Elli Unruh: „Fische im Trüben“

Fische im Trüben von Elli Unruh. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2026.

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Fische im Trüben behandelt das Thema Umsiedlung, Heimatverlust und Vertreibung anhand einer aus der Ukraine vertriebenen Familiengeschichte von (mennonitischen) Russlanddeutschen, die sich nach Bürger- und Weltkriegswirren im entfernten Kirgisien der1950er Jahre wiederfinden. Der Debütroman von Elli Unruh spannt einen Erinnerungsraum in der Weite und Breite der kirgisischen Steppe auf und schließt sich Werken wie Birobidschan eines Tomer Dotan-Dreyfus oder Herta Müllers Atemschaukel an, aber geht auch den Spuren eines Siegfried Lenz aus Heimatmuseum nach, indem die Erinnerung, das museales Verarbeiten, das Festhalten am Brauchtum in diesen Romanen selbst problematisch, fast zu einer Drangsal werden. Unruhs Roman lebt jedensfalls vor allem und zuvörderst von der beschriebenen Leere und Weite der Landschaft vor dem über 7000 Meter hohen Tian Shan:

Zuletzt im Sommer, wenn die Steppe wie das Fell einer Saiga [Antilope] im tiefen Licht der Sonne steht und im Osten das Tian Shan-Gebirge mit langgestreckten Hängen, Gletscherfirst und wind- und eisgeschärften Kämmen jeden Tag eher in der Dunkelheit versinkt, neigen sich, von Äpfeln beladen, die Äste der Bäume im Gärtchen Almaly [Apfel] schon fast bis zum Boden. Wenn nicht bald jemand zur Ernte kommt, brechen sie ab, dann war alles umsonst.
Elli Unruh aus: „Fische im Trüben“

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Emily Brontë: „Sturmhöhe“

Sturmhöhe von Emily Brontë. Aktuelle Kino-Verfilmung (2026).

Sturmhöhe (Wuthering Heights) von Emily Brontë erschien 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell und gilt insbesondere aufgrund seiner Erzähltechnik als ein Schlüsselroman der englischsprachigen Literaturentwicklung, setzt es sich doch ästhetisch von dem gehobenem Ton einer Jane Austen bspw. in Emma (1814) oder vom dynamisch-sprengenden Abenteuererzählstil ihrer Schwester Charlotte Brontë in Jane Eyre (1847) ab. Sturmhöhe weist statt dessen vielmehr auf Romane wie Das Schloß von Franz Kafka oder die Werke aus dem französischen Existentialismus bspw. auf die von Albert Camus, allen voran aber auf die brüchigen, aus den Angeln gehobenen psychodramatischen Strukturen von Fjodor Michailowitsch Dostojewskis u.a. in Die Brüder Karamasoff voraus. In dieser Literaturtradition wird nicht die Welt zum Problem, zum Abenteuer, sondern die eigene innere instabile Persönlichkeit bricht durch:

›O, ich verglühe! Ich wollte, ich wäre droben auf den Hügeln von Wuthering Heights! Ich wollte, ich wäre wieder ein Mädchen, verwildert und wetterhart und frei und könnte über Kränkungen lachen, statt darüber rasend zu werden. Warum bin ich so verändert? Warum können ein paar Worte mich so aufregen? Ach, wäre ich nur einmal wieder in der Heide auf den Hügeln drüben – ich würde mich gewiß wiederfinden! Mach noch einmal das Fenster auf; weit! Laß es auf! Schnell, warum rührst du dich nicht?‹
›Weil ich Ihnen nicht den Tod geben möchte‹, entgegnete [Ellen Dean].
›Du meinst, du willst mir keine Möglichkeit zum Leben geben!‹ sagte [Catherine] trotzig. ›Nun, noch bin ich nicht hilflos; ich werde es selbst öffnen!‹

Emily Brontë aus: „Sturmhöhe“

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Bodo Kirchhoff: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt von Bodo Kirchhoff. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

In seinem neuesten Roman Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt beschäftigt sich Bodo Kirchhoff mit der zunehmenden Desintegration des Leben- und Liebesraumes einer siebzigjährigen Psychotherapeutin auf ehelichen Abwegen. Kirchhoff verschmelzt hier zwei beliebte Stoffe: das Alter und die Liebe, und nimmt die Erzählfäden eines Bernhard Schlinks aus Das späte Leben, Martin Mosebach Krass oder Natascha Wodin in Die späten Tage auf, die ebenfalls prekäre Liebesverhältnisse, Beziehungen und Herausforderungen im Alter behandeln. Das archetypische Alt liebt jung münzt Kirchhoff mal zur Abwechslung nach Seit er sein Leben mit einem Tier teilt auf seine Protagonistin Terese, die sich in einen ungefähr zwanzig Jahre jüngeren Inder namens Rana Walter Panjabi verliebt:

Ein Kuss war das von seiner Seite noch nicht, und ihre Augen, die blieben auf, sie sah leicht verschwommen seine Nase und für einen Mann erstaunliche Wimpern und hörte ihr Herz oder glaubte es zu hören, sein Arbeiten für und gegen sie. Und bei dem Gedanken daran fällt ihr der Begriff für ihre Rolle bei den Sitzungen mit jungen Therapeutinnen ein, die von ihren Fällen erzählen: teilnehmende Beobachterin. So war es auch bei diesem Probekuss mit der Zimmertür im Rücken, die hat sie selbst mit dem Fuß zugedrückt, ihr erster Beitrag zu dem Ganzen.
Bodo Kirchhoff aus: „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“

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Cees Nooteboom: „Rituale“

Rituale von Cees Nooteboom. Eine Trauerüberwindung?

Anlässlich seines Todes am 11. Februar diesen Jahres, bespreche ich den ersten seiner drei größeren Romane, neben Die folgende Geschichte und Allerseelen, den Roman Rituale, der gemeinhin als sein Durchbruchswerk gilt. Sigmund Freud analysiert in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie die letztere als eine Herabsetzung des Selbstgefühls, die auf Suizidgefährdung hinausläuft. Sie gilt auch als eine Art Mönchskrankheit, verwandt mit der Acedia, die laut Rufus von Ephesos aus einer übersteigerten Beschäftigung mit abstrakten Dingen herrührt und zu einem Sinnverlust, einem fehlenden Interesse an der Außenwelt führt. Cees Nooteboom exploriert dieses Gefühl in seinem dritten, 1980 erschienen Roman Rituale:

Ihm war, als kotze er seinen ganzen Körper aus […] Der ganze große Kramladen voller Erinnerungen und Demütigungen, seine schwachsinnige Einsamkeit, alles mußte hinein in die dunkle Höhle des Gartens, alles mußte verschwinden, unsichtbar werden, alles mußte wie eine saure, bösartige Masse nach draußen geschleudert werden, wo es sich ein für allemal auflösen würde – zusammen mit ihm. Er wollte nicht mehr existieren.
Cees Nooteboom aus: „Rituale“

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Jean Paul: „Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“

Siebenkäs von Jean Paul.

Jean Paul (1763-1825) gilt zurecht als ein Solitär der Literaturgeschichte, vergleichbar höchstens mit einem François Rabelais (1483-1553) oder François Villon (1431-1463). Wenige haben seinen Stil fortgesetzt. Im deutschsprachigen Raum können da Albert Vigoleis Thelen mit Die Insel des zweiten Gesichts oder das Werk von Arno Schmidt genannt werden. Von Jean Pauls breitem Gesamtwerk sticht nach mehr als zwei Jahrhunderten noch immer Siebenkäs heraus, der weniger auf zeitgenössische Diskurse Bezug nimmt, als sich um poetische Bewältigung der elementarsten Erfahrungen der menschlichen Existenz bemüht: den Tod, die Ehe und die prekäre Sicherheit der sozialen Existenz. All dies versammelte Jean Paul ungewöhnlich kondensiert im länglichen Titel seines Romans, der mit vollständigem Titel Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs heißt. Er beginnt mit der Hochzeit von Firmian Siebenkäs und Wendeline Lenette Egelkraut:

Droben [hinter der Liedertafel des Chors in der Kirche] guckt nämlich herunter – und wir sehen alle in der Kirche hinauf – Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. – – Die Welt irrt; rot wurd‘ er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft.
Jean Paul aus: „Siebenkäs“

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