Tommie Goerz: „Im Schnee“

Im Schnee von Tommie Goerz. Spiegel Belletristik Bestseller (02/2025)

In Tommie Goerz‘ neuestem Roman Im Schnee dreht sich alles um den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen: Max verliert seinen seit Kindheitstagen besten Freund George, genannt Schorsch. Im Stoffgebiet Alter angesiedelt, behandelt Goerz die Trauerverarbeitung der Physischen Ausgeliefertheit wie André Gorz‘ Brief an D., Marilyn und Irvin D. Yalom in Unzertrennlich, oder Bernhard Schlink in Die Enkelin. Anders aber als die genannten Beispiele, die stets im Großstadtmilieu spielen, siedelt Goerz den Schock des Verlustes in dem winzigen, wahrscheinlich fiktiven, oberfränkischen Dorf Austhal an:

In zwei, drei Tagen würde der Schorsch in der Zeitung stehen. Der Max sah sich die Todesanzeigen an, aber er kannte niemanden. Es waren Leute aus der Stadt. Überraschend und unerwartet stand oft dabei, auch nach langer Krankheit. Über Austhal stand in der Zeitung nichts. Kein Wunder. Und gut so, Gott sei Dank. Er schob noch ein Stück Holz nach und legte sich auf sein Chaiselongue, es war Zeit für seinen Mittagsschlaf. Das Scheit knackte im Ofen, und das Knacken trug ihn langsam davon.
Tommie Goerz: „Im Schnee“

Inhalt/Plot:

Hauptfigur des eher kurzen Romanes, in der Printausgabe beträgt die Seitenzahl 176, heißt Max Malter. Das Setting Oberfranken lässt sich zeitlich ungenau als nach 1990 bestimmen, wahrscheinlich um das Jahr 2020, sodass ein Alter zwischen Achtzig und Neunzig für Max und sein Freund Schorsch angenommen werden kann, zumal sie in den früheren 1940er Jahren geboren sind. Der Tod des Freundes kommt überraschend:

Max hatte also am Fenster gestanden, hinausgesehen und gelauscht. Nichts machte die Welt so ruhig wie der fallende Schnee. Und so friedlich, so sanft. Irgendwann drang das Totenglöckchen durch die Stille, zuerst nur ganz leise, dieses Bimbimbimbim vom Kirchturm. Wie von weit, weit weg. Max hatte es zunächst gar nicht gehört, und als er es schließlich wahrnahm, war es, als gehörte es dazu. Zum Fallen des Schnees, zu den Mützen auf dem Zaun, zu diesem so ruhigen Weiß. Als müsste es so sein.

Seine Nachbarin rief es ihm schließlich vom Weg aus zu, und Max‘ Welt traf es wie ein Schlag. Melancholisch, im Winter, zurückgezogen, anachronistisch lebt er von Reparaturen an Motoren in dem Dorf, besitzt weder ein Radio noch Bücher noch einen Fernseher. Mit der nahegelegenen Neustadt verbindet ihn nichts. Langsam, schon seit Jahren, sieht Max zu, wie sich die Welt verändert, wie es immer weniger Bauern, Handwerker und Menschen wie ihn gibt, die lieber schweigen als reden, die lieber abwarten als hart anzupacken, die sich lieber raushalten als mitmischen:

Der Grüneisen war ratlos. »Aber warum sagt ihr [Dörfler eure Regeln] uns [Neustädter] denn nicht einfach?« Die anderen drei nickten zustimmend.
Der Max saugte sich etwas aus den Zähnen, ließ sich Zeit. »Weißt du, Grüneisen«, sagte er schließlich, »es muss nicht immer alles gesagt werden.« Nach einer weiteren Pause schüttelte er den Kopf. »Ich habe alles gesagt. Prost, auf unseren Schorsch.«
»Auf den Schorsch.«
Als die Maicherd ihr Glas abgestellt hatte, sah sie dem Grüneisen in die Augen und sagte leise: »Man muss auch Schweigen lernen. Und auch, nicht zu fragen.«

Vieles gibt es in dem Dorf zu verheimlichen, das aber, sobald Fremde hinzutreten, und zu denen gehören die Neustädter, zusammenhält. Verbrechen gibt es einige: die Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters ist verschwunden; das Schulhaus, in welchem afrikanische Flüchtlinge untergebracht werden sollten, ist plötzlich abgerissen vorgefunden worden; Kinder, die nie jemand zu Gesicht bekommen hat; Großeltern, die auf dem Dachboden eingesperrt wurden und vieles mehr. Max weiß, dass das Leben im Dorf alles andere als friedlich ist, auch wenn es von außen, wie auf Nürnberger Touristen, so erscheint:

»Dieses Dorf«, sagte [Max] schließlich, nachdem er eine Zeit lang hin und her gedacht hatte, »ist wie jedes Dorf. Da wohnen Leute, und da gibt es Misthaufen. Und je näher man herankommt, desto mehr stinkt es.« Er ließ die Worte verklingen und lauschte ihnen hinterher. Sie gefielen ihm.
Janis sah ihn an. »Trotzdem. Weißt du, woran mich euer Dorf erinnert, wenn ich es von hier oben sehe?«
»Hm?«
»An einen stillen, ruhigen See.«
Max schniefte, wischte sich die Nase, zog hoch. »Jaja, ihr Städter. Ein stiller, ruhiger See.« Er schüttelte nur langsam den Kopf.

Hauptsächlich behandelt Im Schnee die drei Tage rundum Schorschs Tod und darüber, wie Max sie erlebt. Er geht zur Totenwacht, zuerst mit den Männern des Dorfes, dann mit den Frauen, bleibt bis zum Morgen, trifft den Touristen aus Nürnberg wieder, geht mit ihm spazieren, und dann kommt die Beerdigung und der Gottesdienst. Alles steht unter dem Zeichen eines schweren Verlustes und Schocks, denn Max‘ ganzes Leben hat sich um Schorsch gedreht.

Ob der Schorsch ein Freund war? Diese Frage hat er sich nie gestellt. Der Schorsch hatte drüben seinen kleinen Hof, und den hat er gemacht, zusammen mit der Maicherd. Er hat seine Eltern begraben, irgendwann mit den Tauben aufgehört, dann mit den Hühnern, dann mit den Schweinen, nur für sich hat er immer zwei, drei behalten, für die Abfälle. […] Zum Schluss hat der Schorsch gar nichts mehr gemacht, da war es aus mit dem Bauer sein. Nur seinen Hof hat er noch gehabt und seine kleine Werkstatt nebendran mit seinem Schweißgerät, und wenn einer etwas zum Schweißen gehabt hat, ist er zu ihm gekommen. Weil der das gekonnt hat wie kein anderer. Der Schorsch hat alles reparieren gekonnt. Aber ein Freund? Der war halt immer da gewesen. Und jetzt war er weg. Gestorben. Tot.

Gedrückt, melancholisch, mitten im Winter, während es schneit, windet und die Kälte in die Gelenke kriecht, durchlebt Max in Erinnerungen sein Leben an der Seite seines Freundes, und viel wird gestreift, angekratzt, aber wenig bis zum Ende durchleuchtet, denn Denken, Reden, Sprechen, Reflektieren, das ist für Max nichts. Im Schnee von Tommie Goerz romantisiert, aber beleuchtet auch kritisch das Dorfleben, das ein wenig aus der Zeit gefallen bleibt.

Stil/Sprache/Form:

Die Sprache bleibt einfach. Sie spiegelt den Reflektor Max wider, aus dessen Sicht weitestgehend erzählt wird. Nur selten schweift der Blick über Max‘ Horizont, der vom nicht auftretenden Erzähler bewusst enggehalten wird, hinaus. Die Erzählinstanz bleibt unsituiert, selbst da, wo sie anfängt zu schweifen und sich über die Köpfe der Figuren hinweg zu artikulieren:

Sie saßen dick eingepackt und wie versprengt im kleinen Kirchenschiff, jeder an seinem Platz. Alle waren da. Früher hatten die Frauen rechts und die Männer links gesessen, aber das hatten sie irgendwann abgeschafft. Jetzt saßen sie durcheinander. Bis auf ein paar Frauen, vor allem die älteren, ging man ohnehin nicht mehr oft in die Kirche. Die Glocken läuteten. Erst gegen Morgen hat es aufgehört zu schneien. Jetzt warf die Sonne Lichtflecken durch die Kirchenfenster, es war klirrend kalt.

Die abwesende Form des personalen Erzählens erscheint häufig in eher auf Spannung und reißerisch-angelegten Prosatexten, von denen Tommie Goerz auch viele verfasst hat, nämlich Kurzkrimis und in seinem Falle auch sogenannte „Bierkrimis“. In Im Schnee betreibt er eine Idyllen-Analyse, die zwischen Romantisierung und Anprangerung hin und her pendelt, denn für Max, der offensichtlich tiefere Gefühle für Schorsch empfunden hat, ist in Austhal nicht alles eitel Sonnenschein: strikte Geschlechterrollen, Fremdenfeindlichkeit und häusliche Gewalt allenthalben. Die Sprache jedoch bleibt, bis auf die weitestgehende Vermeidung des Genitivs („Dem Max sein Haus hieß Gleis drei.“) und die Standardsprache verdrehende Nennung des Nach- oder Familiennamen vor dem Vor- oder Rufnamen („Der Weisels Paul und der Lehnerts Gustl saßen schon da, der Angermann, der Linsenmeier und der alte Gobertn und ganz links der Stangls Horst.“) Dialektal aber verbleibt Goerz‘ Text eigenartigerweise in der Standardsprache, wie an der Predigt zur Beerdigung von Max zu ersehen ist:

»Ein erfülltes Leben ist zu Ende gegangen … schwere Kindheit … ein harter Vater … beide Kinder tragisch verloren … in Liebe mit seiner Frau Margarete …« und noch mal »ein erfülltes Leben … jeder hat ihn gemocht und geschätzt … ein warmes Herz … nur selten in der Kirche … in Max Malter einen besonderen Freund …«

Von der Szenerie und der Thematik lehnt sich Goerz‘ Im Schnee klar an Ludwig Ganghofers Heimatromanen an, in welchem aber die Versprachlichung des dörflichen Alltags konsequenter mundartlich durchgeführt wurde, wie in Schloß Hubertus (1895):

Als [Franzl] hörte, mit welchen Worten Graf Egge in der letzten Stunde noch seiner gedacht hatte, fuhr ihm vor weher Freude das Blut ins Gesicht. »Moser, schau, er hat seine Mucken und Marotten ghabt, aber ’s Herz, ganz einwendig, ’s Herz is gut gwesen. Und a Jager! Moser, so a Jager kommt nimmer! Dös is noch einer gwesen aus der alten, guten Zeit. Oft hat er über d‘ Schnur ghaut – ’s Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen. Aber wenn’s golten hat, is er gstanden wie a Baum. Und kein Unrecht hat er leiden können, gar keins! Dös weiß ich, dös hab ich erlebt. Moser, Moser, so einer kommt so bald nimmer! Weinen könnt ich um ihn, grad weinen!« 
Ludwig Ganghofer aus: „Schloß Hubertus

Die eigenartige Inszenierung des Landlebens, halb-personal, halb-auktorial erzählt, verleiht Im Schnee eine in sich zerstrittene Sentimentalität, die bis zum Schluss aufrechterhalten wird, d.h. mit sehnsüchtigen Augen wird eine quasi-authentische Situation beschrieben, von der die Erzählinstanz jedoch kein Teil sein will. Die gebrochene Form des Heimatromans gab es letztes Jahr bereits auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit Markus Thielemanns Vom Norden rollt ein Donner, liest sich aber unentschieden und beschwerlicher als die moderne Form von Dörte Hansen, bspw. in Zur See.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Kritische Stimmen zur ländlichen (Schein-)Idylle gibt es zuhauf. Zu nennen wären da beispielsweise Eva Menasses Dunkelblum, Christoph Heins Guldenberg, aber auch Birgit Birnbachers Wovon wir leben oder Julia Josts Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Seltener finden sich halbwegs glorifizierende, also positiv besetzte Beschreibungen wie Juli Zehs Über Menschen oder besagte Dörte Hansen. Tommie Goerz in Im Schnee tendiert eher zur romantisierenden Sicht.

Max zog die Tür hinter sich zu. Als er auf die Straße trat, hörte er die anderen schon Karteln. Der Himmel war inzwischen schwarz, aber der Schnee ließ der Nacht keine Chance. Sein Weiß machte das Dorf hell. Auf dem Asphalt glitzerten die Eiskristalle, aber auf dem Gehsteig lag Split. Er wandte sich nach links und bog am alten Schulhaus in die Hauptstraße. Kein Mensch war unterwegs, kein einziges Auto fuhr, die Straßenlaternen leuchteten gelb. Schneezeit war immer auch stille Zeit, friedliche Zeit.

Es erinnert stellenweise an Heidegger‘sche Diktionen, die die Schwere des Landlebens, das Leben in der Provinz, verbindet mit einer tieferen, lebensnäheren Verbundenheit mit den Dingen. Martin Heidegger selbst sieht einen unversöhnlichen Widerspruch zwischen dem Land- und Stadtleben, sieht die Stadt eher als eine Art Entfremdung an, die den natürlichen Rhythmus überdeckt und zum Verschwinden bringt. In dem Aufsatz Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz schreibt er:

Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muß dann einfach und wesentlich werden. Die Durcharbeitung jedes Gedankens kann nicht anders denn hart und scharf sein. Die Mühe der sprachlichen Prägung ist wie der Widerstand der ragenden Tannen gegen den Sturm.
Martin Heidegger aus: „Aus der Erfahrung des Denkens“ [Bd. 13]

Hier, im Schneetreiben, verankert auch Tommie Goerz Max‘ Retrospektive auf das eigene Leben. Rudimentär ausgestattet, mit einem Cognac und selbstgepflücktem Tee stellt er sich dem Schmerz und der Leere, die der Tod seines Freundes in sein Leben gerissen hat. Wie Heideggers Philosophie grenzt die Moderne an das Dorf an, aber das Dorf wehrt sich, will mit den Neustädtern, mit der Industrie, mit den neuen Technologien nichts zu tun haben. Max und seine Bekannten gleichen dem Bauern aus dem Aufsatz von Heidegger, nachdem er vom Heideggers Ruf nach Berlin erfährt, wie folgt reagiert:

Neulich bekam ich den zweiten Ruf an die Universität Berlin. Bei einer solchen Gelegenheit ziehe ich mich aus der Stadt auf die Hütte zurück. Ich höre, was die Berge und die Wälder und die Bauernhöfe sagen. Ich komme dabei zu meinem alten Freund, einem 75jährigen Bauern. Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtige Hand auf die Schulter und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich Nein!

Tommie Goerz schnürt das Pathos stärker ein als Heidegger, verbleibt aber in Stimmung und Gewicht im selbigen Fahrwasser, nur ohne den Versuch, diese Perspektive mit substanzieller Erfahrung zu stützen. Seine Figuren bleiben, auch durch den fehlenden Dialekt und Sinnbezug, etwas zu matt. Es schimmert in Im Schnee kaum etwas von der erlebten Zeitlosigkeit und widerständigen Dauer durch, die dem Landleben von Heidegger gerne attestiert wird:

Der Himmel war längst ohne Licht. Der Schnaps tat gut. Der Schnee ist wie das Schweigen, dachte er, der Schnee deckt alles zu. Er macht die Welt leise, schluckt den Schall. Und macht sie schön. Doch, wenn man schweigt, kommt man sehr gut miteinander aus. Worüber man nicht spricht, das gibt es nicht. Alte Dinge rührte man nicht an. Man wollte, man musste ja zusammenleben.

Die von der Soziologin Elisabeth Noelle-Neumann so getaufte Schweigespirale hilft den Dörflern über ihre Schwächen und Probleme hinwegzusehen. Tommie Goerz‘ Roman Im Schnee hilft das weniger. Sein Schweigen wirkt weniger poetisch-substantiell als von der Fremdheit des gewählten Gegenstandes erzwungen.

Nächste Woche am 04.03.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich von Gustave Flaubert Salambo besprechen.

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