Clemens Meyer: „Die Projektoren“

Die Projektoren von Clemens Meyer. Shortlist Deutscher Buchpreis 2024.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (2): Der neue Roman von dem Leipziger Buchpreisträger Clemens Meyer aus dem Jahr 2008 nimmt Motive und Schreibweisen von Ivo Andrić‘ Die Brücke über die Drina auf, indem er dessen Handlung auf das 20. Jahrhundert und die jugoslawischen Bürgerkriege Anfang der 1990er Jahre ausweitet, und verknüpft diesen Handlungsstrang mit Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes – nur aus entgegengesetzter Richtung. Meyer zeichnet nämlich den Werdegang und Evolution des völkisch-nationalen Denkens und Handelns nach. Der Stoff des letztlich an David Foster Wallace Unendlicher Spaß angelehnten Romans entstammt dem Themenbereich Brutalität, der mit der Plotstrategie Krieg und Welt in Trümmern dynamisiert wird. Zentrale Gestalt von Die Projektoren ist Jovan, der Cowboy:

Es war einmal ein Mann, der lebte im Velebitgebirge. […] Eine Zeitlang nannten die Einheimischen ihn den Cowboy, weil er ein großes Halstuch trug, die verknoteten Enden, die Zipfel, lagen auf seinem Rücken, und vorne bedeckte ein Dreieck aus Stoff seinen Hals. Die Bergbauern und Hirten im Velebit kannten die Cowboys und die Halstücher der Cowboys aus den Filmen der Wanderkinos, die vor dem großen Krieg und nach dem großen Krieg hin und wieder in ihre Dörfer kamen, und einige wenige Groschenromane kursierten, wurden weitergereicht, zerlesen und zerfleddert, Wilder Westen, die halstuchbehangenen Cowboys auf den abgegriffenen Titelseiten.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

Inhalt/Plot:

Das vorangegangene Zitat benennt bereits drei wichtige Handlungsfäden des über 1000 Seiten umfassenden Romans von Clemens Meyer: Krieg, Groschenromane und Wanderkino. Jovan, 1929 geboren, erlebt den Zweiten Weltkrieg und die Wirren und Brutalitäten desselben auf dem Balkan, lebt im Jugoslawien Titos, hilft bei den Dreharbeiten der Karl May-Kinofilme mit Lex Barker und Pierre Brice, zieht in den 1970ern ins Ruhrgebiet der Bundesrepublik Deutschland, schreibt dort Western-Groschenromane und kehrt, als die Bürgerkriege in Jugoslawien ausbrechen, Anfang der 1990er in sein Heimatland zurück, nur um dann nach weiterem kurzen Aufenthalt im Velebit Mitte der 2010er Jahre seiner Nichte in den Nordirak nachzureisen, wo diese als kroatische Soldatin verschollen gegangen ist, und Jovan mit seinem Wanderkino nach ihr zu suchen beginnt:

»Du suchst eine Soldatin?«, fragten ihn die Menschen, denen er begegnete, verwundert. »Im Irak?« Und manche gaben ihm den Rat, lieber umzukehren. Andere aber verstanden sofort, warum er, trotz seines Alters, mit dem Lkw und den Projektoren auf der Ladefläche aufgebrochen war. Es ging um seine Familie, er wollte die Tochter seiner Schwester zurückholen, hatte die Hoffnung, sie lebend zu finden, nicht aufgegeben, eine einfache Geschichte, und viele der Menschen, die er auf seiner Reise traf, nickten wissend, wünschten ihm Glück, begriffen, dass er gar keine andere Wahl hatte, als so lange durch die Berge und Wüsten zu fahren, bis er seine Nichte gefunden hatte. Und dass der schlohweiße, aber noch rüstige Alte mit einem Wanderkino in den Nahen Osten gekommen war, deuteten die Menschen, die von seiner Geschichte erfuhren, so, dass er mit den Bildern und dem Licht der Projektoren der verschwundenen Soldatin ein Zeichen geben wollte.

Es geht in Die Projektoren also um die Folgen und Zerstörungen, die Kriege nach sich ziehen, sowohl in den Städten wie in den Menschen, in deren Gefühlen, Erinnerungen, Hoffnungen und Wünschen. Um die Lebensgeschichte Jovans herum, verdichten sich die politischen wie kulturellen Widersprüche und werden ausführlich durch weitere, kürzer gehaltene Biographien, dargestellt. Nur um einige zu nennen: die Wandlung von Jovans Vater vom Panslawisten zum völkisch denkenden, serbischen Faschisten; das Umschlagen der Karl May-Begeisterung des Leipziger Ingenieurssohnes Georgs in das bewaffnete Neonazitums; die Hoffnungen und Bestrebungen des Schauspielers Lex Barkers, der nach einer Behandlung im Sanatorium von Hitlers Neffen auf Long Island, an einem Herzinfarkt stirbt; und die Erlebnisses des Journalisten Holger Wein, Georgs Cousin, der einen Neonazi und geheimnisvollen Strippenzieher und Verleger, Historiker und Projektor namens Karl von Benzel-Sterner in der Bahn auf der Reise in den Balkan trifft, um einen Artikel über die Flüchtlingsproblematik zu schreiben:

»Und an was glauben Sie heute, Herr Wein?«
»An die Möglichkeit einer objektiven Wahrheit, Herr Sterner.« Ich fühle mich alt, als ich das sage. Will den Kopf wieder an die Scheibe lehnen, vor der nun eine Ebene vorüberfliegt, hinter der wellige Berge ansteigen, das böhmische Mittelgebirge, halbrunde bewaldete Kegel inmitten der Felder, bewegen sich da Menschen zwischen dem Mais? Ich bin fünfzig Jahre alt, ich will noch einmal über etwas Bedeutendes schreiben, und deswegen reise ich Richtung Belgrad.

Diese verschiedenen Aspekte und Biographien besitzen ein gemeinsames, sie verbindendes Bezugssystem, nämlich das Werk von Karl May, die Berichte, Märchen und Geschichten aus seinen fiktiven oder realen Amerika- und Orientreisen. Jovan verteidigt Karl May gegenüber seinem Vater, der als Deutschlehrer die Klassiker von Friedrich Schiller und Heinrich Heine schätzt; ebenso Georg, der zudem nicht begreift, dass Karl May in der DDR unter Verdacht steht, wiewohl dieser sich ausdrücklich für die Völkerverständigung einsetzte. Karl Mays Gesamtwerk wird zum Zankapfel, zumal sich dort alle ideologischen Seiten bedienen können, bspw. gilt dieser auch als einer der Lieblingsautoren von Adolf Hitler:

Nach übereinstimmendem Zeugnis machten sich schon jetzt, als das Erfolgsbewußtsein sich einstellte, in [Hitlers] Tageslauf die sprunghaft wechselnden Wünsche oder Interessen früherer Jahre bemerkbar, oft ließ er sich lange und entschlußlos treiben, um plötzlich, vor allem in Machtfragen, eine explosive Energie zu entfalten. Vor den zahlreichen lästigen Routinepflichten seines Amtes wich er alsbald, ohne jede Verheimlichungsbemühung, zu Opernbesuch oder Kinovergnügen aus, er las in jenen Monaten noch einmal alle annähernd siebzig Bände Karl May’s, von denen er später, auf dem Höhepunkt des Krieges, sagte, sie hätten ihm die Augen für die Welt geöffnet, und es war dieser ungewöhnliche Stil offener Müßiggängerei, der Oswald Spengler zu der sarkastischen Bemerkung veranlaßte, das Dritte Reich sei »die Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen«.
Joachim Fest aus: „Hitler“

Als Kondensationspunkt wählt Meyer in Die Projektoren die historisch nicht unmögliche Begebenheit, dass Adolf Hitler Karl Mays letzten Vortrag mit dem Titel Empor ins Reich der Edelmenschen! besuchte und sich von May zu seinen weiteren Schritten inspirieren ließ. Völkerverständigung, Größenwahn, Freundschaft und Krieg, Frieden und Brutalität gehen in Mays Werk Hand in Hand und erlauben, ähnlich zu Friedrich Nietzsches Bruchstücken, beliebige Anschlüsse. Meyer wählt Karl May zum entscheidenden, alle Kriege, alle Utopien des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Autoren, und beschreibt die Vortragsszene wie folgt:

Ein kleiner Mann im Publikum, glattes Gesicht, schwarzer Seitenscheitel, dunkle, tiefliegende Augen, eingefangen mit einem Kameraschwenk. Beziehungsweise trat ein Mann mit einer Kamera im Jahr 1912 näher ans Publikum heran, das der Rede Dr. Mays ‚Empor ins Reich des Edelmenschen‘ gebannt lauschte. »Sehen Sie, der Führer lacht!« Sterner erklärt mir, dass niemand diese Aufnahmen kennen würde, Mai 1912, der Führer ein junger Mann, Dr. May wenige Tage vor seinem Tod. »Und wir wissen auch, warum der Führer lachte.«

Laut Sterner lacht nämlich Adolf Hitler aus Freude, dass Karl May mit seiner in der Rede gewählten Eisenbahn- und Ordnungsmetapher den Autokratismus- und Führertumsphantasien der Massen bediente, nämlich Mays Formulierung vom „Lokomotivführer als stählerne Macht der Moderne“.

Stil/Sprache/Form:

Anhand Jovans Biographie werden viele Diskurse und Themengebiete sehr assoziativ und lose miteinander verwoben. Sprachlich bedient sich Meyer eines breiten und ausgefeilten Wortschatzes, langer, wohlgeformter Sätze, die rhythmisch, fließend ineinander übergehen und die in der Gegenwartsliteratur typisch gewordenen Wenig-Wort-Interjektionskonstruktionen konsequent vermeiden. Es handelt sich um einen Prosaberg, der weder linear noch nach einem auf der Hand liegenden Muster geformt worden zu sein scheint. Der rote Faden bleibt Jovan und Karl May, aber stets springt Meyer in der Zeit, fügt spätere wichtige Details zu und erlaubt mit willkürlichen Tempusverwendungen keine eindeutige Rekonstruktion der Ereignisse.

Viele Jahre später, als der Cowboy [Jovan] mit einem Wanderkino in einem alten roten Lastwagen durch endlose Steppen und fremde Berge fuhr, erinnerte er sich falsch, und er sah, wie Negosava und der Mann mit dem karierten Halstuch, der Cowboy der frühen Jahre, der er einmal gewesen war, im Bioskop von Split saßen und einen deutschen Indianerfilm sahen, doch was sind schon die richtigen Erinnerungen, und wo beginnen die Träume und wo die Märchen?

Uneindeutigkeit bleibt in Die Projektoren Programm. Historische Ereignisse werden nur ausschnittartig beleuchtet, nur kurze Details, Ahnungen angegeben, winzige Spuren, die gelegt werden, um das höchstkonzentrierte Lesen auf Schritt und Tritt in seinem Verständnis- und seinen Rekonstruktionsbemühungen mit erfundenen Fakten, ähnlich wie Daniel Kehlmann in Lichtspiel, zu erschüttern, wenn sich bspw. Gewehre in „fotografische Flinten“ verwandeln, um Bilder statt Menschen zu schießen (also historischer, magischer Realismus). Stichworte fallen, aber ergeben keinen Zusammenhang. Meyers Die Projektoren dient hier eher als Stoffsammlung, als Anlass, um eigene Nachforschungen zu beginnen. Höhepunkte des Textes bestehen in einzelnen, klar abgegrenzten Szenen, die aufs äußerste verdichtet Literarizität evozieren, die ansonsten über weite Strecken des Textes fehlt:

Und da lag der [von der Tretmine tödlich verletzte] Wolf. Die Hinterläufe waren verschwunden, und der ganze hintere Teil seines langen grauen Körpers war ein Gewirr aus Blut …, der Cowboy blieb stehen, sah die Bewegungen der Vorderläufe, sah das Kratzen der Pfoten im vertrockneten Gras, das die Farbe von Wüstensand hatte. Der Wolf knurrte, winselte und knurrte, sah den Mann da direkt vor sich, der sich ihm immer weiter näherte, winselte und knurrte, Schmerz und Angst und Schmerz, vor dem er wegkriechen wollte, hin zu dem Mann, egal wohin, kriechend diesem Schmerz entkommen, denn laufen konnte er nicht mehr, laufen würde er nie wieder, das spürte er, aber es war gar nicht so sehr der Schmerz, der sich nun zwar langsam und immer schneller in ihm ausbreitete, in dem ausbreitete, was von ihm übrig war […]

In seiner eher filmischen, szenischen, fragmentarischen Erzählweise ähnelt Clemens Meyers Die Projektoren sehr den Texten eines Alexander Kluges, der das Erzählen selbst, die Erforschung der Sprache, die Semantikumkreisungsformen als Versuch begreift, Erinnerungen zu ermöglichen, die erst im zweiten Schritt, und dann theoretisch, auf Kohärenz und Konsistenz überprüft werden können. Im Vorwort zu Neue Geschichten. Hefte 1-18 fasst es Kluge wie folgt:

Die Regenpfütze, die von niemand gebraucht wird, die nicht terrorisiert wird, damit sie sich »verhält«, kann sich die klassische Form leisten: Übereinstimmung von Form und Inhalt. Wir Menschen sind dadurch bestimmt, dass Form und Inhalt miteinander Krieg führen. Wenn nämlich der Inhalt eine Momentaufnahme (160 Jahre oder eine Sekunde lang) und die Form das übrige Ganze, die Lücke, ist, das, was die Geschichte gerade jetzt nicht erzählt. Noch eine Bitte: Wenn ich etwas verstanden habe, setze ich es in Bewegung, reise, handle, oder schreibe ein theoretisches Buch. Dies hier ist keines. Deshalb meine ich nicht weniger, was ich schreibe. Ich fange aber nicht an, die niedergeschriebenen Geschichten nachträglich »auszubessern«.
Alexander Kluge aus: „Neue Geschichten. Hefte 1-18“

Clemens Meyer, der wie Kluge Drehbücher wie Theatertexte nebst Prosa schreibt, stellt sich in die Tradition dieser auf Montage, Konstellationen beruhenden surrealistischen, teilweise ausufernden, assoziativen, wuchernden, auf Brüche und Irritationen abzielende Schreibweise.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Die Projektoren bezieht sich intraliterarisch vor allem auf Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes und David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Mit beiden verbindet ihn das Interesse am Film. In allen drei Texten steht eine Form des Widerstandes im Vordergrund, bei Weiss ein internationalistisch-kommunistischer, bei Foster Wallaces und Meyer ein völkisch-nationaler. Alle Hauptfiguren arbeiten sich jeweils an ihren Vätern ab, vor allem an deren Irrtümern und Scheitern. Im Gegensatz aber zu Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes, das in der Tradition des optimistischen, vorwärtsgerichteten Bildungsromans steht, verbleiben Foster Wallace und Meyer in einer defensiven, zermürbten Vergangenheitsanalyse. Heißt es nämlich bei Weiss am Schluss:

[…] und Heilmann würde Rimbaud zitieren, und Coppi das Manifest sprechen, und ein Platz im Gemenge würde frei sein, die Löwenpranke würde dort hängen, greifbar für jeden, und solange sie unten nicht abließen voneinander, würden sie die Pranke des Löwenfells nicht sehn, und es würde kein Kenntlicher kommen, den leeren Platz zu füllen, sie müßten selber mächtig werden dieses einzigen Griffs, dieser weit ausholenden und schwingenden Bewegung, mit der sie den furchtbaren Druck, der auf ihnen lastete, endlich hinwegfegen könnten.
Peter Weiss aus: „Die Ästhetik des Widerstandes“

Bleibt also bei Weiss der Platz „oben“ leer, die Lücke ungeschlossen, wird diese bei Foster Wallace und Meyer jeweils mit Drogenrausch oder Märchen aus dem Wilden Westen gefüllt und auf diese Weise besetzt und verfälscht, eben durch sogenannte Projektoren, jene, die Projekte an die Menge herantragen, die die Führung mit ihrer Imagination übernehmen oder übernehmen wollen, mit Sagen und Märchen und Unterhaltung zu benebeln verstehen und auf diese Weise dem zermalmenden geschichtlichen Widerspruch eher voranzutreiben als zu stoppen:

Am Morgen fuhr [Jovan] weiter. Die Berge und Ebenen sahen beinahe so aus, wie Dr. May sie beschrieben hatte. Er spürte, dass Tonka ganz in der Nähe sein musste. Er würde sein Wanderkino im nächsten Dorf, durch das er kam, aufbauen, in der Hoffnung, dass das Licht der Projektoren sie zu ihm führen würde. Er würde weitersuchen, nicht aufgeben, so wie Negosava es ihm gesagt hatte. Es war eine einfache Geschichte, und der alte Mann erzählte sie den Menschen, die er auf seiner Reise traf, wenn sie ihn verwundert fragten, wo er denn hinwolle. Er suchte seine Nichte Tonka, aber er hatte nicht mehr allzu viel Zeit. Er überprüfte die Projektoren auf der Ladefläche, stieg ins Führerhaus des FAP und ließ den Motor an.

Der Cowboy steigt ins „Führerhaus“, wie der von Karl May herbeizitierte „Lokomotivführer als stählerne Macht der Moderne“, bezirzt die Menschen mit seinen Filmen und sucht weiter die Nichte, den familiären Zusammenhang, mit anderen Worten die Heimat. Clemens Meyers Roman Die Projektoren dokumentiert diese Sehnsucht nach eindeutiger Zugehörigkeit, diesen Wunsch nach Identität, nach Blut und Boden-Treue bis in die letzten, brutalsten, grausamsten Details. Sein Roman selbst widersteht diesen Versuchungen nicht. Er glänzt dort, wo sich gewalttätige Szenen abspielen (Bombardements, Vergewaltigungsversuche, Tretminenentschärfungen), und verbleibt im wirren, sich überschneidenden, widersprechenden, ambigen Rest in hilflos narrativer Rat- und Verständnislosigkeit.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

In den nächsten zwei Wochen bis 14.10.2024 auf Kommunikatives Lesen werde ich die Shortlist des Deutschen Buchpreises besprechen, um dann wie in den Vorjahren (20232022) ein eigenes Resümee zu ziehen. Bereits besprochen: 

Es folgen:

  • Maren Kames: Hasenprosa.
  • Ronya Othmann:  Vierundsiebzig
  • Martina Hefter:  Hey guten Morgen, wie geht es dir?
  • Markus Thielemann Von Norden rollt ein Donner.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

26 Antworten auf „Clemens Meyer: „Die Projektoren““

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Das Buch handelt eher von Gewalt und Brutalität, ohne distinkten historischen Hintergrund. Ich habe das versucht anzudeuten – es ist ein Potpourri völlig verworrener Lebenswege. Tatsächlich gibt der Text einem viele Bausteine in die Hand, rechtsnationales Denken zu attribuieren. Nun gut, aber dazu gehört im Grunde nicht viel. Einer Schrift wie „Der autoritäre Charakter“ vom Frankfurter Institut für Sozialforschung fügt er nichts hinzu. Und ich fürchte, auch der Balkankriegdiskussion nicht. Ich würde mich wirklich interessieren, was alle an diesem Buch für so überragend halten. Tut mir leid, dass deine Erinnerungen da so hochkommen. Ich kann mir durch die räumliche Nähe sehr gut vorstellen, wie heftig das gewesen ist. Ich habe nur durch Klassenkameraden, die sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen zu hassen anfingen, davon mitbekommen – ein serbischer Mitschüler schlug wildschreiend auf einen kroatischen ein. Nee, auch keine schöne Erinnerung. Ich verstehe dich nur zu gut. Viele Grüße und Danke für deinen Kommentar!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Das Buch besitzt ungewöhnlich intensive Passagen, die graben sich schon in die Leseerinnerung ein, aber der Rahmen wurde von Meyer zu dünn angelegt, das hält sich einfach nicht, und zumal ich einfach keine Romane mag, die Geschichtsschreibung sein wollen, aber keine sein können, denn dazu gehört einfach dokumentierte Quellenrecherche. Ich bin aber, zugeben, etwas matt danach. Ich könnte nicht mal sagen, was Meyer mir sagen wollte, mit seinem Opus – es ist ein gruseliges Ganzes, das Ganze 😀 … Danke für deine netten Worte! Viele Grüße!

  1. Bin gerade bei deinem Link zur Brücke über der Drina: Zwangslage viel über viel zu berichten, ich glaube, dass hat mich bei Meyer am wahnsinnig gemacht. Ein zuviel. Ein immer weiteres Zersplittern

  2. Danke für diese Rezension Alexander: unglaublich wie du die Fäden sichtbar machen konntest. Was ich wirklich gekonnt fand an dem Roman: dass jedes Kapitel in einem anderen Stil geschrieben ist. Zum Beispiel bei : es war einmal …das hatte mich sofort an den Stil von Groschenromanen erinnert ( die ich natürlich nicht lese) und überhaupt war der ganze Velebit Partisanen Verbannungsstrang attmosphärisch sehr dicht ( außer er war im Stil vom Groschenroman verfasst). Sehr gut gelungen fand ich auch die Heldenmythen die der Vater Georg erzählt, damit sind wir in der DDR wirklich aufgewachsen, Soja Kosmodemjanska, Käte Niederkirchner, etc. Und spannend fand ich die Idee, wie sich das bei Georg ins Gegenteil verkehrt. Derselbe Pathos nur unter umgekehrten Vorzeichen . Erinnert mich im übrigen an Ayn Rand: als mich die Sprache und das Heldentum in seinen Bann zog und ich erst durch dich verstand warum. Also diese Georggeschichte fand ich sehr gut, sehr glaubhaft.

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ja, du hebst die Stellen heraus, die ich auch sehr überzeugend fand. Besonders das Georg-Kapitel, das war gruselig, entsetzlich, aber sehr nachvollziehbar, schlimm, wie diese Freundschaft zum behinderten Klassenkameraden sich entwickelt – ich hab’s atemlos verschlungen. Und ja, auch stilistisch ändern sich die Kapitel, aber im Grunde genommen nur ein wenig in Syntax. Die Erzählperspektive bleibt durchweg filmisch-distanziert, weil die Schnitte sehr hart gesetzt werden. Ich würde ja wirklich gerne mal einen „immersiven“ DDR-Rückblick lesen, einer, der diese Zeit in Worte fasst und nicht direkt immer alles mit Urteilen übersät. Kennst du was?

  3. Bin noch nicht fertig mit dem Lesen deiner Rezension, das waren nur ein paar Gedanken am Beginn

  4. Reimann, Bräunig, Christa Wolf ( 🙂 und auf russischer Seite Platonow : die glückliche Moskwa

  5. Fandest du, dass Clemens Meyer urteilt? Eigentlich zeigt er nur auf, aber ohne Hoffnung zu machen

  6. Ganz schön tapfer, lieber Alexander, dieses Buch durchzuhalten – wie du es beschreibst, wäre es überhaupt nicht meins. Deine informative Beschreibung gibt mir dafür die Gründe.

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Danke, Ule. Das Buch war anstrengend zu lesen, aber hatte interessante Passagen. Ich würde sogar sagen, dass manche Passagen (Kapitel), die Romanlänge besitzen, für sich genommen lesenswert wären. Das Gesamtbild stimmt irgendwie nicht, finde ich, aber vielleicht ändert sich das noch in der Retrospektive. Schade, da die Gesamtanlage mich interessiert hat. Ich lese nebenher und abundzu gerade noch „Der Schatz im Silbersee“ (das ist zufällig passiert, verrückt). Viele Grüße!!

      1. Ach, du liebe Güte, zwischendurch Karl May! Ja, ja, diese Häppchen zwischendurch … zwischen die Projektoren hätte wohl auch ein gelegentliches Häppchen aus Saša Stanišič, Wie der Soldat das Grammofon repariert
        gepasst.

      2. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Ja, Stanisic will ich noch mal versuchen, besonders in seinen früheren Büchern, habe sehr viel Gutes darüber gehört. Karl May ist oft witzig, und in seiner stilprägenden Schreibweise, überhaupt nicht für die Gegenwart zu unterschätzen, denke ich 🙂

      3. Die Ergebnisse dieses Versuchs werden mich sehr interessieren; ich bin da sehr hin- und hergerissen.

      4. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
        Alexander Carmele sagt:

        Ich habe ja sein neuestes Buch intensiv belesen und fand die Schreibweise sehr schnodderig – ich bin kein großer Fan von Copy&Paste-Ironie, die sich da entfaltet hat, aber ich will das nicht einfach alles über einen Kamm scheren. Ich gebe auch zu, dass ich oft zu konzentriert an Texte herangehe, Texte, die im Grunde wie Fahrstuhlmusik funktionieren und so auch wahrgenommen werden wollen. Wäre etwa so, dass ich eine Milchsemmel extra lang kaue, in der Hoffnung, satt von ihr zu werden, statt Vollkornbrot zu mir zu nehmen … äh … keine Ahnung 🙂

  7. hibouh – Grand Turc – read me! Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!
    hibouh sagt:

    Die Rezension macht Lust, das Buch zu lesen. Bin balkanmaessig vorbelastet, kenne Jugoslawien recht gut, war auch nach den Kriegen sowohl in Serbien als auch in Kroatien, mein Sohn hat ne Bosnierin zur Frau, bin aber nicht wie Myriam vorbelastet, da nur St. Galler 🙂 Ausserdem habe ich sowohl Andric als auch Foster, Karl May und Weiss gelesen und mag Kluge sehr. Vielleicht haelt Meyer nicht, was diese versprechen? Aber ich mag die Kamera-Erzaehlweise mit harten Schnitten und Montagen. Apropos Wanderkino: Lest mal Ransmayers „Die letzte Welt“! Alexander: Merci!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Nach allem, was ich von dir weiß, würdest das Buch sehr zu schätzen wissen, denke ich. Es hat sehr eindrückliche Stellen, und es liest sich über weite Strecken sehr fesselnd. Mich hat die Erzählstimme und das Unbestimmte nicht überzeugt – auch die unklare Perspektive, aber die als Schelmenroman durchaus verstanden werden kann. Wäre gespannt, was du dazu sagst. Ich behalte Ransmayers Roman im Hinterkopf. Wenn du Alexander Kluge magst, ist „Die Projektoren“ wirklich für dich! Vielen Dank für den Literaturtipp!

Kommentar verfassenAntwort abbrechen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Die mobile Version verlassen
%%footer%%