Friedrich Hölderlin: „Hyperion“

Friedrich Hölderlin: „Hyperion“
Das Eine und Alles … poetisch die Unterschiede überbrücken.

Die Entstehungsgeschichte von Friedrich Hölderlins einzigem Roman Hyperion liest sich selbst wie ein Liebes- und Reiseroman. Geplant wurde der Roman von dem gerade zweiundzwanzig gewordenen Stiftstipendiaten ab Mai 1792. Eine Tübinger Fassung entstand um 1793, und einige Versionen und Umzüge, Komplettentwürfe und Fluchten von Tübingen nach Frankfurt später erschien 1794 ein Fragment von dem Roman in Friedrich Schillers Zeitschrift Neue Thalia. Auf dessen Anraten wurde nach Verwerfung der metrischen Fassung und der Jugendgeschichte der erste Band von zwei Bänden schließlich im Verlag Cotta 1797 veröffentlicht, aber nur nach vielen Kürzungen und Streichungen, und nach weiterem Herzschmerz, Reisen nach Jena, einer weiteren Flucht nach Nürtingen, Verwerfungen mit Freunden ging der zweite Band im selben Verlag 1799 in den Druck. Einen Romanentwurf oder ein Manuskript letzter Hand gibt es jedenfalls nicht. Wie das ganze Leben von Hölderlin, so blieb auch sein Roman in sich zerstritten und insbesondere der zweite Teil des zweiten Bandes ein Torso:

O Gott! und daß ich selbst nichts bin, und der gemeinste Handarbeiter sagen kann, er habe mehr getan, denn ich! daß sie sich trösten dürfen, die Geistesarmen, und lächeln und Träumer mich schelten, weil meine Taten mir nicht reiften, weil meine Arme nicht frei sind, weil meine Zeit dem wütenden Prokrustes gleicht, der Männer, die er fing, in eine Kinderwiege warf, und daß sie paßten in das kleine Bett, die Glieder ihnen abhieb.

Friedrich Hölderlin aus: „Hyperion“
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Das unglückliche Bewusstsein“

Vom jubelnden Missverständnis und anderen Bewusstseinsformen.

Hegels Die Phänomenologie des Geistes lässt sich unter vielen verschiedenen Geschichtspunkten untersuchen und lesen. Die meisten wählen einen historischen Weg und sehen in den angegebenen Bewusstseinsstufen wie sinnliche Gewissheit, Verstand, Geist und Vernunft die Weltgeschichte aus europäischer Sicht nachgezeichnet. Andere begreifen die Kapitelabfolge vor allem als erkenntniskritische Selbstreflexion auf Wissen und was zu wissen möglich ist, zumal der Text mit dem absoluten Wissen schließt. Wiederum andere lesen Hegel rein politisch oder moralphilosophisch, vor dem Hintergrund seiner späteren Rechtsphilosophie. Auf diese oder jene Weise geraten seine Texte schnell unter die alles zermalmenden Räder sehr landläufiger, nahezu verfälschender Erwägungen, die mit wenigen Begriffen universalhistorisch argumentieren und ein reiches, in sich differenzierendes Denken unter den Generalverdacht dieses oder jenes Schlagwortes subsumieren. Für Details bleibt bei dieser Textauslegung kein Platz, und sie ignoriert Hegels eigenen Versuch, im Vorwort der Phänomenologie ein solches Subsumieren zu unterbinden:

Denn statt mit der Sache sich zu befassen, ist solches Tun [das Beurteilen und Vergleichen von Resultaten] immer über sie hinaus; statt in ihr zu verweilen und sich in ihr zu vergessen, greift solches Wissen immer nach einem Anderen und bleibt vielmehr bei sich selbst, als daß es bei der Sache ist und sich ihr hingibt. – Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen, schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.

G.W.F. Hegel aus: „Die Phänomenologie des Geistes“ (Vorrede)
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Ferdinand von Schirach: „Nachmittage“

Zwischen Hotelzimmern und Selbstflucht … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2022)

Der schmale Band Nachmittage zusammengestellt von Ferdinand von Schirach präsentiert sich im schlichten Cover: Ein Schwarzweiß-Bild, überbelichtet, auf dem ein einsames Ruderboot ohne Ruder und Ruderer im Nebel schwimmt, nur andeutungsweise in der Nähe eines Ufers, Gekräusel, das auf Schilf schließen lässt. Das Inhaltsverzeichnis bleibt ebenso schlicht. Die Kapitel heißen: „Eins“, „Zwei“ … bis „Sechsundzwanzig“, ausgeschriebene Zahlen. Die Zahl Sechsundzwanzig zieht ebenso keine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Weder handelt es sich um eine Primzahl, noch um eine hochsymmetrische Zahl wie Vierundzwanzig oder eine Quadratzahl wie Fünfundzwanzig oder eine Kubikzahl wie Siebenundzwanzig. Sechsundzwanzig zählt lediglich die Buchstaben des lateinischen Alphabets, so dass Schirach die Kapitel seines Buches auch als ABC verstanden haben könnte. Enzyklopädisch, lexikalisch, scheinbar ohne spezifische Anordnung fasst er den Stand der Welt in abgeschlossenen, anders als bei Mariana Leky in Kummer aller Art nicht miteinander in Verbindung stehenden Kurztexten oder Berichten zusammen:

Natürlich, unser Leben ist absurd, weil der Tod es beendet. Wir müssen scheitern, es geht nicht anders. Aber es gibt noch die andere Wahrheit, die Wahrheit der Frau auf dem Wagen: Jetzt, dieser Moment, dieser Nachmittag, der nächste Morgen, der Blütenschimmer im Frühling, der Wind, der durch die Felder geht, die lautlose Schwüle im Hochsommer und das nasse Laub auf den Straßen im Herbst – das alles bedeutet nichts ohne den anderen Menschen. Wir stehen nackt in dieser Welt, die Erde ist ein kaum sichtbarer blassblauer Punkt im All, die Natur ist kalt und feindlich. Aber wir sind Menschen, wir teilen diese Einsamkeit, sie ist es, die uns verbindet. »Wir wissen voneinander«, hat sie gesagt.

Ferdinand von Schirach aus: „Nachmittage“
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Theodor W. Adorno: „Skoteinos – Wie zu lesen sei“

Von der immanenten Kritik und anderen Münchhausenstücken …

Interpretationsmodelle (1): Wer viel liest, fragt sich schnell, wie unterschiedliche Eindrücke zustande kommen, was den einen vom anderen Text unterscheidet? Was zeichnet diesen von jenem Roman, diese von jener Ausdrucksweise aus? Werturteile lassen sich diesbezüglich schnell aussprechen. Sie hängen aber von den Lesenden ab. Das bestreitet heute kaum noch jemand. Die entscheidende Frage bleibt indes vom Urteil unberührt: Was vom Urteil hat nun mit dem Lesen, was mit dem Text zu tun? Statt den Text zu klären, hat das Urteil also die Aufgabe erweitert und verkompliziert und nicht gelöst.

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Ayn Rand: „Atlas Shrugged“ (ii: der Plot)

Von der Kunst, sich selbst in die Falle zu gehen.

Die Widersprüchlichkeit von Ayn Rands „Atlas Shrugged“ lässt sich bereits in der literarischen Anlage, also im Genre des Romans lokalisieren. Im ersten Teil der dreiteiligen Besprechung dieses überbordenden Wälzers wurden die Parallelen zu den klassischen Vertretern des sozialistischen Realismus herausgearbeitet. Dies verwundert sehr, zieht man in Betracht, dass „Atlas Shrugged“ eine dezidiert anti-sozialistische Pose einnimmt. Im zweiten Teil werden nun die Widersprüche in der Handlung untersucht, die ebenfalls überraschend klar das literarische Unternehmen von Ayn Rand ad absurdum führen, freie, rationale, selbstbewusste Figuren einzuführen, um deren Überlegenheit darzustellen. Der Roman beginnt mit Eddie Willers, der sich an seine Kindheit erinnert, an die Eiche auf dem Landsitz der Familie Taggart:

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Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

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