Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

Solange ein Streichholz brennt heißt der vierte Roman von dem Podcaster Christian „Pokerbeats“ Huber und lässt sich in eine Reihe mit Johanna Adorjáns Ciao, Nele Pollatscheks Kleine Probleme und auch Dana von Suffrins letztem Roman Toxibaby stellen. Im Zentrum des Geschehens steht Alina Alev, eine türkisch-stämmige Fernsehjournalistin, die sich, aus etwas fadenscheinig motivierten Gründen, in eine komplizierte Beziehung mit einem Obdachlosen stürzt. Huber verhandelt hier also sowohl den Prokrastinierer Lars aus Kleine Probleme, den aus den Fugen geratenen Journalismus aus Ciao, wie auch das Männer-Retten-Element in Toxibaby, nur hier mit dem Twist, dass das Setting an die Schöne und das Biest erinnert mit dem melodramatischen Impetus eines Hans Christian Andersens Märchen aus Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern:

»Ich hab Feuer«, sagte Bohm. Zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt er ein schmales Streichholz. Erstaunt beobachtete Alina, wie er mit dem Fingernagel blitzschnell darüberstrich, sodass es sich entzündete. Für den Bruchteil einer Sekunde hing Bohms Blick in der Flamme fest. Er reckte seine krumme Zigarette hinein und deutete Alina an, es ihm gleichzutun, während er das brennende Hölzchen mit der hohlen Hand abschirmte. Ohne einen Schritt zu machen, lediglich den Oberkörper nach vorn gebeugt, ließ Alina sich Feuer geben. Rauchend standen sie an einem Abfalleimer.

Christian Huber aus: „Solange ein Streichholz brennt“

Inhalt/Plot:

Die Handlung von Solange ein Streichholz brennt spielt in der unmittelbaren Gegenwart in Köln. Alina, 36 Jahre alt, die eine vielversprechende Karriere als Journalistin begonnen hat, gerät in die Mühlen eines Fernsehsenders und muss mitansehen, wie sich ihre Hoffnungen auf baldigen Erfolg langsam in Luft auflösen. Allein das gute Verhältnis zum Shootingstar Jakob Nowak rettet sie am Ende davor, gefeuert zu werden. Er bindet sie nämlich in sein neuestes Projekt ein, eine Art Talkshow-Magazin mit investigativem frischen Journalismus. Das Thema der ersten Sendung lautet ‚das Sozialgefüge der Republik‘, und Alinas Job besteht nun darin, Anschauungsmaterial für den Slogan „Wie entgleitet ein Leben?“ zu liefern. Sie beschließt, den Alltag eines Obdachlosen zu filmen:

Wie viele wohnungslose Menschen es hier gab, war erschütternd. Natürlich war Alina bewusst gewesen, dass es viele waren. Aber wie viele? Sonst, wenn sie hier war, hetzte sie mit Kopfhörern in den Ohren von A nach B, telefonierte oder schaute auf Google Maps. Jetzt sah sie jeden Meter ein zersplittertes Leben. Ein Mann lag zusammengekrümmt wie ein verdorrtes Blatt auf einem Gitterrost, daneben ein zweiter und ein dritter. Jeder von ihnen hätte tot sein können, niemanden interessierte es. Ein Rollstuhlfahrer mit einer Decke, die unterhalb der Oberschenkel im Nichts baumelte, hatte ein Schild vor sich, auf dem Geld für Essen bitte stand. Ein paar Schritte weiter schrie eine Frau mit stricknadeldünnen Armen plaudernde Passanten an, die schockiert die Straßenseite wechselten und dort ihr Gespräch sofort wieder aufnahmen. Alina justierte die Schärfe der Kamera nach und schluckte.

Auf einem Flohmarkt trifft sie den Holzmäuse verkaufenden 36 Jahre alten Bohm, der friedlich, verhungert, verschmutzt und betrunken neben einem Hund in der Sonne sitzt und auf Kundschaft wartet. Sie unterbreitet ihm etwas unverhohlen das Angebot, bei ihrer Reportage mitzuwirken, das dieser dann entschieden und brüsk ausschlägt. Erst als sein Hund Fox in Not gerät, muss er auf ihre Hilfe zurückgreifen, denn das Geld für die lebensrettende Operation in der Tierklinik vermag er nicht aus eigenen Mitteln zusammenzukratzen.

Dieser vielversprechende, Konflikt beladene Beginn lässt nun viele Wege offen, inwieweit bspw. journalistische Integrität über Skandalberichterstattung siegt, wie Bohm überhaupt auf der Straße gelandet ist und wie er sein Leben dort sieht und einordnet. Andere Fragen, die sich aus dieser Konstellation ergeben könnten, wären, ob diese Form des Journalismus Alina beruflich und intellektuell weiterbringt, wie ihre zukünftige Tätigkeit im Zeitalter der sozialen Medien als Journalistin überhaupt weitergeht und ob gegenwartsgetreuer Journalismus noch in zentralen und großangelegten Institutionen wohlaufgehoben sei. Dieses reiche und überzeugend angelegte Szenario findet seine Intensivierung in den Figuren Bohm und Alina und ihrem jeweiligen Umfeld. Beide, Bohm wie Alina, befinden sich in einer Art Krise. Bohm hat aufgegeben, Alina ist kurz davor:

Alina Alev war dankbar, dass niemand im Inneren des Fahrstuhls einen Spiegel angebracht hatte. Sie wusste, wie sie aussah. Ihre Locken waren braunes Stroh, ihre Augenhöhlen dunkle Schatten, die nicht verschwinden würden, egal, wie fest sie die Handballen daraufpresste. Wieder hatte sie die Nacht nicht geschlafen. Sie fühlte sich wie ein Geist.

Auch Bohm fühlt sich wie einer. Ohne Vergangenheit, ohne Zukunft geistert er durch die Straßen Kölns, wühlt in Mülltonnen nach Nahrungsmitteln, stiehlt Kleidungsstücke aus Wohnungen und Medikamente aus einer Klinik, übernachtet in Notunterkünften oder auf Baustellen und drückt sich um das Öffnen eines offiziellen Schreibens, das ihm die Sozialarbeiterin vor Erzählbeginn überreicht hat. Als er dann noch seinen Schlafsack verliert, ist er am Ende:

Der Regen, der während der letzten Stunden in den Container gelaufen war, hatte den Müll durchweicht und in der Tonne eine zentimeterhoch stehende Brühe gebildet. Bohm zog an dem Schlafsack, der kaum mehr war als ein triefender Schwamm, Schleimfäden rissen zurück in die undefinierbare Lache. Die Daunenfüllung war zu einem einzigen Batzen zusammengeklebt. Einen Augenblick lang stand er einfach nur da, dann warf Bohm den Klumpen zurück in den Container.

Ohne Schlafsack, Geld, ohne Alkohol und Drogen stromert er herum, bis ihm ein Hund zuläuft und er sich dann mit dem Hund zusammen von Alina in die Obhut nehmen lässt. Leider schöpft Christian Huber in Solange ein Streichholz brennt das Potential seines vielversprechenden und atmosphärisch gelungen eingeführten Szenarios nicht aus. Die Figuren bleiben eher matt, die Verhältnisse klischiert, bis zur Karikatur überzeichnet, und lassen nur die offensichtlichste und unglaubwürdigste Lösung des erzählerischen Problems zu: eine unwahrscheinliche, alles überwindende Liebe.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Liebe mit Plot: Aussteiger/Duldsamkeit

Stil/Sprache/Form:

Stilistisch überzeugt Hubers narrative Form anfänglich durchaus. Die Szenen werden intensiv gezeichnet. Die Sprache wirkt selten überladen, stets rhythmisch, auf Lesefluss bedacht, und die Figuren erhalten durch die Dialoge eine große Lebendigkeit und Intensität, sodass die Hoffnung nach den ersten Seiten wächst, einen gelungenen Gegenwarts-Großstadtroman geboten zu bekommen. Leider zerfasert sich die Erzählung zunehmend, was auch mit den sehr harten Schnitten zwischen den Kapiteln zu tun hat, die mehr oder weniger abwechselnd die Perspektive von Alina und Bohm beleuchten sollen. Episodenhaftes Erzählen glänzt jedoch vor allem dort, wo ein Ereignis im Zentrum des Geschehens steht. Hier aber stehen die Psychen der Figuren im Vordergrund, sodass das Episodenerzählen skizzenhaft, unausgewogen und unterbrechend, also aus der Immersion reißend, wirkt.

Während sie sich noch küssten, knallte ein Gedanke durch sein Bewusstsein, durchbrach alle Schichten und Barrieren, ließ Wände zerbersten und die alten Panzer aufbrechen. Ein Gedanke. Von ganz unten. Vergraben und verschüttet, die Erde daraufgeschaufelt, gepresst und festgetrampelt, Jahr um Jahr, Schicht um Schicht, Sediment um Sediment. Ein Gedanke. Ein Name. Saskia. Saskia. Ssssssssaskia.

Zunehmend verliert Huber dann die Balance in der Sprache und nimmt Zuflucht in drastischen Formulierungen, um das Zerfasern seines Textes zu überspielen, was nur leidlich gelingen kann, denn die Grundanlage des Romans, die Journalistin, der Journalismus, tritt zu stark in den Hintergrund. Das gesellschaftliche Thema, das das Episodenerzählen nahelegt und begründet, verliert so gründlich an Gewicht, dass es im Grunde genommen am Ende nur noch eine eigenartig unausgewogene Dreiecksgeschichte wird:

»Wie entgleitet ein Leben passt schon auch ganz gut, wenn ich mir dich gerade so angucke, Jakob«, sagte Alina. »By the way.« Bohm lachte […] Jakob zielte mit den Fingern auf Bohm und drückte ab. Drei Schüsse in die Brust. »Du bist einfach nur Müll«, sagte er. Nun war er es, der lachte. »Fickt euch doch. Ist eh alles am Arsch.« Er hatte die Tür geöffnet und wollte gehen. Doch Bohm sah nichts mehr. Nichts außer gleißendem Weiß.

Die narrative Sprache gerät ins Fahrwasser eines Boulevardstils, je enger Huber die Kreise um Bohm und Alina zieht und hierdurch praktisch ihre narrative Lebendigkeit erdrosselt. Ein Ausweg wäre die Flucht nach vorn gewesen und so noch andere Figuren in die Beobachtung einzuschließen und das Szenario auszugestalten. Stattdessen reduziert sich am Ende alles auf das alte bekannte: wer mit wem.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Solange ein Streichholz brennt steht im Zusammenhang mit vielen Romanen, die die passiv-aggressive Männlichkeit und ihr Scheitern untersuchen. Hubers Bohm steht für viele typische, in vielen Romanen herumgeisternde Gestalten. Zu nennen wären hier als Autoren Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf, Sebastian Hotz‘ Mindset, Thomas Hettches Sinkende Sterne, und vor allem die Hauptfigur Paul in Michel Houellebecqs letztem Roman Vernichten. Die Utopie besteht in der Regression, im Sich-Gehen-Lassen, im Stinken-Dürfen, ohne die Liebe und Zuwendung ihrer Partnerin verlieren zu müssen. Bei Houellebecq liest sich das so:

Und selbst wenn [Pauls] Tumor wirklich zu stinken begänne, würde sie [Prudence] nur leicht blinzeln und sich darauf konzentrieren, ihren Geruchssinn auszuschalten, und sie würde es schaffen, Liebe mit ihm zu machen, einige sehr liebevolle Frauen hatten das beim Gestank von Scheiße, der von den zerstörten Eingeweiden ihrer Ehemänner aufstieg und deren Atem verpestete, auch getan, wobei der Geruch, den er verströmte, zugegebenermaßen schlimmer war als der von Scheiße, es war Leichengeruch, der Geruch von verwesendem Fleisch, der von dem Tumor ausging, so macht das die Natur, das ist Mutter Natur, das ist ihr Stil […]

Michel Houellebecq aus: „Vernichten“

Bei Christian Huber gibt sich eine ähnliche Szene etwas milder, aber mit selbem Unterton:

In diesem Moment drehte der Wind und drückte ihm in den Rücken. Alina Alev, die eben noch nah an dem Handtuch gestanden hatte, wich etwas zurück, und Bohm sah, wie sie für einen Sekundenbruchteil die Mundwinkel verzog. Sofort lächelte sie wieder. Bohm schluckte. Ihm war bewusst, dass er stank. Einen Wimpernschlag lang fühlte er Scham, dann etwas anderes, Unbenennbares, bevor der Trotz in ihm aufstieg und seinen Verstand klärte.

Wohlgemerkt, Huber beschreibt hier den Moment, in welchen sich die gepflegte, ausgebildete, im Grunde völlig im Leben stehende Alina in den obdachlosen, stinkenden, mit verkrustetem Dreck unter den Fingern vor ihr stehenden, betrunkenen Bohm verliebt. Die literarische Ahnenreihe findet schnell ihren Ausgangspunkt in Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts Märchen Die Schöne und das Tier (1756):

In der zehnten Nacht daheim träumte [die Schöne], sie sei im Garten des Schlosses und träfe das Tier im Gras reglos liegend an, sterbenskrank und unglücklich wegen ihrer Undankbarkeit. Die Schöne erwachte sogleich und brach in Tränen aus. »Was bin ich für ein schlechter Mensch«, fragte sie sich, »ein Tier so zu enttäuschen, das mich so gern hat? Ist es denn sein Fehler, dass es so hässlich ist und so wenig redegewandt? Es hat ein gutes Herz, das ist mehr wert als alles andere. Warum nur wollte ich es nicht heiraten? Mit ihm wäre ich viel glücklicher, als es meine Schwestern mit ihren Männern geworden sind. Weder Schönheit noch Wortwitz eines Mannes machen eine Frau glücklich, sondern es sind ein edler Charakter, Tugend und Verständnis.«

Jeanne-Marie Leprince de Beaumont aus: „Die Schöne und das Tier

Huber versucht erst gar nicht, den Märchencharakter von Solange ein Streichholz brennt zu überspielen: Bohm, als Prinz im Gewand des Obdachlosen, die Schöne und Retterin in Gewand der Journalistin, beide in der Krise. Alina sehnt sich danach, Erfüllung in der Sorge um Bohm und seinen Hund zu finden, und Bohm erkennt, dass die Fürsorge ein Schritt zurück in die Gesellschaft darstellt, wie er sie sich vorstellt. Leider passen Motiv, Erzählweise und die am Ende ausufernden Thematiken nicht mehr zueinander. Huber erzählt eine Art Kalenderspruch, im Sinne von »Immer, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!«, jedoch ohne die Pointe, den Reim und die Wichtigkeit der verdichtenden Kürze zu beachten. Das anfängliche Potential entfaltet sich letztlich leider nicht. Es scheint, und dies gerät bei einem Roman mit dem Titel Solange ein Streichholz brennt zur eigentümlichen Treppenwitz-artigen Ironie, als hätte die erzählerisch zündende Idee gefehlt.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

2 Antworten auf „Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt““

  1. Es gibt Romanfiguren, die mir so spontan unsympathisch werden, dass ich das Lesen unverzüglich abbreche. Erst mit dem Daumennageltrick Eindruck schinden, dann sich selbst die Zigarette anzünden und dann – mit dem noch brennenden Streichholz – Feuer anbieten. UNMÖGLICHES BENEHMEN!

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Der Roman wirft viele sehr Fragen auf – er wirkt wie eine sehr absurde Form von Saulus zu Paulus. Die Szene dient als Vorbereitung dessen, dass er sich bessern wird, aber dieses Bessern wird nicht wirklich motiviert, und der Paulus am Ende bleibt beim Saulus, nur dass er Alina mit hineinzieht. Ich habe nicht das Gefühl, dass dahinter vielmehr als eine krude Idee steckt.

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