Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (i: Das Schöne)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Aus dem weiten Feld der Ästhetik ragt neben G.W.F. Hegels Vorlesungen über die Ästhetik (1835), die einen dynamisch-organischen Schönheitsbegriff entwickeln, Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie (1970), die der Kunst eine eigene Form von autonomer Wahrheit zugesteht, und Georg LukácsÄsthetik (1972), die das Gelingen der Kunst auf einen erzieherischen, an der Wirklichkeit gemessenen Realismus einschränkt, Immanuel Kants Die Kritik der Urteilskraft (1790) heraus, welche das Ästhetische im freien Spiel der Erkenntniskräfte sieht. Oft wird Kants Ästhetik nur systemarchitektonisch für sein Gesamtwerk gelesen, also als Vermittlung zwischen den beiden Hauptwerken Die Kritik der reinen Vernunft (1781) und Die Kritik der praktischen Vernunft (1788). Im folgenden beschränke ich mich vielmehr auf Kants Schönheitsbegriff und Geschmacksurteil desselbigen, um die Eigenart des Ästhetischen bei Kant im Vergleich zu den vorgenannten herauszuarbeiten und auch später, im dritten Teil, eine interessante Modernität zu begründen. Er fasst seine Untersuchung in der Einleitung wie folgt zusammen:

Ein solches Urteil ist ein ästhetisches Urteil über die Zweckmäßigkeit des Objekts, welches sich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenstande gründet, und keinen von ihm verschafft. Wessen Gegenstandes Form (nicht das Materielle seiner Vorstellung, als Empfindung) in der bloßen Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begriff) als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objekts beurteilt wird: mit dessen Vorstellung wird diese Lust auch als notwendig verbunden geurteilt, folglich als nicht bloß für das Subjekt, welches diese Form auffaßt, sondern für jeden Urteilenden überhaupt. Der Gegenstand heißt alsdann schön; und das Vermögen, durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urteilen, der Geschmack.

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft

In diesem Zitat verbergen sich die vier grundlegende Eigenschaften, die das Geschmacksurteil kategoriell festlegen, und zwar, wie Kant dies in seiner Die Kritik der reinen Vernunft ausführt, durch seine Qualität, Quantität, Relation und seinen Modus, die im folgenden nun im Detail diskutiert werden.

Relation: Zweckmäßigkeit

Kant beginnt mit der Kategorie der Relation, die die Beziehung oder das Verhältnis des Erkennenden zum Erkannten beschreibt, indem er das Schöne mit der „Zweckmäßigkeit des Objektes“ verbindet, und zwar nicht hinsichtlich eines Bedürfnisses seitens des Urteilenden (dies wäre ein Zweck), sondern ganz und gar nur in Bezug auf das Zusammenspiel der Erkenntniskräfte (Verstand und Einbildungskraft) innerhalb des Beurteilenden selbst, also bloß der Form nach dem Spiel der Erkenntniskräfte zweckmäßig:

Also kann nichts anders als die subjektive Zweckmäßigkeit in der Vorstellung eines Gegenstandes, ohne allen (weder objektiven noch subjektiven) Zweck, folglich die bloße Form der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, sofern wir uns ihrer bewußt sind, das Wohlgefallen, welches wir, ohne Begriff, als allgemein mitteilbar beurteilen, mithin den Bestimmungsgrund des Geschmacksurteils, ausmachen. 

Kant entkoppelt also das ästhetische Urteil vollkommen von einem spezifischen Inhalt. Die Form des Gegenstandes allein entscheidet, ob er sich dafür eignet, beide, den nach Begriffen und auf das Wahre hin drängenden Verstand und die auf das Gute hinwollende und abzielende Vernunft, zugunsten der Einbildungskraft zu suspendieren. Diese subjektive Zweckmäßigkeit stellt den erkenntnistheoretischen Mittelpunkt von Die Kritik der Urteilskraft dar und basiert darauf, dass der Gegenstand auf eine Weise erscheint, die ein wissenschaftliches oder moralisches Urteil verunmöglicht, oder zumindest nicht nahelegt. Vielmehr erscheint der Gegenstand auf eine stets wieder die identifizierenden Begriffe aufweichende, das spontane Spiel der Einbildungskraft belebende Weise, indem Möglichkeit und Wirklichkeit sich durchmischen und eine synästhetische multiperspektivische Sinnhaftigkeit entsteht, wodurch ein Wohlgefallen resultiert. Verstand und Vernunft müssen nicht Stellung beziehen. Sie dürfen sich von den Erscheinungen bezirzen lassen. 

Nun haben wir das, was wir beobachten, nicht immer nötig durch Vernunft (seiner Möglichkeit nach) einzusehen. Also können wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch ohne daß wir ihr einen Zweck (als die Materie des nexus finalis) zum Grunde legen, wenigstens beobachten, und an Gegenständen, wiewohl nicht anders als durch Reflexion, bemerken.

Der Gegenstand wirkt also als eine sich selbst genügsame Form, deren Existenz uns nichts wirklich angeht, noch reizt, noch anregt, aber kraft der Erscheinungsweise inspiriert. Hieraus wird auch klar, dass Schönheit keinen spontanen, abrupten Eindruck erzeugt. Schönheit entsteht in der reflektierenden Urteilskraft, die angesichts eines Gegenstandes in die beschriebene, fast mystische, Suspension von Vernunft und Verstand gehoben wird.

Qualität: Interesselosigkeit

Als nächste Bestimmung betont Kant die Interesselosigkeit des Schönen, indem er auf der „in der bloßen Reflexion über dieselbe (ohne Absicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begriff)“ besteht. Wie die Zweckmäßigkeit so stellt die Interesselosigkeit eine notwendige Bedingung für das Entstehen von Schönheit dar. D.h. das Schöne erscheint von sich aus, ohne dass es einer verstandesmäßigen, wie auch immer gearteten Begrifflichkeit oder einer Gedächtnisunterstützung, einer Analogie oder eines Kontextes, bedürfe. Die Kritik der Urteilskraft betont er an vielen Stellen, dass sich das Schöne ohne Zweck mir gegenüber stellt, ich also keinen Verwendungszweck im Sinn haben muss, um den Gegenstand als schön zu erkennen und auf diese Weise dann auch zu empfinden.

[Im Gegensatz zum praktischen Wohlgefallen] ist das Geschmacksurteil bloß kontemplativ , d.i. ein Urteil, welches, indifferent in Ansehung des Daseins eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Gefühl der Lust und Unlust zusammenhält.

Kant verknüpft also das Erlebnis des Schönen damit, dass es an und für sich für mich in meinem Dasein völlig gleichgültig ist, ob es existiert oder nicht. Sobald es in welche Richtung auch immer eine Funktion in meinem Leben erfüllt (mich bestätigt, mich besänftigt, mich tröstet, mich anregt), bin ich über den Bereich des Ästhetischen hinaus und befinde mich in den Gefilden des Wahren und Guten. Auf diese Weise grenzt Kant das Schöne vom Wahren und Guten ab, da das Wahre als Gesetz von der Erscheinungsweise der Natur, das Gute aber von der Vernunft als dem sittlichen Gesetz angemessen innerhalb der Kantischen Begriffskonstruktion als logisch notwendig erkannt werden muss. Ästhetische Urteile jedoch überzeugen nicht logisch. Sie überzeugen kraft ihrer Suspension, kraft ihrer Reinheit, aber dennoch ebenfalls notwendig, wie der Modus zeigt.

Modus: Notwendigkeit

Ein Urteil muss nicht immer notwendig im Sinne Kants sein. Teleologische Urteile bspw. „Organismen besitzen eine Zweckmäßigkeit“ können heuristisch sein, oder Vorlieben „der Wein schmeckt“ subjektiv und kontingent. Das Geschmacksurteil jedoch, im Sinne der von Kant eingeführten Begriffe, stellt sich notwendig ein. Ein Gegenstand erscheint kraft einer subjektiven Zweckmäßigkeit in Bezug auf unsere Erkenntniskräfte als schön, und die Notwendigkeit stammt daher, dass Kant von einer allen gemeinsamen Grundlage der Erkenntniskräfte ausgeht:

Vom Schönen aber denkt man sich, daß es eine notwendige Beziehung auf das Wohlgefallen habe. […] sie kann als Notwendigkeit, die in einem ästhetischen Urteile gedacht wird, nur exemplarisch genannt werden, d.i. eine Notwendigkeit der Beistimmung aller zu einem Urteil, was wie Beispiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird.

Aufgrund derselben Erkenntniskräfte in jedem vernunftbegabten Wesen entsteht durch Absehung und Abstraktion vom privaten Interesse möglicherweise eine Art Wohlgefallen, die dann, kraft der Reinheit und Leerheit, nur in Bezug auf die Angemessenheit der formalen Eigenschaften des Gegenstandes für die Wahrnehmung selbst herrühren kann und daher dann auch als notwendig erscheint und nicht als kontingent, zufällig oder heuristisch. Kant vermutet so etwas wie einen allen gemeinsamen Gemeinsinn. Daran schließt nun auch direkt die Kategorie der Quantität an.

Quantität: Allgemeinheit

Aufgrund der Annahme, dass das Geschmacksurteil nur von den apperzeptiven Eigenschaften des Menschen abhängen, diese aber, als Erkenntniskräfte, in allen Menschen dieselben sind, zieht Kant automatisch den Schluss, dass in die Kategorie Quantität für das Geschmacksurteil Allgemeingültigkeit eingetragen werden muss:

Denn da [das Wohlgefallen an dem Gegenstand] sich nicht auf irgend eine Neigung des Subjekts (noch auf irgend ein anderes überlegtes Interesse) gründet, sondern da der Urteilende sich in Ansehung des Wohlgefallens, welches er dem Gegenstande widmet, völlig frei fühlt: so kann er keine Privatbedingungen als Gründe des Wohlgefallens auffinden, an die sich sein Subjekt allein hinge, und muß es daher als in demjenigen begründet ansehen, was er auch bei jedem andern voraussetzen kann; folglich muß er glauben Grund zu haben, jedermann ein ähnliches Wohlgefallen zuzumuten.

Diese Allgemeingültigkeit des Schönheitsempfindens resultiert aber nicht aus einem begrifflichen, logischen Schluss. Es charakterisiert auch weniger den Gegenstand als den in allen Menschen gemeinsamen Gemeinsinn und die Empfänglichkeit für das formal den Verstandes- und Erkenntniskräften gemäße Erscheinungsbild desselben. Auf diesen Schluss kommt Kant erstens dadurch, dass er in allen Menschen dieselben Erkenntniskräfte vermutet, dass er aus Erfahrung weiß, dass Geschmacksurteile Allgemeinheit behaupten und diese Behauptung nun formalästhetisch darin begründet, dass ein Gegenstand mit unseren Wahrnehmungskräften harmoniert, sie belebt und inspiriert.

Zusammenfassung:

Nach Kant lässt sich also das Geschmacksurteil wie folgt zusammenfassen:

Denn, als Urteil der ästhetischen reflektierenden Urteilskraft, muß das Wohlgefallen am […] Schönen, der Quantität nach allgemeingültig, der Qualität nach ohne Interesse, der Relation nach subjektive Zweckmäßigkeit, und der Modalität nach die letztere als notwendig, vorstellig machen.

In Die Kritik der Urteilskraft thematisiert Kant also eine andere Form des Wirklichkeitsverständnisses, das eben nicht auf das Urteil gut/böse hinsichtlich von sittlichen Entscheidungen noch auf das richtig/falsch in Bezug auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse abzielt, sondern sich weder von der Kausalität noch von der Sittlichkeit in die Enge treiben lässt, beides eher in ein freies Spiel der Einbildungskraft besänftigt und läutert und so zu einer Art prismatischen Wahrnehmens unter Verzicht von Kausalität führt. Diese Form lässt sich, wiewohl gegen Kants Begriffe, als ein sensus mysticus, oder als schwärmerischer Enthusiasmus fassen, wie ihn Meister Eckhart in seinen Predigten beschreibt:

Christus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und hebe sein Kreuz auf und folge mir.“ Das heißt: Wirf alles Herzeleid hinaus, auf dass in deinem Herzen nichts als stetige Freude sei. Dann ist das Kind geboren. […] Darum sage ich: wenn das Kind in dir geboren wird, so hast du so große Freude über jedes gute Werk, das in dieser Welt geschieht, dass deine Freude die allergrösste Stetigkeit wird, so dass sie sich nicht ändert. Und bin ich ganz in das göttliche Wesen verwandelt, so wird Gott mein und alles was er hat. Dann habe ich rechte Freude, die nicht Leid noch Pein von mir nehmen kann, denn dann bin ich in das göttliche Wesen versetzt, wo kein Leiden Platz hat.

Meister Eckhart aus: „Von der stetigen Freude

Diese Entzückung lässt sich parallel zu Kants ästhetischer Erfahrung lesen, sobald Leiden und Kreuz als Begriffe und Zwecke gesetzt werden, und das Kind als die Schönheitserfahrung und Gott als die Schönheit, sodass eine stoische, mit allen Wassern gewaschene Ruhe über die Sinne, die Wahrnehmungstätigkeit kommt und die Welt als harmonisches Ganzes erscheint, in jenem Moment, in welchem der individuelle Mensch sich selbst zu übersteigen, also von sich, seinen Privatinteressen, seinen physischen Begierden, Ängsten, Wünschen und Träumen Abstand zu halten vermag.

Wenn die Seele in den drei Personen getötet wird, dann verliert sie ihr Nichts und wird in die Gottheit geworfen. Da findet sie das Antlitz ihres Nichts. Darüber spricht unser Herr: „Meine Unbefleckte, du bist gar schön,“ und von der Unbegreiflichkeit seiner Schönheit spricht sie: „Du bist noch schöner.“ Da blickt sie in die geheimen Künste Gottes, dass Gott wunderbarerweise das Nichts bedürftig gemacht hat, und es hat ihm doch nichts geschadet.

Meister Eckhart: „Von der Überfahrt zur Gottheit

Die drei Personen bezeichnen bei Meister Eckhart die heilige Dreifaltigkeit, in denen die Seele nach dem diesseitigen Ableben eingeht, also sich aufhebt und stirbt, und wiederum verfährt dieser strukturanalog zu Kant, wenn er das Ableben, das Sterben der körperlichen Hülle, das Absterben der physischen Bedürftigkeit als Voraussetzung dafür liest, Schönheit zu erfahren und zu erblicken. Das Nichts lässt sich begreifen als das gereinigte All-Subjekt in jedem Menschen, das rezeptiv für die Schönheit der Welt wird, weshalb auch konsequenterweise Die Kritik der Urteilskraft damit schließt, das Kant Gott als regulative Idee anerkennt.

Im nächsten Teil will ich nun aus dem ästhetischen Formalismus Kants, Maßstäbe des Gelingens für das schöne Erscheinen sammeln, um zu einem anwendbaren ästhetischen Erwartungshorizont zu gelangen, also mit anderen Worten: Es wird die statisch-sittliche Formschönheit, das Schöne als Symbol des Sittlichen rekonstruiert.

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