Die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört nicht zu den häufigsten Motiven der Literaturgeschichte. Wenige setzen sich literarisch ausführlich mit dem Sterben auseinander. Herausragende Beispiele gibt es dennoch, bspw. Der Tod des Iwan Iljitsch (Lev Tolstoi) oder Der Tod des Vergil (Hermann Broch), oder etwas gegenwartsliterarischer Stoner (John Williams). Essayistisch, anekdotisch und theoretisch-reflektierende Texte werden häufiger geschrieben, bspw. Tagebuch der Trauer (Roland Barthes), Unzertrennlich (Marilyn und Irvin D. Yalom) oder in Stundenbuch-ähnlicher Form Der heutige Tag (Helga Schubert). Der Gärtner und der Tod von Georgi Gospodinovs, International Booker Prize-Träger 2023, gehört durch die Coverbezeichnung „Roman“ zu den literarischen, vom Text her gesehen aber zu den essayistisch-anekdotischen Verarbeitungsformen:
‚Mein Vater ist gestorben‘ und ‚Mein Vater stirbt‘ sind zwei ganz unterschiedliche Sätze. Der erste ist eine Tatsache, ein Schluss, der zweite – ein Roman. Eine lange Geschichte, in der sich Hoffnung und Verzweiflung abwechseln, sich gegenseitig nähren und anfachen. Der Sauerstoff der einen schürt ununterbrochen das Feuer der anderen. Der Tod ist auch ein sprachliches Problem. Das Wort »stirbt« ist kurz und knackig. Da ist das »r« des letzten Röchelns und am Ende ein Kreuz im »t«. Das betonte »i« zwischen all den Konsonanten schlägt den Nagel ein, lässt keine Hoffnung mehr.
Georgi Gospodinov aus: „Der Gärtner und der Tod“
Inhalt/Plot:
Inhaltlich deckt der Roman ungefähr eine Zeit von sechs Monaten ab, von November bis Mai, in denen der Vater eines Erzähl-Ichs, das sich namentlich nicht zu erkennen gibt, eine zweite Krebsdiagnose erhält, zu seinem Sohn nach Sofia zieht, dort von ihm gepflegt und kurz vor Weihnachten stirbt, am 20. Dezember, dem Ignatiustag. Der größte Wunsch des Vaters bestand in einem weiteren Erleben des Georgstages im Mai, zu dem sich die ganze Familie zum Lammessen mit Knoblauch und grüner Minze für gewöhnlich versammelt. Der Roman gewährt nun diesen Wunsch in Retrospektive, als das Erzähl-Ich genau bis zu diesem Tag und nach dem Tode des Vaters diesen in seinem Schreiben weiterleben lässt und die Aufzeichnungen am Georgstag nach 91 Kapiteln beendet:
Den Georgstag erleben, wiederholte mein Vater, damit wir uns versammeln. Ich beende das Buch an diesem Datum. Es ist der Georgstag. Ich mag eine Ikone vom Sinai sehr gern, aus dem 13. Jahrhundert, auf der der Heilige Georg ohne Lanze, ohne Drachen und ohne Schwert abgebildet ist. Sein Gesicht ist unschuldig, und er blickt nach unten, zur Seite. Ein Gesicht voller Trauer, aber auch Zuversicht.
In dieser erzählten Zeit reiht das Erzähl-Ich eine Anekdote, einen Erinnerungsfetzen nach dem anderen aneinander, um den Vater, zu dem er ein sehr gutes Verhältnis gehabt hat, Erinnerungsraum zu gewähren, um das Meiste, was er von seinem Vater weiß, festzuhalten und auch die Zeit der Trauerarbeit im Andenken an den verstorbenen zu nutzen. Hier gleicht das Unterfangen Gospodinovs fast haargenau, aber komplementär, Roland Barthes Tagebuch der Trauer, in welchem der französische Literaturwissenschaftler über den Tod seiner Mutter reflektiert, und zwar ebenfalls lose, diskontinuierlich, mit viel Raum auf den Seiten, Raum, der der Verzweiflung des erinnernden, trauernden Erzähl-Ichs gewidmet ist, nämlich der Lücke, die der Tod der Mutter in seinem Leben hinterlassen hat:
21. August 1978: Was meinem Kummer am fernsten, am meisten zuwider scheint: die Lektüre der Zeitung Le Monde mit ihrem bissig-besserwisserischen Ton.
[eine fast ganze Seite unbedruckt dazwischen]
21. August 1978: Ich habe JL zu erklären versucht (in einem Satz zusammengefaßt): Mein ganzes Leben lang war ich gern mit Mam. zusammen. Es war keine Gewohnheit. Ich genoß die Ferien in U. (obwohl ich das Land nicht besonders liebe), weil ich wußte, daß ich die ganze Zeit über dort mit ihr wäre.
Roland Barthes aus: „Tagebuch der Trauer“
Das Thema Alltäglichkeit, Kontinuität und ewige Wiederholung derselben Inhalte gerät auch beim Erzähl-Ich Gospodinovs in Widerstreit mit dem Singulären, dem Tod des Vaters, der einen harten Schnitt in die Realität bewirkt:
Mir wurde bewusst, dass im Fernsehen auch weiterhin die gleichen Reklamen laufen würden – die, die ihm gefallen hatten, und jene, über die er sich geärgert hatte. (Die unerträgliche Unsterblichkeit der Reklame.)
Ich bewahrte die letzten Ausgaben der Zeitungen auf, die ich ihm gekauft hatte. Um zu wissen, was für eine Welt er zurückgelassen hat.
Im Gegensatz jedoch zu Barthes spielt Gospodinov in Der Gärtner und der Tod unernst mit Fiktion (Anspielung auf Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) und dem Imaginären, also ästhetisiert mit einer narrativen Leichtigkeit den Abschied vom Vater des Erzähl-Ichs, wovor sich Barthes gerade zu behüten sucht:
Ich will nicht darüber sprechen, weil ich fürchte, es wird Literatur daraus – oder weil ich nicht sicher bin, dass es keine wird -, auch wenn in der Tat Literatur in solchen Wahrheiten gründet.
Roland Barthes aus: „Tagebuch der Trauer“
Der Unterschied geht hier aufs Ganze, wie eine Untersuchung der Erzählform und des Erzählstils zeigen wird.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoff: Liebe und Brutalität. Plot: Liebes- und Reiseabenteuer.
Stil/Sprache/Form:
In Roland Barthes‘ Tagebuch der Trauer gibt es keinen Erzähler. Roland Barthes selbst schreibt den Text. Er verabschiedet sich selbst von seiner Mutter. Zwar stehen die Orte und die Freunde und Bekannte in Chiffren, er selbst aber bleibt Teil des Textes, verzettelt sich im wahrsten Sinne des Wortes in einem Palimpsest der Trauer. Zudem handelt es sich um kein Buch aus letzter Hand. Es besteht aus einer redigierten Sammlung von Notizen, die Barthes nach dem Tod seiner Mutter verfasst, aber niemals selbst zu einem Buch zusammengestellt hat. Dies fand erst nachträglich durch seine Nachlassverwalter statt. Bei Der Gärtner und der Tod jedoch handelt es sich um einen „Roman“ und das wird auch textlich an manchen Stellen verdeutlicht, bspw. dort, wo das Erzähl-Ich klar den Namen des Autors ausspart, um das Erzähl-Ich allgemein zu halten.
Drei Wochen vor dem Tod meines Vaters habe ich ein besonderes Erlebnis, das nicht direkt mit ihm zu tun hat. Ich gehe an einem späten Nachmittag über die »Šipka«-Straße, unter einer gnädigen Novembersonne, die nicht der Jahreszeit entspricht. Eine junge Frau kommt mir auf dem Gehsteig entgegen, lächelt und spricht mich an. Sie sind …, nicht wahr?
Ich bin es.
Georgi Gospodinov aus: „Der Gärtner und der Tod“
Das Erlebnis, dass eine selbstmordgefährdete Studentin einen in Sofia stadtweit bekannten Schriftsteller auf der Straße anspricht (solche Stellen mehren sich im Text), der sich dann aber als „…“ unerwähnt lässt (seltsam, wo Familienstand, Alter und Wohnort mit „Georgi Gospodinov“ zusammenfallen), hat tatsächlich gar nichts mit der Geschichte des Vaters, dessen Krankheit und Ableben zu tun. Sie wirft aber ein Licht auf den Text als Gesamtkomposition. An dieser Stelle, die den Reflexionsfluss über den Tod des Vaters empfindlich stört, da sie unvermittelt, losgelöst hineinmontiert wirkt, müsste das Erzähl-Ich, das sich im Text stets vor den Vater und sein Leben schiebt, eigentlich unverblümt seinen Namen nennen und unterlässt es dennoch sonderbarerweise. Das Erzähl-Ich soll hier, durch die sprachlich voluntaristische Aussparung, die in einem Text, der sonst keine Aussparungen kennt, merkwürdig artifiziell, fast wie eine sich auferlegte Selbstzensur erscheint, unbelegt, rein und allgemein bleiben. Das erklärt auch den lakonischen, unzusammenhängenden Erzähl- und Erinnerungsvorgang, das nüchterne, hier und da ironisch verspielte, sich aus der Gefühlsgemengelage herausnehmende Ich:
Zum ersten Mal lag ich neben jemandem, der stirbt. Und mir wurde nicht unheimlich. In unserer Gegend sagt man in solchen Fällen »mir wird unheimlich«, wenn es unsagbar schrecklich und unerträglich wird. Mir wurde nicht unheimlich, es war mein Vater, der Schönste, selbst in dieser Minute. Ich lag da und atmete mit ihm. Das bleibt am Ende, ein paar geteilte Atemzüge im Dunkeln.
Ich werde gleich fortfahren.
Der eigentliche Vorgang des Sterbens, die Lücke, die der Vater hinterlässt, wird nicht in den Text hineingelassen, denn statt die Stille des Todes zuzulassen, beruhigt er sich selbst und verspricht „gleich fortzufahren“, und zwar durch die gewählte selbstimmunisierende Erzählform und -position, die nun im abschließenden Teil im Zusammenhang mit anderen Werken beleuchtet wird.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Die eingangs erwähnten Beispiele, Der Tod des Vergil und Der Tod des Ivan Iljitsch, zeichnen sich durch eine personale Erzählposition aus, die sich in das jeweils sterbende Ich hineinfühlt, die letzten Atemzüge, Gedanken imaginiert, sich in der Anschauung und furchtlosen Vorstellung dem Verschwinden und dem Verpuffen des Lebens stellt. Die essayistische Form wie bei Barthes jedoch bleibt beim erlebenden Ich und beschreibt, dokumentiert die Abwesenheit und Vergangenheit des sterbenden oder gestorbenen Individuums in einem Ton, der klar die Lücke im Leben erfasst, aber nicht das Verschwinden des singulären Selbst, das die Lücke gerissen hat. Der Gärtner und der Tod versucht einen Mittelweg, essayistisches Erzählen literarisch symbolisch verarbeitet, oder symbolisch vermittelte Dokumentation, und wirkt deshalb inkohärent:
Was tut man danach? Ich musste seine Augen schließen. So stand es in den Büchern. Ich kannte es eher als Phrase – »die Augen des Toten schließen« oder »die Lebenden schließen die Augen der Toten, die Toten öffnen den Lebenden die Augen«. Warum lehrt uns niemand, wie wir mit dem Tod der anderen umgehen sollen? Warum lehrt uns niemand, wie man stirbt, wie wir sterben sollen?
Auch wenn das Erzähl-Ich von Gospodinov behauptet, es glaube an die Worte. Die Erzählweise zeigt, es glaubt an sie eben nicht. Es rettet den Vater nicht vor dem Verschwinden. Der Vater verpufft. Kaum Details werden über ihn bekannt. Weniges findet der Erinnerungsvorgang, der den Vater als Selbst und Individuum so sehr zum Vorschein bringt, wie Barthes in seinen Miniaturen über die Mutter:
11. März 1979: FMB will mir um jeden Preis Hélène de Wendel vorstellen, als Frau (von Welt) mit ungewöhnlichem Feingefühl etc. Ich habe überhaupt keine Lust darauf, denn: – gewiß dürste ich nach Feingefühl bei den Menschen, doch gleichzeitig weiß ich, daß Mam. kein Interesse an dieser Welt, an dieser Art von Frauen hatte. Ihr Feingefühl war (sozial) absolut atopisch: jenseits der Klassen: unmarkiert.
Roland Barthes aus: „Tagebuch der Trauer“
Der Vater des Erzähl-Ichs in Der Gärtner und der Tod wird stattdessen in einem Gewebe von Literaturzitaten verdeckt, mit denen dieser überhaupt nichts zu tun gehabt hat. Als Kartoffelbauer, als Lebenskünstler, als widerspenstiger Bürger, der zur Insubordination neigt, wirkt er zwischen Anspielungen auf Marcel Proust, James Joyce, Seneca, Montaigne, Thomas Mann und Voltaire und viele andere schlichtweg wie ein Fremdkörper. Die Sprachlosigkeit über den Vater führt dazu, dass dieser mehr und mehr zu einem Kompliment von Voltaires Candide wird: statt eines brutalen Bulgaren ein friedlicher, statt eines vielgereisten Weltbürgers ein sehr lokal gebliebener Kartoffelbauer. Interessanterweise finden sich viele Motive wider: die Reise nach Lissabon, der Standesunterschied zur geliebten Frau, Bulgarien, das optimistische Grundwesen von Dinjo, und vor allem, am Ende die Liebe zur Gärtnerei, zum Garten:
Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.
Voltaire aus: „Candide“
Hinzukommt die Parallelisierung des Vaters mit Odysseus, als dem im Sozialismus abwesenden Vater, mit Odysseus‘ Hund, und vielen anderen Motiven, die den Vater des Erzähl-Ichs am Ende zu einem literarischen Zitaten-Flickwerk-Geist durch den Text wandern lassen. In diesem Sinne bleibt Der Gärtner und der Tod ein hilfloses Buch, ein Dokument und kein Roman, über die Unmöglichkeit eines Sohnes über seinen geliebten, aber fremdgebliebenen Vater zu schreiben. Die Distanz erscheint zu groß. Eine unerwähnt bleibende Kluft hat sich zwischen sie geschoben und führt zu einem, um sich selbst kreisenden, sich aus seinem eigenen Werk zitierenden, orientierungslos im dunkeln tapsenden Erzähl-Ich, das sich verlassen fühlt, aber im Grunde nicht weiß, von was oder wem. Diese Verzweiflung könnte als Ausdruck der Trauer verstanden werden, aber leider genauso gut auch als Pose und Maske postmoderner Unverbindlichkeit:
Es gibt keine starke Tradition von persönlichen Tagebüchern, Briefromanen und Ähnlichem im bulgarischen Leben, weder im vergangenen Jahrhundert noch in denen davor. Und das ist Teil einer uns ganz eigenen Stummheit in Bezug auf Persönliches. Es ist immer ein gut gehütetes Geheimnis, besser gehütet sogar als das Fass Wein im Keller oder der heimlich gebrannte Schnaps ohne Akzise.
Georgi Gospodinov hat sich also in Der Gärtner und der Tod ganz im Sinne an dieser von ihm beobachteten Tradition gehalten und ein weiteres Mal die Stummheit in Bezug auf Persönliches eingeübt.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
+seltenes Thema
-inkohärent
-zwiegespalten-eigensinnig
-auto-fiktional problematisch
Nächste Woche am 16. Dezember 2025 auf Kommunikatives Lesen: Salman Rushdies neuer Erzählband Die elfte Stunde.
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