Richard Parker seine Position viermal deutlich. Viermal versetzte er mir einen Hieb mit der rechten Pranke und schleuderte mich über Bord, und viermal verlor ich meinen [Schildkröten]-Schild. Vor, nach und während jeder Attacke war ich vor Angst wie gelähmt und hockte lange Zeit zitternd auf meinem Floß. Aber nach und nach lernte ich seine Signale verstehen. Ich erkannte, dass er mit Ohren, Augen, Schnurrhaaren, Zähnen, Schwanz und Kehle eine einfache, unmissverständliche Sprache sprach, die mir genau sagte, was er als Nächstes vorhatte. Ich lernte, mich zu ducken, bevor er die Pranke hob. Und dann machte ich meine Position klar. Die Füße auf dem Bootsrand, ließ ich das Boot schaukeln und meine Trillerpfeife ihre eigene, einsilbige Sprache sprechen, bis Richard Parker stöhnend am Boden lag.
Yann Martel aus: „Schiffbruch mit Tiger“
In Martels Roman kämpfen Pi und der Tiger ums Überleben und finden eine gemeinsame Kommunikationsform, und wie in Schoeters gibt es zentrale Stellen, die um Kot und das Wegräumen von diesem gehen. Der sich häufende Elefantenkot von 20 000 Exemplaren wird für die bundesrepublikanische Gegenwart genauso zur hygienischen und organisatorischen Herausforderung, wie für Pi das Entsorgen von Richard Parkers Kot, während dieser ihn mit aufgerissenem Maul und schlierenden Lefzen aus unmittelbarer Distanz anstarrt. Dreht sich Schiffbruch mit Tiger mehr um die Allegorie des Glaubens und des Daseins Gottes, verhandelt Das Geschenk den Umgang mit dem Fremden in einer arbeitsteiligen, funktional-differenzierten Gesellschaft überhaupt, und ob dieses zu integrieren, nicht auch Anlass zur gesellschaftsevolutionären Schubumkehr sein könnte:
»Rewilding Europe trendet gerade. Und eigentlich geht es gar nicht darum, ob dieser Vorschlag in politischer Hinsicht aussichtsreich ist — es geht um unsere einzige Chance. Die Klimakrise wird alle anderen Probleme, mit denen wir uns herumschlagen, einholen und irrelevant machen. Das Klima interessiert sich nicht für den Menschen. Man kann mit ihm nicht verhandeln. Man kann es nicht bestechen. Oder ausschalten. Es ist wichtiger als alles andere, weil ihm alles andere vollkommen egal ist. Und es ist definitiv wichtiger als du und ich.«
Leider treibt Schoeters in ihrem überladenen Roman diese Problematik in eine handlungsspezifisch unglaubwürdige Richtung, indem die Erzählung nämlich anders als bei Martel überhaupt keine Kommunikation zwischen Elefanten und Menschen zu imaginieren versteht. Die Elefanten bleiben völlig kompakt, undurchschaubar und als Masse bestehen, als Bedrohung und Herausforderung, aber wiederum absolut und unveränderlich gesetzt. Dieses Absolut-Setzen, das in Trophäe ein Freund-Feind-Denken gewesen ist, verhindert, dass Das Geschenk eine narrative Dynamik erhält, die den mystisch-verrückten Anfang zum Anlass nimmt, über sich hinauszuwachsen. Der Anfang bleibt für den Rest einfach viel zu verrückt und auch viel zu unrealistisch für das restliche äußerst realistische Szenario. So erstickt die Erzählung bereits im Keim und gerät zum Bericht wie bei Constantin Schreibers Die Kandidatin über klischierte Parteipolitik und regierungsintern vorhersehbare lobbyistische Machenschaften, die für die Erzählung dann scheinbar doch interessanter als 20 000 trötend stampfende Dickhäuter in den Straßen von Berlin sind und die selbstredend auch ohne diese stattgefunden hätten.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 19.08.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich das neuste Buch von Marlene Streeruwitz Auflösungen besprechen.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.
