
Einer der Pop-wirksamsten Titel über weibliche Gewalt stammt aus dem Jahr 1994 aus Frankreich: Baise-moi von Virginie Despentes. In letzter Zeit mehren sich ähnliche Titel auch in der deutschen Gegenwartsliteratur, und Orca von Franziska Gänsler setzt diese Reihe fort. Zu nennen wären bspw. Claudia Schumachers Liebe ist gewaltig, Fiona Sironic‘ Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft oder Bettina Wilperts Herumtreiberinnen. Gewalt erscheint hier einerseits als Widerstand, Selbstbehauptung, aber auch Selbstbefreiung. Gänsler nimmt in Orca noch die Selbstoptimierung, Krafttraining und Bodybuilding auf und versetzt ihre Handlung in das Klimaaktivismus-Milieu. Hieraus ergibt sich unter dem Deckmantel des politischen Widerstandes eine explosive Mischung zwischen Erobern, Erobert-Werden-Wollen, Lieben und Geliebt-Werden und der Sehnsucht nach einem Ort, wo sich die Hauptfigur, Caro Melchior, endlich zuhause und begehrt fühlen könnte:
Unter meiner Jacke trug ich ein schwarzes Top, das eng anlag, winzige Träger, im Rücken nur Schnüre. Dazu eine weite, tief sitzende Jeans, einen weißen Tanga, den man sah, wenn ich mich bückte oder setzte. Es war ein Outfit, wie Olympia es tragen würde. Meine Haare in einem hohen Zopf, zwei Strähnen draußen, auch das hatte ich von ihr. Den Lipliner, die Wimpern, alles. Ich wusste, dass ich darin gut aussah, gut genug, dass Männer mich ansprachen, meine Muskeln kommentierten, meine Augen. Bambi auf Anabolika, hatte einer von ihnen mal gesagt.
Franziska Gänsler aus: „Orca“
Inhalt/Plot:
Die Hauptfigur von Orca heißt Cora Melchior. Die Erzählung spaltet sich von Anfang an in zwei Ebenen auf: die sechs Jahre zurückliegende Vergangenheit mit Olympia Mitterwald, als beide Mädchen sechzehn Jahre alt sind, und die Gegenwart von dem Augenblick an, als die von der Polizei als Terroristin eingestufte und gesuchte Olympia am Berliner Hauptbahnhof in Gewahrsam genommen wird. In der Gegenwart durchläuft Cora einen Entscheidungsprozess, ob sie Olympia vor Gericht entlasten sollte oder nicht. Die Vergangenheit erzählt nach und nach davon, welche Schuld Olympia und Caro auf ihre Schultern geladen haben. Es ist keine geringe, wie durch das Medieninteresse deutlich wird:
Als Eilmeldung steht ganz oben, gelb unterlegt: Olympia Mitterwald – Mutmaßliche CEO-Mörderin in Berlin festgenommen. Es gibt ein verschwommenes Foto, und ich zoome an sie heran, der Screen plötzlich feucht unter meinen Fingern. Ich sehe Kleidungsstücke, die ich nicht kenne, sehe Olympias langes Haar, ihr Gesicht, unscharf. Jagd nach Terror-Teen endlich erfolgreich. Die meisten Medien nutzen die Aufnahme, mit der bisher vorwiegend nach ihr gesucht wurde. Olympia mit achtzehn, mit hohem Zopf und langen, dichten Wimpern. Das Bild wurde von ihr gemacht, als sie bei Alpha Secure anfing, sie lächelt nicht darauf, sieht tough aus, viel tougher, als sie es je war.
Die Vergangenheit setzt zur Zeit der Corona-Pandemie im Lockdown an. Olympia kehrt zurück in ihre alte Gegend, um mit ihrer Mutter und kleinen Schwester zusammen die Großmutter zu pflegen. Cora steht vor einem sterbenden Kaninchen, als sie sich treffen. Olympia beendet kurzerhand das Leben des Kaninchen, indem sie es mit einem Stein erschlägt, und beeindruckt Cora erheblich, die ihrerseits versucht auf der Eliteschule Anschluss zu finden, aber durch die beschränkten Mittel ihres Elternhauses nur als armes Kind gehänselt wird. In Olympia sieht Cora sofort eine Autonomie und ein Selbstbewusstsein vorherrschen, das ihr fehlt, weshalb sie ihr folgt und ihre Nähe sucht. Olympia ihrerseits hat nach der zehnten Klasse ihre Schullaufbahn beendet und steht mehr oder weniger vor dem Nichts.
‚Ich hab in Düsseldorf die Zehnte abgeschlossen. Reicht mir.‘ Sie lachte, und ich merkte mir das. ‚Reicht mir.‘ Stellte mir vor, diese zwei Worte zu sagen. Stellte mir vor, sie zu meinen. ‚Aber was machst du jetzt, ich mein, was willst du mal machen?‘
‚Jetzt bin ich erst mal hier. Keine Ahnung.‘
Die beiden Mädchen nähern sich einander über Caros‘ Können, sich aufwendige Fingernägel zu designen und anzukleben, an und verbringen immer mehr Zeit miteinander in einem Haus, auf das Olympia den Sommer über aufpasst. Sie trainieren in dem Fitnesskeller, gießen die Pflanzen, kümmern sich um die Katze, bis alles plötzlich vorbei ist und ihnen ihr vergnüglicher Freiraum mit einem Schlag genommen wird. Der Besitzer kündigt seine Rückkehr an und verbietet ihnen, das Haus zu betreten. Sie betreten es dennoch und treffen auf blutende, apathisch wirkende Jugendliche, die wie Zombies auf sie wirken. Von hier aus nimmt nun die Liebes- und Freundschaftsgeschichte zwischen Caro und Olympia einen holprigen Verlauf, denn Ariel, eine der Jugendlichen aus dem Haus, funkt nun dazwischen:
Alles gut, alles gut. Ariels Tonfall klang verstellt, sie lachte. Du hast sie hergebracht. Das war Lech. Ja. Ich weiß schon. Olympia ist ja auch cool. Ich fühlte meinen Puls schneller werden. Olympia ist ja auch cool. Das hieß, in dieser Betonung, ich war es nicht. Cora ist einfach – keine Ahnung. Anstrengend. Die denkt, sie weiß alles. Labert einen ständig voll. Ständig dieses komische »Vorsicht, alles gut. Alles gut«. Erst jetzt verstand ich, dass sie mich damit imitierte. Ach. Die ist schon okay. Die sind einfach mega jung beide, kommen hier an, ist alles neu für die. Die will sich halt beweisen irgendwie.
Mit Ariel im Verbund, die ihr Jurastudium aufgegeben hat, um sich klimapolitisch zu engagieren, verliert Caro schnell an Boden, denn Ariel und Olympia verbindet die Ungebundenheit, indes Caro durch ihre schulischen Verpflichtungen immer mehr ins Abseits zu gleiten droht. Wie sie dennoch im Zentrum der Clique zu verbleiben versucht, und was sie hierfür unternimmt und welche moralischen und gesetzlichen Grenzen sie herbei übertritt, davon handelt Orca.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Jugend mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht
Stil/Sprache/Form:
In der Erzähl- und Schreibweise fühlt sich Orca dem Jugendbuch verpflichtet. Die Figuren sprechen authentisch und über glaubwürdige Themen. Sie wissen nicht genug über die Gesellschaft und deren Probleme, verstehen aber durchaus, wann ihnen Freiräume genommen werden: Sie brechen in das Haus des Künstlers ein, als ihnen verboten wird, es zu betreten; oder sie feiern bspw. Partys während des Lockdowns, als der Gesetzgeber öffentliches und massenweises Versammeln untersagt. Orca führt die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen sehr gut vor Augen. Sie wissen weder wohin noch wo lang, aber sie wissen, was ihnen wichtig ist:
Ich lag noch lange wach, kam nicht hinaus aus dieser Schwarmbewegung um mich, aus der Musik. In mir war noch immer alles in Bewegung, im Schwindel. Auf dem Lattenrost über mir verschob sich die Dunkelheit mit dem Drehen in mir, ich fühlte alles pulsieren, die Welt draußen, die Schwellung meiner Lippe, Olympias warmen Körper an meiner Seite. Ariel, das Elson-Haus. Der blutende Kopf ging mir nicht aus dem Sinn, die kleine, sich windende Schlange. Olympia und ich, ganz oben in der Hackordnung, oben in der Hackordnung, oben in der Hackordnung.
Der Erzählstil bleibt schnell, impressionistisch, kaleidoskopisch und ungefiltert. Die Ich-Erzählerin versenkt sich so sehr in die eigene Vergangenheit, dass für Reflexionen, Vorgriffe und Überlegungen kein Raum ergibt. Das erzählende Ich verschmilzt vollständig mit dem erlebenden Ich, so dass die Ich-Erzählweise ihre Funktionalität verliert. Sie verschafft nicht den nötigen Abstand über das Vergangene. Cora, als Ich-Erzählerin, vermag sich nicht zu distanzieren, sich nicht zu verstehen noch von den Ereignissen zu lösen. Konsequenterweise verbleibt sie deshalb in der Erzählgegenwart im narrativen Präsens und kittet zeitliche Sprünge, indem sie sich selbst, in der Protokollierung ihres Alltags an der Supermarkt-Fleischertheke, einfach an- und ausknippst:
Um zwei ist [Tauberts] Probeschicht vorbei. Den ganzen restlichen Tag habe ich das im Kopf. Ist ja auch ziemlich easy. Ihr glitzerndes Lachen dazu. Als hätte ich behauptet, der Job wäre schwer. Als hätte ich zu dick aufgetragen, mit den genauen Anweisungen, mit der prahlerischen Demonstration dessen, wie gut ich das Sortiment und seine Nummern kenne, wie genau mein Augenmaß das Wurstgewicht schätzt. Ich hoffe, ich sehe sie nie wieder, hoffe, sie findet einen anderen Job als Barista oder Ticketkontrolleurin, aber eine Woche später ist sie zurück. Taubert hat jetzt ein richtiges Namensschild, gedruckt und laminiert. Damit ist es offiziell, sie gehört zum Team.
Der Sprung um eine ganze Woche bleibt völlig unmarkiert, aber nicht nur hier lässt der Roman überraschende Lücken. Er erzählt bspw. ganze drei Jahre nicht, die nämlich zwischen Olympias Verschwinden und ihrer Festnahme, die Cora aber offenkundig nicht dafür genutzt hat, sich eine eigene Meinung über die Vorkommnisse zu bilden, da sie diese erst im Zuge der Verhandlung zu formen beginnt. Sowohl Sprache als auch Erzählstil verweisen auf eine überforderte, sprunghafte, sich willkürlich erinnernde Jugendliche, die sich der Welt, wie sie sich ihr aufdrängt, durch Aufmerksamkeitsdefizite zu entziehen sucht.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Von der Szenerie bleibt Orca der deutschen Gegenwartsliteratur verbunden, aber im Erzählsinne und Erzählrahmen findet Gänslers Roman seine Vorbilder in Chuck Palahniuks Fight Club (1996) und Anthony Burgess‘ Uhrwerk Orange (1962), in denen Gewalt als Form von Gruppenbildung, als Form von Gemeinschaftserzeugung literarisch erforscht wird, in Orca nur ungewöhnlicherweise mit weiblichen Jugendlichen. Als Ursprung der Gewalt erweist sich in allen drei Varianten die Langeweile oder eine Existenzleere:
Ich fragte sie, was sie [zu den Orca-Angriffen] wusste. Welche Theorien gab es zum Verhalten der Tiere? Rache, keinen Bock mehr auf Jachten in ihrem Meer. Sie lachte. Nee, so ticken Tiere nicht. Die spielen. Denen is einfach langweilig.
Genauso wie die Droogs rundum Alex, genauso wie die Hoodie-Träger rundum Ariel, oder der Fight Club um Tyler Durden herum, Gewalt dient dazu, die psychischen Barrieren zu durchdringen, zu einem neuen Weltverständnis zu kommen, und sei’s auf Kosten anderer. Viele Szenen ähneln sich bspw. zwischen Burgess‘ Roman und Orca eindrücklich:
Also scheuerten wir [dem alten Mann] noch ein paar, aber er grölte immer weiter. Dann stellte Georgie ihm ein Bein, und er fiel flach auf den Bauch, und eine Eimerladung Bierkotze schoß in einem Schwall aus ihm raus und über das Pflaster. Das war ekelhaft, und so gaben wir ihm den Stiefel, jeder einmal, und dann war es Blut, nicht Gesang oder Kotze, was aus seinem schmutzigen alten Rüssel kam. Dann gingen wir weiter unseres Wegs. Es war hinter dem städtischen Kraftwerk, wo wir auf Billyboy und seine fünf Droogs stießen.
Anthony Burgess aus: „Uhrwerk Orange“
Dieser Mann war nicht mehr als ein Objekt, ein Ding. Etwas, das sowieso schon kaputt war. Erst als wir ihn schon zu Boden geschlagen hatten, kamen Ariel und Rena dazu. […] Ich sah den Absatz von ihrem Cowboystiefel in seinen Rücken stoßen. Sie trat einmal in ihn hinein, dann ich. Ich spürte den Widerstand seines Bauchs unter der Sohle meines Air Max, musste an eine Wurst denken, fest und prall, spürte Fleisch, das sich verschob, meinem Schuh nachgab, eine Wurst auf dem Grillrost, deren Haut brach, deren Inneres herausquoll. Ariel starrte hinunter, auf diese seltsame Form am Boden, den Bauch, das nasse T-Shirt, dann trat auch sie einmal zu.
Franziska Gänsler aus: „Orca“
Die Inszenierung von Gewalt, um die Gruppe zu stärken, dient vor allem der Austragung von libidinösen Energien, in Orca nämlich darum: Wer Olympias Aufmerksamkeit erhält, Ariel, Cora, Rena oder doch einer der männlichen Jugendlichen, Ben oder Lech, denn Olympia wird von Anfang an als die charismatische Galionsfigur beschrieben, um deren Gunst alle buhlen. Diese Dynamik besitzt keine anderen Auslöser als unbeantwortete Liebe, verweigerte Aufmerksamkeit, als Eifersucht und Sehnsucht, die zu einer Eskalation führen, die, wie von Anfang an klar wird, Menschenleben gekostet hat.
Dass Olympia dennoch als Heldin gefeiert wird und dies bis zum Ende, passt zur naiven, begehrenden, verliebten Ich-Erzählweise Coras, die gar nicht anders kann, als eine Olympia anzuhimmeln, die selbstbewusst anderen die Nase bricht, in Häuser einbricht und mit Wonne auf einen am Boden liegenden Mann eintritt. Wie so oft, erweist sich die Ich-Erzählinstanz als problematische Wahl für einen kritischen Realismus, der Gegenwartsdiagnosen literarisch-typologisch herzustellen anstrebt. Auch in Orca schlägt das leider in eine Form von mikroskopischer Pathologie zurück statt sich zu einem öffentlichen Raum hin zu erweitern.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere Rezensionen von der diesjährigen Long- und Shortlist:
Elias Hirschl: „Schleifen“ (Shortlist)
Dana Vowinckel: „Anton und Alma“ (Shortlist)
Franziska Gänsler: „Orca“ (Shortlist)
Shida Bazyar: „Die Lücken“ (Shortlist)
Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ (Shortlist)
Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“ (Shortlist)
Svenja Leiber: „Nelka“
Tomer Gardi: „Liefern“
Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Alisha Garmisch: „Parasiti“
Lukas Rietzschel: „Sanditz„
Muri Darida: „King Cobra“
Leh-Wei Liao: „Glaszeit“
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

