Svenja Leiber: „Nelka“

Nelka von Svenja Leiber. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:

Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.

Svenja Leiber aus: „Nelka“
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Robert Seethaler: „Die Straße“

Die Straße von Robert Seethaler. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Wie in dem Vorgängerroman Das Café ohne Namen rahmt in Die Straße eine Geschäftseröffnung die Handlung, dieses Mal statt eines Cafés ein Antiquariat, das in eine ehemalige Kohlenhandlung einzieht. Im Gegensatz jedoch zu seinem Vorgänger richtet Seethaler sein Augenmerk dieses Mal weniger auf eine Handvoll Figuren, als dass er eine ganze Straße in ihrem Murmeln, in ihren Gedanken, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen erscheinen lässt, die Heidestraße, wohl in einer deutschsprachigen Stadt Anfang der 1980er Jahre. Etwas ähnliches hat Christoph Hein mit Guldenberg (2021) für ein Dorf in den 2000ern unternommen, wie der Klassiker Georges Perec in Das Leben Gebrauchsanweisung (1978), worin die Bewohner eines ganzen Mietshauses zu Wort kommen, ein jedes Appartement besucht und beschrieben und ein Aquarell-Puzzle zu lösen versucht wird. Die Straße bietet aber kein intellektuelles Puzzle das Hintergrundmotiv. Es lässt die Leute direkt reden, frei von der Leber weg:

Ich übertreibe, wenn ich sage, dass sie säuft wie ein Büffel und frisst wie ein Schwein? Hast du nicht gesehen, wie sie im Südstern einen ganzen Knödel auf ihre Gabel gespießt und hineingebissen hat und wie der Saft herausgequollen, über ihr Kinn gelaufen und auf ihre dottergelbe Bluse getropft ist? Natürlich hast du es gesehen, weil es ja der ganze Gastraum gesehen hat. Es konnte ja gar niemand mehr woanders hinschauen als auf diesen Knödel, der in ihrem aufgerissenen Mund verschwindet und dort zerquetscht, zermalmt und zermanscht wird, bis der braune Saft herausquillt und die Bluse und den Rock und die Tischdecke und den ganzen Abend versaut.

Robert Seethaler aus: „Die Straße“
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Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“

Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman.

Bereits 1995 geschrieben, hat Jacqueline Harpmans Roman Ich, die ich Männer nicht kannte durch eine Wiederauflage erneute Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Höchstwahrscheinlich auch durch den andauernden Erfolg von Margaret Atwoods Der Report einer Magd, mit der Harpmans Roman wesentliche dystopische Momente teilt. Über Atwoods Thema der Frauenunterdrückung hinaus beschäftigt sich Harpman in Ich, die ich Männer nicht kannte noch mit der psychisch-anthropologischen Situation, in einer kargen Welt isoliert auf sich allein zurückgeworfen zu werden, und kommuniziert so intensiv mit Dino Buzzatis Die Tatarenwüste, mit Guido Morsellis Dissipatio humani generis, Marlene Haushofers Die Wand oder Abe Kōbōs Die Frau in den Dünen. Wenige jedoch ziehen aus ihrem Stoff derart verstörend anthropologisch-psychologische Konsequenzen wie Harpman:

Ob irgendjemand oder irgendetwas irgendwo den Sinn von alldem kannte? Und ob die Dinge anderswo einfach so weitergingen? Gab es auf diesem Planeten, von dem ich, so lange ich auch weiterliefe, nur einen Teil sehen würde, oder auf einem anderen einen Ort, wo die Keller noch in Betrieb waren? Wo Männer und Frauen der Peitsche gehorchten, zu willkürlichen Zeiten aßen und schliefen und wo ein rebellisches Mädchen anfing, ihren Herzschlag zu zählen? War ich die Einzige? Gab es an diesem Sternenhimmel noch tausend andere Planeten wie den, auf dem ich umherirrte, und wenn ich nachts auf den Schlaf wartete, streifte mein Blick dann manchmal eine ferne Erde, wo sich die gleiche Szene abspielte?

Jacqueline Harpman aus: „Ich, die ich Männer nicht kannte“
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Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

Solange ein Streichholz brennt heißt der vierte Roman von dem Podcaster Christian „Pokerbeats“ Huber und lässt sich in eine Reihe mit Johanna Adorjáns Ciao, Nele Pollatscheks Kleine Probleme und auch Dana von Suffrins letztem Roman Toxibaby stellen. Im Zentrum des Geschehens steht Alina Alev, eine türkisch-stämmige Fernsehjournalistin, die sich, aus etwas fadenscheinig motivierten Gründen, in eine komplizierte Beziehung mit einem Obdachlosen stürzt. Huber verhandelt hier also sowohl den Prokrastinierer Lars aus Kleine Probleme, den aus den Fugen geratenen Journalismus aus Ciao, wie auch das Männer-Retten-Element in Toxibaby, nur hier mit dem Twist, dass das Setting an die Schöne und das Biest erinnert mit dem melodramatischen Impetus eines Hans Christian Andersens Märchen aus Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern:

»Ich hab Feuer«, sagte Bohm. Zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt er ein schmales Streichholz. Erstaunt beobachtete Alina, wie er mit dem Fingernagel blitzschnell darüberstrich, sodass es sich entzündete. Für den Bruchteil einer Sekunde hing Bohms Blick in der Flamme fest. Er reckte seine krumme Zigarette hinein und deutete Alina an, es ihm gleichzutun, während er das brennende Hölzchen mit der hohlen Hand abschirmte. Ohne einen Schritt zu machen, lediglich den Oberkörper nach vorn gebeugt, ließ Alina sich Feuer geben. Rauchend standen sie an einem Abfalleimer.

Christian Huber aus: „Solange ein Streichholz brennt“
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