Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Kalenderwoche 26: Lesebericht.

Mich beschäftigt momentan durchweg das Ingeborg Bachmann-Max Frisch Enigma. Vielleicht nehme ich es nur zum Anlass, um mich durch das Werk von den beiden zu lesen, und mich daran zu erinnern, weshalb die Literatur seit dem ersten Satz in Stiller einen zentralen Stellenwert in meinem Leben erhalten hat. Der erste Satz lautet:

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.

Max Frisch aus: „Stiller“

Kaum lese ich den Satz, möchte ich weiterlesen. Auf seine Art und Weise wird Stiller das Leseerlebnis schlechthin bleiben, wiewohl viele andere folgten. Der Aufruf, nicht mehr still zu bleiben, still zu sein, nicht mehr stillgestellt bleiben zu wollen, sondern von sich und seinem Leben erzählen, all dies evoziert das Ausrufezeichen, der Widerstand, das mutige und fröhliche Aufbegehren gegen den Stillstand. Dazu passend Ingeborg Bachmann:

So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Sammelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.

Ingeborg Bachmann aus: „Frankfurter Vorlesungen“

Nun wieder zu meinen Kategorien: „Gekauft“, „An- und Weitergelesen“, und „Gelesen“. Ich füge nun auch die Kategorie „Zu schreiben“ an, um mich zu erinnern, welche Leseberichte noch ausstehen.

Gekauft:

Simone Weil: Das Fabriktagebuch – zu Bachmanns Begeisterung passend, lese ich ausführlich die Aufzeichnungen von Simone Weil und auch die veröffentlichten Essays und Schriften, die im diaphanes Verlag erschienen sind. Den Anfang hat Das Fabriktagebuch gemacht:

Was in einem Menschenleben zählt, sind nicht die Ereignisse, die im Laufe der Jahre oder sogar der Monate oder Tage eintreten. Es ist die Art, wie sich eine Minute mit der folgenden verknüpft. Wieviel es den Körper und vor allem die Aufmerksamkeit kostet, Minute um Minute diese Verknüpfung zu vollbringen. Schriebe ich einen Roman, würde ich etwas ganz Neues machen.

Sie hat, wie ich entdeckt habe, zwar keinen Roman, aber Gedichte geschrieben. Mehr dazu später.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 1944-1949 – das Buch habe ich gebunden kaufen wollen, aber antiquarisch als Taschenbuch zugeschickt bekommen. Ich bin nicht traurig, aber ich finde es schade, dass man Bücher als gebunden anpreist und sie als Taschenbuch dann verschickt. Mir fehlt noch immer der fünfte Band mit Biografie – Ein Spiel.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive – ich konnte nicht widerstehen, dieses Buch nach flammenden Plädoyers in den Blogs: booksnotdead und literaturleuchtet zu kaufen. Der Roman zählt über Tausend Seiten, genau 1242, und er beginnt wie folgt:

Der Tag beginnt.
Nichts zu machen. Nichts zu machen, nichts zu ändern, nichts und wieder nichts. Das ist das Schlimmste, kein einziger Morgen ohne diese allumfassende Enttäuschung: noch ein Tag. Der jedes hundserbärmliche Mal wieder von vorn beginnen muss.

Ich weiß nicht, wann ich diesen Brocken angehen. Er konkurriert mit Albert Vegoleis Thelen Die Insel des zweiten Gesichts und Elfriede Jelinek Die Kinder der Toten. Ich werde sie alle lesen. Die Frage ist nur wann.

Pip Williams: Die Sammlerin der verlorenen Wörter – dieses Buch gefällt mir vom Thema. Ich werde es irgendwann mit Wonne lesen. Der Blog Literaturwerkstatt-kreativ hat eine schöne Besprechung gepostet, und ich habe es sofort bestellt. Die Liebe zum Wort und zu den Wörtern, die bewusst nicht in das Oxford Englisch Dictionary aufgenommen wurden, nur weil sie Tätigkeiten von Frauen betreffen, als Schreibgrund haben mich sofort überzeugt.

Ich legte knackered oben auf den Stapel. Es war mein erstes Wort. Und es war einzigartig, weil es aus keinem Buch stammte. Aber ansonsten unterschied es sich in nichts von all den anderen Belegzetteln. Ich zog das Band aus meinem Haar und wickelte es um den Zettel. Er wirkte verloren, so ganz allein, aber ich konnte mir weitere vorstellen.

Ein Buch, das Wörtern ein Eigenleben verleiht und sich dafür einsetzt, das sie nicht vergessen werden.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste:

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  2. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  3. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  4. Die Toten von Fleat House – Lucinda Riley
  5. Milde Gaben Donna Leon
  6. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  7. Morgen kann kommen – Ildikó von Kürthy
  8. Affenhitze – Volker Klüpfel; Michael Kobr
  9. Crescent City – Wenn ein Stern erstrahlt – Sarah J. Maas
  10. Der Papierpalast – Miranda Cowley Heller
  11. Der Geschichtenbäcker- Carsten Sebastian Henn
  12. Tête-à-Tête – Martin Walker
  13. Der Markisenmann – Jan Weiler
  14. Der Buchspazierer – Carsten Henn
  15. Schreib oder stirb – Sebastian Fitzek; Micky Beisenherz
  16. Die Enkelin – Bernhard Schlink
  17. Lonely Heart – Mona Kasten
  18. City on Fire – Don Winslow
  19. Was im Verborgenen ruht – Elizabeth George

Ich habe Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel angefangen zu lesen. Eine sehr eigenartige Leseerfahrung.

Aus- und angelesen:

Simone Weil: Das Fabriktagebuch – das Buch beendet. Ich werde einige Tage benötigen, um eine Besprechung zu schreiben. Noch sammle ich die Eindrücke. Ich weiß nicht, aus welcher Perspektive ich diesem Dokument begegnen könnte. Ein außerordentlich alleinstehendes Buch.

Man muss die Zähne zusammenbeißen. Durchhalten. Wie ein Schwimmer im Wasser. Mit der einzigen Perspektive, immer zu schwimmen, bis zum Ende. Kein Kahn, der einen aufnehmen könnte. Wenn man langsam absinkt, wenn man untergeht, wird niemand auf der Welt davon auch nur Notiz nehmen. Was ist man? Eine Nummer in der Belegschaft. Man zählt nicht. Man existiert kaum.

Sich Simone Weil zu stellen, kostet viel Kraft. Ich kenne kein vergleichbar realitätsgesättigtes Denken wie das ihres.

Max Frisch: Blaubart – dem Werk von Frisch begegne ich mehr und mehr mit dem Begriff Eifersucht. Das wirft interessante Perspektive auf Mein Name sei Gantenbein, und wird von Blaubart bestätigt:

Immerhin zeigen uns solche Briefe, ob abgeschickt oder nicht, eine krankhafte Eifersucht und Neigung zum Verfolgungswahn, der eine Kurzschlußhandlung keineswegs ausschließt, eine Kurzschlußhandlung, die der Täter natürlich aus seinem Bewußtsein sofort verdrängt, zum Beispiel, indem er sich erinnert, wie er Möwen gefüttert habe oder Schwäne …

Ich mag Frischs Alterswerk ob der schonungslosen Selbsterforschung. Als nächstes lese ich nochmals Der Mensch erscheint im Holozän.

Jacques Lacan: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion – eines der Gründungstexte einer entmystifizierten Psychoanalyse, die sich auf den Sprechakt selbst fokussiert. Max Frischs Schreiben besitzt äußerlich und formal viele Ähnlichkeiten zu einer sehr säkularisierten Form der Beichte, also möglicherweise einer Selbsttherapierung. Jedenfalls teilen Frisch und Lacan ein ähnliches Ich-Bild.

Der Augenblick, in dem sich das Spiegelstadium vollendet, begründet – durch die Identifikation mit der Imago des Nächste und das Drama der Ur-Eifersucht […] – die Dialektik, welche von nun an das Ich mit sozial erarbeiteten Situationen verbindet.

Mir geht es um den Sprechakt, nicht um die Pathologisierung, um das ästhetisch Werden eines Weltzuganges, in dem sich formal und stilistisch Schmerz sich abbildet.

Zu schreiben:

Max Frisch: Montauk, Mein Name sei Gantenbein, Blaubart
Simone Weil: Das Fabriktagebuch
Ingeborg Bachmann: Malina, Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Werner Bräunig: Rummelplatz
Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter
Hari Kunzru: Red Pill

Ich freue mich über Anmerkungen, Vorschläge, und weitere Lesehinweise, denen ich nachgehen könnte. Vielen Dank und eine fröhliche sonnige Woche!

8 Antworten auf „Kalenderwoche 26: Lesebericht.“

  1. matter birgit – Zürich – Pilotprojekte #nobreadlessart #keinebrotloseKunst #KatharinavonZimmern #kunsttalks #kunst visual arts - art and scientific re-search arthistory contemporary performance art Project: #16
    matter birgit sagt:

    die Bestandsaufnahme von Ursula Priess
    Sturz durch alle Spiegel möchte ich empfehlen, die ich vor ca. 12 Jahren durchgelesen, d.h. von vorne bis hinten gelesen habe

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ja, das ist Max Frischs Tochter, oder? Das Buch wollte ich definitiv auch noch lesen. Schön, dass du mir jetzt einen weiteren Grund gegeben hast, dies zu tun!

      1. matter birgit – Zürich – Pilotprojekte #nobreadlessart #keinebrotloseKunst #KatharinavonZimmern #kunsttalks #kunst visual arts - art and scientific re-search arthistory contemporary performance art Project: #16
        matter birgit sagt:

        ja, es ist die Tochter

  2. Christiane – Home of abc.etüden ;-) Christiane lebt im Süden Hamburgs, hat einen bunten Schreib-/Gedichte-Blog und einen Regenblog und schreibt, fotografiert und liest gern ;-) https://365tageasatzaday.wordpress.com/ https://regensucherin.wordpress.com/
    Christiane sagt:

    Danke für die Erinnerung an Harstad, wozu ich auf mindestens einem weiteren Blog eine begeisterte Rezension gelesen hatte und mir daraufhin vorgenommen hatte, es zu lesen 😉
    Danke für die Begeisterung für das Leseerlebnis von „Stiller“. Mich hat es spontan an mein Erleben von Christa Wolfs „Kassandra“ erinnert, das bei mir auch Türen aufgestoßen hat. 🧡
    Last but not least zitiert/beruft sich der Therapeut in der hervorragenden französischen Serie „In Therapie“ auch oft auf Lacan. Solltest du abends mal nicht lesen wollen und sie nicht kennen: Noch ist die zweite Staffel auf arte online.
    Abendgrüße 🌤️🌳🍷🥗🌼👍

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Da haben wir etwas gemeinsam, denn nach sieben Jahre Roman-Lesen-Pause habe ich vor anderthalb Jahren genau Christa Wolf „Kassandra“ gelesen und meine Liebe zur Literatur wiederentdeckt. Ich kann das also sehr gut nachvollziehen, eines meiner „Ich-gehe-auf-eine-einsame-Insel-mit“-Bücher. Die Serie interessiert mich. Danke für den Tipp!! Morgengrüße!

  3. Birgit Böllinger – Büro für Text&Literatur - Pressearbeit für Verlage, Autorinnen und Autoren, Texte und Schreiben rund ums Buch. Unter Aktuelles finden sich zudem Buchsprechungen (ehemals Literaturblog Sätze&Schätze).
    Birgit Böllinger sagt:

    Mein bescheidener Vorschlag – auf jeden Fall „Die Insel des zweiten Gesichts“ unter den dicken Brocken vorziehen. Eines der großartigsten Bücher, die ich je gelesen habe.

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      ja, es lag bislang auch ganz oben. Ich habe von diesem Buch nur zufällig gehört. Seltsam, wie viele Perlen auf Entdeckung warten im Literaturmeer – ich nehme mir den Rat gerne zu Herzen. Im Grunde kosten diese Bücher so zwei Wochen, meiner Erfahrung nach, so viel ist es ja auch nicht, aber sie sind so mächtig, dass ich anderes nicht daneben lesen kann. „Die Insel des zweiten Gesichts“ scheint ein ganz besonderes Buch zu sein. Alle, die es gelesen haben, sagen, wie großartig es ist – und ich bin erst nach beinahe drei Jahrzehnten-Lesen darauf gestoßen. Vielen Dank für die Entscheidungshilfe!! Da hat das Lesen ein wenig Rückenwind. Viele Grüße!

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